|
Krisengesamtreport April
2010 Kapitel 3
3. Konjunkturentwicklung/ Entwicklung
wichtiger Märkte
3.1
Globale Entwicklung
<
Weltbank ruft Energienotstand aus und verweist insbesondere auf den
„maroden Zustand der russischen Netze“ für den Transport von Öl und Gas.
Leistungsfähige Netze für Strom seien überhaupt nicht vorhanden. Die
Region Europa, Osteuropa (Weißrussland und Ukraine) und Russland müssten
bis 2030 mindestens 1300 Mrd. $ investieren, um allein die
Öltransportnetze in einem leistungsfähigen Zustand zu erhalten. „Die
Energiekrise ist nur aufgeschoben“, so Weltbank-Direktor Peter Thomson:
Der Bedarf werde in den kommenden Jahren um bis zu 5 % je Jahr steigen.
Bei unzureichenden Transportnetzen würden die Preise stärker steigen
müssen als auf anderen Ölmärkten. Westeuropa könne ggfs. auch in kurzer
Zeit auf andere Quellen zurückgreifen, aber Mittel- und Osteuropa bliebe
in dieser Frage „eingequetscht“.
Um Investitionen in Gang zu bringen, müssen die
Regierungen im Osten nach Auffassung der Weltbank privates Kapital
anlocken. Zusätzlich zur Ölversorgung seinen die Netze der Gas- und
Stromversorgung zu modernisieren. Hier würden bis 2030 mindestens 2000
Mrd. $ gebraucht. Völlig unkalkulierbar sei, wie hoch der
Modernisierungsbedarf für die Produktion von Öl, Gas und Strom für den
Export seien. Private Investoren seien aber nur bereit zu investieren,
wenn die Regierungen die Preise so festlegen, dass eine Mindestrendite
erzielbar sei. (div. Meldungen in Tsp, Spiegel-online und FTD seit dem
06.04.10)
<Konjunkturoptimismus treibt die
Rohstoffpreise in die Höhe. Betroffen sind nahezu alle Energiearten und
Metalle: Öl, Benzin, Diesel, Heizöl – Kupfer, Gold, Platin, Palladium,
…Insgesamt ist hier ein deutlich inflationäres Signal zu sehen!
<“Ein “beunruhigend verworrenes
Bild“ von der aktuellen Kapitalverwertung meldet die FTD am
06.04.10: „Während der US-Arbeitsmarkt sich endlich zu erholen scheint,
sinkt die Geldmenge MZM in atemberaubender Weise. Über die vergangenen
13 Wochen hat das von manchen als am stabilsten erachtete
US-Geldmengenaggregat mit einer annualisierten Rate von fast 8 %
abgenommen. Zugleich ist der US-Bankkredit mit einer aufs Jahr
hochgerechneten Rate von 6 %
zurückgegangen, jener an den Privatsektor um knapp 8 %.
< Seit Anfang April ´10 kauft die Fed
(nach ihrer eigenen Verlautbarung) keine Schuldverschreibungen des
US-Schatzamtes mehr auf. Es ist in den nächsten Wochen zu beobachten, ob
die wöchentlichen Bond-Verkäufe in Höhe von immer mindestens 50 Mrd $
problemlos vom Kapitalmarkt aufgenommen werden. Hier besteht für die
staatliche Schuldenverwaltung und für die US-Konjunktur das Risiko einer
umfassenden Zinserhöhung am Rentenmarkt. Dieses Signal würde sich sofort
weltweit ausbreiten. Bondemissionen unterhalb dieses neuen Niveaus wären
dann kaum noch möglich. Vor allem die BR Deutschland müsste dann –
obwohl sie bisher immer noch Käufer für 3,1 % fand – d3ennoch den
international gestiegenen Zinasatz entrichten. Die Staatsverschuldung
würde weltweit teurer, Firmen könnten sich nur noch zu gestiegenen
Preisen direkt am Kapitalmarkt finanzieren. Eine solche Entwicklung
würde zudem sehr schnell die Problematik der niedrigen Zinssätze der
Notenbanken berühren, da steigende Kapitalkosten eindeutig einer
erwünschten positiven Konjunkturentwicklung entgegenstehen würden.“
< Die FTD warnt am 07.04.10 vor dem
aktuellen Kauf von US-Anleihen, weil das reale Zinsniveau
offenkundig nach oben in Bewegung gekommen ist. Wenn in einiger Zeit die
echte Rendite von neuen US-Staatsanleihen in einiger Zeit bei erwarteten
4,5 % liegen wird, dann werden die Kurse aller bisherigen niedriger
verzinster Anleihen um bis zu 4 % sinken. Wenn dann noch eine
Dollarabwertung hinzukommen sollte, dann wären alle deutschen und
nichtamerikanischen Anleger doppelt negativ betroffen.
< Die australische Zentralbank
hat den 5. Zinsschritt auf jetzt 4,25 % abgeschlossen. Ergebnis: Der
australische Dollar kommt in die Nähe zur 1:1 Parität mit dem US-Dollar.
< Es gibt Hinweise auf generell
unterfinanzierte nationale Kapitalmärkte, die für die schon fast
fest stehenden Neuemissionen von Schuldverschreibungen nicht
aufnahmefähig genug sind. Die FTD vom 07.04.10 nennt hier einige Daten:
„Denn jetzt, da die Fed den Aufkauf von Wertpapieren in Höhe von 2000
Mrd. $ beendet hat, könnte die Staatsfinanzierungsproblematik wieder
schnell in den Vordergrund rücken. Um ein Gefühl für die Dimension zu
erlangen, hier die Vorhersagen der OECD: Für die USA erwartet die OECD
2010 eine staatliche Finanzierungslücke von 1576 Mrd. $. Die
Nettoersparnis(brutto abzüglich Abschreibungen) der privaten Haushalte
wird jedoch bloß auf 450
Mrd. $ geschätzt. In GB wird
ein Staatsdefizit von 191 Mrd. Pfund befürchtet, bei Bruttoersparnissen
der Verbraucher von 57 Mrd. Pfund. Japan soll eine Budgetlücke von 39
207 Mrd. Yen fabrizieren, bei
privaten Nettoersparnissen von 7306 Mrd. Yen. Für Canada wähnt
die OECD ein Staatsdefizit von 83 Mrd. can. Dollar, bei einer
Nettoersparnis der privaten Haushalte von 33 Mrd. can. Dollar. In
Frankreich stehen dem Staatsdefizit von 169 Mrd. € private
Nettoersparnisse von 176 Mrd. € gegenüber, in Italien liegt das
Verhältnis bei 85 zu 110 Mrd. €, in Deutschland bei 129 zu 199 Mrd. €.
Kurzum: In der G-7-Gruppe als Ganzes fehlt es
hinten und vorn, um die staatlichen Finanzierungslücken auf
„herkömmliche“ Art und Weise zu schließen. Auffällig ist indes, dass
dies den drei G-7-Mitgiedern aus dem Euro-Raum noch am ehesten gelingt.
Natürlich hoffen alle, dass die Staatsfinanzierung
dennoch weiter reibungslos funktioniert – irgendwie. Doch nur mal zum
Vergleich: Der vermeintliche Kapitalgeber China hatte über die
vergangenen 12 Monate einen Warenhandelsüberschuss von 176 Mrd. $. Die
US-Geschäftsbanken halten derzeit (Quasi-)Staatsanleihen von 1455 Mrd. $
im Bestand. Die nichtfinanziellen Firmen im €-Raum hatten zuletzt ein
Finanzierungsdefizit von 234 Mrd. €. Kurz: Die Zentralbanken werden
nachschießen müssen – bald.“
< Angesichts der relativ niedrigen
Zinsen im „klassischen“ Geschäft erreicht die „Ramschanleihen-Rally“
einen Rekord. Insbesondere die Anleihen von Firmen mit geringer Bonität
(BB und schlechter) zahlen hohe – neuerdings sogar sehr hohe –
Risikozinsaufschläge, um sich direkt über den Kapitalmarkt versorgen zu
können. Hier ist eine große Zockergemeinde beisammen, um mit den
Papieren der erklärt unsicheren Kantonisten zu zocken. Dabei steigen im
Moment sogar die Kurse der Papiere auf breiter Front, da die
Zockernachfrage deutlich größer ist als der Kapitalbedarf der
Risikoemittenten. In dem Maße, wie hier institutionelle Anleger
einsteigen, steigen auch die Risiken dieser Banken oder Versicherungen
von ggfs. systemrelevanten Einrichtungen, für die in Deutschland immer
noch die unbegrenzte Garantie der Politik besteht.
3.2
europäische Entwicklung
<
Irlands Banken im Überlebenskampf, da sich die größten irischen Banken
mit riesigen Abschreibungsnotwendigkeiten konfrontiert sehen. Die
staatliche Bad Bank (Nama) nimmt den Banken z. Zt. 81 Mrd € ab; dennoch
werden einige Banken weitere staatliche Unterstützungen in Mrd.-Höhe
benötigen. Die staatlichen Möglichkeiten sind bereits weit
überschritten, Irland ist zu einem vollkommen überschuldeten Land
geworden und hat keinen realistischen Plan für einen Wiederaufstieg.
< Erneut brechen griechische Anleihen nach
IWF-Gerüchten ein. Die bisherige Krisenregelung in der Euro-Zone hat
offensichtlich eine Halbwertzeit von 10 Tagen. Die Euro-Staaten müssen
jetzt auf ihrer nächsten Finanzminister-Konferenz (Rat der
Finanzminister) über die Konditionen des sehr bald eintretenden
Ernstfalles reden, sie müssen sich dabei vor allem auf niedrigere Zinsen
für ihre eigenen bilateralen Kredite an Griechenland einigen, weil nur
bei eine Absenkung des Zinsniveaus die Möglichkeit besteht, dass
Griechenland tatsächlich noch einmal saniert werden kann.
3.3
Entwicklung in Deutschland
Hans
W. Reich, früherer KfW-Chef, Aufsichtsrat verschiedener Finanzgruppen im
Hblatt am 13.04.10: „HB: Welche Rolle spielt der Finanzsektor?
Reich: Die Finanzwirtschaft wird auf jeden Fall
nicht der Motor für eine wachsende Realwirtschaft sein, sondern eher das
mögliche Wirtschaftswachstum behindern. Die Probleme im deutschen
Finanzsektor sind in Europa wohl mit am größten. Von den international
tätigen Instituten steht allein die Deutsche Bank ordentlich da. Und
selbst Herr Ackermann hat kürzlich angekündigt, die
Eigenkapitalausstattung in der nächsten Zeit aufbessern zu wollen. Wann
die Commerzbank die Staatshilfen zurückzahlen kann, mag ich heute nicht
prophezeihen. Beim Blick auf die aktuellen Zahlen allein auf eine
positive Gewinnentwicklung zu hoffen ist utopisch. Die Commerzbank kommt
an einer kräftigen Kapitalerhöhung nicht vorbei, wenn sie sich in
nächster Zeit von der stillen Beteiligung des Bundes und den Regeln des
Soffin befreien will.
HB: Erschweren die geplanten
Eigenkapitalanforderungen nicht Strukturreformen bei deutschen Banken?
Reich: Ich sehe da für die meisten deutschen Banken
ziemlich schwarz. Eigentlich bräuchten sie ein paar Jahre, um die Lasten
der Finanzkrise so weit wie möglich aus eigener Kraft abzuschütteln und
sich wieder neu aufzustellen. Das gilt für die Commerzbank, die die
Dresdner Bank integrieren und die Eurohypo verkaufen muss, wie für die
Landesbanken, die dringend konsolidieren müssen und ein neues
Geschäftsmodell brauchen. Die französischen Banken stehen viel besser
da, weil sie ihre Kapitalausstattung verbessert haben. Ich gehe davon
aus, dass die amerikanischen Banken ihre Wettbewerbsvorteile auf
Drittmärkten nutzen.
HB: Die Pläne der G-20 zur Finanzmarktregulierung
erscheinen immer konfuser. Verspielen die Regierungen die Chance auf
eine neue Finanzarchitektur?
Reich: Die Gefahr besteht. Weltweit herrscht eine
zeitliche und inhaltliche Kakofonie von regulatorischen Ideen, die kaum
noch zu überschauen ist. Dabei hatte die G-20 bei ihrem letzten
Weltfinanzgipfel eine konzertierte Aktion bei der Finanzmarktregulierung
verabredet. Davon kann ich nicht viel erkennen.
Top
Weiter zum Kapitel 4
|