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Krisengesamtreport Kapitel 3

3. Konjunkturentwicklung/ Entwicklung wichtiger Märkte

 3.1 Globale Entwicklung

 < „Weltkonjunktur ignoriert Schuldenkrise“ M.Ohanian, FTD, 04.05.10

„Die Anzeichen für einen spektakulären Schub haben sich weltweit verdichtet. Stimmungsindikatoren in den USA, Europa und China legten im vergangenen Monat deutlich zu und erreichen mittlerweile teilweise historische Höchststände….

Die Weltkonjunktur zeigt sich von den Turbulenzen auf den Anleihemärkten unbeeindruckt.

Lt. Mitteilung des ISM für das verarbeitende Gewerbe der US wirtschaft entspricht das Niveau des US-Stimmungsindikators mittlerweile einem Wirtschaftswachstum von annualisiert 6 %.  Auch die entsprechende Indices für Europa und Deutschland signalisieren eine deutliche Expansion der Geschäftsaktivitäten im Euro-Raum….

Daneben stieg auch in China zum 14. Mal hintereinander der Stimmungsindikator für die Industrie auf über 50 Punkte, was wirtschaftliche Expansion anzeigt.“

 < Griechenland x 43 = USA, Kapital-Glosse in der FTD vom 04.05.10

„Jetzt, da Griechenland endgültig gerettet ist, können wir uns mal wieder dem anderen prekären Fall der Weltwirtschaft widmen: Amerika, dessen nominale Wirtschaftsleistung 43-mal höher ist als die hellenische und lt. IWF sogar 2015 noch doppelt so hoch sein wird wie jene Chinas. …Tatsächlich zeigen die sehr vorläufigen und unvollständigen BIP-Zahlen für das erste Quartal vor allem eins, dass die USA auf dem direkten Wege in den nächsten Akt der Krise sind.

Die realen Konsumausgaben der privaten Verbraucher haben angeblich mit einer aufs Jahr hochgerechneten Rate von 3.6% zugelegt. Nur stehen dem keine Einkommenszuwächse gegenüber, so dass die Sparquote von läppischen 3,9% auf 3,1% gefallen ist (im März 2,7%).

Die marktbasierten Einkünfte aus Privatbeschäftigung, Selbständigkeit, Mieten, Dividenden und Zinsen machen gerade noch 58%  des gesamten Vorsteuereinkommens der privaten Haushalte aus, ein Negativrekord seit Beginn des vierteljährigen BIP-Ausweises 1947 (!!!)

Die Auslagen der Verbraucher entsprechen inzwischen 130% des marktbasierten Einkommens vor Steuern, ebenfalls ein Rekord(!!).

Doch trotz des staatlichen Finanzierungsdefizits von gut einem Zehntel des BIPs, das zu Aufpäpplung der privaten Einkommen und für andere konjunkturelle Maßnahmen in Kauf genommen wird, ist die reale inländische US-Endnachfrage im ersten Quartal abermals mit einer enttäuschenden annualisierten Rate von ..bloß 2.2% gewachsen. Sie liegt damit um fast 12%  unter jenem Niveau, das der reale exponentielle Trend vorgeben würde.

Der Grund für die Nachfrageschwäche liegt zum einen bei den klammen US-Bundesstaaten und Gemeinden, zum anderen bei den Investitionen. Im ersten Quartal haben sich die privaten Anlageinvestitionen gerade noch auf 11,8% des nominalen BIPs belaufen (selbstredend ein Negativrekord!), 3,6 Prozentpunkte unterhalb des langfristigen Durchschnitts. Trotz allem betragen die Nettoexporte minus 3,5% des BIPs. Dass sich aus dieser, überdies durch hohe staatliche wie private Verschuldung geprägten Gemengelage ein stabiler Aufschwung entwickelt, ist ungefähr so wahrscheinlich wie die Rückzahlung sämtlicher ausstehender griechischer Kredite.

< „Die globale Wirtschaft befindet sich mitten in einem konjunkturellen Boom. Das zeigen neue Prognosen und Indikatoren. … Die OECD rechnet für dieses Jahr mit einem weltweiten Wirtschaftswachstum von 4,7 %, womit die Wachstumsrate über den Werten liegt, die in den zehn Jahren vor Krisenbeginn verzeichnet wurden. Davon profitiert die hiesige Wirtschaft: Für Deutschland rechnet die OECD jetzt mit einem Wachstum von 1,9 % in diesem und 2,1 % im kommenden Jahr. Und Dank des schwächeren Euro rechnen Experten mit einem zusätzlichen Schub für alle Exporte nach außerhalb des Euro-Raumes.“ (FTD,31.05.10)

 < „Schlimmer als im Sommer 2007“, Kapitalglosse der FTD, 05.05.10

„Was ist passiert seit Ausbruch der Schuldenkrise im Sommer 2007?

Oder genauer gefragt, was ist außer dem sprunghaften Anstieg der Staatsdefizite, der öffentlichen Schulden, der Arbeitslosenquoten, der Produktionslücken und der Zentralbankbilanzen in den Industrieländern passiert?

Und außer der irren Zunahme der Geld- und Kreditmengen sowie der Investitionen in China natürlich,  die dem Hoffnungsträger der Weltwirtschaft noch teuer zu stehen kommen könnte?

 Die Banken haben erhebliche Wertberichtigungen vorgenommen, Kapitalerhöhungen durchgeführt, staatliche Finanzierungsspritzen erhalten und ihre – weitgehend aus der Nullzinspolitik herrührenden – Gewinne thesauriert, so dass etliche Institute inzwischen wieder als solide kapitalisiert gelten. Doch am Grundproblem hat sich wenig verändert.

In den USA sind die Schulden der privaten nichtfinanziellen Sektoren (Verbraucher und Firmen) seit Mitte 2007 von 167 auf 170% des BIPs gestiegen, im Euro-Raum von 152 auf 170% (wobei die Euro-Daten Pensionsverpflichtungen der Firmen beinhalten.)

Nun hellen sich die Stimmungsindizes auf. Aber mit Blick auf die tatsächlichen Geld- und Kreditaggregate oder auf die jüngsten Autozulassungsdaten aus Amerika, Frankreich und Italien muten die Stimmungsindizes immer wirrer an, von den bitteren Kfz-Statistiken und Einzelhandelsumsätzen in Deutschland gar nicht zu reden….

Der Punkt ist jedoch ein anderer: das die ökonomischen Unwägbarkeiten seit 2007 insgesamt eher noch zugenommen haben. Niemand vermag zu sagen, ob wir es in ein paar Jahren mit In, De- oder Stagflation zu tun haben werden – oder vielleicht doch glimpflich davon kommen. … Ignoranz rächt sich am Ende jedoch immer: Dass am europäischen Aktienmarkt das 13-fache von Ergebnisschätzungen bezahlt wird, die den Firmen eine Nettogewinnspanne von beinahe 7% des Umsatzes unterstellen, bleibt da ein Rätsel, das mit keiner Rentenrendite der

 > „Wir müssen das Biest aushungern“ (N. Roubini im Spiegel-Interview, 10.05.10) gewinnt?“

„Der IWF kommt aber zu dem Schluss, dass die Konjunktur weltweit wieder an Fahrt

„Ich bin Realist. Ich kann nur in wenigen Staaten Aufhellung erkennen, etwa in China, Indien, oder Brasilien. Aber sonst? Die USA erleben einen blutleeren Aufschwung. Japans Wirtschaft liegt gleichsam im Koma. Und Europa droht der sog. „Double-Dip: Der Kontinent ist in Gefahr, erneut in die Rezession zurückzufallen. Schon vor dem Griechenland Schock waren die Wachstumsaussichten in der Euro-Zone bescheiden, jetzt aber liegen sie bei null.

 > „Japans Wirtschaft läuft auf Hochtouren“ (FTD, 18.05.10)

Japans konjunkturelle Erholung hat im März weiter an Fahrt gewonnen.     Ein klares Plus von 3,9 % gab es bei den Bestellungen aus dem Ausland. Japan profitiert hier vor allem von der insgesamt hohen konjunkturellen Dynamik in Asien.“

 > „Europa im G-20-Stresstest“ FTD, 21.06.10)

„China lässt seine >Währung nur dann aufwerten, wenn die Regierung selbst das für die heimische Wirtschaft opportun hält. Russland träumt weiter Großmachtträume …. Die EU setzt die Senkung der Staatsausgaben jetzt ohne Rücksicht auf die skeptische USA durch, freut sich über die Euro-Abwertung und kämpft wie jeder andere um Weltmarktanteile. Die G-20 sind mehr WTO als EU. Die Gegensätze werden einigermaßen gesittet ausgetragen, und man will der Weltwirtschaft insgesamt nicht schaden. Aber es gibt keine gemeinsame Wachstumsstrategie. Die Lage ist klar: Weltpolitik ist Realpolitik.

3.2 europäische Entwicklung

Die Konjunkturgutachten sehen in einer Reihe europäischer Länder eine leicht positive Entwicklung bis Ende 2011, in anderen jedoch auf der Grundlage der Verschuldensproblematik eine beginnende Sparpolitik, die rezessive Wirkungen haben könnte. Diese negative Entwicklung wir vor allem für die Ländergruppe mit Griechenland, Italien, Spanien, Portugal, Irland und GB gesehen. Die neu beigetretenen Länder im Osten der EU weisen spezifische Auf- und Abstiegstendenzen auf und sind nicht ohne weiteres einer allgemeinen konjunkturellen Entwicklung zuzuschreiben

 „Wir müssen das Biest aushungern“ (Spiegelinterview mit N. Roubini, 10.05.10)

SP.: „Ist es denn richtig, dass der IWF und die Euro-Staaten Griechenland 110 Mrd. € an Krediten und Garantien zur Verfügung stellen?

N.R.: „Damit verschiebt man das Problem nur ins kommende Jahr. Ich fürchte, Griechenland hat nicht nur Liquiditätsprobleme, sondern ist bankrott. Es hilft nicht, viel Geld in ein insolventes Land zu pumpen und ihm gleichzeitig harte Schnitte aufzuerlegen. Wenn Griechenland die Steuern erhöht und die Ausgaben senkt, dann wird es dadurch nicht automatisch wettbewerbsfähiger. Im Gegenteil, das Land verliert Marktanteile, die Arbeitslosenquote ansteigt, es kommt zu sozialen Unruhen. Das löst aber nicht das Schuldenproblem, sondern macht alles nur noch schlimmer. Wir brauchen einen Plan B.“

Sp.: „Wie soll der aussehen?“

N.R.: „Es ist notwendig, eine Umschuldung in Angriff zu nehmen, bevor der Staatsbankritt eintritt. Wir müssen in einem geordneten Verfahren zu einer Lösung zwischen Gläubigern und Schuldnern kommen. Gleichzeitig sollten auch für andere fragliche Euro-Länder wie Portugal und Spanien Pläne ausgearbeitet werden, wie sie ihre Haushalte sanieren können.

 Die FAZ berichtet am 28.05.10 :“Europas Wirtschaft leidet unter der Schuldenkrise“, dass sich die Konjunkturerholung in Europa zweigeteilt hat. Einige Länder im Euro-Raum – vor allem die Staaten der südeuropäischen Peripherie wie Griechenland, Portugal, Spanien sowie Irland – haben so hohe Haushaltsdefizite, dass eine scharfe fiskalische Bremsung notwendig ist. In anderen Teilen der Euro-Zone – vor allem in Frankreich, den Benelux-Staaten, Deutschland und den skandinavischen Staaten gibt es Wachstumsraten. So wird von der EU-Kommission eine durchschnittliche Wachstumsrate für die EU von 1 % erwartet, die sich jedoch aus gegensätzlichen nationalen Entwicklungen ergibt. Es ist absehbar, dass diese Entwicklung bedeutet, dass die europäischen Südstaaten den nächsten konjunkturellen Aufschwung weitgehend verpassen könnten. Dieses wird die unterschiedlichen nationalen Wettbewerbskompetenzen der einzelnen EU-Volkswirtschaften weiter auseinander treiben.

 

3.3  Entwicklung in Deutschland

 > Der Sachverständigenrat hat für die Zeit bis Ende 2011 mit einem Wachstum ungefähr von 1,5% gerechnet. Wachstumsimpulse kommen von sich erholenden globalen Märkten, sie kommen aber nicht aus der Binnenwirtschaft. Die Verschuldungsproblematik ist nach der Steuerschätzung für die Jahre 2011 bis 2013 mit Staatsdefiziten von  ca. 11 bis 13 Mrd-€ konkretisiert worden. Eine umfassende, strukturelle Steuerreform oder auch nur die Beseitigung des sog. „Mittelstandsbauches“ ist nicht mehr erwartbar.

 > Das DIW und andere deutsch Forschungsinstitute veröffentlichen erwartete Wachstumsraten der deutschen Wirtschaft für 2010 mit 2,0% und für 2011 mit 1,7%, so dass Frau Merkel die „Krise für überwunden“ erklären kann. Zugleich entwickelt sich der deutsche Arbeitsmarkt günstig und liefert damit eine solide Basis für eine Verringerung des Krisenbewußtseins in der Öffentlichkeit.

 

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