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Otto
Schily
An Otto Schily scheiden sich die Geister. Manche sagen, er sei ein Verräter, der seine linksliberalen Überzeugungen für die Macht verkauft habe. Andere loben ihn als vorbildlichen Verfassungspatrioten. Er war Anwalt der Linken - vom Benno-Ohnesorg-Prozess 1967 bis Stammheim, wo er Gudrun Ensslin verteidigte. Jetzt ist er der konservative Flügelmann in Gerhard Schröders Regierung, der law and order über alles stellt. Doch Otto Schily sagt, sein Standpunkt in den siebziger Jahren und sein heutiger unterschieden sich überhaupt nicht. Er habe immer nur an den Rechtsstaat geglaubt. Das ist die Wahrheit - aber nur die halbe. Er hat in der Tat eine Biografie mit vielen Geraden. Bürgerlich gab er sich bereits, als das in seinen Kreisen als unmodern galt. Schily war stets elitär, auf Form und Distanz bedacht. Er ist ein Einzelgänger, der sich anderen überlegen fühlt. Aber es gibt in diesem Leben auch Zickzacklinien. Früher ließ Otto Schily sich als Demonstrant von Polizisten wegtragen, heute lässt er renitente Demonstranten mit Strafbefehlen verfolgen. Früher redete er von Bürgerrechten und Freiheiten, heute vom Grundrecht auf Sicherheit. Doch von Brüchen will er nichts wissen. Leute, die ihn gut kennen, sagen: Im Grunde hat er immer nur an eines geglaubt: an Otto Schily. Die Lebensgeschichte eines Mannes der schroffen Gegensätze: herablassend und jähzornig, kultiviert und empfindsam. Eines Mannes, der stets preußisch diszipliniert war, der seine Gefühle vor öffentlichen Blicken abschottete - und vor Gericht und im Parlament geweint hat. Der Publizist und Redakteur Stefan Reinecke ("Der Tagesspiegel", "taz") hat zahllose Dokumente ausgewertet und Gespräche mit Otto Schily und vielen Menschen geführt, die ihn auf seinem Karriereweg begleiteten. Eine große, kritische Biografie des Innenministers. ISBN 3-455-09415-5 Vorwort 1996 geht Otto Schily in die "Paris Bar" in der Kantstraße. Er ist Bundestagsabgeordneter der SPD mit ungewisser Zukunft. Denn er hat mit seiner Partei zu kämpfen, vor allem in Bayern, in seinem Wahlkreis München-Land. In der "Paris Bar" setzt er sich zu Michel Gaißmayer, der dafür bekannt ist, dass er viele Leute kennt. Auf der anderen Seite des Restaurants sitzt der Fußballtrainer Otto Rehhagel, den der FC Bayern München entlassen hat. "Der Rehhagel wäre gut für einen gemeinsamen Auftritt in meinem Wahlkreis", sagt Schily, und Gaißmayer meint: "Ich kann ihn ja fragen." Doch Schily nimmt das lieber selbst in die Hand. Er winkt den Ober zu sich, legt seine Visitenkarte auf das Tablett und sagt: "Bringen Sie die zum Rehhagel." Der Kellner tut, was Schily von ihm verlangt hat, und dann passiert - nichts. Rehhagel reagiert nicht. Und Schily ist außer sich. Das ist eine Missachtung des Parlaments, sagt er. Otto Schily gilt als arrogant - und es gibt eine Reihe von Auftritten, die diesen Ruf solide begründet haben. Doch die obige Anekdote zeigt nicht nur einen Politiker, der selbstverständlich davon ausgeht, dass sich alles um ihn dreht. Vom Ober die Visitenkarte überbringen zu lassen ist eine Geste, die aus der Zeit gefallen zu sein scheint. Sie passt eher in eine Novelle von Tschechow als ins Jetzt. Otto Schily ist im Laufe der Jahre oft mit Figuren aus der Französischen Revolution verglichen worden. Golo Mann hat der RAF-Anwalt und hartnäckige Frager im Flick-Ausschuss an den Tugendterroristen Robespierre erinnert, andere haben etwas freundlicher Danton assoziiert. Kanzler Schröder nennt den Innenminister "mein Fouché", nach Bonapartes intrigantem Polizeiminister. Schily scheint, als RAF-Anwalt und als autoritärer Minister, für Linke und Rechte, Geschichte zu repräsentieren. Zu seinem Stil gehört die notorische Neigung, zu spät zu kommen. In den siebziger Jahren verteidigt Schily öfters den linken Berliner Verleger Klaus Wagenbach, dem seine Bücher damals politische Prozesse zuhauf einbringen. Der Angeklagte Wagenbach ist zu seinem Prozess erschienen, der Staatsanwalt und der Richter ebenso, nur Anwalt Schily fehlt. Nach einer halben Stunde lässt der entnervte Richter Schilys Kanzlei anrufen: Dort ist zu erfahren, dass der Anwalt auf dem Weg sei. Dann geht die Tür auf, und Schily stürzt mit flatternder Robe und sich nach allen Seiten entschuldigend herein. So etwas passiert oft. Es ist eine mehr oder weniger bewusst eingesetzte Methode, die anderen spüren zu lassen, auf wen es ankommt: auf ihn. Das ist keine klassenkämpferische Missachtung der Justiz, eher die Geste eines Fürsten, der kommt, wann es ihm beliebt. Otto Schily gehörte damals zur "neuen Linken", die in den Sechzigern entstanden war. Er ist, wie Joschka Fischer, wenn auch mit weniger dramatischen Kurven, vom Kritiker der Republik zu deren Repräsentanten geworden, vom RAF-Anwalt zum Kanther-Nachfolger. Das ist eine Erfolgsgeschichte, sagen seine politischen Freunde von heute. Das ist eine Verratsgeschichte, sagen viele politische Freunde von gestern. Die Frage steht im Zentrum dieser Biografie: Wie viel Kontinuität, wie viel Bruch ist in diesem Leben? Wie ist Otto Schily geworden, was er ist? Wenn man Fotos aus den siebziger und achtziger Jahren neben das Bild des Ministers legt, sieht man eine Kluft. Im Frühjahr 2001, als Umweltschützer den Castor-Transport blockieren, sagt Minister Schily: "Niemand hat das Recht, einen Transport, der nach Recht und Gesetz durchgeführt wird, zu verhindern oder zu erschweren" und brummt der Organisation Robin Wood Schadensersatzforderungen auf. Wer sich wegtragen lassen will, muss zahlen. So ist das. Es gibt ein Foto aus dem Herbst 1983. Polizisten tragen den grünen Abgeordneten Schily in Bonn weg, der aus Protest gegen die Nachrüstung das Verteidigungsministerium blockierte. Schily lächelt auf dem Bild etwas verkniffen. Aktionen, bei denen man gegen das Gesetz verstößt und sich dreckig macht, waren nie sein Stil. Aber trotzdem hat er dies, aus wohl erwogenen Gründen, einmal getan. Was hätte er 1983 gesagt, wenn ihm der CSU-Innenminister Zimmermann die Rechnung für den Einsatz präsentiert hätte? Das sind Fragen, von denen Schily nichts wissen will. Ein Teil seiner Vergangenheit stört ihn: Würde er sie sich vergegenwärtigen, könnte er dann noch so eisern auftreten, wie er es tut? Deshalb braucht er die Konstruktion, dass er eigentlich schon immer so war wie jetzt. Aber das Rätsel, wie Schily wurde, was er ist, kann man nur bedingt mit Fotos lösen. Die scharfen Kontraste zwischen den Bildern des Law-and-order-Ministers und des RAF-Verteidigers suggerieren, dass es eine einfache Antwort gibt: die Geschichte von den vergessenen Idealen, die beim Aufstieg nach oben abhanden gekommen sind. Diese Geschichte gibt es, aber sie ist nur ein Teil der Wahrheit. Für einfache Antworten ist das Leben von Otto Schily zu komplex. Es ist ein Leben mit Zickzacklinien und, in der Mitte, ein paar Achsen. Schily selbst sieht vor allem diese Gerade: Von Stammheim bis zu den Anti-Terror-Gesetzen - immer war er im Einsatz für den Rechtsstaat. Das ist richtig. Aber auch längst nicht die ganze Wahrheit. Schily geht gern in Kneipen. Auch das gehört zu seiner Biografie. Im "Zwiebelfisch" am Savignyplatz hat er in den Siebzigern oft Schach gespielt, manchmal mit George Tabori. In den Siebzigern ist er auch Stammgast im "Exil" in Berlin-Kreuzberg am Paul-Lincke-Ufer. Im Hinterzimmer spielt er oft Billard, natürlich Carambolage, denn das ist fein und hat Kultur, Pool ist für Amateure. 1978 erzählt Schily den "Exil"-Machern, dass die "Paris Bar" verkauft wird und dass sie sich das mal anschauen sollten. Die "Paris Bar" war in den sechziger Jahren ein etwas schmuddeliges Bistro, dass von Intellektuellen, Studenten und Kunstprofessoren bevölkert wurde und in dem Schily manchmal Skat spielte. Ende der Siebziger dämmert die Bar ihrem Ende entgegen. Schily vermittelt den Kontakt zu den aus der Kunstszene stammenden Besitzern des "Exil", die aus dem Schuppen in den Achtzigern die legendäre "Paris Bar" machen. Otto Schily mag den öffentlichen Raum, Restaurants und Bars, das Spiel von Sehen und Gesehenwerden. In der Kneipe ist Kontakt ohne Verpflichtung möglich, man kann kommen und gehen, wann man will, man kann auftreten, ohne Verbindlichkeiten einzugehen. Schily scheut Nähe, die Zwangsnähe der Kollektive, die Heimeligkeit des Genossen-Du ohnehin, aber seine Abneigung reicht weiter, bis an die Grenze des Misanthrophischen. Nichts ist ihm fremder als die Achtundsechziger-Parole, dass das Private politisch ist. Vor dreißig Jahren, 1974, erschien im "stern" über ihn ein Porträt. Auch da hat er Privates sorgsam vermieden. Schily hat auch nie die Ambivalenz mancher Politiker gegenüber den Medien gehabt - so wie Gerhard Schröder, der sich in Talkshows mit seiner Frau Hillu in den Neunzigern als Clinton zwei inszenierte und der 1998 seinen Urlaub mit Doris Schröder-Köpf in einen Wahlkampffototermin verwandelte. Schily hat sein Privatleben wie ein Anwaltsgeheimnis behandelt. Denn er ist in Fragen der Etikette altmodisch, und misstrauisch ohnehin, ganz besonders gegenüber Journalisten. Was er gar nicht ausstehen kann, sind Journalisten, die ihn nach seinem Privatleben fragen. Ich habe Otto Schily dreimal getroffen. Zweimal im Ministerium, einmal abends im "Café Einstein" in Berlin-Schöneberg. Ich habe ihn nicht nach der RAF gefragt, nicht nach Privatem, sondern nach seiner Jugend, seinem Verständnis des Anwaltberufes, der ihn mehr als alles andere geprägt hat. Im Ministerium war der Minister etwas müde und eilig, im "Einstein" wach und gut aufgelegt. Wir haben über Rudolf Steiner und Lenin geredet, über den Schriftsteller Günter Bruno Fuchs, den er gekannt hat, und über Berlin in den frühen sechziger Jahren. Schily kann plaudern und auf eine etwas knorrige Art sympathisch sein. Am liebsten, sagt er im "Einstein", wäre er Journalist geworden beim "Abend", einem gehobenen Boulevardblatt in Berlin, das Anfang der Achtziger bankrott ging. Der "Abend" kam mittags heraus. Die Redakteure arbeiteten von mittags bis spätabends. "Das wäre ideal für mich gewesen. Spät aufstehen, lange arbeiten. Aber das ist nichts geworden. Als Musiker bin ich nichts geworden, als Schauspieler nicht, als Journalist nicht. So musste ich halt Politiker werden", sagt er mit leicht altväterlicher Ironie. Er erzählt, dass ein Polizist vor seinem Haus steht, denn das ist so vorgeschrieben. Wenn seine Frau Linda mal um ein Uhr nachts nach Hause kommt, dann sagt der Polizist manchmal "Guten Morgen, Frau Schily". Das ist ärgerlich, aber auch daran kann der Innenminister nichts ändern. Der Polizist bleibt. "Da sehen Sie es: Ich bin machtlos", sagt Schily. Er hat diesen leichten Ton, nicht im Ministerium, aber hier. Sehen Sie, scheint dieser aufgeräumte ältere Herr zu sagen, ich bin nicht der Tyrann, der seine Untergebenen knechtet. Zwischendurch kommt zufällig der Korrespondent der "New York Times" am Tisch vorbei, man plaudert kurz, und Schily scheint das zu gefallen. Zu Auslandskorrespondenten, sagen deutsche Journalisten, ist der Minister freundlich, aufgeschlossen, bei vielen einheimischen hingegen gilt er als hartleibig, nachtragend, kleinlich. Das mag damit zu tun haben, dass Auslandskorrespondenten in Schilys Augen einen Vorteil haben: Sie kommen von weit her, und sie gehen in aller Regel dorthin zurück. Und dass Menschen wieder gehen, hält Otto Schily für eine ihrer erfreulicheren Seiten. Ein Anwaltskollege, der ihn seit fast dreißig Jahren kennt, sagt, dass er seine "Kraft nicht aus sozialem Kontakt, sondern aus Einsamkeit bezieht". Um Schily ist viel Distanz, schon lange, nicht erst, seit er Minister, nicht erst, seit er Politiker geworden ist. Es ist erstaunlich, dass diese Ferne bei seinem intensivsten, eindrücklichsten öffentlichen Auftritt verschwunden war, wie eine Fassade, die weggerückt wurde. Das war am 13. März 1997 im Bonner Parlament bei der Debatte um die Wehrmachtsausstellung des Hamburger Instituts für Sozialforschung, gegen die der Stahlhelmflügel der Union Sturm lief. Schily verteidigte die Ausstellung, die Kür seiner Rede war eine persönliche Anmerkung. Er sprach von seinem Onkel Fritz Schily, einem Oberst der Luftwaffe, der "aus Verzweiflung über die Verbrechen des Hitler-Regimes den Tod suchte". Er sprach von seinem Bruder Peter, der vergeblich vor den Nazis fliehen wollte und in Russland schwer verwundet wurde. Er sprach von seinem Vater, dem er "unendlich viel verdanke", der ein Gegner der Nazis war, aber erst in den fünfziger Jahren einsah, wie töricht es gewesen wäre, für dieses Deutschland in den Krieg zu ziehen. Und er sprach von Jindrich Chajmovic, dem Vater seiner Frau Linda, der "als jüdischer Partisan in Russland gegen die deutsche Wehrmacht kämpfte. Nun sage ich einen Satz, der in seiner Härte und Klarheit von mir und uns allen angenommen werden muss. Der Einzige von allen vier genannten Personen - der Einzige! -, der für eine gerechte Sache sein Leben eingesetzt hat, was Jindrich Chajmovic. Denn er kämpfte gegen eine Armee, in deren Rücken sich die Gaskammern befanden, in denen seine Eltern und seine gesamte Familie ermordet wurden." Bei dieser Rede stockte Schily zweimal die Stimme. Es war jene große Rede, die er immer im Bundestag hatte halten wollen. Aber Ehrgeiz und Wahrhaftigkeit schließen sich nicht aus. Es war ein wahrhaftiger Augenblick: der Versuch, die eingeübte Dramaturgie von Vorwurf und Abwehr zu durchbrechen, ohne schwammig zu werden, ohne zu relativieren. Es war eine ungewöhnliche Rede, gerade für jemand wie Schily, der stets so kontrolliert und verschlossen wirkt. Es gibt drei wichtige Frauen in Schilys Leben. Die Pianistin Lissa Bauer, seine Freundin Anfang der sechziger Jahre, macht den etwas schüchternen Dreißigjährigen mit der Westberliner Boheme bekannt. Christine Hellwag wird seine erste Frau. Auch über sie lernt der damalige FDP-Wähler Otto Schily die Revolte kennen. Es ist eine heftige, komplizierte Beziehung. Es ist die Zeit um 1968, eine wilde Zeit, nicht nur politisch. Die bürgerlichen Konventionen zerbrechen, Selbstbefreiung und Hedonismus stehen auf dem Programm. Die Ehe wird geschieden. Seiner jetzigen Frau Linda Tatjana Chajmovic begegnet Schily 1977. Ihr Vater war, wie schon aus Schilys Rede bekannt, Partisan, ihre Mutter im Konzentrationslager. In den neunziger Jahren hat Linda für Steven Spielbergs Shoa Foundation Interviews mit Überlebenden des Holocaust geführt. In den Achtzigern erwacht Schilys Interesse für Israel. Er fährt zweimal dorthin, er greift die linke Palästina-Solidarität an, deren moralische Abgründe ihm in den Siebzigern nicht so aufgefallen waren. "Herr Schily, hat Ihre Frau Ihr Verhältnis zu Israel beeinflusst?" "Mein Frau ist Jüdin", sagt Otto Schily. Die Frage ist zu intim, das Thema beendet. Jemand, der den Minister gut kennt, meint, dass diese Antwort bei Schily ein kristallklares Ja bedeutet. Ein paar Tage später treffe ich Jenny Schily, seine Tochter aus erster Ehe, geboren 1967. Sie ist Schauspielerin. 1998 sind Otto und Jenny in München zusammen auf der Bühne aufgetreten und haben die dramatisierte Fassung des Briefwechsels von George Bernard Shaw und der Schauspielerin Stella Patrick Campbell vorgetragen. Es sind ironische Liebesbriefe, aber sie sind so "verkopft", hat Jenny der "Süddeutschen" gesagt, dass der Text auch für Vater und Tochter "funktioniert". Jenny ist bei ihrer Mutter groß geworden. Nach der Schule ist sie nachmittags manchmal in die "Paris Bar" gegangen, wo ihr Vater oft gegessen hat. Mitte der siebziger Jahre ist er mit ihr in seinem Citroën DS in Urlaub gefahren, vier Wochen lang bis in die Türkei. Nur die beiden, allein. Jenny erinnert sich an die Hydraulik des Citroën, der sich scheinbar von alleine auf und nieder bewegte: ein Kindheitsbild. Schily hat sie manchmal von der Kita und der Schule abgeholt, so oft es eben ging. Er hat immer viel gearbeitet und immer wenig Zeit gehabt, sagen seine Bekannten. Das war in den sechziger Jahren so, erst recht in den Siebzigern, 134-mal ist er von 1975 bis 1977 nach Stammheim geflogen. Wenn er dort Ablehnungsanträge begründete, hat er damals oft daran gedacht, dass Jenny "ihren Papa so wenig sieht". In den Siebzigern wurde Jenny manchmal in der Schule auf ihren Vater angesprochen, weil der die RAF-Terroristen verteidigte, das Böse schlechthin. Jenny war sehr stolz auf ihren Vater, der es wagte, etwas Richtiges zu tun, obwohl ihn so viele Leute für einen Genossen der Terroristen hielten. 1984 fahren die beiden in Urlaub nach Sri Lanka, Jenny ist siebzehn, eigentlich nicht das Alter, in dem Mädchen der Sinn danach steht, mit ihrem Vater Urlaub zu machen. Sie kommen dort an, gestresst nach langer Reise, das Hotel ist nicht so, wie es sein soll, unten steht ein Weihnachtsbaum für die europäischen Gäste. Ein absurdes Bild. Aber es wird, trotz der Widrigkeiten, ein schöner Urlaub, sagt Jenny. "Man kann mit Otto lachen, auch wenn einiges schief läuft. Das entspannt viel." Jenny Schily ist loyal zu ihrem Vater. Sie hat freundliche Erinnerungen an ihn und ihre Kindheit. Das ist nicht selbstverständlich eingedenk der komplizierten familiären Lage. "Haben Sie sich gewünscht, mehr von Ihrem Vater zu haben?" Jenny überlegt eine Weile und sagt: "Es hatte auch sein Gutes, dass ich bei meiner Mutter groß geworden bin. Mein Vater ist eine starke Persönlichkeit. Das Nichtalltägliche hat auch Positives." Ein lebenskluger Satz. Ein Satz, in dem Arbeit steckt. Und Abgeklärtheit. Es ist die Abgeklärtheit, die man in der Nähe von Otto Schily braucht. Dieses Buch fußt, neben den Gesprächen mit Otto Schily und publizierten Texten aus Büchern, Zeitungen und Zeitschriften, die in der Literaturliste aufgeführt sind, auf Gesprächen mit Roland Appel, Bommi Baumann, Nicolas Becker, Marieluise Becker-Busche, Lukas Beckmann, Werner Birkenmaier, Horst Bubeck, Jürgen Busche, Daniel Cohn-Bendit, Michael S. Cullen, Klaus Eschen, Harun Farocki, Tilman Fichter, Michel Gaißmayer, Hartmut Gaßner, Peter Glotz, Armin Golzem, Kurt Gronewold, Maria Hölscher, Dietmar Hüsemann-Menge, Axel Jeschke, Hubert Kleinert, Udo Knapp, Hans Peter Krüger, Wolfgang Krüger, Günter Langer, Ines Lehmann, Helmut Lippelt, Horst Mahler, Renate Mohr, Urs Müller-Plantenberg, Christa Nickels, Herta Parchent, Rupert von Plottnitz, Ulrich K. Preuß, Thorwald Proll, Bernd Rabehl, Illo von Rauch, Jürgen Reents, Fred Riedl, Ulrich Roloff-Momin, Dieter Rückhaberle, Jenny Schily, Konrad Schily, Peter Sellin, Christian Semler, Jürgen Treulieb, Roland Vogt, Klaus Völker, Klaus Wagenbach und Uwe Wesel. Ohne ihre Kooperationsbereitschaft wäre das Buch nicht möglich gewesen. Danken möchte ich zudem Christoph Becker-Schaum, Andreas Förster, Peter Graf, Volker Heise, Marcel Kolvenbach, Rainer Lingenthal, Siegward Lönnendonker, Gerhard Mauz, Stefan Moes, Jens Petersen, Reinhard Schwarz, Klaus Stern und ganz besonders Barbara Wenner für ihre Hilfsbereitschaft, Tipps und Geduld. Inhalt
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