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Aufklärung,
Verklärung, Abklärung Warum
Imperialismustheorien zu verabschieden sind von Michael
Berger Die Annahme,
der Reichtum des Nordens beruhe auf der Armut des Südens, stützt
sich auf ältere Imperialismustheorien, deren Erklärungskraft
inzwischen sehr fragwürdig geworden ist. Eine erkenntniskritische Rückschau
auf die klassischen Imperialismustheorien, die Dependenztheorie und
neuere pluralistische Imperialismustheorien wie den Postkolonialismus
zeigt, dass sich die wissenschaftlichen Theorien über den
Imperialismus vom Typus kritischer Theorie verabschiedet haben. Die in den
letzten hundert Jahren entstandenen Imperialismustheorien suchten nach
Erklärungsgründen für die Politik von Staaten, die außerhalb ihrer
Staatsgrenzen direkt oder indirekt Macht und Kontrolle über andere Völker
ausübten. Die Muster der Theoriekonstruktionen waren dabei sehr
verschieden. Seit Horkheimer (1937) unterscheidet man kritische und
traditionale Theorien. Kritische Theorie geht davon aus, dass Begriffe
und Theoriekonstruktion unentrinnbar Teil der Gesellschaft sind, in
der sie entstehen, und keinen »objektiven«, gleichsam von außen
kommenden Blick auf den theoretisch bearbeiteten Gegenstand erlauben.
Die marxsche Theorie gilt als Prototyp kritischer Theorie.
Traditionale Theorie dagegen bildet Hypothesen über eine als objektiv
unterstellte Wirklichkeit und versucht die Hypothesen zu verifizieren
oder falsifizieren. Prototypisch sind naturwissenschaftliche Theorien,
nach deren Muster dann auch politische und soziologische Theorien
konstruiert wurden. Während kritische Theorien von der dialektischen
Verschränkung von erkennendem Subjekt und erkanntem Objekt ausgehen,
unterstellen traditionale Theorien eine vom Subjekt unabhängige
Objektivität ihres Gegenstands. Kritische Theorien sind daher nicht
ohne weiteres empirisch kritisierbar. Sie verfahren nach der Hegel
zugeschriebenen Maxime, wenn die Tatsachen der Theorie widersprechen,
um so schlimmer für die Tatsachen. Im Kapitel über den
Fetischcharakter der Ware hatte Marx begründet, warum scheinbare
Tatsachen gesellschaftliche Beziehungen verbergen. Traditionale
Theorien behaupten darüber hinaus wertneutral zu sein, kritische
Theorie bestreitet die Möglichkeit von wertneutralen Aussagen. Selbst
Protokollsätzen liegen begründungsbedürftige normative
Vorstellungen zu Grunde, die dem gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang
entstammen. Das höchste Stadium des marxistischen Antiimperialismus Die
bekannteste und wirkungsvollste Imperialismustheorie stammt von Lenin
(1917). Wie die marxistische Diskussion seiner Zeit bewegte ihn die
Frage, warum der Kapitalismus nicht untergegangen war, sondern seine
Wirksamkeit noch verstärkt hatte. Auf der Grundlage der marxschen
Annahmen vom tendenziellen Fall der Profitrate sowie der Schriften von
Hobson (1902), Hilferding (1910) und Luxemburg (1913) erläuterte
Lenin, dass die Konzentration des Kapitals zu immer größeren
Verwertungsschwierigkeiten auf dem inneren Markt führe. Das Kapital
sei daher gezwungen, auf auswärtige Märkte auszuweichen. Der Staat
sichere durch die Annexion fremder Gebiete den Kapitalexport, um damit
Rohstoffquellen und künftige Absatzmärkte für die heimische
Industrie zu gewinnen. Agent des Imperialismus sei das Finanzkapital,
eine kleine Gruppe von Industrieführern und Bankvorständen, die sich
die Zustimmung der Arbeiterschaft durch höhere Löhne erkaufe. Durch
diese Operationen könne der Kapitalismus noch eine Zeitlang überleben,
aber er habe sein letztes Stadium schon erreicht. Durch die
fortschreitende Monopolisierung der Wirtschaft komme es zu einer immer
höheren Vergesellschaftung der Produktion, die den Übergang zum
Kommunismus vorbereite. Lenins Theorie
gehorcht den Vorgaben der marxschen Theorie. Der Imperialismus ist das
letzte Stadium der theoretisch prognostizierten Entwicklungsrichtung
des Kapitals. Kapital ist nach Marx das Huhn, das goldne Eier legt,
sich selbst verwertender Wert, ein »automatisches Subjekt« (MEW 23,
169). Wert wird im Gegensatz zur Klassischen Ökonomie nicht als
akkumulierte Arbeitsmenge, sondern als die beliebige Austauschbarkeit
aller Waren untereinander und gegen Geld verstanden. Durch Austausch
mit der speziellen Ware Arbeitskraft verwertet sich das Kapital und ändert
seine Wertgröße. Maßstab der Wertgröße ist der Bezug aller Waren
zur gesamtgesellschaftlichen Arbeitszeit. Auf Grund der historisch
entstandenen durchgängigen Trennung von privater und
gesellschaftlicher Arbeit wird das Kapital nur in dinglicher Gestalt,
als Geld sichtbar. Die zugrunde liegenden gesellschaftlichen Verhältnisse
werden dadurch unerkennbar. Diese
Kapitaltheorie wird von Marx nicht aus der Empirie gewonnen, sondern
die wahrgenommene Realität wird mit theoretisch gewonnenen Begriffen
geordnet und interpretiert. Die Theorie kann daher auch nicht
umstandslos durch empirische Ergebnisse widerlegt werden. Kapital ist
ein theoretisch gewonnener Wesensbegriff, dem die verschiedenen
Metamorphosen seines Wesens zugeordnet werden. Marx wie Lenin waren
die hegelschen Voraussetzungen ihrer Theoriekonstruktion klar. Sie
kannten auch sehr genau die Einwände gegen diese Theoriebildung. Marx
hat trotz verschiedentlicher Ankündigungen nie eine
erkenntniskritische Abhandlung zur Werttheorie verfasst. Lenin vermied
es, trotz polemischer Arbeiten zur zeitgenössischen Erkenntnistheorie
sich festzulegen (Haug 1995). Ausdrücklich räumt er ein, dass die
abstrakt theoretische Bestimmung des Imperialismus als
monopolistischer Kapitalismus unbefriedigend sei und ergänzt diese
Definition durch die oben angeführten empirischen Merkmale, wobei er
offen lässt, ob die empirischen Befunde nur eine Illustration oder
eine zusätzliche Begründung der theoretischen Definition darstellen. Dennoch ist
Lenins Imperialismustheorie dem Typus kritischer Theorie zuzuordnen.
Aus der Perspektive des Axioms des tendenziellen Fall der Profitrate
interpretierte Lenin Absatzschwierigkeiten des inneren Markts,
Kapitalexport und staatliche Maßnahmen. Das empirische Material
erhielt durch diese theoretische Bearbeitung eine Plausibilität, wie
sie einer soziologischen oder historischen Schilderung nicht zukäme.
In den Sozialwissenschaften wurde Lenin nicht rezipiert, da die
theoretisch geleitete Interpretation empirischer Sachverhalte sich als
unzutreffend erwies. Die Engpässe des inneren Marktes erklären nicht
ausreichend den Kapitalexport, der vor allem in kapitalistische
entwickelte Länder und nicht in die Kolonien erfolgte. Die Formen der
Kooperation von Finanzkapital und Staat entsprach nicht den
Unterstellungen Lenins. Außerdem unterschätzte er den
innenpolitischen und sozialen Drück auf die Regierungen als Ursache
ihrer imperialistischen Politik (Wehler 1969). Die Dependenztheorie: ein traditionaler Theorietyp Lenins Muster
einer Imperialismustheorie wurde auch von marxistischen Autoren nicht
mehr aufgenommen (Mommsen 1987, 92 ff). Die unter dem Einfluss
lateinamerikanischer Theoriebildung entstehende Dependenztheorie
setzte nicht mehr am tendenziellen Fall der Profitrate an, sondern der
marxsche Begriff der Ausbeutung als ein Verhältnis von Lohnarbeit und
Kapital wurde (unzulässig) auf das Verhältnis zwischen nationalen
Kapitalen ausgedehnt. Zentrales Argument der Dependenztheorie war die
Ausbeutung anderer Nationen durch ungleichen Tausch. Etwas verkürzt:
der Reichtum des Nordens beruht auf der Armut .des Südens. Entsprechend
wurde die neuere Geschichte unter der Perspektive des ungerechten
Tauschs aufbereitet. Die wichtigsten Thesen der Dependenztheorie
lassen sich so zusammenfassen: Die Ausplünderung der nichteuropäischen
Länder hat schon im 16. Jahrhundert begonnen (Wallerstein 1974). Die
direkte koloniale Kontrolle ist durch indirekte neokoloniale
Mechanismen - Entwicklungshilfe, Kreditgewährung und Handelsschranken
- ersetzt worden. Unterentwicklung ist kein Schicksal, sondern
Resultat der fortgesetzten Kolonisierung. Die ständige
Verschlechterung der Terms of Trade führte zu einem fortwährenden
Kapitalabfluss aus den Entwicklungsländern und blockiert die weitere
Entwicklung. Die multinationalen Unternehmen retransferieren ihre
Gewinne ins Mutterland. Die Produktion, meist auf hohem technischen
Niveau, schafft nur wenige Arbeitsplätze mit geringen Folgeeffekten für
das Gastgeberland, da Produkte für auswärtige Märkte produziert
werden. Die Bildung eines inneren Markts wird behindert, ebenso die
Entstehung einer einheimischen Bourgeoisie, die - wie einstmals in
Europa - auch in der Lage wäre, politische Forderungen zu stellen.
Partner der multinationalen Konzerne ist eine kleine Oberschicht,
meist westlich gebildet, Abnehmer von Luxusgütern und ausländischen
Kapitalbeteiligungen. Sie sind zwar sozial isoliert, aber durch ausländische
Militärhilfe und das einheimische Militär geschützt. Die
traditionelle Sozialstruktur und Produktionsweise bleiben weitgehend
erhalten. Dabei ist die Ausbildung von Subimperialismen nicht
ausgeschlossen. Durch
Systematisierung dieser Darlegungen entwickelte Johan Galtung 1972 die
Theorie des strukturellen Imperialismus. Ausdrücklich wollte Galtung
an die Leninsche Imperialismustheorie anknüpfen. Er unterschied
Zentrumsnationen und Peripherienationen, wobei beide jeweils wieder in
ein Zentrum und in eine Peripherie geteilt sind. Die Zentrumsnationen
bilden in den Peripherienationen Brückenköpfe. Unmittelbare
Interaktionen zwischen den Peripherien würden vom Zentrum nicht
zugelassen. Die Peripherienationen könnten in der Regel nicht zu
anderen Zentren wechseln. Auf Grund dieser Mechanismen bedürfe es
keiner militärischen Gewalt, der perfekte Imperialismus benötige
keine Waffen, sondern stütze sich auf strukturelle Gewalt. Galtung
unterscheidet fünf Typen von Imperialismen, je nach den
vorherrschenden sozialen Beziehungen zwischen Zentrum und Peripherie.
Die fünf Typen können auch miteinander kombiniert sein oder sich
ineinander verwandeln. Der ökonomische Imperialismus besteht im
Austausch industrieller Produkte gegen Rohstoffe. Der politische
Imperialismus fußt auf der Übernahme von Entscheidungen und der
Nachahmung politischer Modelle des Zentrums durch die Peripherie. Der
militärische Imperialismus schützt die Oberschicht der Peripherie
vor einheimischen Aufständen und ermöglicht die politische
Vorherrschaft des Militärs. Der kommunikative Imperialismus besteht
im Austausch und der Monopolisierung der Nachrichten, der Medien und
des Tourismus. Der kulturelle Imperialismus praktiziert die Entsendung
von Lehrern und die Übernahme des Bildungssystems und der
Bildungswerte des Zentrums durch die Peripherie (Senghaas 1973). Die
Dependenztheorie wurde zur Lieblingstheorie vieler
Entwicklungshilfeorganisationen. Obschon sie sich auf Marx bezieht,
gehört sie zum Typus traditionaler Theorie. Vom marxschen
Ausbeutungsbegriff blieb nur noch die moralische Bewertung übrig. Der
Begriff Struktur war vage und bedeutete ähnlich wie in der Annales
Schule lediglich lange Dauer. Die Unterscheidung der fünf durch die
Museen und wissenschaftliche Orientalistik des 19. Jahrhunderts
hinterfragt. Nicht methodisch, aber inhaltlich wird ein Motiv der
Kritischen Theorie wieder aufgenommen, dass nämlich das Beschreiben
im Beschriebenen verbleibt (Luhmann). Der herkömmliche Begriff des
Kulturimperialismus wurde dadurch erweitert. Europäische Wahrnehmungs-
und Wissensvorstellungen überformen die indogenen Kulturen,
antiimperialistische Opposition ist nur in einem schon disziplinierten
sprachlichen Terrain möglich: den abendländisch binären Denkmustern
(das Selbst = der Andere, zivilisierteingeboren). Vereinzelt wagen
Autoren, aus ihren Forschungen prognostische Schlussfolgerungen zu
ziehen. Samuel P. Huntington (1996) sieht mit dem Ende des 20.
Jahrhunderts das Ende des Kulturimperialismus gekommen. Weltweit sei
es zu einer Restauration der Religionen gekommen, die fundamentale Bedürfnisse
der Menschen nach sozialer Identität befriedigten. Ein Dritter
Weltkrieg könne entstehen, wenn der Westen in einen fremden
Kulturkreis interveniere, statt ihn seine Auseinandersetzungen selbst
lösen zu lassen. Das Fazit? Die
kritische Theoriekonstruktion von Lenins Imperialismustheorie
immunisierte sie lange gegen empirische Einwände und garantierte so
ihre politische Wirkung. Die Dependenztheorie bezog ihre politische
Wirkung aus der unberechtigten Partizipation an diesem Muster. Es ist
kein schlechter Tausch, wenn man sich von der vermeintlichen Klarheit
dieser Theorien verabschiedet. Die historische und soziologische
Imperialismusforschung hat nur begrenzte Erklärungsansprüche und
reflektiert nur ausnahmsweise ihre Methoden und zugrundeliegenden
Normvorstellungen. Dafür leistet sie, wie Luhmann sagt, Abklärung
statt Aufklärung. Literaturnachweise: ‑ Ashcroft, Bill, Garet
Griffiths, Helen Tiffin Hrg. (1995) The Post-Colonial Studies Reader,
London ‑ Boeckh,
Andreas, Petra Speier (1998) Terms of Trade, in: Lexikon Dritte Welt
hrg. von Dieter Nohlen S. 731-733, Reinbeck ‑
Fistetti, Francesco (1999) Methodischer Individualismus. In: Enzyklopädie Philosophie hrg. von Hans Jörg Sandkühler S.
840‑844 ‑ Frankfurt ‑ Haug,
Wolfgang Fritz Hrg. (1995) Dialektik. In: Historisch-Kritisches Wörterbuch
des Marxismus Bd 2, 657-693, Hamburg ‑
Horkheimer, Max (1937) Traditionelle und kritische Theorie. In: Max
Horkheimer (1986) Traditionelle und kritische Theorie, 4 Aufsätze
Frankfurt S.12-64. ‑
Huntington, Samuel P. (1997) Der Kampf der Kulturen: Die Neugestaltung
der Weltpolitik im 21. Jahrhundert, München ‑
Mommsen, Wolfgang J. (1987) Imperialismustheorien ‑ Göttingen ‑ Senghaas, Dieter Hrg. (1973) Imperialismus und strukturelle Gewalt. Analysen über abhängige Reproduktion, Frankfurt; Wallerstein, Immanuel (1974) The Modern World-System. Vol. 1, N.Y. Wolfe, Patrick (1997) History and Imperialism: A Century of Theory, from Marx to Postcolonialism. In: American Historical Review, Vol. 102, p. 388-420 |