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Das Gedicht Celans, eines der frühesten
und sein bekanntestes, wurde 1945 geschrieben, in Bukarest, wohin der
vierundzwanzigjährige Celan im April, ein Jahr nach der Besetzung
seiner Heimatstadt Czernowitz durch die Rote Armee, übersiedelt war. In Czernowitz, der Hauptstadt
der Bukowina, war Celan aufgewachsen und hatte dort das Gymnasium
besucht. Die jüdische Gemeinde, der Celan angehörte, war groß: etwa
50 000 von insgesamt 110 000 Einwohnern. Viel hatte sich aus der Zeit
der k.u.k.-Doppelmonarchie erhalten: Deutsch war die
Verkehrssprache, die Buchläden hatten ein großes Sortiment an
deutscher Literatur, es war, wie Celan in seiner Bremer Ansprache
sagte, »eine Gegend, in der Menschen und Bücher lebten«. Der Überfall
der Nazis (Juli 1941) war für die Bukowina, in der seit Jahrhunderten
Völker, Sprachen und Rassen nebeneinander lebten, eine Katastrophe;
sie führte zur Vernichtung der deutschen Kultur und später zur
Teilung des Landes in einen sowjetischen und einen rumänischen Teil.
Die Juden wurden in Arbeitslager in den besetzten sowjetischen
Gebieten deportiert, auch die Eltern Celans, und fast alle ermordet.
Celan konnte fliehen und überlebte. Es gehört zur Absurdität des
nazistischen Wahnsinns, daß er, in der Absicht, alle Welt am
deutschen Wesen genesen lassen zu wollen, eben das vernichtete, was
die deutsche Kultur für die Völker Osteuropas bedeutete - bis
1933/ 39 wurde dort (ob in der Tschechoslowakei, in Rumänien, Ungarn,
Polen, Jugoslawien, Finnland oder der Sowjetunion) deutsche Literatur
gelesen und verehrt, deutsch als Mutter- oder Fremdsprache
gesprochen. Die zentralen Zitate aber
entstammen dem Werk eines Autors, dessen Gedichte und Leben geradezu
das Paradigma der Verzweiflung und Melancholie über den Zusammenbruch
der osteuropäischen »Nachbarschafts sind: Georg Trakl. Man kann
sogar das Buch benennen, das Celan in der Hand hatte: eine 72seitige
Broschüre mit dem nüchternen Titel »Gedichte«, 1913 in der berühmten
Serie >Der jüngste Tag< bei Kurt Wolff erschienen. Dort heißt
es (im Gedicht »Psalm«): Bei Trakl sind diese Zeilen
bezogen auf die »Kindheit«, wie auch in einer weiteren Zeile (aus
dem Gedicht »Abendlied«), die Celan aufnimmt: »Wenn es uns dürstet
/ Trinken wir die weißen Wasser des Teichs, / die Süße unserer
traurigen Kindheit.« Oder (im Gedicht »Im Dorf«): »Auch neigt ein
weißes Haupt sich hochbejahrt / Aufs Enkelkind, das Milch und Sterne
trinkt, » und, an anderer Stelle im gleichen Gedicht: »Durch ihre
Arme rieselt schwarzer Schnee. « Selbst das Celansche »Grab in den Lüften«
ist eine Anspielung auf Trakls »Leichenzug in Lüften« (im Gedicht
»Die Raben«). Sehr eigenartig, daß die
Germanistik zwar bereits diskutiert, welche Metaphern der »Todesfuge«
Celan seinen Landsleuten Immanuel Weißglas und Rose Ausländer zu
verdanken habe, aber nicht bemerkt, daß alle drei selbstverständlich
ihren österreichischen Landsmann Trakl kannten (dessen Grab in Mühlau
Celan 1948, sobald es ihm möglich war, besuchte). Auch Celans Gedicht handelt von einer
»Schädelstätte« und den Gedanken an »frühere Leben«, die
sie hervorruft. Aber Celan, der moderne, schweigsamere Poet,
formuliert zurückhaltender; es fehlen völlig die >prunkvollen<
expressionistischen Adjektive
wie »silbern< oder seufzend«; auch heißt es sehr
charakteristisch nicht »Grab«, sondern »Haus«, nicht »Magier«,
sondern Ein einfacher Handwerker, der
seine Arbeit ordentlich verrichtet, abends Briefe an sein Mädchen
schreibt und ihm von seinen goldenen Haaren schwärmt, danach vor das
Haus tritt, »und es blitzen die Sterne« auch dieses offene
Opernlibrettozitat bestätigt, daß dieser Mörder nichts besonderes
ist, kein thanatos, kein Magier, sondern ein ganz gewöhnlicher, etwas
sentimentaler Deutscher, einer von uns, ein Tierfachmann, der seinen
»Rüden« pfeift, und »seinen« Juden, die er ein Grab schaufeln heißt,
mit etwas Musik. Genauso ist es gewesen,
sentimental, professionell, mechanisch. Kühl wird das registriert und
doch politisch genau: Dem »Wir« der Opfer steht das »Er« des Täters
gegenüber, nicht ein »sie«. Nur die Herkunft wird präzisiert: »aus
Deutschlande Eine Ortsangabe. Zwölf Jahre lang hieß die Adresse
vieler Mörder eben Deutschland genauer und zugleich zurückhaltender
könnte man es kaum ausdrücken. Deutschland, das der Kultur die
Techniker nachschickt, die sie zerstören, das goldene und das aschene
Haar - dieses Oxymoron bestimmt auch die ästhetischen Formen
des Gedichts, die »schwarze Milch der Frühe«, das »Grab in den Lüften«;
in der Schlußstrophe wird das Motiv noch einmal aufgenommen: »der
Tod ist ein Meister aus Deutschland sein Auge ist blau / er trifft
dich mit bleierner Kugel er trifft dich genau«. Auch das ein Zitat,
wenn auch sehr fern, fast nur - dem musikalischen Aufbau
entsprechend - einen Ton zitierend, den Balladenton von Goethes
»Erlkönig«: »Mein Sohn, mein Sohn, ich seh es genau / Es scheinen
die alten Weiden so grau.« Kaum mehr als eine Allusion.
Nimmt man sie ernst, faßt sie den Inhalt der »Todesfuge« zusammen:
Damals gab es noch Väter, die zu retten versuchten, heute, wo den
Toten nicht einmal mehr die Erde gegönnt wird, nur das Grab in den Lüften,
verraten sie sich selbst, also ihre Kultur, mit Hölderlin als >Frontausgabe<
im Tornister. Von dem Deutschland,
das da den Tod als Meister sendet, bleiben nur ferne, verschwommene
Erinnerungen an frühere, bessere Meister. Klaus
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