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Karlheinz SCHNEIDER Beim DIAK-Seminar zum Thema "Solidarität
und deutsche Geschichte - Die Linke zwischen Israelkritik und
Antisemitismus" stand durchgängig die Frage nach der nationalen
Identität auf der Agenda. Oft blieb diese unterschwellig und verschaffte
sich allenfalls ernotional-erruptiven Ausdruck. Manchmal wurde sie in
Art "gezielter Mißverständnisse" verhandelt. Dabei erscheinen mir diese
und andere Formen wie auch schlagwortartige Kürzel und Zuspitzungen
Hinweis dafür zu sein, daß die Frage nach "Solidarität in der deutschen
Geschichte" sich wohl mit Notwendigkeit zu einer Befragung der eigenen
individuellen wie kollektiven Identität verlängert. Mit Notwendigkeit
zumindest dann, wenn sich Beteiligte und Betroffene mit Inter-Esse
einmischen. Das aber machte gerade jene
Spannung auf dem Arnoldshainer Seminar aus, daß sich fast alle in ihrem
aktuellen politischen Selbstverständnis angesprochen fühlten. Die Frage
nach "Solidarität in der deutschen Geschichte" blieb keine Fragestellung
für eine abgehobene politikwissenschaftliche Erörterung. Jeder Beitrag,
ob von den Referenten oder denen, die mitdachten und mitsprachen,
reflektierte ein Stück Autobiographie und legte somit den eigenen
politischen Werdegang offen.
Die Erfahrungen des Seminars sowie zentrale Fragen und Kontroversen
während desselben veranlassen mich, einige Anmerkungen zur jüdischen und
deutschen Identität unter dem Blickwinkel Israel vorzulegen. Dabei werde
ich in einem ersten Abschnitt zum deutsch-jüdischen Gespräch Stellung
beziehen und die These vertreten, daß ein deutsch-jüdisches bzw.
deutsch-israelisches Gespräch dann "falsch läuft", wenn es den
innerjüdischen Dialog respektive das jüdisch-israelische Gespräch nicht
wahrnimmt. Im
zweiten und dritten Abschnitt versuche ich, Momente jüdischer und
deutscher Identität der Nachkriegsgenerationen zu benennen und ihren
Zusammenhang mit Israel anzugeben. Im vierten Abschnitt greife ich
einige Themen auf, die während des Seminars in Arnoldshain Gegenstand
oft heftiger Auseinandersetzungen waren.
I. Zum
deutsch-jüdischen Gespräch Daß das deutsch-jüdische Gespräch
nicht stattgefunden habe, ist eine vom Gershom Scholem aufgestellte und
aus seiner Sicht begründete These. Ob sich an dem von Scholem
behaupteten Tatbestand heute, und zwar unter den Bedingungen des Nach-Holocaust,
etwas geändert hat? Jede Antwort auf
diese wird eine Antwort auf
eine weitere Frage mit
einschließen müssen: Wie geht eine neue deutsche Identität, wie ein
linkes deutsches Nationalbewußtsein mit Israel als konkretem Zionismus
um? Mit Bezug auf Scholem und die
hier gestellte Doppelt-Frage ließe sich das Seminar "Solidarität und
deutsche Geschichte" auch folgendermaßen aufschlüsseln:
-
Solidarität mit den Juden ist in der deutschen Geschichte nicht
ausgeprägter als das deutsch-jüdische Gespräch;
-
die Israelkritik "der" deutschen Linken gibt kaum Anlaß zu behaupten,
sie habe aus der Geschichte gelernt. Zugegeben, das sind
schwerwiegende Behauptungen. Ich werde in meinen Ausführungen später
darauf eingehen.
1964 wurde Gershom
Scholem von Manfred Schlösser gebeten, für eine Gedenkschrift zu Ehren
von Margarete Susman einen Beitrag zu verfassen, der dem "im Kern
unzerstörbaren deutsch-jüdischen Gespräch" gewidmet sein sollte. Scholem
verfaßte statt dessen einen Brief "Wider den Mythos vom
deutsch-jüdischen Gespräch", weil er bestritt, "daß es ein solch
deutsch-jüdisches Gespräch in
irgendeinem echten Sinne als
historisches Phänomen
je gegeben hat"[1].
In seiner Erwiderung auf Scholem versucht Schlösser seine Auffassung zu
begründen. Dabei formuliert er jenen bedenklichen Satz: "So bedeutsam
gerade der Zionismus die Möglichkeit einer echten Integration - der
Juden der Diaspora - vorantrieb, so lieferte er aber andererseits auch
der Gegenbewegung des Antisemitismus Material zur Entfaltung"[2].
1958 veröffentlichte Heinz J. Heydorn in den "Gewerkschaftlichen
Monatsheften" einen Beitrag zu "Judentum und Antisemitismus"[3].
Zum deutsch-jüdischen Gespräch vertritt er eine klare und eindeutige
Position, die jener von Scholem sehr nahe steht. Er schreibt: "Es liegt
die Vermutung nahe, daß die deutsch-jüdische Lebens- und
Geistesgemeinschaft eine jüdische Fiktion war. ... Die deutsch-jüdische
Lebensgemeinschaft war weithin eine jüdische Vorstellungsgemeinschaft"[4].
In seinem ebenso einfühlsamen wie analytisch präzisen Beitrag macht
Heydorn gegen Ende eine beachtenswerte Bemerkung. Er schreibt, sich auf
Martin Niemöller beziehend: "Israel ist ... 'eine noch größere
Versuchung' (für die Juden, A.v.m.) als es die Emanzipation mit ihren
törichten Hoffnungen jemals sein konnte. ... 'Israel' ist eine Aufgabe,
kein Staat; eine Gemeinschaft, kein Volk; eine Verheißung, keine Macht.
... sollte sich jedoch das Bewußtsein des Judentums ausschließlich mit
dem Gedanken eines Nationalstaates identifizieren, wird das 'Judentum'
ausgelöscht sein"[5].
Daß die beiden hier angeführten Beispiele
weit auseinanderfallen, sei
sofort gesagt und doppelt unterstrichen. Immerhin bleibt bemerkenswert,
daß sich in beiden Beispielen ein distanzierender Gestus gegenüber
Zionismus und israelischem Staat zu Worte meldet, wenn vom
deutsch-jüdischen Gespräch bzw. der deutsch-jüdischen Lebensgemeinschaft
die Rede ist. Nichtjuden reklamieren hier etwas - sei es Einsicht, sei
es Verhalten - von Juden, was von ihrem Verständnis als Deutsche über
Juden und Judentum offensichtlich wichtig zu sein scheint. Ohne Zweifel
haben solche Reklamationen ihre Berechtigung, wenn
sie "reinen Willens" sind.
Doch zugleich sollte klar sein, was mit solchen Reklamationen
auch eingefordert wird,
nämlich ein "Leben im Aufschub".
Wenn Heydorn im Zusammenhang mit der oben zitierten Ausführung meint:
"'Israel' ist eine Utopie und die einzige Realität zugleich, in der sich
das menschliche Leben von der Ewigkeit berührt findet"[6]
, so möchte ich dieser Auffassung eine andere Auffassung - nicht als
Widerspruch, sondern als Verweis auf ihre Konsequenz- von Gershom
Scholem an die Seite stellen.
In
seinen "Grundbegriffen des Judentums" erinnert Scholem mit dem Beitrag "Zum
Verständnis der messianischen Idee im Judentum"[7]
an
"den Preis, den das jüdische Volk für diese Idee (des Messianismus;
A.v.m.), die es der Welt geschenkt hat, aus seiner Substanz hat bezahlen
müssen. ... So hat die messianische Idee im Judentum das
Leben im Aufschub erzwungen,
in welchem nichts in endgültiger Weise getan und vollzogen werden kann.
Die messianische Idee - darf man vielleicht sagen - ist die eigentlich
anti-existentialistische Idee. Es gibt, genau verstanden, jenes Konkrete
gar nicht, das von nichterlösten Wesen vollzogen werden könnte. Das
macht die Größe des Messianismus aus, aber auch seine konstitutionelle
Schwäche. Die jüdische sogenannte 'Existenz' hat das Gespannte, niemals
sich wahrhaft Entladende, das nicht Ausgespannte an sich, das, wo es
sich in unserer Geschichte entlädt, mit einem törichten Wort dann als
Pseudo Messianismus verschrien"[8]
wird.
Gershom Scholem, zeit seines Lebens ein kritischer Zionist, widerspricht
nicht einmal den von Heydorn zitierten Ausführungen. Aber er gibt den
Blick frei für das Ganze: Die messianische Idee zwischen Utopie
und Wirklichkeit, zwischen
Leben im Aufschub und
Bereitschaft zum unwiderruflichen Einsatz fürs Konkrete. Damit ist dann
unmittelbar und zunächst der jüdisch-israelische Dialog angesprochen,
den Scholem sich gleichsam
dann verbittet, wenn er "als Pseudo-Messianismus entlarvt wird"[9].
Heydorn selbst - und darin liegt seine merkliche Diskrepanz zu den
Auffassungen von Schlösser - läßt erkennen,
daß die Verpflichtung der Juden auf "Israel als Utopie" einem Nichtjuden
nicht ansteht, Er schreibt: "... auch kann kein Nichtjude einem Juden
empfehlen, sich lieber erschlagen zu lassen, statt in Israel eine
Heimstätte aufzubauen. Eine solche Empfehlung, um eines geistigen
Auftrages willen das Risiko der Existenz zu übernehmen, kann man sich
immer nur selber geben.“[10]
Mit diesem Gedanken spricht
Heydorn aber eine Dimension
des/r deutsch-jüdischen Gesprächs/Lebensgemeinschaft an, die uns - Juden
wie Deutschen - in Vergessenheit geraten zu sein scheint. Mehr noch: Ist
diese Dimension überhaupt je in ihrer Bedeutung erkannt worden? Ich
spreche hier vom innerjüdischen
Gespräch im allgemeinen und vom
jüdisch-israelischen Dialog im besonderen. In Heydorns Einschätzung Israels
als einer "noch größeren Versuchung als es die Emanzipation" je war,
wird ja - wenn auch verzerrt - ein Thema großer existentieller Bedeutung
angesprochen. Die Gefahren, welche Israel als nationalstaatlichem
jüdischen Lebensentwurf dann drohen, wenn dieser Entwurf den gängigen
und bekannten Realpolitiken "ausgesetzt" ist, sind jedoch keine
Neuentdeckung nach dem
Junikrieg 1967 oder gar nach
der politisch-revisionistischen Wende von 1977. Der gesamte
Kongress-Zionismus, die Auseinandersetzungen im jüdischen Jischuv (zionistische
Kolonisation in Palästina) und die tiefgehenden Meinungsunterschiede
seit der Staatsgründung Israels sind doch auch immer Ausdruck eines
zionistischen Selbstzweifels. Dieser kann auf die Kurzformel/-frage
gebracht werden: Wie normal kann, muß und/oder darf Israel als Staat
sein.
Bei diesem Selbstzweifel handelt es sich aber nicht nur um einen
innerzionistischen oder innerisraelischen Streit. Gleichsam daneben,
immer aber schon vom zionistischen Lebensentwurf betroffen, steht die
innerjüdische Auseinandersetzung. Diese Auseinandersetzung hat durch den
Holocaust und die ihm folgende wie von ihm erheblich beeinflußte
Staatsgründung Israels eine ganz bestimmte Einfärbung erhalten. Sie ist
eine zionistisch
dominierte und somit für lange Zeit kein Dialog unter Gleichen. Wie
hätte dies aber auch anders sein können? Wer nun aber wie Dan Diner einen
protozionistischen Charakter
des Judentums beklagt, will wohl
auch damit sagen, der innerjüdische Dialog habe sich gleichsam
innerzionistisch verengt. Dies ist jedoch eine, auf dem Hintergrund der
jüdischen Gemeinschaft der Bundesrepublik Deutschland zwar verständliche,
Fehleinschätzung.
Dominanzverhältnisse im innerjüdischen Gespräch und in der
Auseinandersetzung zwischen Juden um den jüdischen Lebensentwurf sind
keine Besonderheit seit Bestehen des Zionismus. Solche
Dominanzverhältnisse sind vielmehr Bestandteil der jüdischen Geschichte
überhaupt mit ihren wechselnden Schwerpunkten. Gerade im Blick auf die
deutsch-jüdische Geschichte sollte man sich erinnern, daß die "Emanzipation
mit ihren törichten Hoffnungen" (Heydorn) nirgend so ausgeprägt war wie
unter deutschen Juden respektive Deutschen jüdischer Herkunft. Deshalb
kann Nachum Goldmann in seiner Autobiographie zu Recht sagen, daß keine
jüdische Gemeinschaft die Angleichung mit "einer solchen Intensität und
intellektuellen wie emotionalen Anstrengung"[11]
unternommen hat wie die deutsche. Dialog und oft kämpferischer
Streit unter Juden, aktuell vor allem das jüdisch-israelische "Gespräch",
werden allerdings kaum gebührend zur Kenntnis genommen. Oft werden sie
ignoriert. Auch deshalb werden Juden in der Regel stereotyp
als Juden "wahrgenommen".
Gerade was die Bundesrepublik Deutschland betrifft, was vor allem die
nachgewachsenen deutschen Generationen anlangt, erschwert die Unkenntnis
des innerjüdischen Dialogs entscheidend ein Gespräch zwischen Deutschen
und Juden. Nun ist es allerdings gar nicht einfach zu bestimmen, wie der
jüdisch-israelische Dialog aussieht. Ich werde später insoweit darauf
eingehen, als ich mich mit Identität von Juden in der Bundesrepublik
Deutschland befassen werde. Daß dieser Dialog und seine Rezeption von Bedeutung
für die deutsche Identität, gerade auch für ein linkes deutsches
Nationalbewußtsein ist, halte ich aus folgenden Gründen für wichtig. Die deutsche Geschichte weist
nicht nur kein "deutsch-jüdisches Gespräch in irgendeinem echten Sinne"
aus. Sie entwickelt vielmehr ein nationales/nationalstaatliches
Bewußtsein in deutlicher Aus- und Abgrenzung zu ihren jüdischen "Mitbürgern".
Und dieses historische Erbe
wird zuletzt durch den Massenmord im Holocaust potenziert. Jedes argumentativ neu zu
bestimmende deutsche Nationalbewußtsein, auch als Stellungnahme zur wie
immer gearteten offenen deutschen Frage, kann über
dieses potenzierte Erbe nur um
den Preis einer schwerwiegenden und weitreichenden Deformation
hinweggehen. Jahrzehnte nach 1945 hat man es mit vielfältigen Formen der
Verdrängung versucht - auch mit einer ebenso undeutlichen wie
schädlichen Sonderbeziehung zwischen Bonn und Jerusalem. Die oft beschworene und
formelhafte "historische Verantwortung gegenüber Israel" verkommt dabei
entweder zur belanglosen Feiertagsnegrologie oder sie verliert sich
beispielsweise in stupide Gleichsetzungen wie "Zionismus gleich
Faschismus". Dies geschah und geschieht, weil das historische Erbe nicht
als konkreter Bestandteil eines neuen Nationalbewußtseins verarbeitet
wurde und wird. Dazu wäre nämlich erforderlich, ein deutsch-jüdisches
Gespräch in "einem echten Sinne" aufzunehmen.
Wie soll ein solches Gespräch aber möglich sein, wo in Folge von
Holocaust die jüdische Gemeinschaft in Deutschland zu einer solchen
minoritären Gruppe - mit ungewisser Zukunft - geworden ist, der jede
gesellschaftliche Funktion in der bundesdeutschen Gesellschaft (und in
der DDR) abhanden gekommen ist? Den naheliegenden Schluß, das
deutsch-jüdische durch ein deutsch-israelisches Gespräch zu ersetzen,
halte ich für einen Trugschluß. Wie die Entwicklung der neuen deutschen
Linken seit 1967 zeigt,
wird ein solches Substitut allzuschnell im tagespolitischen und
aktionistischen Kalkül untergehen. Gegen solche Trug- und Kurzschlüsse
könnte zunächst helfen, auf das Selbst- und Geschichtsverständnis von
Juden hinzuhören, das nie unisono und monolytisch ist. In einem Hinhören
gelänge es vielleicht, aus den jeweiligen, oft von Selbstzweifeln
gebrochenen, jüdischen Lebensentwürfen etwas von jener Spannung zu
erfahren, die Heydorn in seinen dualistischen Begriffspaaren "Aufgabe -
Staat", "Gemeinschaft - Volk", "Verheißung - Macht" einzufangen versucht.
Hinhören - ohne die Spannungen kurzschlüssig aufzulösen. Erst die
Aufnahme des israelisch-jüdischen Gesprächs aber könnte dann die
Möglichkeit eröffnen, ein neues deutsches Nationalbewußtsein aus
Vergangenheit und Gegenwart zu bestimmen. Hinhören und Aufnahme sind dabei
gewiß nicht rezeptiv-passiv; sie lassen hinreichend Raum zum
respektvollen und solidarischen Einmischen. Überflüssig zu sagen, daß
all dies keine "Verengung" auf jüdische Themen verlangt. Gar nicht
überflüssig jedoch zu erinnern, daß gerade die Negrophilie der
Vergangenheit und die aktionistische Verkürzung auf Israel bei der
nachgewachsenen deutschen Generation kein Empfinden und kein Bewußtsein
für ein "echtes" deutsch-jüdisches Gespräch entwickelt hat bzw.
entwickeln konnte.
Mithin stehen wir wieder und immer noch am Anfang! Es wird uns viel
abverlangt werden. Dabei gilt heute wie 1965 jene von Gershom Scholem
getroffene Bestimmung: "... zukunftsträchtige Hoffnungen (solcher
Gespräche) können auf der Erkenntnis der Vergangenheit allein sich
erheben. Ohne solche Erkenntnis, welche zugleich Eingedenken und
Erinnerung ist, wird diese Hoffnung keine Schwingen haben".[12]
II. Momente jüdischer Identität in der Bundesrepublik
Dan Diner sprach davon, "daß es eigentlich eine Blasphemie ist, nach
1945 als Jude in Deutschland zu leben"[13].
Mit dieser Aussage gibt er die Blickrichtung für die zentrale
Problematik einer jüdischen Identität in der Bundesrepublik an - vor
allem für die nachwachsende zweite Generation.
Als die Zionistische
Weltorganisation ihre Verbindungsbüros 1949 in der Bundesrepublik schloß,
tat sie dies gleichsam mit einem öffentlichen Bann, als sie feststellt,
daß "einige Zehntausend Juden, die noch in Deutschland verbleiben,
keine Berechtigung zum Hierbleiben haben, weder eine jüdische, noch eine
zionistische, noch eine menschliche".[14]
Die nach 1945 in Westdeutschland lebenden Juden können kaum als "Gemeinschaft"
betrachtet werden; sie sind soziokulturell mehrfach gespalten. Walter
Oppenheimer unterscheidet drei Gruppen: Juden osteuropäischer Herkunft,
die als Displaced People in Deutschland verblieben; jüdische Familien,
welche aus dem westlichen Ausland nach Deutschland zurückkehrten; die
Gruppe früher Rückwanderer aus Israel in die Bundesrepublik. Für die in
seiner sozialpsychologischen Studie untersuchten Kinder und Jugendlichen
stellt Oppenheimer fest: "Im Durchschnitt haben die Eltern aller
Befragten in fast drei Ländern gelebt. Allein von dieser Tatsache her
müssen sich schon nicht unerhebliche Integrations- und
Verwurzelungsschwierigkeiten der Kinder und Jugendlichen ergeben".[15]
Die Juden im Nachkriegsdeutschland leben aber nicht nur untereinander,
sondern auch zu ihrem gesellschaftlichen Umfeld isoliert. Oppenheimer
charakterisiert diese Situation folgendermaßen: "Der osteuropäische
ehemalige Flüchtling will ... seinen jüdischen Bestand bewahren; daher
trennt und schirmt er sich von der deutschen Umwelt ab. Die Eltern
unserer 'Deutschen' (gemeint sind Juden deutscher Herkung; A.v.m.) haben
zum großen Teil wenig eigenständiges Jüdisches zu geben; sie wollen von
der deutschen Umwelt empfangen und angenommen werden. Der 'Israeli' (gemeint
sind Rückwanderer aus Israel) ist selbstbewußt-aggressiv. Er ist voll
jüdisch-israelischer Inhalte und Erlebnisse, die er zu propagieren und
weiterzugeben bereit ist."[16] Ein drittes Merkmal stellt die
lange Nichtbeziehung zwischen den Juden in der BRD und Israel bzw. der
Zionistischen Organisation dar, wie sie aus der oben zitierten
Stellungnahme der Zionistischen Weltorganisation abzulesen ist. Erst
1959 gründet diese Organisation die Zionistische Jugend Deutschland und
beteiligte sich so an der Erziehung der zweiten Generation.
Nach Thomas Luckmann[17]
ist
die allgemeine Grundform jeder "Religion" im Prozeß einer sinnhaften
Selbstwerdung des Menschen angelegt. Diese Selbstwerdung benennt die
menschliche Fähigkeit, sich an sein Geschick zu binden und sich davon
distanzieren zu können. Versucht man nach dieser Sichtweise die
Identität von Juden unter den gerade skizzierten Bedingungen ihres
Lebens "im Land der Henker" zu erfassen, so wird verständlich, vor
welcher Aporie sie stehen.
Ist nicht beides, Bindung wie Distanz, gleichermaßen unmöglich? Wie soll
sich der Jude gerade in Deutschland an das Geschick (die Tatsache) des
Massenmordes binden; wie aber könnte er sich gerade in Deutschland davon
distanzieren? Das individuell wie kollektiv erlebte Leiden war so
gewaltig, daß jede Frage nach seinem "ursächlichen Sinn" wie Wahn
erscheint; das erlebte Leiden ist so nachhaltig, daß die gerade der
Vernichtung Entkommenen kaum im Stande sind, eine positive
Zukunftsperspektive zu entwickeln. Unter diesen Bedingungen werden
Bewältigung respektive Verdrängung des Leidens zu zentralen Momenten der
Lebensführung, die dabei nicht selten zu einer zwanghaften Projezierung
eines anderen Lebens, ja von Leben überhaupt, auf die nachwachsende
Generation wird. Dies hat Ilse Grubich-Simitis so beschrieben: "Die
Kinder sollen für ihre Eltern die Brücke zum Leben sein, ihnen nach
jahrelanger Konfrontation mit dem Tod ... - in Verkehrung der
natürlichen Folge – das
psychische Leben schenken. ... (Sie sollen) im Grunde die Ermordung von
Eltern und Geschwistern, Kindern, Verwandten und Freunden ungeschehen
machen; ... sie sollen ... die an ihnen begangenen Verbrechen rächen
oder, im eigenen ungelebten Leben wie versteinert, als Denkmal für diese
Verbrechen zeugen".[18]
Die Aporie einer derartigen Bindungs- wie Distanzierungsqual bzw. die
generative Umkehr einer sinnhaften Selbstwerdung kennzeichnet André
Goldstein zutreffend: "Kein Mensch kann die Existenz eines anderen so
sehr mit Sinn erfüllen, wenn dieser andere nicht einen eigenen Sinn in
sich trägt".[19] Unter den Bedingungen der
mehrfachen Isolation hat dies für Juden in der BRD zur Folge, daß sie in
der ersten Nachkriegsphase allenfalls eine private und familiale
Verarbeitungsweise des Holocaust-Traumas leisten können. Die in einer
solchen Verarbeitungsweise angelegte "Heiligung eines kumulativen
Traumas" bleibt ohne eine kollektive Fundierung und ohne tragenden
intersubjektiven Aufbau. Einer derart sich formenden jüdischen Identität
fehlt eine übergreifende und symbolisch ausgewiesene Ordnung (Systematik). Diese erste Phase geht Ende der
50er Jahre in eine zweite über, die man schlagwortartig als
Jugendzentrums-Phase kennzeichnen könnte. In den Jahren 1958 bis 1962
entstehen in sieben jüdischen Großgemeinden Jugendzentren; 1959
revidiert die Zionistische Weltorganisation ihre 1949 getroffene
Entscheidung. Die von Oppenheimer durchgeführte
Studie macht für Anfang 1960 folgende Angaben:
-
von den 9 - 15jährigen jüdischen Jugendlichen werden fast 50 %; von den
15.- 18jährigen Jugendlichen mindestens 80 % durch die Jugendzentren
erfaßt;
-
es gibt ca. 4000 jüdische
Jugendliche im Alter von 9 - 15 Jahren, von denen zweidrittel in den
sieben Großgemeinden Berlin, München, Hamburg, Köln, Stuttgart,
Frankfurt und Düsseldorf wohnen.
Den Wandel, den das aufkommende jüdische Vereinsleben bewirkt,
kennzeichnet Heenen treffend, wenn sie schreibt, daß sie damit "für
junge Juden in Deutschland zwei dringend benötigte Entlastungsmomente
anboten. Ein großer Teil der Jugendlichen fand bald den
Weg zu den
Veranstaltungen und Treffen, und bezog über die Aktivitäten der
zionistischen Jugend erstmals Sicherheit und Identität.[20].
Und Oppenheimer stellt lapidar fest: "Der Schwerpunkt hat sich eindeutig...
zum Staat Israel und zur nationalen Loyalität hin verschoben."[21]
Das
bedeutet aber eine Ablösung von den privatisierenden und familiären
Verarbeitungsmustern einer oft zwanghaft erlebten
Vergangenheitsbewältigung. Statt "Heilung des Holocaust" sucht der
jüdische Jugendliche nach einer positiven jüdischen Seinsweise. Die kann
er infolge der besonderen Situation der jüdischen Gemeinde in der
Bundesrepublik nicht in Deutschland finden. Er sucht diese symbolisch
und stellvertretend im jüdischen Staate Israel. Damit vermag er zugleich
die Verpflichtung durch die Eltern nach einer "Brückenfunktion zum Leben"
und die eines "Rächers" für vergangenes Verbrechen abzuwehren.
Diese Freisetzung zeichnet somit einen Weg vor, die Isolation gegenüber
dem gesellschaftlichen Umfeld abzubauen. Den dabei sich einspielenden
Mechanismus charakterisiert Heenen mit dem Begriff der "gepackten Koffer"
und schreibt: "Zum einen
konnte Deutschland ... als zufälliger Aufenthaltsort phantasiert werden,
eine Durchgangsstation auf dem Weg ins gelobte jüdische Land. Die
Auseinandersetzung mit dem Leben im Land der Henker trat in den
Hintergrund gegenüber der Identifikation mit dem eigentlichen Lebensziel:
Israel. Zum anderen hielt dieser Staat eine weitere Möglichkeit zur
psychischen Entlastung bereit. Der Wunsch, die Eltern zu rächen, für die
Eltern zu kämpfen, konnte sich in Widerstandsphantasien gegen einen
neuen Feind konkretisieren..[22]
Ob die Entwicklung der zweiten Phase für die jüdische Identität der
Nachkriegsgeneration mehr darstellt als die Freisetzung aus der
elterlichen Inanspruchnahme für die Vergangenheit und ihr Leiden, ist
schwer zu bestimmen. Die "Koffermentalität" läßt vermuten; daß man sich
in einem Übergangsstadium beziehungsweise in einem Niemandsland bewegt.
Anfang der 60er Jahre zeichnen sich Bewegungen ab, die in ihrer
Entfaltung mit den politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen der
Bundesrepublik und Israels verbunden sind. In wenigen Anmerkungen möchte
ich die zwei wichtigsten dieser Bewegungen kennzeichnen. Als die bundesdeutsche
Restaurationsphase ausläuft, kommt Bewegung in die bis dahin
praktizierte "bundesdeutsche Vergangenheitsbewältigung". Eine
pauschalisierte "Kollektivscham" und deren vernehmliche Handhabung durch
eine "Politik der Wiedergutmachung" verfangen immer weniger. Was nun als
das "andere Deutschland" apostophiert wird, versteht sich als eines, das
sich einer historischen und gesellschaftspolitischen Selbstkritik in
Vergangenheit und Gegenwart stellt. Indem sich so - zunächst durch die
deutsch-israelischen Studiengruppen an einzelnen Universitäten - ein
gesellschaftlicher und politischer Wandel in der Bundesrepublik anbahnt,
hat dieser einen Einfluß auf bestimmte Teile und Gruppen der jüdischen
Jugendlichen in Westdeutschland. Dieser Einfluß liegt zunächst darin,
daß die bis dahin durchgängige Isolation zwischen jüdischer Gemeinde und
dem gesellschaftlichen Umfeld aufbricht. Insofern sich die
selbstkritische Reflexion in der neuen deutschen Linken bald mit einem
Engagement für Israel verbindet, deutet sich eine
politisch-weltanschauliche Identifikation an, in der sich deutsche und
jüdische Linke treffen beziehungsweise sich sehr nahe kommen. Diese
Bewegung bleibt in der Nachbetrachtung allenfalls ein kurzes
Zwischenspiel, das einen abrupten Szenenwechsel durch den Junikrieg von
1967 (mit dem israelischen Sieg über die arabischen Staaten und mit der
israelischen Besetzungspolitik vor allem in den palästinensisch
besiedelten Gebieten) erfährt. Was sich daraus für die neue deutsche
Linke und ihr politisches und ihr politisches Selbst- wie
Geschichtsverständnis ergibt, behandele ich im nachfolgenden Abschnitt.
Für die jüdische Identität, namentlich unter Teilen der zweiten
Generation, bedeutet der Juni-Krieg 1967 und die ihm folgenden
Ereignisse eine mehrfache Entfremdung.
Neben der Staatsgründung hat kein israelisches politisches Ereignis so
auf Bewußtsein und Selbstverständnis der Diaspora gewirkt, wie der Juni-Krieg
1967: Eine breite und vielfältige
Solidarität zwischen verschiedenen Teilen des jüdischen Volkes. Man kann
behaupten, daß dies gerade für die jüdische Gemeinde in der
Bundesrepublik zu einer zionistischen Dominanz in ihrem
Selbstverständnis geführt hat. Ich vermute, daß Dan Diner diesen Zustand
in seinem Begriff des protozionistischen Charakters der jüdischen
Diaspora mit einfangen wollte. Dennoch bewirken mindestens zwei Momente,
daß die "nationale Solidarität" und die "protozionistische
Grundeinstellung" kein umittelbares Handeln hervorbringen. Israel als
konkreter Entwurf jüdischen Lebens wird auch nach den Ereignissen von
1967 nicht zum Ort einer nennenswerten Auswanderung von Juden aus der
Bundesrepublik. Die massenhafte pro-israelische
Stimmung in Bundesdeutschland nach 1967 befördert eher ein Gefühl des
Gleichklangs und täuscht die Überwindung der langen Isolation zwischen
jüdischer Gemeinde und bundesdeutscher Gesellschaft vor. Noch viele
Jahre nach 1967 wird der Charakter dieser pro-israelischen Stimmung und
Einstellung mißdeutet oder schlichtweg verkannt. Andererseits tragen die
nach 1967 betriebene Besetzungspolitik der israelischen Regierung sowie
die ihr bald folgende arabische Reaktion (ägyptischer Abnutzungskrieg
und Terroraktionen palästinensischer Gruppen) dazu bei, den konkreten
jüdischen Lebensentwurf in Israel kritisch zu hinterfragen. Verkürzt
ausgedrückt führt dieser Prozeß zu zwei Stimmungs- und
Auffassungsausrichtungen, die
- zwar minoritär in der jüdischen Gemeinde - ganz bestimmte
Muster jüdischer Identität ausdrücken. Die eine Richtung möchte ich als
zionismuskritische - manchmal mit exzessiv provokatorischem Gehabe -,
die andere als eine Richtung kennzeichnen, die für die jüdische Diaspora
ihre Eigenwertigkeit gegenüber dem zionistischen und israel-staatlichen
Lebensentwurf postuliert.
Beide Richtungen verstärken sich nach dem Oktober-Krieg 1973. Für die
Klärung beziehungsweise Fortbildung dieser Identitätsmuster sind zwei
Entwicklungen von außen bestimmend. Die eine betrifft tiefgreifende
Veränderungen in der israelischen Gesellschaft und Politik. Der
religiös-nationalistische Fundamentalismus einerseits und die
revisionistische Regierungsübernahme mit ihrer Verschärfung des
israelisch-palästinensichen Konflikts andererseits machen Israel als
konkreten jüdischen Lebensentwurf
für Juden in der Diaspora immer "unattraktiver". Die andere Entwicklung
bezieht sich auf Veränderungen beziehungsweise Verschärfungen in der
Bundesrepublik. Gemeint sind damit die von Broder beschriebenen
antisemitischen, meist antizionistisch verkleideten, Überzeugungen in
der (Neuen) deutschen Linken, verbunden mit einer pro-palästinensischen
Solidarität, welche den Ausstieg aus der deutschen Geschichte betreibt.
Wie viele Juden in der Bundesrepublik daraus die Schlußfolgerung ziehen,
ihr Leben lieber in Israel zu wagen, ist mir unbekannt. Das
publizistische Furioso, mit dem Broder dies 1981 wenig exemplarisch,
dafür jedoch um so theatralischer vorspielt, hat keine Schule gemacht.
Wie hätte das auch möglich sein können?
III. Momente einer deutschen Identität der Neuen Linken
Detlev Claussen charakterisiert die Identitätsarbeit der neuen deutschen
Linken zutreffend mit den Kürzeln "mißglückter Ausbruch" und "nicht
genutzte historische Chance". Von Identität einer Neuen deutschen Linken
kann man seit Beginn der 60er Jahre, im Auslauf der bundesdeutschen
Restaurationsphase sprechen. Und dieses Links-werden, gebündelt im
Postulat "Nie-wieder-Auschwitz", war der Versuch der moralischen linken
Kinder, sich von der Schuld ihrer rechten Väter zu trennen.[23]
Daß dieser Ausbruch aus der Vergangenheit mißglückte und die historisch
gebotene Chance vertan wurde, hat Tilman Fichter in seinem Beitrag
nachgezeichnet. Mußte dieses Scheitern aber notwendigerweise in die
antizionistische Attitüde eines linken Antisemitismus einmünden? Wer
diese Frage mit ja beantwortet, darf die Erklärung dafür nicht schuldig
bleiben.
So verdienstvoll Jean Amery's Analyse des "ehrbaren Antisemitismus" ist,
sie wird epigonenhaft und polemisch verkürzt, wenn Broder Antisemitismus
als historisch ewiges Amalgam und als "überkulturell existierenden
Klebstoff" verkauft. Scheitert der Versuch der Neuen Linken denn deshalb,
weil der ewige Antisemitismus in neuer Verkleidung einen neuen
nützlichen Idioten gefunden hat? Dabei war doch das Postulat "Nie-wieder-Auschwitz"
mit einer historischen Selbstreflexion und mit öffentlicher
gesellschaftspolitischer Anklage aufgetreten. "Die entstehende Neue
Linke distanzierte sich radikal vom braun-schwarzen Muff der 50er und
frühen 60er Jahre, auch von den versteckt nationalistischen Tendenzen,
die sich vor allem in der Form des kalten Krieges äußerten. Die
internationalistische Perspektive und die antimilitaristischen
Wertzielsetzungen waren für junge Juden anziehend. Hier waren Deutsche,
die sich mit den Opfern des Nationalsozialismus solidarisierten, ja
identifizierten, die offen anprangerten, daß in diesem Land nichts 'bewältigt'
worden ist. Erstmalig wurde offen darüber diskutiert, daß Deutschland
gegenüber den Juden eine nicht wieder gutzumachende Schuld auf sich
geladen hatte und daß der Ungeist des Nationalsozialismus noch lange
nicht gebannt sei. Die Identifikation mit den jüdischen Opfern des
Nationalsozialismus wurde zum damaligen Zeitpunkt zu einer Solidarität
mit dem jüdischen Staat."[24]
Das trotz dieser Absicht die neudeutsche Identitätsarbeit scheiterte,
hat nach Claussen nicht zuletzt mit "der fatalen Dialektik des
Schuldgefühls"[25]
zu tun. Wichtig scheint mir zu erkennen, daß dieses Schuldgefühl in
seiner brüchigen Form einer Kollektivscham ein gesamtgesellschaftliches
"Kulturphänomen ist" - ganz im Sinne und in der Funktion, wie Diner das
"Kulturphänomen Antisemitismus in einer nur oberflächlich
säkularisierten, christlichen Gesellschaft"[26]
erklärt hat. Das "antisemitische Schuldgefühl" strebt danach, "daß die
Opfer nicht mehr Opfer,
sondern Täter sein sollen".[27]
Dieses
so
lange wohlmeinend besetzte Motiv hat(te) eine eminent entlastende
Funktion im Nachkriegsdeutschland. Diese Funktion konnte deshalb so
wichtig werden, weil die politisch-theoretische Aufarbeitung des
Nationalsozialismus nicht stattgefunden und der politische Wille zum
gesellschaftlichen Wandel gefehlt hat beziehungsweise verhindert werden
konnte.
Daß Opfer Täter sein sollten, dafür gaben den Westdeutschen sehr bald
die Juden in Israel die Rolle ab - als Pioniere, Selbstverteidiger,
schlechthin als aktive und erfolgreich sich
behauptende Juden. Täter im Sinne von aktiv Handelnden. Nicht zuletzt
deshalb auch die Massenbegeisterung der Bundesdeutschen über den
israelischen Sieg 1967, der "sinnfällig" in der Springer-Presse auf die
Kurzformel gebracht wurde: "SIEG ! Dajan - der Rommel Israels". Als zu
Beginn der 60er Jahre der sozialpsychologische Mechanismus einer
Schuldbewältigung von der Neuen Linken hinterfragt wurde, geschah dies
immer noch auf dem gesamtgesellschaftlichen und gesamtdeutschen Level
einer nicht geleugneten "antisemitischen Schuld".
In
Frage gestellt wurde die gesellschaftliche Verdrängungsfunktion
dieses Schuldgefühls; nicht in
Frage gestellt wurde die Schuld selbst. Rolf Rendtorff benennt dies in
seinen Erinnerungen über die deutsch-israelischen Studiengruppen, welche
Ende der 50er Jahre an deutschen Universitäten entstehen und oft
personalidentisch mit dem SDS sind: "Die 'unbewältigte Vergangenheit';
alte Nazis ('Globkes') in hohen Ämtern der Regierung, Justiz, Verwaltung
und an den Hochschulen; neonazistische, nationalistische und
antisemitische Tendenzen in der Bundesrepublik - das waren Themen, mit
denen sich zum Beispiel die DIS-Gruppen beschäftigten und die sie in
unmittelbarem Zusammenhang mit ihrem Engagement für Israel sahen: Nur
wer sich in diesen Fragen innenpolitisch engagierte, hatte ein Recht,
nach Israel zu fahren und dort das 'andere Deutschland' zu vertreten".[28] Indem die Neue Linke das Postulat
"Nie-wieder-Auschwitz" unter Eingeständnis einer bleibenden
Verantwortung aus einer psychologischen Verkürzung freisetzte, forderte
sie eine Kritik der gesellschaftlichen Strukturen ein, welche den
Massenmord am jüdischen Volk mitbedingt hatte. Daß die Neue Linke dabei
letztlich zu verkürzt, weil zu "global-selektiv" und zu "universalistisch-idealistisch"
ansetzte, macht ihr Scheitern aus!
Zu global-selektiv ist ihr gesellschaftskritischer Ansatz unter anderen
deshalb, weil ihm der konkrete Jude ebenso fremd bleibt wie später der
konkrete Palästinenser als vermeintlicher "Stellvertreter - Jude". Die
Glorifizierung des sozialistischen Pionierzionisten etwa in Form des
Kibbuznik bleibt unkonkret und
stellt eine sehr selektive Wahrnehmung des Zionismus dar. Auch für die
deutsche Linke gilt, was Susan Heenen bereits für den jungen Juden
geschrieben hat: "Die politische Fehleinschätzung israelischer
Wirklichkeit war auch in der
deutschen Linken weit verbreitet".[29]
Die jüdische Geschichte, selbst ihre zionistische Epoche - was nahe
gelegen hätte -, bleibt der Neuen Linken ein Buch mit sieben Siegeln.
"Es fehlt an historischer Kenntnis... der vielfachen Ursprünge des
Zionismus, seines Charakters als einer Emanzipationsbewegung, an der
auch die jüdische Arbeiterklasse des Ostens hervorragenden Anteil nahm.
Da es an Kenntnis der jüdischen Geschichte fehlt, müssen somit auch die
letzthin auslösenden Motive der zionistischen Bewegung unbegriffen
bleiben; eine realistische Einschätzung der gegenwärtigen jüdischen
Situation wird somit außerordentlich erschwert".[30]
Nicht zuletzt wurde auch die deutsch-jüdische Geschichte (nahezu) völlig
ausgeblendet. Weimar - die antisemitisch verrufene "Judenrepublik" mit
ihrer "Judenkultur" - war als traumatische Erfahrung, noch v o r dem
Holocaust, kein Thema unter der Neuen Linken. Die 1964 stattfindende
Kontroverse Schlösser - Scholem über das "im grunde unzerstörbare
deutsch-jüdische Gespräch" fand keine Rezeption in der Neuen Linken. Die
hoch-qualifizierten Untersuchungen von Hannah Arendt, Eva G. Reichmann,
Adolf Lechnitzer und Eleonore Sterling - alles Beiträge Mitte der 50er
Jahre[31]
-
waren nur sehr wenigen bekannt. Der 1958 in den Gewerkschaftlichen
Monatsheften veröffentlichte Beitrag Heydorns - "Judentum und
Antisemitismus" - kommentiert diese Autoren; vor allem aber nimmt
Heydorn in diesem Beitrag die Schlösser-Scholem-Kontroversen in
wichtigen Punkten vorweg.[32]
Wo der Bezug aufs Konkrete, auf die direkte geschichtliche Erfahrung und
Auseinandersetzung ausbleibt, gewinnt der Hang zur Verallgemeinerung und
zu den großen historischen Linien offensichtlich Übergewicht. Genau dies
erfolgt in der Neuen Linken. So kann Claussen mit Recht sagen, daß sich
"der moralische Impetus der Neuen Linken... mit der Ideologie der Stunde
Null, die
sich in beiden deutschen Staaten durchsetzte, versöhnt(e)"[33],
und daß "die Neue Linke 'dem Bedürfnis nach Geschichtslosigkeit
nachgegeben (hat)".[34]
Zu universalistisch-idealistisch ist der gesellschaftskritische Ansatz
der Neuen Linken deshalb, weil er über eine "Ismologie" kaum hinauskommt:
Imperialismus, Kapitalismus, Faschismus aber auch Internationalismus,
Sozialismus und dergleichen mehr. Am auffälligsten wird der Zusammenhang
zwischen fehlenden Geschichtskenntnissen und einem expandierenden Hang
nach universalistischen Erklärungen darin, daß der Nationalsozialismus
als Variante des Faschismus begriffen wurde. Erinnert sei in diesem
Zusammenhang daran,' daß sich in der Neuen Linken ganz allgemein eine
soziologistische Denkdiktatur auszubreiten begann, die den verspöttelten
beziehungsweise ignorierten Max Weber nicht mehr wahrnahm; auch nicht
mehr dort, wo er hochaktuell hätte sein können. Weber hätte die
simplifizierenden Universalisten lehren können, daß für "die kausale
Erklärung einer 'Kulturerscheinung'... die Kenntnis von
Gesetzen der Verursachung
nicht Zweck sondern nur
Mittel der Untersuchung sein (kann)";, daß "je 'allgemeiner', das
heißt abstrakter, die Gesetze, desto weniger
(leisten) sie für die Bedürfnisse der kausalen Zurechnung
individueller Erscheinungen
und damit indirekt für das Verständnis der Bedeutung von Kulturvorgängen".[35]
Indem nun aber für die Neue Linke der Nationalsozialismus zur Variante
des Faschismus degeneriert, wird der "Antisemitismus... als ein (zentrales;
d.V.) Moment nationalsozialistischer Ideologie verharmlost".[36]
Was sich aber in solchen Verharmlosungen und Degenerierungen ausdrückt,
möchte ich analog zur Verdrängungsfunktion eines psychologisierenden
Schuldgefühls die Verdrängungsfunktion eines Schuldgeführs durch "abstrakte
Überfliegerei" nennen. Andere nennen dies den Hang zum "Analogie-Denken"
oder das "Weltbild der einfachen Alternativen". Gleich, wie wir es
nennen wollen, es hatte und hat eine enorm purgatorische Wirkung - auch
und gerade in der Neuen Linken.
Daß
der Kapitalismus zum Faschismus führe, war in der Linken
bald zu einer parolenhaften Grundüberzeugung geworden. Der Sprung des
simpel schwarz-weiß empfindenden linken deutschen Gemüts zur
revolutionären Überwindung des weltweit faschistischen Kapitalismus
fungierte bald als die "logische Konsequenz" solcher Phrasen, die sich
der Mühe historischer und theorie- wie ideologiekritischer Studien immer
mehr enthoben hatten. Wo dann schließlich "die außenpolitische Optik
innenpolitisch auf eine fatale Weise gestützt“[37]
wurde,
bildete sich ein dumpf-idealistischer Code heraus, der schließlich als
Erklärungsmuster mit falschem Bewußtsein die Wende in der Neuen Linken
salvieren sollte. Diese Wende ist hinreichend durch
die Beiträge von Broder, Diner und Fichter beschrieben und analytisch
dargestellt worden. Ich möchte deshalb hier nur einen Aspekt
herausgreifen: Das neue linke Falschgeld, womit ich jene Münze mit den
beiden Seiten "Antizionismus" und "Solidarität mit der palästinensischen
Revolution" meine.
Der Antizionismus der Neuen Linken ist eine selbstgestellte Falle, in
die sie je von neuem hineinfällt. Die unhistorische und idealistische
Fixierung auf den sozialistischen Kibbuzzionismus zu Beginn der 60er
Jahre schlägt nach 1967 um in einen nicht weniger unhistorischen Begriff
des Antizionismus, der einer linken Tradition entlehnt wurde - vor allem
eben jener "Manipuliermasse marxistisch-leninistischer Ideologie".[38]
Gerade mit dieser ideologischen Anleihe, mit der unkritischen Rezeption
dieses "linken" Antizionismus,
begibt sich die Neue Linke in das Fahrwasser eines "ehrbaren
Antisemitismus". Sie verstrickt sich damit notwendig - und nicht nur
fatal - in eine "falsche() Identifikation() des Gewollten und dem
Erreichten"[39].
Doppelt deshalb, weil sie nicht nur unfähig ist, als Ideologie zu
kritisieren, was sie als Idee ernst genommen hat; in ihrer blinden -
Heinz Brandt spricht von der philokremlistischen - Anleihe an die
marxistisch-leninistische Ideologie verketzert sie das Gewollte eo ipso
als Ideologie
Daß auf dem Hintergrund der gesamtgesellschaftlichen antisemitischen
Schuld dann der entlastende Aufbruch zu vermeintlich
revolutionären Ufern palästinensischer Verbalradikalität und Rabulistik
gesucht wird, wen kann das noch verwundern. Die nicht nur durch
Zionismus verursachten Leiden des palästinensischen Volkes fichten das
linke neudeutsche Gemüt ebenso wenig an wie die jüdische Geschichte als
eine des Leidens. "Daß Opfer zu Tätern werden"
diese so griffige wie unscharfe Chiffre einer psychologisierten
deutschen Vergangenheitsbewältigung erfährt nun in der Neuen Linken eine
fulminante Wendung beziehungsweise Neuinterpretation. Das Opfer ist der
palästinensische Widerständler, der Täter ist der faschistische und
rassistische Zionist.
Entebbe war nicht nur möglich geworden; es verschlug der Neuen Linken so
sehr die Sprache, daß sie sich auch post factum davon nicht zu
distanzieren vermochte. Und so verstrickt sie sich weiter in einen "ehrbaren
Antisemitismus", der im Verlauf des zionistisch-palästinensischen
Krieges im Libanon (1982) immer neue Urstände feiern konnte. Damit ist
aber die "Vermischung von deutscher Geschichte und gegenwärtiger
Wirklichkeit im Nahen Osten" eine totale geworden.[40]
Die Sackgasse, in welche sich eine solche Neue Linke manövriert hat,
beschreibt Joschka Fischer zutreffend: "Das Analogie-Denken der Linken
richtet normalerweise keinen größeren Schaden an als den, unfruchtbar zu
bleiben. Denn innerhalb der Linken offeriert es keine Möglichkeit, mit
der Analyse der jeweiligen Realitäten (so wie eines Handelns in ihr)
weiter zu kommen; und außerhalb der Linken kann es jeder, der noch
einigermaßen beieinander ist, als platte Propaganda abtun."[41]
IV. Konvergenzen, Brüche und Unterschiede
Auf der Grundlage meiner Ausführungen zur jüdischen wie zur (linken)
deutschen Identität, die sicherlich sehr zugespitzt sind, möchte ich zu
einigen der auf dem Seminar vertretenen Auffassungen Stellung nehmen.
Das "Stichwort" dazu gibt mir die von Dan Diner richtig geäußerte
Vermutung, daß eine Befassung
mit linken Antisemitismen
notwendigerweise zur Frage nach der "Normalität" und "nationalen
Identität" der deutschen Linken führt. Die heftige Auseinandersetzung,
zu der es gerade zwischen Diner und Fichter kam, ist ein wichtiger Beleg
für die Verknüpfung der Antisemitismusfrage und der Frage nach der
deutschen nationalen Identität. Und Dan Diner hat nach meinem
Verständnis auch zutreffend das "Einfallstor" gezeigt, durch welches die
nationale Identität als Problem der deutschen Linken auftritt: die
fulminante und sehr einseitige wie partielle Entdeckung der nationalen
Emanzipation in der Dritten Welt "schwappt" in die deutsche Metropole
zurück. Wurde eine Geschäftsgrundlage aufgegeben?
Bevor man eine Geschäftsgrundlage
aufgeben kann, müßte man diese erst einmal geschaffen haben. Wie
verhält es sich aber wirklich mit dieser Grundlage? Mir scheint, daß
post factum sehr viel in einen Vorgang hineininterpretiert wird, worüber
es keine faktische Verständigung gegeben hat! Zweifel deutet ja Diner
selbst an, wenn er sich fragt, "ob die Solidarität von Juden mit der
Linken in Deutschland vielleicht aufgrund eines Mißverständnisses
beruhte".[42]
Dabei läßt Dan Diner sehr wohl erkennen, daß der Vorgang respektive die
Grundlage, deretwillen Juden und deutsche Linke "sich treffen konnten",
ungleich war. Selbst wo von gleicher "Ablehnung der Vergangenheit der
Eltern und die Haltung zur Geschichte" gesprochen werden kann, ist der
Ausgangspunkt offensichtlich ein sehr ungleicher. Hier Unangepaßtheit
und Dissidenz, dort Normalität. Oder sagen wir es schärfer, was Diner
mit seiner Gegenüberstellung von Intensität und Qualität andeutet: die
Vergangenheit der Eltern und die Haltung zur Geschichte sind
grundsätzlich anders für Juden und deutsche Linke in der Bundesrepublik
Deutschland.
Nein - eine Geschäftsgrundlage bestand von Anfang an nicht! Es bleibt
sogar zu vermuten, daß nicht einmal ein Mißverständnis bestanden hat,
denn dies schlösse immer noch ein, daß - in der
einen oder anderen Form -
ein Gespräch zwischen Juden Und deutschen Linken stattgefunden hätte,
welches aufgrund von Mißverständnissen zu einer falschen
Geschäftsgrundlage geführt hätte. Es treffen zwei Entwicklungen
zunächst zeitlich aufeinander,
die für eine kurze Periode auch Berührungspunkte ausweisen. Mit dem
Auslaufen der Restaurationsphase der Adenauer-Aera entstehen in der
bundesdeutschen Linken vielfältige Bewegungen. Wo sich dabei Links-Werden
gerade für die Neue Linke der Nachkriegsgeneration mit dem "Nie-wieder-Auschwitz"
Postulat entfaltet, hat dies gesellschaftspolitisch gewendet fast
ausschließlich mit einer Kritik am "renazifizierten" schwarz-braunen
Muff zu tun. In seinen außenpolitischen Bezügen ist dieses Links-Werden
ebenso ausschließlich auf den existierenden Staat der Juden bezogen. So
beispielsweise in den Aktionen gegen deutsche Techniker in ägyptischen
Rüstungsbetrieben oder für die diplomatische Anerkennung Israels
gegen die Selbstbeschränkung
einer Politik der Hallstein-Doktrin. In all diesen politischen
Konkretionen der Neuen Linken, bei aller uneingeschränkten Anerkennung
deutscher Schuld gegenüber den Juden, findet
damals schon keine Hinwendung und Auseinandersetzung mit der
deutsch-jüdischen Geschichte statt, geschweige denn mit den Juden in
der Bundesrepublik oder der jüdisch-zionistischen Geschichte.
Daß die etwa zeitgleiche Bewegung unter der nachwachsenden jüdischen
Generation, welche die "Heiligung des Holocaust" und die "nationale
Solidarität" in ihrem Bezug zu Israel kritisch hinterfragt, in der
Unangepaßtheit und Distanz der Neuen Linken zur Vergangenheit und
politischen Gegenwart ein günstiges und stützendes Klima für ihre
kritischen Nachfragen findet, muß anerkannt und hervorgehoben werden.
Beide Bewegungen, so stützend sie auch wechselseitig sein mögen, sind
jedoch weit davon
entfernt, eine Geschäftsgrundlage von Gleichen darzustellen. Es treffen
sich auch keine Gleichen - weder nach Herkunft noch nach bisheriger
bundesdeutscher Geschichte und Politik. All dies ereignete sich
vor 1968; danach wird es dann
kaum "besser" - im Gegenteil. Der mit dem israelischen Sieg von 1967 und
dem sich schleichend enthüllenden Charakter israelischer
Besetzungspolitik erfolgenden Umschlag in der Einstellung der Neuen
Linken zu Israel und zum Zionismus hat qualitativ wenig gemeinsam sowohl
mit der Distanz als auch mit der Normalität der zweiten jüdischen
Generation im Nachkriegsdeutschland. Jüdische Distanz und jüdische
Normalität haben als Fixpunkt genau das, was Dan Diner mit dem harten
Begriff der Blasphemie angegeben hat, welches es für Juden bedeutet,
nach 1945 im Land der Henker zu leben. Eine vergleichbare Ebene gibt es
nicht für (Neue) deutsche Linke. Auch die Israel- und Zionismuskritik
junger Juden, gewachsen aus dem Bestreben nach Distanz und Normalität
ist von ganz anderer und unvergleichbarer Art als sie dies bei der
deutschen Linken hätte sein können. Das trifft schon dort zu, wo linke
deutsche Zionismuskritik ohne
Antisemitismus auskommen kann beziehungsweise könnte.
Ich möchte es sehr scharf und prononciert ausdrücken, um meine
Behauptung eines entscheidenden Unterschiedes zwischen jüdischer und
deutscher Zionismuskritik auf den Punkt zu bringen. Dazu möchte ich an
einen radikal-zionistischen Theoretiker wie Klatzkin erinnern. In der
Auseinandersetzung mit den "jüdischen Assimilanten" und in Ablehnung der
jüdischen gesetzestreuen Orthodoxie macht Klatzkin geltend, daß das
jüdische Volk sich in einem unaufhaltsamen und selbstzerstörerischen
Prozeß befindet. Mit dem Verschwinden seines Charakters als "Religionsnation"
assimilierten sich die Juden und lösten sich als Volk unter den anderen
Völkern auf. Allein die zionistische Lösung bewahre auf dem
nationalstaatlichen Level das Volk vor seiner kollektiven
geschichtlichen Selbstauflösung. Deshalb jene apodiktische und
kompromißlose Forderung Klatzkins: Allein der
Zionismus bewahrt die
primären nationalen Formen wie "Land" und "Sprache".[43] Die Kritik der nachwachsenden
jüdischen Generation an Israel und am Zionismus muß auf diesem
Hintergrund verstanden werden. Sie argumentiert gegen die Position
Klatzkins; sie ist in der jüdisch-zionistischen Geschichte nicht neu.
Gerade wegen dieser grundsätzlichen Ausrichtung der jüdischen und der
deutschen Kritik gab es allenfalls eine gewünschte und vorgegaukelte
Geschäftsgrundlage, wenn sie sich am "kollonialistischen Charakter des
Zionismus" gegenüber den Palästinensern festmachte. Spätestens mit
Entebbe 1976, vollends mit den deutsch-linken Reaktionen wie Emotionen
auf den Libanon-Krieg 1982 müssen das Wunschbild und der - objektiv
gesehen - Selbstbetrug wie eine Seifenblase platzen. Nein - eine Geschäftsgrundlage von Gleichen hat es nie
gegeben! Der Pathos des Internationalismus Ist der Internationalismus durch
den Ersten Weltkrieg ausgerottet worden, wie Diner meinte? Hier wäre
eine vorsichtigere und unpathetischere Analyse genauer und hilfreich.
Dies aus zwei Gründen. Einmal ist eine solche Analyse wichtig, um das
prekäre Verhältnis von Nationalität und Internationalismus stets neu
einzuschätzen. Sodann geht es darum, den sozialpsychologischen
Stellenwert des Internationalismus für kollektive und individuelle
Identität abzuschätzen - eine Frage, die jüdische und deutsche Identität
gleichermaßen aber nicht gleicherweise betroffen hat beziehungsweise
betrifft.
Ich werde natürlich hier keine "kurze Geschichte" des Internationalismus
geben können, weder eine der mondialen Durchkapitalisierung, noch eine
des sozialistischen Internationalismus, auch keine der universalen
katholischen Kirche. Die nicht willkürliche Aufzählung von drei
Internationalismen - die übrigens jede für sich und auf je eigene Weise
"Auswirkungen" auf Juden
und Judentum hatten - wäre immer eine Geschichte des sehr prekären
Verhältnisses zwischen Nationalität wie nationaler Ausprägung von Ideen,
Weltanschauungen, Handlungen einerseits und Internationalität dieser
Seinsweisen andererseits. Allein unter dem Gesichtspunkt
des Verhältnisses Nationalität - Internationalität will ich einige
Anmerkungen machen, die unseren pathetischen Auffassungen des
sozialistischen Internationalismus gegen den "Bewußtseinsstrich"
bürsten.
Der sozialistische Internationalismus ist natürlich nicht im Ersten
Weltkrieg ausgerottet worden! Die faktenreiche und engagierte
Untersuchung von Manfred Scharrer sei hier dringend empfohlen!
Gescheitert ist ein sozialistischer Internationalismus, der - und weil
er - es sträflich vernachlässigt hat, die Bündnissysteme und
Bündnisverflechtungen der Weltkriegsmächte
ernsthaft zu analysieren.[44]
Und darin machte auch die oft
von Linken zur internationalistischen Säulenheiligen verkommene Rosa
Luxemburg keine Ausnahme. Auch die Anrufung der marxistischen
Autoritäten Marx und Engels erlaubt nicht, die Bündnisfrage streng zu
analysieren. Beide bleiben in der Frage von Angriffs- und
Verteidigungskrieg mehr als zwielichtig. Nicht diese Autoritäten sondern
Kautsky hatte rechtzeitig vor der sozialistischen Illusion gewarnt,
nationale Verteidigung und internationalistische Solidarität als
identisch zu sehen. Doch diese täuschende Identität,
zunächst vernebelt durch radikal klingende und allgemeine
antiimperialistische Parolen, gab den Ton an - oft vom Mythos eines
Freiheitskrieges gegen Rußland überlagert. Aus heutiger Sicht muß man
leider feststellen: Die Parolen und Mythen haben ihre zähe
Dauerhaftigkeit mehr als unter Beweis gestellt, wenn sich auch die
nationalen Zuordnungen (Rußland dort, USA hier) geändert haben.
Doch nicht nur mangelhafte bzw. fehlende Analyse der konkreten
Kriegsgefahr und der vermeintlichen Identität, welche allein erst
konkrete und angemessene Antikriegsmaßnahmen statt zweideutiger
Formelkompromisse aller sozialistischen Konferenzen vor 1914 hätte
erbringen können, hat jenen bestimmten Internationalismus so schal
gemacht. Nicht minder hat zu seinem Scheitern eine "ökonomische
Reduktion" der Nationalitätenfrage beigetragen. Dieses Scheitern ist mit
niemandes Namen so verbunden wie mit dem Namen Rosa Luxemburg; keiner
bekämpfte diese Position so-entschieden wie Lenin. In der
sich an der polnischen Frage entzündenden Diskussion des nationalen
Selbstbestimmungsrechtes, in welcher Luxemburg die nationale Autonomie
mit der ökonomischen Unabhängigkeit der Arbeiterklasse gleichsetzt und
die politisch-staatliche Selbstbestimmung ablehnt, setzten sich die
Ideen Otto Bauers und Lenins durch. "Lenin wandte sich mit gleicher
ökonomischer Argumentation gerade gegen eine solche Gleichsetzung, doch
sieht er auch die nicht-ökonomische, die kulturell-psychologische Seite
der nationalen Frage - wie sie besonders Otto Bauer dargestellt hatte -
und führt sie gegen die Gleichsetzung Rosa Luxemburgs ins Feld."[45] Sozialistischer
Internationalismus ist zuletzt deshalb nicht durch den Ersten Weltkrieg
ausgerottet, weil er nach 1918 eine organisatorische und theoretische
Wiederauflage findet. Auch in dieser Wiederauflage scheiterte und
scheitert er bis heute wegen
seiner "russifizierten" Version und seiner "philokremlistischen"
Epigonen, die sich dümmlicherweise Linke nennen! Wie
dieser Internationalismus nun
mit dem nationalen Selbstbestimmungsrecht und der internationalen
Solidarität umsprang - und diese lange
vor der Hitler-Stalin-Allianz
und vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges - kann lehren, daß auch er
schon lange abgewirtschaftet hatte. Mit gezogenen Bajonetten und dem
philokremlistischen Gehabe der dummen Kerls kann er sich dennoch bis
heute halten; er expandiert bis nach Kabul. Vorschnell, die Ausrottung des
Internationalismus zu erklären, hilft nicht weiter. Der deutschen Linken
- und nicht nur ihr - täte es gut, aus dem Scheitern
internationalistischer Versuche zu lernen. Statt dessen hat sie
offensichtlich diese Versuche nicht nur nicht historisch aufgearbeitet,
sondern beerbt diese unkritisch auch zum Behufe ihrer antizionistischen
Rabulistik. Was Wunder, wenn sie so in eine selbstgestellte Falle tritt?
Ein Grund mehr, die Existenz einer Geschäftsgrundlage zu bezweifeln. Ein
unkritisch rezipierter Internationalismus erfüllt - gerade wegen seiner
historisch-politischen Distanzlosigkeit - eine wichtige
sozialpsychologische Funktion. Als zentrales Versatzstück linker "Ismologie"
wird er zum Steigbügelhalter eines "ehrbaren Antisemitismus". Auf dem
Hintergrund einer kritischen Analyse der jeweils historischen Beispiele
von Internationalismus stelle ich mir dann erneut die (rhetorische)
Frage: Welch eine Art von Unangepaßtheit und Distanz mag dies gewesen
sein, mit der die deutsche Linke mit Juden der Bundesrepublik sich
solidarisch auf eine Geschäftsgrundlage geeinigt hat beziehungsweise
einigen konnte ? Nationale Frage,
nationales Existenzrecht, nationale Identität.
Die heftigsten Auseinandersetzungen gab es im Verlauf des Seminars in
Arnoldshain um Fichters These und Forderung nach einer positiven
nationalen Identität auch für die deutsche Linke. Diner charakterisierte
ein solches Unterfangen der deutschen Linken als unanständig und infam.
Brumnlik vertrat, wenn auch in einem anderen Zusammenhang so doch
ähnlich gelagert, die Auffassung, daß es keine deutsch,
deutsch-nationale Verantwortung für den Massenmord an den Juden geben
könnte.[46]
Broder bezweifelte zwar die "Unanständigeit" einer solchen nationalen
Identität, erneuerte aber zugleich seine Bedenken gegen die Gefahr eines
neudeutschen Größenwahns, wie sie in der fulminanten Steigerung einer
nationalen Verantwortung für die Folgen des Holocaust angelegt ist.
Diner stellt einen Zusammenhang her zwischen dem sozialdemokratischen
Abrücken von einer internationalistischen Haltung und der
"Wandlung
der SPD hinsichtlich des Zionismus". Historisch gesehen scheint mir die
Behauptung eines solchen Zusammenhangs allzu "knitterfrei" zu sein,
gerade wenn man sich die austromarxistischen Positionen (Otto Brauer)
zur Nationalitätenfrage ins Gedächtnis ruft. Statt einer kanten- und
bruchlosen Gleichsetzung von "Aufgabe des Internationalismus"
und "Akzeptanz der
zionistischen Lösung" zu konstruieren, halte ich es für wichtiger zu
fragen, warum ausgerechnet das jüdische Volk dazu "ausgewählt" war,
Demonstrationsfall und Experimentiermasse für den - einer zionistischen
Lösung konträren - Nachweis zu sein, daß sozialistischer
Internationalismus die jüdische Frage lösen könne, und sei es nur in
ihrer problematischen Zuspitzung des Antisemitismus? Mehr noch: Warum
hat sozialistischer Internationalismus gleich auch noch ein
Ausschließlichkeitspatent seines Lösungsvorschlags beantragt? Sicherlich gibt es eine Reihe
wohlbegründeter Antworten auf diese Frage. Nicht zuletzt eine
mehrheitliche Bereitschaft von sozialistischen und nicht-sozialistischen
Juden, den Weg einer so oder anders gearteten Assimilation zu gehen. Wir sollten allerdings nicht
vergessen, daß im Zionismus das Wie einer nationalen,
kollektiv-emanzipatorischen Lösung der Juden- wie Judentumsfrage lange
umkämpft war. Post-Holocaust sind uns diese Auseinandersetzungen
weitgehend aus dem Bewußtsein geraten. Oder sind sie heute nicht mehr
opportun, weil sie ins wohlgestelzte Zionismusbild nicht passen? Auch
jene Analysen und Vorausahnungen jüdischer Theoretiker sind nicht neu,
die - was auch bei Dan Diner anklingt - die "faktische
Aussichtslosigkeit" des zionistischen Entwurfes angeben.
Kann angesichts der internationalistischen und innerjüdischen
Auseinandersetzungen um den zionistischen Weg einer nationalen,
nationalstaatlichen Lösung die unzweideutige Bejahung eines
Existenzrechtes Israels, wie sie von Fichter formuliert wurde, der große
Schlußstrich unter eine leidvolle Entwicklung sein?
Kann die Bejahung dieses Existenzrechtes quasi ein linker Neuanfang sein
und/oder ist eine solche Bejahung ein Obligo für jede dann folgende
Kritik an Israel und dem Zionismus ? Dieser Weg scheint mir ebenso
glatt und historisch unangemessen zu sein, wie das vielfältige
internationalistische Verwirrspiel hilfreich sein konnte und kann. Dies
deshalb, weil er mit der Gründung des Staates Israels und der
Anerkennung seines Existensrechtes so umgeht, als würde man 1948 (Israels
Unabhängigkeitserklärung) mit einer neuen Geschichte in der. Stunde Null
anfangen. Das aber würde eher den Effekt eines Purgatoriums haben, der
zwar jeder linken und internationalistischen Rabulistik enthoben wäre,
dafür aber den Preis einer Geschichtsvergessenheit entrichtet. Mit einer
solchen Bejahung des israelischen Existenzrechtes wird es für
Deutsche keine Möglichkeit kritischer Befassung mit ihrer Vergangenheit
geben.
Daraus leite ich nun allerdings
nicht ab, daß deutschen Linken der Weg zu einer nationalen Identität
und "werde (diese) noch so selektiv aus der Geschichte positiv
herausgesucht"[47],
verwehrt sein sollte. Zugegeben, es schleicht sich hier ein
wechselseitig zuschreibbarer Verdacht ein. Deutsche Linke anerkennen im
Schlußstrichverfahren das israelische Existenzrecht und bestehen auf dem
Anspruch einer nationalen deutschen Identität; internationalistische
Juden bestreiten die nationalstaatlich-zionistische Lösung und fordern
dafür allerorten, und so auch von der deutschen Linken, eine
internationalistisch, kosmopolitische Identität ein. Das könnte so sein;
ich halte es aber für keine zwingende Abfolge. Von anderem Gewicht aber ist die
Frage, ob es sich bei der Nationalität und nationalen Identität um einen
voluntativen Akt handelt. Stimmt denn die Annahme, die der Auffassung
nach Verzicht auf nationale Identität unausgesprochen zugrundeliegt, daß
nationale Identität von der Art einer Wahlverwandtschaft sei? Nun läßt
sich zwar über Annahmen trefflich streiten, weshalb ich damit, hier erst
gar nicht anfangen will. Mir sei aber erlaubt, einiges anzumerken. Im Prozeß bürgerlicher
Aufklärung und Emanzipation war die Nationalidee eine zentrale Wert- und
Sinnkategorie im Kampf gegen den Obrigkeitsstaat. Jahrhunderte davor
diente "Nation" dazu, sich universaler-christlicher Legitimation von
Herrschaft und Ordnung zu entsetzen. Zur Auseinandersetzung um die
nationale Selbstbestimmung in der sozialistischen. Internationalen habe
ich oben einige Ausführungen gemacht, Erinnert sei aber auch, daß die
Französische Revolution "dem Juden als einzelnen alles, als Nation
nichts" verhieß. Angemerkt sei auch, daß in Zeiten gültiger
Breschnew-Doktrin Nation/Nationalität eine andere politische Wertigkeit
und Wichtigkeit hat als im vagen Konzept eines "Europas der Vaterländer".
Offensichtlich handelt es sich bei Nation/Nationalität um
Kulturphänomene, die sich in ihrem historischen Wandel und ihrer
sinnhaften Komplexität einfachen theoretisch-askrivtiven Zuschreibungen
entziehen. Das heißt nicht ,
daß Nationalität fehlerhaft, mörderisch und ausgrenzend sein
können.
Das heißt aber sehr wohl,
daß Nationalismen mehr und anders sind als nur "beliebige, vorfindliche
und damit partikulare
Eigenschaften", denen "eine unangemessene Wertigkeit zugeschrieben"[48]
wird. Wem und was aber nützt es, wenn
Brumlik den "moralisch relevanten Haltungen" als universalistischen
Anschauungen die höhere Weihe gegenüber der partikularen und beliebigen
Nationalität gibt? Nicht nur bezogen auf Juden lehrt uns doch
Geschichte, daß jene moralischen und universalen Haltungen nicht weniger
als Nationalismen dazu herhalten mußten, Leiden, Mord und Unterdrückung
zu rechtfertigen. Fremde im eigenen Land.
In der Tat kann es so sein, daß Nationalismen ausgrenzen. Gerade auf dem
Hintergrund deutscher Geschichte ist es keine abstrakte Übersteigerung
zu behaupten, daß solche Ausgrenzungen gerade den Weg einer "verspäteten
Nation" begleitet haben. In der Gegenwart
werden gegen Vertreter einer "Äquidistanztheorie" Ausgrenzungskampagnen
mit der Behauptung geführt, sie seien die Fünfte Kolonne Moskaus. All dies - und es sind ja keine
vereinzelten Beispiele, die dafür angeführt werden können - reicht
allerdings nicht aus, einer deutschen Linken das Etikett "infam"
anzuhängen, wenn sie eine nationale Identität für sich revoziert und
dabei ohne den "ehrbaren Antisemitismus" auskommen will und kann.
Es ist niemandem zu verwehren, aus guten Gründen für sich und seine
soziale Gruppe an dem prekären Balanceakt[49]
nationaler
Identität nicht teilzunehmen. Nicht teilzunehmen enthebt jedoch nicht
von dem Dilemma, welches jede Identität als Grundfigur kennt: sich zu
präsentieren und sich einzulassen und dabei seine abweichende und
unverwechselbare Besonderheit darzustellen. Die individuelle Leistung
jeder Identität heißt, sich an Kommunikation und gemeinsamem Handeln zu
beteiligen. Dabei steht das Individuum zugleich immer innerhalb und
außerhalb von Gesellschaft. Vor allem aber, begreift sich eine so
verstandene Identität nicht als ein starres Selbstbild, sondern als je
neue Verknüpfung früherer und aktueller Interaktionsbeteiligungen.
Ich möchte mit zwei sehr persönlichen Bemerkungen schließen. In der Tat
ist es möglich, verständlich und gebietet Achtung, wenn ein Jude in
Deutschland angesichts der jüngsten deutschen Vergangenheit und des
gegenwärtigen Zustands der Neuen Linken für sich entscheidet, an einer
wie immer positiv besetzten nationaldeutschen Identität nicht teil-haben
zu können. Es kann nicht ärgerlich sein, wenn er sich mit einem "Danke
schön"
verabschiedet und den Zurückgebliebenen zu verstehen gibt, "bis hierher
und nicht weiter".[50]
Ärgerlich ist allein, daß er im Umfeld einer neuen Identität
geschmäcklerisch den antizionistisch drappierten Antisemitismus
deutscher Linker als "unausrottbaren Alleskleber" in Vortragsreisen und
Veröffentlichungen vermarktet. Ärgerlich ist dies
nicht deshalb, weil der Gegenstand, nämlich der ehrbare
Antisemitismus, zurecht benannt und bekämpft werden muß. Ärgerlich ist
das deshalb, weil jüdische
Identität, welche die Gewißheit eines
ewigen Antisemitismus quer durch alle Kulturen und politische
Couleurs abonniert hat, sich durch den ständigen Nachweis des ewigen
Antisemitismus beschäftigen läßt. Damit wird sie ärgerlicherweise zum
Getriebenen eines antisemitischen Feindbildes des Juden. Wo bleibt da
noch Zeit und Kraft für das eigene, positive jüdische Selbstbild?
Ich habe versucht herauszuarbeiten, daß die Geschäftsgrundlage ehemals
Gleicher nie in irgendeinem echten Sinne bestanden hat. Ich akzeptiere
jedoch, daß Juden in Deutschland für sich und andere begründet darlegen
können, warum sie sich in einer selbst positiven nationaldeutschen
Identität nicht wieder-finden. Allerdings frage ich mich, weshalb sich "angesichts
dieser Entwicklung die Berechtigung zur Kritik an Israel und am
Zionismus verändert".[51] Worin liegt dann die höhere,
lautere und solidarische Kritik am Zionismus begründet, wenn sie sich
internationalistisch legitimiert? Jener Internationalismus, der - bei
allgemeiner Anerkennung nationaler Selbstbestimmung - für die jüdische
Frage eine internationalistische Lösung vorschrieb, war in diesem Punkt
immer schon ignorant bis "judenfeindlich", indem er den Juden per se
einen Nationalstatus absprach.
Doch damals wie heute gibt es keinen
moralischen Grund, Juden ihren
je eigenen, auch kosmopolitischen Weg streitig zu machen, für eine
andere als die nationalstaatliche zionistische Lösung zu optieren. Wenn
sie dies tun, hilft es ihnen aber kaum, das protozionistische Bewußtsein
der Juden zu beklagen. Genauso wenig genügt es ihnen, Krieg,
Kriegsfolgen und Holocaust für Deutsche "nur (als) eine Niederlage,
einen quantitativen Verlust"[52]
darzustellen,
demgegenüber "die jüdische Existenz ausgerottet wurde und
unwiederbringlich verloren ist". Ich achte diese Auffassung; ich
teile sie nicht. Ich kann keinen Sinn darin sehen, das Leiden an der "Heiligung
des Holocaust" durch ein Leiden am protozionistischen Bewußtsein und
durch eine Heiligung internationalistisch legitimierter Kritik zu
ersetzen.
Karlheinz Schneider
(Sozialwissenschaftler,
FHS-Wiesbaden und Universität Heidelberg
) [1] Scholem, Gershom: Wider den Mythos vom deutsch-jüdischen Gespräch", in: derselbe, Judaica 2, Frankfurt 1970; S. 7 [2] Schlösser, Manfred: Über das Verhältnis der Deutschen zu den Juden, in: Bulletin des Leo Baeck Instituts Nr. 30, Tel Aviv 1965; S. 162 [3] Heydorn, Heinz J.: Judentum und Antisemitismus, in: derselbe, Konsequenzen der Geschichte. Politische Beiträge 1946-1974, Frankfurt 1981; [4] derselbe a.a.O., S. 282 [7] Scholem, Gershom: Über einige Grundbegriffe des Judentums, Frankfurt 1970; Seite 166 f [8] derselbe a.a.0., S. 167 [9] ebenda, S. 167 [10] Heydorn, Heinz, a.a.0., S. 290 [11] Goldmann, Nahum: Mein Leben als deutscher Jude, Frankfurt 1983; S. 469 [12] Scholem, Gershom: Judaica 2, O.a.O.; Seite 19 [13] Diner, Dan - in diesem Band; S. 62 [14] Ma'or, Harry: Über den Wiederaufbau der jüdischen Gemeinde in Deutschland seit 1945, Mainz 1961; S. 96 [15] Oppenheimer, Walter: Jüdische Jugend in Deutschland, München 1967; S. 42 [16] derselbe - a.a.0; S. 128 [17] Luckmann, Thomas: Das Problem der Religion in der modernen Gesellschaft, Freiburg 1963 [18] Grubisch-Simitis, Ilse: in - Psyche, 33. Jahrgang, Heft 11, zitiert nach: Heenen, Susann: Deutsche Linke, linke Juden und der Zionismus - in: Dietrich Wetzel (Hrsg.), Die Verlängerung von Geschichte, Frankfurt 1983; S. 105 f [19] Goldstein, André: Spätfolgen der Massenvernichtung, in: Cheschbom - BJSD, Heft 4, München 1982; S. 31 [20] Heenen, Susann, a.a.0.; S. 106 [21] Oppenheimer, Walter - a.a.O.; S. 72
[22]
Heenen, Susann - a.a.O.; S.
106 [23] Claussen, Detlef: Im Hause des Henkers - in: D. Wetzel, (Hg.), Die Verlängerung von Geschichte, a.a.O.; S. 115 [24] Heenen; Susann, S. 306
[25] Clausseen, Detlef,
a.a.0. ; S. 116 [26] Diner, Dan - in diesem Band; S. 65 [27] Claussen, Detlef - a.a.O.; S. 116 [28] Rendtorff, Rolf: Vom Wandel der Einstellung - Das Israel-Engagement in der Bundesrepublik seit 1948, in: DIAKSchriftenreihe Band 3, Berlin 1980; S. 15 f [29] Heenen, Susann - a.a.O.; S. 108 [30] Heydorn, Heinz J.: Die deutsche Linke und Israel, in: derselbe, Konsequenzen der Geschichte, a.a.0; S. 306 [31] Arendt, Hanna: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, Frankfurt 1955 Reichmann, Eva G.: Flucht in den Haß, Frankfurt 1956 Leschnitzer, Adolf: Saul und David, Heidelberg 1954 Sterling, Eleonore: Er ist wie Du, München 1956 [32] Heydorn, Heinz J.: Judentum und Antisemitismus, a.a.O.; S. 278 ff [33] Claussen, Detlef - a.a.O.; S. 115 [34] derselbe- ebenda, S. 116 [35] Weber, Max: Methodologische Schriften, Frankfurt 1968; S. 31 [36] Claussen, Detlef - a.a.O.; S. 116 [37] Heydorn, Heinz J.: Die deutsche Linke und Israel, a.a.O.; S. 305 [38] Claussen, Detlef - a.a.0.; S. 119 [39] Habermas, Jürgen: Theorie und Praxis, Neuwied/Berlin 19693; S. 229 [40] Heenen, Susann - a.a.O.; S. 112 [41] Fischer, Joschka: Israel - ein Alptraum der deutschen Linken, in: Pflasterstrand - Sondernummer September 1982; S. 47 ff [42] Diner, Dan - in diesem Band, S. 78 [43] Klatzkin, Jacob: Krise und Entscheidung im Judentum, Berlin 1921; S. 35 [44] Scharrer, Manfred: Die Spaltung der deutschen Arbeiterbewegung, Stuttgart 1983; S. 24ff. [45] derselbe - a.a.O; S. 20 [46] Brumlik, Micha: Gibt es eine besondere deutsche Verantwortung im Nahostkonflikt, in: Israel & palästina Zeitschrift für Dialog, 5/84, die zweimonatlich erscheinende Zeitschrift des DIAK; S. 29 ff. [47] Diner, Dan - in diesem Band, S. 78 [48] Brumlik, Micha - a.a.O.; S. 33 [49] Krappmann, Lothar: Soziologische Dimensionen der Identität, Stuttgart 19826; S. 10 [50] Broder, Henryk M.: Danke schön. Bis hierher und nicht weiter, Hamburg o.J. [51] Diner, Dan - in diesem Band, S. 80 [52] derselbe - a.a.O.; S. 78
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