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| Aufbegehren
gegen eine erstarrte Gesellschaft - Ein Rückblick zur
"Kleinen Geschichte des SDS" |
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| Siegward Lönnendonker |
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Die Deutschen haben sich ihre Demokratie nicht erkämpft,
sie wurde ihnen von den westlichen Siegermächten
"verordnet". Wir haben in den 60er Jahren nicht
gegen diese Demokratie revoltiert, sondern zunächst gegen
unsere neuen Demokraten, auch unsere Eltern, die gestern
noch überzeugte Nationalsozialisten waren und jetzt von
den Gräueln der Nazis, von KZs und Endlösung der
Judenfrage nichts gewusst haben wollten. Sie waren gestern
noch Antisemiten und wurden zu Antikommunisten. Wir
protestierten gegen das Verschweigen der Verbrechen
deutscher Ärzte und Richter, gegen das Gerede von der
"Wiedergutmachung" und gegen die Renaissance der
antisemitischen schlagenden Verbindungen.
Anfang der 60er Jahre entwickelten sich die Studenten
politisch nach links. 1961 hatten die FU-Studenten noch
die Sympathie der Berliner Bevölkerung, als sie Verwandte
und Freunde durch selbst gebaute Tunnel unter der Mauer
aus Ost-Berlin in den Westen holten. Aber dann
protestierten wir gegen den amerikanischen Krieg in
Vietnam. Die Amerikaner waren für uns 68er die Befreier
vom Nationalsozialismus gewesen. Sie hatten das erste Mal
in der Geschichte Verbrecher gegen die Menschlichkeit zur
Rechenschaft gezogen. Diese Amerikaner sollten solche
Unmenschlichkeiten in Vietnam begehen? Nein, das haben wir
nicht geglaubt, das war kommunistische Propaganda. Und
dann stimmte es doch. Wir waren empört und gingen auf die
Straße. Viele von uns, die den Krieg noch erlebt hatten,
erkannten sich in den Bildern von napalmverbrannten
Kindern selbst wieder. Wir konnten es einfach nicht
fassen, dass angesichts dieser Bilder und Erinnerungen
keinerlei Kritik erlaubt war und wir in die Nähe der SED
gerückt wurden.
Ziel: Demokratische Reformen
Es ist wahr, bald flogen auch Steine. Aber ebenfalls wahr
ist: Schriftliche Eingaben waren bisher bis zu zehn Jahre
lang unbeantwortet geblieben, während ein Schriftstück,
in das ein Stein eingewickelt war, sofort zur Kenntnis
genommen wurde. Das förderte die Einsicht, dass Steine
zwar keine Argumente waren, diese aber beflügelten. Als
im Sommersemester 1966 an den Hochburgen der
Korporationen, der Juristischen und der Medizinischen
Fakultät der Freien Universität, die befristete
Immatrikulation eingeführt und eine Urabstimmung der
Studenten über diese von den Studenten so genannte
"Zwangsexmatrikulation" verboten wurde,
beschloss eine Versammlung von rund 3000 FU-Studenten -
vom SDS bis zu den schlagenden Verbindungen waren alle
Richtungen vertreten - auf dem sit-in vom 22./23. Juni
1966 eine Resolution, in der es unter anderem hieß:
"Was hier in Berlin vor sich geht, ist ebenso wie in
der Gesellschaft ein Konflikt, dessen Zentralgegenstand
... der Abbau oligarchischer Herrschaft und die
Verwirklichung demokratischer Freiheit in allen
gesellschaftlichen Bereichen (ist). ... Es gilt, die
Freiheit der Universität als Problem zu sehen, das über
den Rahmen der Universität hinausweist." Wir
Studenten wollten nicht mehr und nicht weniger als eine
demokratische Reform unserer Republik, und die Universität
sollte Vorbild dafür sein.
Unsere Demonstrationen machten - dank der Kommune I, die
sich aus dem SDS abgespalten hatte - bald den
Demonstranten Spaß und die Polizei lächerlich. Die
Polizei schlug zurück: Eine geplante Sahnetorten-Aktion
der Kommune I gegen den Berlin-Besuch von US-Vizepräsident
Humphrey verwandelte sie in ein Bombenattentat und hielt
trotz chemischer Analyse von Mehl und Backpulver an dieser
Version fest.
Von Deeskalation keine Spur
Am 2. Juni 1967 kreiste die Polizei die Demonstranten vor
der Oper ein und knüppelte sie nieder. Ein Polizist
erschoss den FU-Studenten Benno Ohnesorg während der
Demonstration gegen den Schah von Persien. Noch nachdem
bekannt geworden war, dass ein Polizist einen Studenten
erschossen hatte, verbreitete die Polizei über
Lautsprecher die Nachricht, die Studenten hätten einen
Polizisten erschossen, und machte die Nacht hindurch
weiterhin Jagd auf Studenten. Von der Polizei blutig
geschlagene und getretene Demonstranten wurden als Opfer
von Steinwürfen der Studenten hingestellt. In dieser
Nacht des 2. Juni erschien eine gewisse Gudrun Ensslin im
SDS-Zentrum und beschwor verzweifelt die Genossen, in den
Untergrund zu gehen, sonst würden wir alle erschossen.
Die Revolte griff auf Westdeutschland über.
Die von Axel Caesar Springer beherrschte Presse
bezeichnete die Studenten auch weiterhin als langhaarige
Affen, Politrowdies, Wirrköpfe, Mob und verlor kein Wort
über unsere politischen Argumente und Ziele. Der Senat
von Berlin und das Abgeordnetenhaus verglichen uns mit der
SA. Das Abgeordnetenhaus setzte einen parlamentarischen
Untersuchungsausschuss ein. Aber die Studenten hatten
jedes Vertrauen in solche Institutionen verloren.
Die meisten Studenten hatten verstanden: Wenn du das dir
in dieser Demokratie garantierte Recht der
Meinungsfreiheit in Anspruch nimmst, hast du gute Chancen,
getötet zu werden - und dein Mörder wird wegen
"putativer Notwehr" freigesprochen, weil er
glaubte, sich eventuell bedroht fühlen zu können. Das
fanden wir nicht in Ordnung. Was wir damals nicht wussten:
Der Plan des US State Departments unter Präsident
Johnson, deutsche Soldaten nach Vietnam zu schicken, wurde
nicht zuletzt wegen der studentischen Proteste nach dem 2.
Juni fallen gelassen!
Die Kommune I machte die Autoritäten der Stadt weiter lächerlich.
Unerreicht: Fritz Teufel. Als man ihn aufforderte, beim
Eintritt des Hohen Gerichts aufzustehen, kam er diesem
Ansinnen schließlich mit den Worten nach: "Na,
wenn's denn der Wahrheitsfindung dient ..." So etwas
hat mehr antiautoritäres Bewusstsein und auch
demokratisches Rückgrat geschaffen als zehn
Politologie-Vorlesungen.
"Dutschke Volksfeind Nr.1"
Nach der Niederlage außerhalb der Universität sammelten
wir Studenten uns wieder in den Hörsälen und
organisierten die vom SDS initiierte "Kritische
Universität", aus der sich eine Reihe von
Veranstaltungen und Demonstrationen manifestierten, zum
Beispiel die Kampagne gegen den Springer-Konzern. Beim maßgeblich
von Rudi Dutschke gestalteten Internationalen
Vietnam-Kongress im Februar 1968 verbot der Senat die
Abschlussdemonstration und machte deutlich, dass er dies
auch mit Waffengewalt durchsetzen werde. Das Gericht wies
den Senat in die Schranken, und mehr als 12 000
Demonstranten stürmten unter roten Fahnen mit Sprechchören
wie "Wir sind eine kleine, radikale Minderheit"
durch die Straßen. Auf der Gegenkundgebung der aufrechten
Berliner, zu der der öffentliche Dienst frei bekam,
zeigte die vor allem von der Springer-Presse bereitete
Pogromstimmung Wirkung: "Dutschke Volksfeind Nr.
1" hieß es auf selbstgefertigten Plakaten und
"Politische Feinde ins KZ". Ein junger Mann, den
die Menge für Rudi Dutschke hielt, wurde fast gelyncht
und konnte nur durch Einsatz einer Hundertschaft der
Polizei gerettet werden.
Am Gründonnerstag, dem 11. April 1968, ging die Saat auf:
Der 23jährige Hilfsarbeiter Josef Bachmann verletzte
Dutschke durch drei Schüsse aus einem Trommelrevolver
lebensgefährlich. Nach dem Attentat bildete sich ein
spontaner Marschzug der Studenten zum Springer-Hochhaus.
Aber trotz der Straßenschlachten während der
Osterfeiertage wurden BILD-Zeitung und BZ ausgeliefert,
gekauft und konsumiert wie eh und je, eine weitere
Erfahrung unserer Ohnmacht. Auch unser Kampf gegen die
Notstandsgesetze war vergeblich. Wir waren damals tatsächlich
überzeugt, dass diese Gesetze ein Schritt in Richtung
Polizeistaat und Entdemokratisierung waren. Wir glaubten,
die junge Demokratie gegen diesen Angriff verteidigen zu müssen,
auch mit Besetzungen von Universitätsinstituten,
Vorlesungsstreiks und dem "Marsch auf Bonn".
Vergeblich. Wieder eine Niederlage, wieder ohnmächtiger
Zorn. Der entlud sich am 4. November 1968 in der
"Schlacht am Tegeler Weg", als der
Studentenanwalt Horst Mahler auf Zahlung von 506 696 Mark
verurteilt wurde.
Bei dem Angriff mit Pflastersteinen hatten die etwa 1000
Studenten das erste Mal für kurze Zeit das Gefühl,
"aus der Lage des duldenden Opfers" befreit zu
sein. Doch schon nach knapp zwei Stunden beendete eine
modern ausgerüstete neue Polizeieinheit den Spuk, und die
Studenten liefen davon, wie immer. Der Innensenator hatte
dem Parlament bewiesen, dass er die neue Ausrüstung
brauchte. 130 Beamte und 21 Demonstranten wurden verletzt.
Aber es war klar: Hier war Schluss, danach konnte nur noch
Bürgerkrieg kommen. Das war für die überwiegende
Mehrheit der Studenten das Ende der militanten Aktionen.
Der SDS löste sich auf. Die linken Studenten entdeckten
das Proletariat, diese Phase der 68er Studentenrevolte war
zu Ende. Was folgte, waren autoritär geführte
marxistisch-leninistische Parteien, verzweifelte
Desperado-Gruppen wie die RAF mit ihren Nachfolgern und
Nachahmern in den nächsten Generationen.
Sicher hat die studentische Revolte die politische Kultur
der Bundesrepublik in den 60er Jahren stärker geprägt
als alle anderen Ereignisse. Die Studentenschaft war
erstmals in diesem Jahrhundert wieder links. Die Linke hat
seitdem das Monopol auf die Auseinandersetzung mit dem
Nationalsozialismus. Ein neues Verhältnis zur Dritten
Welt, basisdemokratische Bewegungen, die Frauenbewegung
und eine Sensibilität für die Zerstörung der Umwelt
sind einige der wichtigsten Resultate, die heute
selbstverständlicher Alltag sind.
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| Der Autor hat mit Tilman
Fichter zusammen die "Kleine Geschichte des
SDS" geschrieben und mit diesem eine Dokumentation über
die Geschichte der FU zusammengestellt. Heute leitet er
das APO-Archiv an der Freien Universität Berlin. |
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