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Krisengesamtreport April 2010 Kapitel 4

 

4. Finanzblasen

4.1 Möglichkeiten der Blasenbildung

 Unsere Beobachtungen über das Entstehen von sog. Blasen (im Finanzbereich und in der Realwirtschaft) rücken diesen einen Krisenaspekt in den Vordergrund. Es bleibt natürlich auch an den anderen bisher beobachteten Untersuchungsstellen bei krisenanfälligen Sachverhalten, die jedoch – nach unserer heutigen Überzeugung – von der Bedeutung der Blasenbildung überlagert werden.

Die überwiegende Überzeugung der veröffentlichten Beobachter und Analysten in den Medien hat sich spätestens seit Ende Oktober 2009 darauf verdichtet, dass seitdem die „Gesundungsphänomene“ der Weltwirtschaft unübersehbar sind. Trotz aller Krisenerscheinungen gibt es nach dieser umfassenden Mehrheitsmeinung jetzt wieder deutlich mehr Hinweise darauf, dass die Weltwirtschaft wieder zu wachsen beginnt. Die Weltrezession ist offenkundig zunächst einmal zu Ende, die Wachstumselemente werden in fast allen wichtigen Volkswirtschaften wieder dominierend.

 Auf der positiven Seite dieses Prozesses steht ein steiler Wert/Preisanstieg bei Aktien und den meisten Rohstoffen, eine Wiederbelebung des Zertifikate- und Derivatehandels, die nutzbare Preisbildung und wieder gewonnene Handelbarkeit von vielen sog. „Schrottpapieren“ bzw. „toxischen“ Papieren (wie z.B. vieler Lehmann&Brothers-Papiere) … und damit verbunden die Gewinnmeldungen vieler internationaler Großbanken. Dieses ist verbunden mit Daten zum Wachstum des Welthandels und zu einem insgesamt optimistischer werdenden Geschäftsklima nach der Devise: Das Schlimmste ist jetzt vorbei!

 Zum anderen jedoch bestehen weiterhin negative Elemente in der international steigenden Arbeitslosigkeit, den erheblichen Nachfragedefiziten viele Volkswirtschaften, den gewaltig zugenommenen staatlichen Verschuldungsraten nahezu aller Volkswirtschaften (unter Einschluss der gravierenden nationalen Unterschiede), den nach wie vor eingebrochenen weltweiten Handelsvolumina, dem baldigen Auslaufen der meisten nationalen Konjunkturprogramme, dem weltweit einmalig niedrigen Zinsniveaus (ohne z.Zt. erkennbare „Exit“-Strategien) und den extremen Devisenkursschwankungen auch zwischen den großen Hauptwährungen. Insbesondere die Kursveränderungen seit Beginn 2009 (mit sinkenden €-Werten und steigenden $-Werten bis März, mit der genau gegenteiligen Wertveränderung von € und $ bis Dezember und mit erneuten Veränderungsvorzeichen seit Januar 2010) machen aus dem globalen Währungssystem für alle Nutzer eine Lotterie. Mit den starken Devisenkursveränderungen sind auch eine große Zahl von „carry-trades“ mit „billigem“ Zentralbankgeld in andere Währungsgebiete mit höher und noch höher verzinsten Wertanlagen gefährdet bzw. sogar in sich zusammen gebrochen. Bei einer Kursveränderung von z.B. 10%, wie z.Zt. beim Euro/Dollar Verhältnis, müssen schon Renditen über 10% realisiert werden, um diese Kursverluste wettzumachen, wenn die „billigen“ 0/0,25% Kredite der Fed nach spätestens einem Jahr auszugleichen waren bzw. sind.

 4.1.1 Konkrete Ursachen für die aktuellen Blasenbildungen

 Wir in unserer AG gehen davon aus, dass sich Ende 2009/Anfang 2010 noch viele dieser Phänomene weitgehend aus der Strategie des „billigen Geldes“ nahezu aller wichtigen Währungsbanken herleiten lassen. Vor allem das billige Geld der jeweiligen Währungsbank und die Möglichkeiten der sog. „carry trades“ auf den internationalen Geldmärkten erzeugt Preisblasen“.

 Alle wichtigen Währungsbanken haben in zeitlichem Zusammenhang mit der Finanzkrise seit spätestens September 2008 ihre Leitzinsen dramatisch auf Sätze zwischen ein und null Prozent gesetzt. Zudem haben sie die geforderten Sicherheiten für die Geldversorgung ihrer jeweiligen Banksysteme qualitativ bis in den Schrottbereich abgesenkt.

Außerdem sind zusätzliche verschiedenartige Spezialprogramme der jeweiligen Währungsbanken aufgelegt worden, um besondere spezifische finanzielle Problemlagen  zu entschärfen. Das gilt z.B. bei der Fed für das Aufkaufprogramm notleidender Immobilienkredite sowie für das Ankaufen von Firmenanleihen und staatlichen Schuldtiteln. Diese „kreative“ Politik der Fed fand überall auf der Welt Nachahmer.

Es wurde also in den vergangenen 12 Monaten alles getan, damit keine weitere systemrelevante weltweit agierende Großbank, aber – z.B. in Europa – überhaupt keine Bank mehr in Probleme kommen durfte. Überall da, wo die Probleme nicht mehr mit „billigem Geld“ behoben werden konnten, sprang der jeweilige Staat als Bürge oder auch als Kapitalgeber ein.

Die Zentralbanken waren und sind durchaus erleichtert, dass durch ihr „Fluten“ des Geldmarktes eine gewisse Funktionsstabilität des internationalen Bankensystems erreicht worden ist.

Aber: Das billige Geld desorientiert alle Märkte, da die Steuerung von Geldflüssen (bei unterschiedlichen Zinssätzen nach dem Grad der Rentabilität der eingesetzten Kapitalien) durch die neue Leitidee, „wie bekomme ich möglichst viel Zentralbankgeld zu maximal 1% oder noch billiger“, ersetzt wird. Da die Gelder i.d.R. nur mit maximal Ein-Jahres-Frist geliehen sind, werden sie in aller Regel auch kurzfristig angelegt. Für die weitere Expansion bei der Preisentwicklung auf vielen Einzelmärkten ist es daher eminent wichtig, dass die neuen, zusätzlichen Finanzmittel in ihrem Zufluss verstetigt werden und quantitativ kontinuierlich zunehmen. Die Generalfrage für die weltweite Diskussion um die Politik des billigen Geldes der Zentralbanken heißt daher zugespitzt: Zu welchem Zeitpunkt können sich die Zentralbanken von der Politik des billigen Geldes verabschieden, weil dann der private Kapitaleinsatz für einen selbsttragenden Aufschwung ausreicht?

 4.1.2  Zwischenfrage: Gibt es Blasenbildungen im Währungsbereich?

 In einer Währungsspekulation kann viel Blasengeld stecken (s. Soros gegen das brit. Pfund), aber im aktuellen Verfall des„€“ gegenüber dem „$“ ist dieser Punkt bisher nicht öffentlich benannt worden. Es ist zwar offensichtlich, dass viele spekulative Geldanleger z.Zt. versuchen, mit den unsoliden Haushaltsschieflagen einiger Euro-Länder höhere Verzinsungen bei den Schuldtiteln dieser Länder zu erreichen, aber es ist unklar, ob hier gegen den Euro gewettet/spekuliert wird. Insbesondere alle Dollar-Investments mit kürzeren Laufzeiten im Euro-Raum werden jetzt bei den fast 10%igen Euroverlusten für alle „Dollar-trader“ der vergangenen Monate in den Euro bei möglichen aktuellen Refinanzierungen sehr problematisch. Ganz zu schweigen von den kühnen Planungen, den amerikanischen Export schnell und in beträchtlichen Größenordnungen zu steigern.

Woher also die extreme Währungsschwankung in wenigen Wochen? Oder ist es doch eine Blase? Ist der Euro vielleicht wirklich (?) so überteuert?

War der starke Wertgewinn des $ gegenüber dem € zu Beginn des Jahres 2009 eine Dollarblase? Oder war die Korrekturentwicklung des starken €-Kursanstiegs bis Dezember 2009 dann eine Blase? Oder bahnt sich jetzt seit Jan. 2010 eine neue Dollarblase an?

Da sich die fundamentalen ökonomischen Rahmendaten nicht in kurzer Zeit verändert haben, gibt es Anlass zur Vermutung, dass sich seit Anfang 2010 eine Dollarblase bildet. Insbesondere die negativen Auswirkungen auf den amerikanischen Export lassen den Schluss zu, dass diese Blase – völlig losgelöst von der Euro-Schwäche – in absehbarer Zeit auflösen muss. Je stärker der Dollar wird, umso komplizierter wird der Ausbau einer starken Exportposition. Dieses Ziel ist jedoch für die amerikanische Wirtschaft ohne Alternative, wenn die USA aus eigener Kraft die verhängnisvolle Schuldnerposition in der weltweiten Güter- und Finanzwirtschaft verlassen wollen. Die augenblickliche Tendenz der um ca. 10% höheren Bewertung des Dollar kann zwar die Handelsüberschüsse der VR-Chinas eindämmen, sie ist jedoch eine tatsächliche Blockade der angestrebten Defizitverringerungen der amerikanischen Außenhandelspositionen. (pers. Einschätzung, 22.2.)

Die in jeder Zeitung gemeldete starke Verbesserung des Zustandes der US-Ökonomie wird mindestens in der FTD vom 30.03.10 kritisch hinterfragt: „Jedenfalls reiben sich die Dollar-Bullen schon mal die Hände, weil sie auf US-Zinssteigerungserwartungen im Falle guter Arbeitsmarktdaten hoffen. Doch sollten sie es sich besser zweimal überlegen, ob sie der überschuldeten und beträchtlich unausgelasteten Wirtschaft der von ihnen bevorzugten Währung höhere Zinsen wünschen wollen. Nicht nur ist die Unterbeschäftigungsquote mit rund 17% dermaßen hoch, dass der Abwärtsdruck auf die Löhne noch lange anhalten dürfte, womit sich die erhofften Einkommenszuwächse selbst im Falle einer Arbeitsmarktbelebung als illusionär erweisen könnten (von den Ölpreiskapriolen gar nicht zu reden.) Auch gehen die US-Verbraucher eh auf dem Zahnfleisch, wie die Februar Einkommensdaten zeigen. Danach bleibt das marktbasierte reale Einkommen aus Privatbeschäftigung, Selbständigkeit, Mieten, Zinsen und Dividenden in der Nähe der zyklischen Tiefstände. Trotz erheblicher staatlicher Hilfen mussten die Verbraucher ihre Sparquote daher schon wieder auf mickrige 3,1% zurückführen, um ihre Ausgaben leicht zu erhöhen.

Fast noch besorgniserregender scheinen unterdessen die monetären US-Aggregate. Sei es die Geldmenge MZM, der Bankkredit an die Privaten oder der Umlauf von kurzfristigen Geldmarktpapieren, mit denen etwa Betriebsmittel finanziert werden: Kontraktion, so weit das Auge reicht. Ob ein bombastischer Arbeitsmarktbericht, der US-Marktzinsen und Dollar weiter nach oben triebe, dem Aktienmarkt da noch hilfreich sein würde?“

 4.2 Wo lassen sich heute (am 24.05.10) Finanzblasen erkennen?

 In den Pressezitaten (Nr. 37 und 38) werden C. Vogt, der Chefstratege der Qurin Bank und F. Biancheri, Gründer des Netzwerks Europe 2020 zitiert, die trotz Griechenland-Krise auf die beiden wirklich großen Sanierungsfälle der Weltwirtschaft verweisen: GB und USA.

Der Ausbruch einer Pfund- und Haushaltskrise in GB wird für die Zeit nach den Wahlen am 6.5.10 erwartet, der Höhepunkt einer solchen Krise könnte dann im Sommer liegen.

Diese Krise könnte den Auslöser für die Krise der US-Bonds geben, wenn die Fed im Herbst/Winter wirklich die Zinsen erhöhen sollte und damit dann alle bisherigen Bondkäufer in die Verluste treiben wird. …Dann, so meinen die beiden „Strategen“, könnte sich die US-Bondkrise als unlösbar erweisen.

Auf jeden Fall wird  - neben den regionalen chinesischen Überhitzungsblasen an den Immobilienmärkten der stark wachsenden Großstädte – die staatliche Verschuldung/Überschuldung als „größte Blase aller Zeiten“ gesehen. In schnellem Tempo werden kritische Stimmen laut, die daran zweifeln, dass sich die Schuldendimensionen in den USA, GB – und auch in der Euro-Zone und in Japan – noch konventionell beherrschen lassen.

Die Debatte scheint zu beginnen, ob es ggfs auch unkonventionelle „Lösungen“ geben könnte (oder sogar müsste?).

 Der Spiegel macht  am 03.05.10 mit dem Titel auf: „Die letzte aller Blasen“ A. Jung und neun weitere Autoren:“…Die Staatsdefizite der OECD-Länder haben sich seit 2007 fast versiebenfacht, auf knapp 3,4 Billionen Dollar. Ihre gesamte Schuldenlast ist dramatisch gestiegen, auf rekordreife 43 Billionen Dollar. In der Euro-Zone haben sich die Staatsdefizite im selben Zeitraum sogar verzwölffacht, die Euro-Länder haben Schulden in Höhe von 7,7 Billionen Dollar angehäuft.

Die jetzige Staatsschuldenblase ist die letzte aller möglichen Blasen. Entweder es gelingt, ih4r langsam die Luft entweichen zu lassen – oder sie platzt. Dann steht die Welt wirklich am Abgrund….“

 

 

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