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Die Morgendämmerung eines neuen Frauentyps

Der Name Uschi Obermaier steht für den rebellischen Hedonismus der 68er

 

Interview mit Olaf Kraemer, dem Drehbuchautor der Verfilmung des Lebens der Uschi Obermaier:

"Das wilde Leben"

und Autor ihrer Biografie und Filmvorlage

"High Times"
( Jan. 07 im Heyne Verlag).

 

1.    "Das wilde Leben", ein biografischer Film über das Leben von Uschi Obermaier soll am 1 Februar 2007 in die deutschen Kinos kommen. Warum glaubst du, Uschis Geschichte, die Geschichte eines deutschen Supermodels der 68er-Generation, einer Kommunardin, bzw. eines Luxusgroupies interessiert heutige Kinogänger?

Olaf Krämer (OK): Uschi Obermaier verkörperte Ende der Sechziger Jahre die Morgendämmerung eines neuen Frauentyps, der damals von ihr und einigen anderen Frauen ihrer Generation neu erfunden und unter Einsatz des bürgerlichen Lebens verwirklicht wurde. Heute kann man sich kaum noch vorstellen, was das damals besonders für Frauen bedeutet hat: Ichbezogen, Lust betont, vor allem an Freiheit und Selbst-Erfahrung interessiert leben zu wollen. Die damaligen Spießer, denen die Demokratie ja von den Amerikanern verordnet worden war und die die deutsche Mehrheit bildeten, sehnten sich für Frauen wie Uschi Obermaier die Gaskammer oder sogar den Scheiterhaufen zurück.

2.    Der Name Uschi O. steht für den rebellischen Hedonismus der 68er. Hast du eine spezielle Beziehung zu dieser Zeit?

OK: Na, ja. Ich bin 1973 mit meiner ersten Intimpartnerin von der Schule geflogen, weil wir auf einer Klassenfahrt Hasch geraucht und ersten Sex miteinander hatten. Das waren die hedonistischen Ausläufer von 68 und Woodstock in der deutschen Provinz. Meine Partnerin war danach ein gefallenes Mädchen, das den Wohnort wechseln musste und ich galt - etwas zu Unrecht - als Frauenheld und habe davon erstmal profitiert. Ich bin mit der Musik jener Zeit aufgewachsen und auch durch softe Drogen mit sozialisiert. Obermaier, Teufel und Langhans waren für mich trotzdem Helden, vielleicht nicht wie Janis Joplin oder Morrison, aber Uschi war die schönste und befreiteste Frau ihrer Zeit. Eine perfekte Projektionsfläche auf jeden Fall für die Zeit der Pubertät. Mein erster Kontakt mit ihr war ein teures Poster für 12 Mark. Natürlich fühlte ich mich sehr geehrt, als sie mich später bat ihr Biograf zu werden.

3.    Wie hast du dich in diese Zeit rein gearbeitet?

OK: Ich habe mich schon als Jugendlicher für Psychedelik, Musik, Beats und Halluzinogene interessiert,  versucht fast alles über die Zeit zu erfahren. Bei uns in Göttingen kam alles aus den großen Städten zeitversetzt an und hielt sich dafür zehn Jahre länger. In den einschlägigen Diskotheken liefen die Klassiker der Zeit immer weiter, die Haare waren unbotmäßig lang und aus dem botanischen Garten verschwanden regelmäßig die Stechäpfel. Nach meiner Punkzeit suchte ich bewusst oder unbewusst den Kontakt zu Menschen aus dieser Zeit, Mascha Rabben, Gisela Getty, durch die ich Uschi und später Rainer kennen gelernt habe, Brummbär, der die U-Comics wie Freak Brothers und Fritz the Cat nach Deutschland brachte oder der verstorbene Timothy Leary. Sie alle hatten ein spirituelle Dimension an sich die ich in meiner Generation und bei mir damals vermisst habe.

4.    Du kennst einige der Dargestellten persönlich. Ist eine solche Nähe eher dienlich oder eher hinderlich für die Bearbeitung des Themas?

OK: Ich wollte als biografischer Autor nicht unbedingt jemanden verletzen und hoffe, dass die Betroffenen mit den sich für einen Film zu nehmenden Freiheiten leben können. Gleichzeitig lebt ein Film von Abgründen und menschlichen Makeln, die in diesem Fall auch zu einem dramatischen Ende führen. Achim Bornhak, der Regisseur und ich haben uns bei der Entwicklung bemüht nicht zu urteilen, sondern die Einflüsse der Einzelnen auf Uschi und den Stoff wirken zu lassen, aber jeder sieht seine Geschichte anders und wir konnten nicht alle Facetten einer Person erleuchten. Am Ende war Uschis Bild maßgebend für den Film und er ist auch in vielen Dingen weitaus weniger gravierend und extrem geworden als es sich in Wirklichkeit ereignet hat. Sonst wäre der Film FSK 18 oder verboten.

5.    Hat es Konflikte zwischen den dargestellten Personen gegeben, wenn ja welche?

OK: Rainer Langhans ist damit ja früh an die Öffentlichkeit gegangen. Ich habe Rainer Langhans gebeten selbst ein Drehbuch zur Kommune zu verfassen und ihm ein Drehbuchprogramm und einen alten Laptop zur Verfügung gestellt und er hat ein paar sehr gute dokumentarische Szenen und Sequenzen geliefert die extrem authentisch waren und zum Teil auch in einer frühen Fassung meines Drehbuchs vorkamen. Uschi war dabei aber eher noch eine Nebenfigur. Das funktionierte für diesen Film nicht.

6.    Uschi ist ja um die halbe Welt gereist. Hast du dir die Handlungsorte selbst anschauen können?

OK: Indien. Baja California und USA kenne ich und Berlin. Dort war ich in den Räumen der alten Kommune in Moabit und natürlich in München. Ich habe schon vor vielen Jahren Recherchen für einen Dokumentarfilm über Uschi gemacht, die konnten einfließen.

7.    Warst du völlig frei von Einflüssen der von dir beschriebenen Personen?

OK: Im Gegenteil. Es haben sich über die Jahre intensive Beziehungen zu Uschi und Rainer entwickelt  wirklich mit allen Verletzbarkeiten und Kränkungen. Das ist wahrscheinlich normal, teilweise ungeheuer mühsam, aber letztlich gut so.

8.    Hat sich deine Beziehung zu diesen Personen im Laufe deiner Arbeit am Projekt verändert?

Ja. Das liegt aber auch an einem Konflikt den die beiden `Hauptfiguren´ im realen Leben über die Rolle der Kommune und der Rainers in Uschis Leben haben und der in der Entwicklung des Films zum Tragen kam. Es ist erstaunlich, dass überhaupt mal ein Film über die Zeit zustande gekommen ist und das die "Neue Bioskop" Mut und Ausdauer hatten, den Stoff zu finanzieren. Generell kann man allerdings sagen, dass 68 gerade im Begriff ist als Geschichte festgeschrieben zu werden und es da auch einige Unklarheiten um die Urheberschaften und Ursprünge eines letztlich wohl eher spirituellen Phänomens und auch einer ersten Reaktion auf das Dritte Reich geht, also sehr irrationale Kräfte und Ängste ins Spiel gekommen sind, die die Filmentwicklung und auch die Veröffentlichung des Buchs immer wieder erschwert haben. Das Thema Hitler ist in Wirklichkeit in Deutschland nicht mal angekratzt und produziert zwangsläufig ein Tabu nach dem anderen. Ebenso wie 68, dessen Deutungshoheit scheinbar gerade bei vergrätzen Kommunekindern liegt, die sich von ihren Eltern abnabeln. Es gibt kaum Positives zu dem Thema.

9.    Entspricht die filmische Umsetzung deines Drehbuchs deinen Vorstellungen?

OK: Die Bilder, die Achim und der Kameramann Benjamin Dernbecher produziert haben, sind meistens verblüffend nah an dem was ich mir beim Schreiben vorgestellt habe. Das Buch wurde noch auf dem Set den abenteuerlichen Drehbedingungen zum Beispiel in Indien angepasst. Ich habe mich über David Scheller, Natalia Avelon und Alexander Scheer als Schauspieler sehr gefreut. Auch über Milan Peschel und den Lurchi. Die Kommune habe ich mir als viel lichteren Ort visioniert und einige Szenen hätte ich ganz anders aufgelöst. Aber Achim war auch offen für meine musikalische Vorschläge. So sind mir wichtige Bands wie the DEEP, oder MC5 und die Electric Prunes zum ersten Mal in Deutschland im Kino zu hören.

10. Ursprünglich sollte der Film Eight Miles High heißen. Weshalb wurde er umbenannt?

OK: Wohl Marktforschung.

11. Findest du die Label Super- oder Luxusgroupie bzw. Göttin, wie sie für Uschi kürzlich in den Medien auftauchten, gerechtfertigt?

OK: Dass in Deutschland überhaupt solche Attribute wie "Göttin" für das "reine Leben" vergeben werden, wundert mich. Sie waren ja bisher Filmstars vorbehalten. Aber durch Uschis andauernde Abwesenheit aus Deutschland und seinen Talkshows, auch in Zeiten als ihr schlecht ging, umgibt Uschi nun beinahe die Aura des Mythischen.

12. Uschi wird von einigen Zeitgenossen als eine Art Lilith gesehen. Der Kommunarde Rainer Langhans zog sich nach seiner Zeit mit Uschi lange Zeit in die Meditation zurück, Kiezhippie Dieter Bockhorn fährt sich auf seinem Motorrad zu Tode, Jimi Hendrix stirbt kurz nach seinem Encounter mit ihr. Kommt das auch im Film so rüber?

OK: Das war ein Kernstück von Uschis Figur das mich und Achim beim Machen des Films am meisten interessiert hat. Wie weit darf Freiheit gehen? Wo endet menschlicher Besitz? Ist man frei, auch wenn man Beziehungen hat und muss ich mir dann etwas Wesentliches versagen? Uschi ist da einiges weiter gegangen als andere Frauen und das ist gerade zum Ende des Film auch zu spüren. Nicht zuletzt durch den Durchlauferhitzer Kommune konnte sie Männern gegenüber eine ganz andere Position einnehmen als Frauen auf dem Kiez oder die Groupies der Stones, die von der Maschine der Band zerstört wurden. Was das Geheimnis von ihr ist, hat sie uns nicht verraten. Ich hatte ein paar mal das Gefühl in seine Nähe gekommen zu sein und es liegt sicher in der Nähe des egoistischen Gens. Meine Freundin Conny Schwarz, die sich sehr mit Uschi identifizieren konnte, kam dann auf die alttestamentarische Figur der Lilith, die sich Adam, also dem männlichen Prinzip verweigert und am Ende von Gott gestraft einsam in der Einöde lebt. Viele Frauen können sich mit dieser Figur offenbar stark identifizieren. Deshalb ist sie wohl auch aus den späteren Fassungen der Bibel herausgekürzt worden.

13. Wie hat sich Uschis Beziehung zu Mick Jagger und Keith Richards entwickelt?

OK: Das weiß ich nicht genau. Keith hat seinem Darsteller Alexander Scheer jedenfalls persönlich den guten alten Piraten Segen erteilt.

14. Wie steht’s zwischen ihr und Rainer Langhans?

O:K Uschi und Rainer sind bereits vor der Trennung sehr unterschiedliche Wege gegangen, aber sie waren einmal tief verbunden. Für Rainer Langhans war 68 ein Moment kollektiver Erleuchtung und Transzendenz, den er nie wieder vergessen konnte oder losgelassen hat und dessen Ableitungen und Ausführungen er mit großer Leidenschaft bis in die heutige Zeit verfolgt. Uschi ist dagegen down to earth, dem rock roll lifestyle - mit all seinen auch scheinbaren Freiheiten und Unschärfen - verpflichtet. Auf der Loveparade stand einmal Rainer regungslos auf dem Low Spirit Wagen und als er aufgefordert wurde, sich zu den knallenden Klängen endlich auch mal zu bewegen, sagte er: "Ich tanze innen", während um ihn herum der Wahnsinn tobte. Es ist leicht zu verstehen durch welche Gegensätze die beiden verbunden sind. 

15. Wäre Uschi auch ohne die revolutionäre Atmosphäre der 68er, ohne Kommune, ohne Demos usw. berühmt geworden?

OK: Erst durch die Mischung traten ihre Faszination und ihr Mut hervor. Es war vielleicht als würden sich heute Kate Moss und Osama Bin Laden zusammen tun. Diese Gegensätzlichkeit und der totale Eklektizismus von Uschis Lebens machen seinen Reiz und seinen Zauber aus. Für viele Jahre  ist sie der Inbegriff von cool gewesen und wird es jetzt augenscheinlich noch einmal. Mit 60. Ich habe gehört sie hat gerade Nacktaufnahmen für den STERN gemacht. Eigentlich ja unfassbar.

16. Hat sich Uschi irgend etwas Revolutionäres bewahrt?

OK: Wenn man die Offenheit in ihrem Buch revolutionär nennen will. Ich finde ja. Unbedingt. 

17. Der Film wird von Warner Brothers mit einem für deutsche Verhältnisse hohen Budget von 8 Millionen Euros produziert. Wenn es um so viel Geld geht, also ein Publikumserfolg erwartet wird, wirkt sich das auf die inhaltliche Gestaltung dergestalt aus, dass das revolutionäre Element wie die Kommune abgewertet wird?

OK: So weit ich weiß sind es über sechs Millionen. Warner Brothers würde auch einen Film über die Revolution verleihen, wenn er in ihren Augen erfolgsträchtig wäre und der Film zielte von Anfang an auf ein breites und auch ein jüngeres Publikum. Für eine Million hätte man den Film ungleich radikaler und rauer (oder eben gar nicht) machen können. Wir mussten uns immer fragen wie viel weiß der Zuschauer heute noch? Die meisten Jugendlichen hatten bis vor kurzem keine Ahnung wer Uschi Obermaier ist oder dass es in Deutschland einmal Kommunen, nicht WGs, gab. Ich glaube, dass die Kommune, zumindest von mir nicht, bewusst abgewertet wurde, ihre Darstellung beruht allerdings auf Uschis Wahrnehmung. Die Kommune 1, auf die sich der Film bezieht, hatte 1968/69 ihren Zenith bereits überschritten und war durch harten Drogen und Gewalteinwirkungen nach innen gestürzt. Ihre revolutionäre Hochzeit und philosophische Sprengkraft hatte sie während der Jahre 1967-68 vor Gericht, auf den Strassen und in den Medien. Ein Film über diese Zeit der Kommune könnte ebenfalls ein guter Film wie Ocean Eleven oder so werden.

18. Die Schauspieler müssen ja noch lebende Personen darstellen. Hat es da eine Zusammenarbeit gegeben?

OK:  Der Darsteller von Rainer Langhans und Natalia Avelon haben sich mit Uschi und Rainer getroffen. Mehrfach.

19. Wie beurteilst du den Vergleich zwischen Realität und Darstellung?

OK: Ich denke so und nicht anders könnte es auch - gewesen sein. Aber das überlasse ich lieber den Leuten die die damalige Zeit bewusst erlebt haben.

 

Die Fragen stellte Günter Langer im Dezember 2006.

 

Copyright by Olaf Kraemer und Günter Langer.

Olaf Kraemer hat die Biographie von Uschi Obermeier geschrieben und 2008 einen Roman, der sich in die letzten geheimnisvollen Lebensstunden von Romy Schneider hineinversetzt. 1982 starb die große Schauspielerin ganz plötzlich. "Ende einer Nacht" heißt Olaf Kraemers Buch. (br, 23.10.08)