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Christian Semler - Ein brillanter ÄnderungsschneiderVon Stefan Kuzmany und Michael Sontheimer
Manchmal muss man Prioritäten setzen. Zum Beispiel an einem späten
Nachmittag, die Seite eins der "taz" soll in einer halben Stunde fertig
sein, doch es gibt noch nichts, keine Schlagzeile, keine Idee, und auch
die Texte fehlen. Und eigentlich müsste man jetzt rotieren, mit
Schweißperlen auf der Stirn. Aber dann steht Christian Semler am Tisch
des Chefs vom Dienst. Ihm sei da gerade ein Witz eingefallen. Und danach,
das sei ja auch interessant, welche Bedeutung die biblischen Figuren Gog
und Magog hätten, deren Zusammentreffen dereinst den Weltuntergang
einläuten werde, soll er mal erzählen?
Selbstverständlich sollte er. Da konnte ringsum die Welt untergehen oder
auch nur eine Koalition auf Landesebene - das Tagesgeschäft spielte
keine Rolle, wenn man die Chance hatte auf ein anregendes Gespräch mit
Christian Semler, diesem weisen Mann, dem klügsten Kopf der "taz".
Wenn er sein Wissen teilen wollte, hörte man gerne zu. Denn von ihm und
an seinem Beispiel konnte man lernen. Über die Geschichte und Wandlung
der westdeutschen Linken. Oder einfach einen guten Witz.
Ein Achtundsechziger, im Guten wie im Schlechten
Christian
Semler verkörperte die Achtundsechziger,
im Guten wie im Schlechten. Vom Protagonisten des anarchistischen
Flügels der Studentenbewegung in West-Berlin verwandelte er sich in den
Generalsekretär einer maoistischen Partei, bevor er als Journalist zum
linken und grünen Demokraten wurde.
Semler, der in
der Nacht zu Mittwoch in Berlin an Blutkrebs gestorben ist, stammte aus
bürgerlichen beziehungsweise bourgeoisen Verhältnissen. Seine Mutter war
die bekannte Schauspielerin und Kabarettistin Ursula Herking, sein Vater
der CSU-Mitbegründer und Bundestagsabgeordnete sowie
BMW-Aufsichtsratsvorsitzende Johannes Semler.
Im Jahr 1938 in
Berlin geboren, wuchs Christian Semler weitgehend in Bayern und in
verschiedenen Internaten auf, studierte in Freiburg im Breisgau und
München Jura. Nach einem kurzen Zwischenspiel als "Beamtenanwärter" nahm
er das Studium der Politologie und Geschichte auf. Bereits 1957 trat er
in den Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) und die SPD ein,
wobei er der Partei bald wieder den Rücken kehrte.
Im SDS dagegen
in West-Berlin traf Semler auf unruhige Geister wie Rudi
Dutschke, Bernd Rabehl, Peter Schneider und viele andere. Es
ging ihm bald nicht mehr nur um die Demokratisierung der Universitäten,
sondern um nichts Geringeres als den vollständigen Umsturz der
herrschenden Verhältnisse. Inspiriert von Revolutionären der Dritten
Welt wie Che Guevara und Ho Chi Minh propagierten Semler und seine
Genossen die Weltrevolution und träumten davon, dass Arbeiterräte in
West-Berlin die Macht übernehmen könnten.
Stratege der militanten Eskalation
Nachdem ein
Polizist den Studenten Benno Ohnesorg erschossen und ein Rechtsradikaler
Rudi Dutschke lebensgefährlich verletzt hatte, legitimierte Semler den
"Widerstand" der Studenten gegen die Staatsgewalt. Er war ein brillanter
Redner, ein Mann der Militanz und als solcher der Stratege der
Eskalation, als Studenten, Jugendliche und Rocker im November 1968
mittels eines Steinhagels vor dem Landgericht am Tegeler Weg Hunderte
von Polizisten in die Flucht schlugen. Doch auf einer Demonstration
schlug dann ein Polizist Semler derart hart mit dem Knüppel ins Gesicht,
dass er fortan schlecht sah und starke Brillen tragen musste.
Als die
Bewegung sich 1969 schon festlief, in terroristische Gruppen und
theoretische Zirkel zerfiel, griffen Semler und andere Genossen tief in
die Requisitenkiste der Arbeiterbewegung. Von antiautoritären
Anarchisten verwandelten sie sich in maoistische Kader und unternahmen
den Versuch, von West-Berlin aus eine revolutionäre Arbeiterpartei
aufzubauen, die Kommunistische Partei Deutschlands Aufbauorganisation,
abgekürzt KPD/AO, von anderen Linken gerne als "Anull" geschmäht.
In der KPD
versuchten sich Bürgerkinder zur Proletariern umzuerziehen, während die
umworbenen Proletarier für die Revolution schon viel zu bürgerlich
waren. Wie andere linksradikale Kleinparteien kamen auch Semler und
seine Kader Ende der siebziger Jahre nicht umhin, ihr Scheitern
einzugestehen. Mit autoritären Rezepten der Kommunisten aus den
zwanziger Jahren und aus dem fernen China ließen sich in der
Bundesrepublik keine Massen mobilisieren.
Das maoistische Weltbild bröckelte
Es seien damals
die Genossen in Osteuropa gewesen, berichtete Semler 1999 der "Zeit",
die sein maoistisches Weltbild bröckeln ließen. Semler und seine
KPD/AO-Mitstreiter hatten erwartet, in Oppositionellen aus Polen und
Jugoslawien zuverlässige Verbündete gegen die Sowjetunion zu finden -
und mussten feststellen, dass diese nicht nur Stalin, sondern auch den
verehrten Mao für einen Verbrecher hielten. Es sei ihm unmöglich
geworden, weiterhin zugleich gegen den Stalinismus und für den Maoismus
einzutreten.
Während ein
großer Teil der KPD-Kader in der Alternative Liste in West-Berlin und
bei den Grünen eine neue Heimat suchte, wandte sich Semler der
polnischen Gewerkschaft Solidarnosc und
deren Kampf zu. Er arbeitete in Köln als freier Journalist, und als sich
Anfang 1989, von Polen ausgehend, der Zusammenbruch des Sozialistischen
Lagers unter Führung der Sowjetunion andeutete, zog er nach West-Berlin
und begann, bei der "taz" zu arbeiten. Bald nach dem Fall der Mauer ließ
Christian Semler sich in Ost-Berlin, im Prenzlauer Berg nieder, wo er
bis zu seinem Tode wohnte.
Die Wandlung
des maoistischen Hardliners zu einem linksalternativen Intellektuellen
vollzog Semler mit einer in der Linken selten anzutreffenden
Gelassenheit - ohne bekenntnishafte Generalabrechnung mit der eigenen
Vergangenheit, aber doch mit beständiger Hinterfragung seiner Positionen
in der täglichen Arbeit, in seinen Kommentaren zum Zeitgeschehen, die er
selbst gerne "Besinnungsaufsätze" nannte.
Das lebendige Gedächtnis der Revolte
"Wer sich eine
Linke wünscht, deren historische Verarbeitungskapazität sich nicht auf
das Wiederkäuen von Mythen beschränkt, ist zur kritischen Sicht auch auf
die Geschichte des eigenen Lagers verdammt", schrieb Semler 2001 in
seinem bemerkenswerten Aufsatz "Die
Linke im Waschsalon", in welchem er die aus den Fünfzigern
vererbten Hauptantriebe einer "unglücklichen Linken" analysierte: "Imaginierte,
aus dem moralischen Entscheid und aus Hoffnungsblau geborene Projekte
plus ständiger Angst vor dem Rückfall in die Barbarei." Er schließt: "In
die Waschmaschine damit? Keinesfalls. Sondern in die
Änderungsschneiderei, zur Secondhandverwertung!"
Daniel Cohn-Bendit
nannte Christian Semler "das lebendige Gedächtnis der linken Revolte",
und als solches erlebten ihn die Kolleginnen und Kollegen bei der "taz"
alltäglich: Wenn wieder einmal ein Fernsehteam gekommen war, um den
Zeitzeugen zu befragen. Wenn Semler, als alle die Redaktionskonferenz
bereits beendet glaubten, zur allgemeinen Erörterung grundsätzlicher
Fragen des Systems aufrief. Seine Themen waren stets die Bürgerrechte,
der Rechtsstaat und die Bekämpfung des Totalitarismus jeder Einfärbung.
Gleichzeitig war Semler aber gerne bereit, sein umfangreiches Wissen
auch zur unterhaltsamen Analyse profaner Tagesereignisse zur Verfügung
zu stellen. Welche tiefere Bedeutung hatten die Absperrgitter bei einem
Bush-Besuch in Berlin? Wie ist die "geradezu kulinarische" Bezeichnung "Döner-Morde"
zu verstehen? Und was sagt es uns, wenn es "das gute Leben" jetzt zum
Schnäppchenpreis im Supermarkt gibt? Semler wusste Bescheid.
2009 wurde
Christian Semler für sein journalistisches Schaffen der Otto-Brenner-Preis
verliehen. 2010 erhielt er vom polnischen Staatspräsidenten Bronislaw
Komorowski die Dankesmedaille des Europäischen Zentrums der Solidarnosc
für seinen Einsatz für die demokratische Opposition in Osteuropa. Beide
Ehrungen hat er zweifellos verdient.
Doch ein
ausgezeichneter Mensch war Christian Semler sowieso. Spiegel, 14.2.2013 |