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Der Lachende hat die furchtbare Nachricht nur noch nicht
empfangen (Bertold Brecht)
Die Frage, ob es einen Antisemitismus der westdeutschen Linken gebe,
wurde auf der Arnoldshainer Tagung - nach Henryk M. Broders Ahklagerede
und den Begleitreferaten – ausgiebig erörtert, und meist (bedauernd)
bejaht. Da mir dort nur punktuelle Diskussionsbeiträge möglich waren,
möchte ich hier meine abweichende Fragestellung zusammenhängend darlegen.
Linke, Antisemitismus und das politische Koordinatensystem
Antisemitismus ist reaktionär. Rein begrifflich – leider nicht in
realitas - schließen sich also LINKS und ANTISEMITISMUS aus. So erhebt
sich die Gegenfrage: Kann eine antisemitische Bewegung links sein?
Natürlich nicht! Doch ist unser gesamtes Rechts/Links-Koordinatensystem
ohnehin historisch überholt: zumindest seit dem Aufkommen des
Sowjetimperiums.
Lebten wir früher - grob schematisch gesehen - in einer globalen KAPITAL
(rechts)&Arbeit(links)-Welt, so neuerdings in der
gespaltenen WEST/OST-Welt mit einem
westlichen und einem
östlichen Rechts/Links-Koordinatensystem (die
zudem einander durchdringen, modifizieren – und deformieren).
Im Osten steht die NOMENKLATURA rechts (trotz gegenteiligen
Anspruch), und was sich gegen sie bewegt links - entsprechend dem
dortigen antagonistischen NOMENKLATUR&ARBEIT-Verhältnis: Im despotischen
Sowjetimperium realisiert die Nomenklatura den Mehrwert (kollektiv und
per Plandiktat) als PRIVILEG, während er im demokratischen Westen vom
Kapitalisten
(privat und unter Marktbedingungen) als PROFIT realisiert wird.
Trotz aller schrecklichen historischen Erfahrungen wird aber dieser
tektonische Umbruch der östlichen Knechtschaftsverhältnisse, die
Verwerfung der dortigen Klassenschichtungen von einem Großteil unserer
Linken ignoriert. Zwar ist der Mythos der Oktoberrevolution längst
verblaßt, dennoch erscheint vielen Linken die dortige
nichtkapitalistische als eine fortschrittliche Gesellschaftsordnung, die
wenn auch
nicht wirklich, so
doch ein klein wenig sozialistisch sei, mithin friedfertiger, besser als
der böse "USA-Imperialismus" mit seinen "Speerspitzen" Israel&BRD.
Hermann Kant etwa und Stefan Hermlin finden bei manchen Linken hier
Beifall, wenn sie den Unfug verkünden, der "Reale Sozialismus" sei der
kapitalistischen Bundesrepublik Deutschland um eine "Geschichtsepoche"
voraus. Allerdings müssen Mauer& Minenfeld verhindern, daß die dummen
Menschen dort in Scharen in die barbarische Vergangenheit zurücklaufen.
Solch schiefer Lagesicht entspricht das zwielichtige, doppelbödige
Verhältnis vieler deutscher Linker zum Antisemitismus: Während sie den
entschwundenen Hitler-Antisemitismus zutiefst verabscheuen, oftmals
sogar zur aktuellen Gefahr aufblasen
- als käme der Teufel jemals in gleicher Gestalt - übersehen,
leugnen, beschönigen sie den real existierenden Kreml-Antisemitismus,
wenn sie ihn nicht sogar offen vertreten. Insoweit erweisen sie sich -
entgegen der Broder-Sicht - nicht als Hitlers Enkel sondern als Stalins
Erben. Diese deutsche Linke ist keineswegs eigenständig antisemitisch;
schlimmer: sie ist undemokratisch-antiamerikanisch; ihr Verhältnis zur
Freiheit ist gestört, darum auch ist sie
despotieanfällig-philokremlistisch.
Selbstverständlich sind wir keine Puristen: Es gibt schlackenlose
Bewegungen ebensowenig wie fehlerfreie Menschen. Antisemitische
Tendenzen hat es in der alten Arbeiterbewegung immer gegeben. Henryk M.
Broder hat diesbezüglich auf das vorzügliche
Werk "Feindbild 'Jud'" von Leopold Spira (Wien, München, 1981)
hingewiesen, das am Beispiel Österreich exemplarisch zeigt, wie Rechte
und Linke sich gegenseitig ihre Juden vorwarfen und so den latenten
Antisemitismus borniert für ihre kurzatmigen Interessen
instrumentalisierten. Dennoch hat Dan Diner durchaus recht, wenn er
feststellt, daß es in der Arbeiterbewegung, der Linken überhaupt, zwar
allerlei ANTISEMITISMEN gab, nie aber einen Antisemitismus als
geschlossene Ideologie, die wahnhaft DES JUDEN (als SÜNDENBOCK) bedarf,
um die Welt zu erklären, also DAS BÖSE am JUDEN festzumachen. Dan Diners
These gilt natürlich nur, wenn uns klar ist, daß die Welt des "Realen
Sozialismus", die Diktatur der Nomenklatura nicht zur Arbeiterbewegung
gehört, ja ihr extrem feindlich entgegensteht. Übrigens hätte Diner
erwähnen sollen, daß es - im krassen Unterschied zum Nationalsozialismus
- auch beim klassischen Faschismus keinen Antisemitismus als
geschlossene Ideologie gab.
Stalinistische Ideologie und der Jude als Volksfeind
Was
nun die geschlossene
Ideologie des stalinistisch-poststalinistischen Kreml angeht (die als "Marxismus/Leninismus",
beziehungsweise "Historischer Materialismus", "Verschärfung des
Klassenkampfes" und dergleichen firmiert), so steht in deren
Zentrum nicht der Dämon JUDE, sondern das Wahnbild
VOLKSFEIND. In dies
allerdings wird kunstvoll grade DER JUDE implantiert:
unterschwellig populistisch, weil durch hilfreiche
Tarnbegriffe (wie sie Zalcman in folgendem konkretisiert). Zu dieser
Implantionsmethode gehört auch (wie bei den Nazis) das infame
Hervorheben jüdisch klingender Namen, sei es im Falle von Dissidenten,
sei es bei Gaunern. Material zur mörderischen Ideologie &
Praxis des nachzaristischen Kreml-Antisemitismus finden wir unter
anderen bei:
-
Anton Antonow-Owssejenko: "Stalin" (München, Zürich
1984),
-
R.A.
Medwedew: "Die
Wahrheit ist unsere Stärke. Geschichte
und Folgen des Stalinismus" (Frankfurt M,
1973),
Georges Bertoli: "Als Stalin starb"
(Stuttgart-Degerloch 1974)
Heinz Brandt: "Die soziale Revolution des Nikita
Sergejewitsch Chruschtschow" (in "Entstalinisierung", edition suhrkamp
609, Frankfurt/M, 1977).
Insbesondere aber sollte der aufwühlende Kampf- und Leidensbericht
Zalcmans (Moshe Zalcman: "Als Moshe Kommunist war", Darmstadt 1982) zur
Pflichtlektüre all derer werden, die vom sowjetischen Antisemitismus
nichts wissen (wollen), ihn gar für eine "antikommunistische Erfindung"
halten (möchten). Der tapfere Schneider von Samosc, glühender
Revolutionär, kommt nach polnischer und französischer Kerkererfahrung
voll naiver Hoffnung ins VATERLAND ALLER WERKTÄTIGEN, das den
SOZIALISMUS AUFBAUT und, wie jegliches soziale Problem, auch die
JUDENFRAGE IM GEISTE INTERNATIONALER SOLIDARITÄT GELÖST hat: Zu seinem
Entsetzen erweist sich der vermeintliche Freund: die Partei, das gelobte
Land, sein Jerusalem - als feindliches Inferno von Folter, Spitzelei
aller gegen alle, als barbarisches Ensemble von Sklaverei,
Vernichtungslagern und mörderischem Antisemitismus:
"Ich bin einer der wenigen am
Leben gebliebenen Zeugen", berichtet der aktive, polnisch-jüdische,
jiddisch schreibende
Kommunist,"ich, der wundererbarerweise überlebte, sehe die
verlorenen Kameraden vor mir, die völlig in Vergessenheit geraten sind;
aber ihr beispielhaftes Leben darf nicht unbekannt bleiben. Und mit
allen meinen Kräften möchte ich die Geschichte dieser Kämpfer, die an
ihren Idealen zerbrochen sind, aufzeichnen".
An
ihren Idealen zerbrochen... insoweit war das Martyrium der Opfer
des Stalinismus gräßlicher noch als das der Opfer des
Nationalsozialismus, die wenigstens wußten, daß sie in der Hand des
Feindes ihrer Ideale&Existenz waren. In Sachen Antisemitismus bezeugt
Zalcman (als Extrakt unmittelbarer Erfahrung am Tatort):
"Mit
Hilfe ihres verlogenen sozialistischen und kommunistischen Geredes hat
die Sowjetunion erneut ihre Schwingen der Expansion ausgebreitet. Der
großrussische Chauvinismus hat sich immer mehr des Antisemitismus als
giftigen Propagandamittels in der Sowjetunion selbst und in anderen
Ländern bedient.
Die Sowjets betrachteten die Juden als ein Volk, das organisch mit
der westlichen Kultur verbunden ist, und haben ihm daher den gnadenlosen
Krieg erklärt. Sie haben die jüdischen Intellektuellen zu dreckigen
Weltbürgern, zu vaterlandslosen Gesellen ohne Paß erklärt. Als sie
schließlich die jüdische Kultur mit der westlichen Ideologie
verwechselten, begannen die sowjetischen Führer einen Krieg gegen die
aufrichtigen jüdischen Intellektuellen: Universitätslehrer,
Schriftsteller, Ärzte. Diese letzteren wurden als 'Mörder in weißen
Kitteln' behandelt. Die Russen haben das kulturelle Leben der Juden
gänzlich vernichtet. Die jüdischen Dichter und Schriftsteller: Peretz,
Markisch, Hoffstein, Bergelson,
Michoels und andere wurden erschossen. Hunderte weiterer Intellektueller
wurden in den Lagern des
Gulag interniert, um dort langsam aber sicher
umzukommen.
Mehr als ein Vierteljahrhundert ist inzwischen vergangen, seitdem
der Kult Stalins und Berijas angeblich liquidiert wurde. Trotzdem ist
die Sowjetunion gegenwärtig das einzige große europäische Land, das
antisemitische Propaganda verbreitet, das Feindseligkeit und Haß gegen
die Juden unter dem Deckmantel des Anti-Zionismus und der Israel-Feindschaft
propagiert. Diese Täuschung nützt nichts, die Absichten sind klar und
offenkundig".
Das aufgeblasene
linke Faschismusbild
Zalcmans Zeugenaussage unterstreicht,
"daß
durch den
schmalspurmarxistisch-inflatorisch
mißbrauchten
Faschismusbegriff das Antisemitismusproblem
unscharf wird. Diese politische (nicht physikalische) Unschärfe-Relation
ergibt sich durch die simple Gleichung: Nationalsozialismus=Faschismus.
Aber weder der originäre (italienische) Faschismus noch der von ihm
direkt abgeleitete Austro-Faschismus oder spanische Faschismus waren -
im mörderischen Sinne - antisemitisch, obwohl sie wie jedes
barbarisch-reaktionäre Regime auch sekundäre antisemitische Züge trugen.
Ein Jude, dem Dritten Reich entronnen, konnte sich im Spanien Francos
immer noch sicherer fühlen als in Stalins Bereich".[1]
Falls wir den Nationalsozialismus unter Faschismus rubrizieren, müßten
wir ihn als dessen Holocaust-Variante, Millionenmord-Mutation,
bezeichnen, grade das, was ihn allein mit dem Stalinismus vergleichbar
macht. Dem aufgeblasenen Faschismusbild der meisten Linken entspricht
der inflationierte Antisemitismusbegriff vieler Zionisten, die dieses
Übel allerorts, allgegenwärtig ausmachen. Sie sehen weder den
Wesensunterschied zwischen gelegentlichen Antisemitismen und virulentem
Antisemitismus, noch nehmen sie dessen gesellschaftliche Bedingungen
wahr. Schließlich ist es historisch erwiesen, daß ein Pogrom nicht als
Kaninchen aus dem Zylinder gezaubert wird.
Antisemitismus,
der in Massenmord umschlägt
Selbst die mörderischste (geschlossene) antisemitische Ideologie kann
allein dann praktisch wirksam werden, wenn eine Reihe gesellschaftlicher
Faktoren hinzutreten:
1.
es muß im betreffenden Bereich eine ausreichende,
kritische Zahl von Juden geben;
2.
innerhalb des
Führungskerns der Machtelite müssen (krisenaktivierte) Interessenten
bestehen, den (latenten oder schon virulenten) Antisemitismus zu
instrumentalisieren, ihn von oben her anzuheizen sowie entsprechende
Gesetze und Rechtsgrundlagen zu schaffen;
3.
es bedarf einer
speziellen (para)militärischen bzw. polizeilichen uniformierten
Kerntruppe, um das eigentliche Mordhandwerk auszuführen, bzw. die
aufgehetzten Massen in die Pogrompraxis einzuführen.
Hierzu in meinem Vorwort zum
Spira-Buch:
"Der Hitler-Antisemitismus wurde von der deutschen Arbeiterbewegung
zutiefst verkannt, verniedlicht. Einmal wirkte noch das - im Spira-Buch
kritisch unter die Lupe genommene - Kronawitter-Wort nach: 'Der
Antisemitismus ist der Sozialismus der dummen Kerls.' Schon dazumal
unzulänglich, wurde es nun irreführend. Zwei weitaus gefährlichere
Fehleinschätzungen traten hinzu:
·
Der Trugschluß (vor allem von SPD und Gewerkschaften
vertreten), auch die Nazis würden rasch 'abwirtschaften' (falls sie
überhaupt an die Macht kämen), da auch sie - angesichts der
kapitalistischen Weltwirtschaftskrise - 'nur mit Wasser kochen könnten'.
Doch sie kochten mit Blut ...
·
Die gemeingefährliche Stalin-Losung der KPD von den
faschistischen Zwillingsbrüdern: Sozialfaschismus(SPD) und
Nationalfaschismus (NSDAP, wobei der Sozialfaschismus. die Hauptgefahr
bilde, gegen die also der Hauptstoß zu richten sei. Resultat dieser Fehlbilanz: keine Aktionseinheit der Arbeiterbewegung gegen die "Harzburger Front" (das Bündnis der Nazis und Deutschnationalen) zur Verteidigung der Republik; daher keine Rettung der Arbeiterbewegung, des Friedens und der Juden. Hinter dem Totschlag-Ruf: DEUTSCHLAND ERWACHE - JUDA VERRECKE! nahm die Nazibewegung die Arbeiterbewegung in den Zangengriff einer Doppellosung: DIE JUDEN SIND UNSER UNGLÜCK,
·
als 'raffendes' Kapital,
·
als 'jüdisch-marxistische' Arbeiterbewegung.
Schade nur für das deutsche Kapital, daß der offene Terror, der totale
Raubkrieg, das perfekte Verbrechen, der industrialisierte Holocaust mit
der totalen Niederlage Großdeutschlands endete. Der größte Feldherr
aller Zeiten - samt seinem willigen militärisch-industriellen Komplex -konnte
nicht halten, was er versprochen hatte - ausgenommen Mord. Insofern
wurden die abenteuerlichen deutschen Konzernherren und ostelbischen
Großgrundbesitzer, als sie dem Hitler-Nationalsozialismus leichtfertig
ihre politisch-ökonomische Interessenvertretung überantworteten, um den
Profit zu sichern und auszuweiten, zu betrogenen Betrügern: Sie hatten
nicht mit der irrationalen Eigengesetzlichkeit dieser Art von
nekrophiler Totenkopfbewegung, diesem Herrenmenschen-Lebensraum-Mordens,
diesem Endlösungs-Antisemitismus gerechnet.
So bangten sie schon vor dem schlimmen Ende dem Dies irae, dies illa
entgegen, doch fanden sie keine Zeit und kein Mittel mehr, ihn
abzuwenden. Ist der Sprung ins Dunkle einmal getan, dann gerät die
Oberschicht, die sich ihrer Lenkungsrolle begeben hat,
eines bösen Tages unvermeidlich in
die Rolle des Zauberlehrlings. Es ist leicht, ein destruktives Monster -
und nur ein solches ist zu böser Interessenvertretung, einer derartigen
Charakterrolle bereit und geeignet - mit einer so gewaltigen Omnipotenz
auszustatten (Erich Fromm gab ein interessantes Psychogramm von Stalin
und Hitler). Umso schwerer fällt es dann, dieses Geschöpf loszuwerden,
wenn sein Aberwitz, Lustmorddrang zur Schlinge wird. Am Schulbeispiel
des mörderischen Antisemiten Hitler (und seines Gegenspielers und
Kumpans Stalin) wird deutlich, daß erst eine extreme historische
Konfliktsituation extrem destruktiven Charakteren zunächst einen extrem
großen Spielraum zuweist, sodann aber dem Zufall (Attentat; biologisches
Lebensende) einen ebenso großen Spielraum gewähren muß, wenn es darum
geht, die allzu gefährlich gewordene nekrophile Personnage aus der
Geschichte herauszukatapultieren. So läßt sich auch in Sachen
Antisemitismus einiges über die Rolle des Zufalls in der Geschichte
sagen.
Bei allen - immer auch mörderisch antisemitischen - Säuberungskampagnen
Stalins tritt übrigens ein gravierender Unterschied zur Hitlermethode
hervor, auf den das Spira-Buch deutlich verweist: Stalin verdeckte seine
blutige Tat durch das humane Wort. Denn der Sozialismus/Kommunismus
setzt sich in seiner ursprünglichen Zielrichtung den 'kategorischen
Imperativ, alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein
erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen
ist' (Karl Marx). Hitlers Nationalsozialismus hingegen hat von Anbeginn
sein antisemitisches Mordprogramm schamlos verkündet: Wort
und Tat sind
deckungsgleich. Seit Erscheinen seines Buches „Mein Kampf“ gab es keinen
Zweifel mehr, was er wollte: den
Raubkrieg und den Judenholocaust. Ist für den Nationalsozialismus
die vollständige Identität von antihumaner Zielsetzung und
Praxis charakteristisch, so für den Stalinismus die krasse
Kluft zwischen Lippenbekenntnis und Handlungsweise. Nur wer Stalin kannte, mußte Schlimmstes für die Juden - und
gleichzeitig für
die innenpolitische Opposition - befürchten, wenn der weise Lehrer aller
Völker sich plötzlich bemüßigt sah, ein glühendes Bekenntnis gegen den 'unmenschlichen
Antisemitismus' abzulegen…
So erweist sich - unter welchem Herrschafts-KnechtschaftsVerhältnis
auch immer - wie unterschiedlich Antisemitismus in die politische
Sündenbock-Funktion umgemünzt als Waffe sowohl gegen die Juden selbst
wie auch gegen beliebige innen- und außenpolitische Gegner genutzt
werden kann, wobei einmal die Juden, einmal die politischen Kontrahenten
die härter Getroffenen sind - letztendlich aber wird die gesamte
Gesellschaft geschädigt. Im Extremfall allerdings (Pogrome; Endlösung)
ist der Antisemitismus kaum mehr Waffe, Mittel, sondern nur noch
eigengesetzlicher Selbstzweck: Mordorgie."
Auf die Person Hitlers bezogen ziehe ich daraus die Bilanz:
"Hitler - das war nicht der Mann, um in Wien an die Macht zu gelangen.
Und Wien - das war nicht der Ort, um die gesamte deutschsprachige
Arbeiterbewegung mittels des zur Mordwaffe zugeschliffenen
Antisemitismus aus den Angeln zu heben, plattzuwalzen, und damit erst
freie Bahn für Judenmord und totalen Mordkrieg zu schaffen.
Nicht Wien, sondern München/Berlin - die Weimarer Republik (in den
Grenzen des Versailler Friedensvertrages) bot einer derart nekrophilen,
mörderisch antisemitischen Figur den archimedischen Hebelpunkt. Und auch
das nur nach verlorenem Krieg, schwindelerregender Inflation,
verheerender Wirtschaftskrise, wachsendem Ohnmachtsgefühl entwurzelter,
kleinbürgerlicher Existenzen (siehe dazu: Erich Fromm, Flucht vor der
Freiheit),
Massenarbeitslosigkeit, einem grotesken Versagen der gesamten
Arbeiterbewegung (SPD und KPD und Gewerkschaften) - und last not least
einem restaurierten, buchstäblich zu jedem Mittel bereiten
militärisch-industriellen Komplex, einem chauvinistisch entarteten
Finanzkapital, eisern entschlossen, die Weltwirtschaftskrise auf dem
Rücken der Massen zu überwinden und zugleich zum zweiten Raubkrieg um
die Neuaufteilung der Welt anzusetzen.
Antisemitismus, immer ein archaisch-rückständiges Gefühl wie jedes
Ressentiment, immer ein moralischer Defekt, immer ein geistiges
Unvermögen, die Ursachen der eigenen mißlichen Lage
zu erkennen, immer, wie jegliche Fremdenfeindlichkeit,
dumpfem
Differenzaffekt entspringend, ist keineswegs immer politisch operabel,
gar mörderisch anwendbar, ob er nun verwiegend religiöse, nationale oder
- in der rabiatesten Variante - rassische Wahnziele verfolgt. Erst wenn
die jeweils herrschende Klasse ernstlich um ihre Privilegien bangt,
existentiell eines Brandopfers, eines Sündenbocks bedarf, versucht sie
den altüberkommenen, stets sorgfältig gepflegten Antisemitismus als
tödliche Waffe einzusetzen. So etwa früher bei Epidemien und den
Kreuzzügen."
Ich habe oben ausgeführt, wie vorzüglich die antisemitische
Zentrallosung: DIE JUDEN SIND UNSER UNGLÜCK zum Zangengriff gegen die
deutsche Arbeiterbewegung instrumentalisiert werden konnte. Ebenso
geeignet aber war sie auch, um mit den Juden zugleich die Demokratie
insgesamt zu treffen, aus dem
Gesellschaftskörper zu eliminieren. Als ich mir noch einmal die
wüst-antisemitischen, stur-antidemokratischen, kriegssüchtigen,
todeslüsternen Pamphlete des jungen Ernst Jünger zu Gemüte führte, wurde
mir diese dreieinig gebündelte Zielsetzung erst richtig klar. (Auf Adolf
Hitlers "Mein Kampf" brauche ich nicht erst hinzuweisen). In der Tat war
mit den Deutschen jüdischer Abkunft, diesem deutschen Volksstamm (der
hier länger siedelte als manch Hitler- oder Jünger-Vorfahr), dessen
kultureller, gesellschaftspolitischer Einfluß weitaus größer war als
sein zahlenmäßiger Anteil am Gesamtvolk, kein totalitärer Staat, gar ein
Terrorstaat, Kriegsabenteuer-Staat zu machen.
Als weiland Hugenberg hochtrabend prahlte: "Wir haben uns Herrn Hitler
engagiert", war ausposaunt, wie sehr die Harzburger Herrenreiter der
Parforcejagd auf das Wild JUDE bedurften, um im Krisengelände über alle
Hindernisse hinweg ans Ziel zu langen.
In ihrer großen Mehrzahl bildeten die Juden (und ihr sehr weit
ausgedehntes Umfeld) jene kritische Masse, die alle damaligen größenwahnsinnigen (verbiestert
homo-erotischen) Kameraden-&Männer-&Helden-Phantasien
zunichte machen, "zersetzen" würde;
sie waren
unleugbar ein "FERMENT DER DEKOMPOSITION" (Theodor Mommsen), wenn es
darum ging, den SPRUNG INS DUNKLE ZU WAGEN, über ein DRITTES REICH zum
Revanchekrieg gegen das Versailler Diktat anzusetzen. Nur durch ihre
Stigmatisierung als JUDENREPUBLIK konnte die Republik zur Strecke
gebracht werden, und ihr Ende bedeutete auch, daß nun die Juden nicht
mehr Staatsbürger sondern vogelfrei waren, tendenziell zur industriellen
Ausrottung freigestellt: Der Mordapparat wucherte krebsartig:
eigengesetzlich. Er ist untergegangen. Ebenso seine Schöpfer,
Steigbügelhalter, Nutznießer, Engagierer, all die
betrogenen-betrügerischen Instrumentalisten vom Hugenberg-Schlag.
Könnten wir das nur auch vom Stalinismus sagen ...
Daraus folgert: Als auf deutschem Boden verwendbare Waffe ist der (unverblümte)
Antisemitismus nunmehr ungeeignet; er ist "schartig und rostig
geworden, kümmerlich geschrumpft, weil
von der Geschichte schauerlich widerlegt und durch den Holocaust seiner
Manövriermasse mörderisch beraubt: die Juden Mitteleuropas sind dahin -
ausgerottet, erschossen, vergast. Mit ihnen auf ihre Kosten ist kein
politisches Geschäft mehr zu machen. Das Feindbild 'Jud' ist zum
Geisterbild verblaßt - und nichts kann vergessen machen, daß der
Mordschrei, der infame Haltet-den-Dieb-Ruf: DIE JUDEN SIND UNSER
UNGLÜCK sämliche
Angerufenen erst ins eigentliche Unglück gelockt, in unermeßliche Leiden
gestürzt und in schreckliche Schuld verstrickt hat." (aus
obengenanntem Vorwort).
Wie die Antisemitismen in der Neuen Linken einschätzen?
Wenn wir also nach einem (etwaigen) Antisemitismus bei uns fragen - er
sei nun rechts oder links zu orten - so gilt zunächst einmal die
lapidare Antwort: der Nährboden, auf dem er Wurzeln schlagen könnte, ist
zerstoben. Weder finden wir ihn als geschlossene Ideologie, noch ist
irgendeine Führungsschicht in Sicht, die gewillt oder (krisenbedingt)
interessiert sein könnte, dieses Nichts politisch zu instrumentalisieren,
und
schon gar nicht
existiert eine nennenswerte Mordstruktur, um ihn - gegen Geister - in
die Tat umzusetzen.
Anwachsende Grüppen brandstiftend-mordender "Rechts"-Extremisten, die
teils gezielt (Nürnberg, teils wahllos (Oktoberfest) Massaker anrichten,
werden hier von interessierter Seite zum Popanz eines ununterbrochen
aufsteigenden NEOFASCHISMUS aufgeblasen. Es wird darüber hinweggegangen,
daß sie zumeist im Libanon – oder sonstigen einschlägigen Gegenden - von
"links"- terroristischen, russisch-bewaffneten Palästinensern
ebenso aufmerksam betreut, logistisch versorgt werden wie ihre "links"extremen RAF- & 2.Juni-Kollegen. Es wird auch nicht
systematisch verfolgt, daß innerhalb dieser "Rechts"-Extremen
häufig obskure Irrlichter auftauchen und verschwinden, deren
Weg in der DDR
endet oder daher kommt, beziehungsweise via DDR zum Orient weist. Der
Neonazismus wird nach gezielter HALTET-DEN-DIEB-METHODE gerade von jenen
an die Wand gemalt, bei denen der Antisemitismus höchst real existiert,
und die ihn in dieser Kreml-Variante originalgetreu zu uns übertragen.
In einzelnen Fällen ist - grade, weil sie einander instrumentell und
mental so gleichen- nicht einmal auszumachen, ob es sich um "Rechts"-oder
"Links"-Mord handelt, so etwa beim Karry-Verbrechen in Frankfurt oder
bei den Synagogen-Morden in Wien, Paris, Rom.
Worauf stützt sich nun die - zunächst absurd erscheinende Behauptung, es
gebe Antisemitismus bei der (west)deutschen Linken? Bleiben wir an der
Oberfläche, so lassen sich natürlich bei Linken wie Rechten zahllose -
von der Eltern/GroßelternGeneration unbewußt aufgesogene und
verinnerlichte Antisemitismen fliegenbeinmäßig aufzählen. Unlängst erst
stieß ich im - gewiß linken, gewiß nicht antisemitischen -
"PFLASTERSTRAND" Nr. 192 auf solch ein Exemplar aus der Gattung
Antisemitismen: Anfangs moniert der PS zurecht, daß Frankfurter
Öko-Fundamentalisten, die ansonsten eisern auf Halbzeit-Rotation ihrer
grünen Bundes-
& Landtags-Abgeordneten bestehen,
unverfroren über mehrere Legislaturperioden hinweg an ihren kostbaren
Stadtparlamentssesseln kleben. Dann wird deren
windig-schmalspur-dialektische Begründung für ihr inkonsequentes
Verhalten wörtlich zitiert.
Daran schließt sich die obskure PS-Ermahnung: "Liebe Freunde, wir raten
Euch, bei einem Rabbiner noch einige Talmudstunden
zu nehmen..." Gemeint war offenbar:
um das Wortverdrehen erst richtig zu
lernen... Zunächst blieb mir die Spucke weg. Es entfiel Strafantrag
wegen Verunglimpfung Verstorbener zu stellen, und zwar im Andenken an
meinen geliebten Großvater Ludwig Krause, den Talmudgelehrten (Dajin),
bei dem Erich Fromm viele Jahre lang viel gelernt hat; (wer Fromms Werke
liest - etwa "Haben oder Sein?" - stößt dort auch auf jüdische Weisheit,
abgesehen von der des Meisters Eckehart, die deutsch-jüdischer
Symbiose entstammt). Ich sagte mir: der PS ist schließlich kein
NPD-Organ; der, (die) törichte Autor(in) hat gewiß im Leben noch nie
einen Rabbiner erblickt - nur liegt da doch die Frage nahe, warum die so
rar geworden sind und der Talmud nicht mehr vorhanden, warum also der (schlecht-gemeinte)
Rat ins Leere stößt, von den Fundamental-Rabulisten gar nicht
wahrgenommen werden kann.
Selbstverständlich geht es bei Broders bohrender Frage nach dem
Antisemitismus der deutschen Linken um sehr viel Ernsteres als derlei
törichtes Zeug: Er zitierte eine Fülle handfester Antisemitismen aus der
gesamten Bandbreite unserer linken Pressemedien (die vielfache
Übereinstimmung der DDR-Presse mit der Münchener "Nationalzeitung" in
Sachen Israel bleibt dabei ausgespart).
Auch
da aber wo offen antisemitische Wendungen fehlten, zeigte sich doch eine
grotesk unterschiedliche Bewertung von Kriegsakten&Massaker je nachdem,
ob israelische (beziehungsweise pro-israelische) oder antiisraelische
Formationen im Spiel waren. Broder rubrizierte stur entschlossen diesen
in der Tag bestürzenden Sachverhalt schlankweg und durchgehend unter
ANTISEMITISMUS DER (west)DEUTSCHEN LINKEN. Das halte ich für eine
verhängnisvolle Fehleinschätzung: diese grundfalsche Diagnose
unbestreitbar schlimmer Symptome verstrickt uns in einen Windmühlenkampf,
verdeckt die wahren Ursachen und erschwert damit ungemein die
Gefahrenabwehr. Mit anderen Worten:
Er bekämpft statt des echten einen eingebildeten Gegner. Broder hat zwar
durchaus recht, wenn er den schiefen Blickwinkel, die getrübte
Perspektive, all die Einäugigkeit, wenn nicht Blindheit, die seine
Blütenlese offenbart, auf eine geschlossene Ideologie zurückführt: Nur
ist dies nicht ein fiktiver Antisemitismus, sondern waschechter, höchst
real existierender Philo-Kremlismus. Nicht die Juden&Israel, sondern
USA&PENTAGON&CIA dienen hier in vorderster Linie, dazu, die Welt, das
Böse zu erklären. Das wird sofort deutlich, wenn wir einschlägige
Stellungnahmen aus dem von Broder herangezogenen sehr breiten linken
Pressebereich analysieren, die mit Israel überhaupt nichts zu tun haben:
wenn es beispielsweise um San Salvador&Nicaragua geht, um
Polen&Afghanistan. Wir finden auch in diesem Fall exakt die gleiche
Doppelmoral, stoßen auf dasselbe grobe Mißverhältnis zwischen
überspitzter Kritik hier, Beschönigung&Verschweigen dort, begegnen einer
auffällig-unauffälligen bis penetranten anti-amerikanischphilo-russischen
Grundhaltung.
Der Kreml-Antisemitismus
Sofern bei Broders Pressebeispielen überhaupt von Antisemitismus
gesprochen werden kann, dann höchstens von einem sekundären, unbewußten,
garnicht als solchem erkannten, nämlich dem uraltstalinistischen
Kreml-Antisemitismus. Doch ist es gewiß kein Trost, daß ein Großteil
unserer Linken anstelle des offenen, ehrlich-mörderischen originären
deutschen Antisemitismus einem verdeckten aus zweiter (schmutziger) Hand
verfällt.
Was
den deutschen Hitler-Antisemitismus anlangt, so hat er selbst in
Alt-Nazi-Kreisen an Wirkungskraft eingebüßt. Würde der Judenmord
heutzutage nicht allgemein als entsetzliches Verbrechen angesehen, dann
wären die Hitlerzeit-Nostalgiker nicht so verzweifelt bemüht, ihren
FÜHRER wenigstens davon reinzuwaschen und den Millionenmord - entgegen
der zum Himmel schreienden Wahrheit - frisch, fromm, fröhlich, frech zu
leugnen ("Auschwitz-Lüge"). Auch diesen hartgesottenen Antisemiten
mag also die Kreml-Variante des Antisemitismus, die auf so elastischen
Beinen heranschleicht, heute näher liegen; jedenfalls erklären
neuerdings auch die Rechtsextremisten - wie die Linke seit langem - die
USA (und nicht etwa das Sowjetimperium) zu ihrem eigentlichen Gegner.
Aus allem bisher Angeführtem erhellt, warum eine hinreichende Analyse
des NATIONALSOZIALISMUS, der "DRITTEN-REICH-Realität unmöglich ist ohne
(grade auch in Sachen ANTISEMITISMUS) den STALINISMUS, das Sowjetreich
vergleichend-synoptisch einzubeziehen. Allein diese beiden neuzeitlichen
industriellen Großreiche zeigen ein vergleichbares Ausmaß an
Menschenmord, Versklavung, Folter, Konzentrationslagern, an Landraub,
Völker-Überfall&Okkupation&Evakuierung.
Beide "Führer"-("Woschd"-)Systeme haben sich wechselseitig
zum Gegenmodell dämonisiert und damit legitimiert; sie haben - je
nachdem - einander bekämpft und mit einander paktiert (den
Zweiten-Weltkrieg auslösend, um sich in die erste Beute: Polen&Baltikum
zu teilen); zudem ähneln sie einander in der totalitären Struktur (ohne
etwa nach Ursprung und Wesen miteinander deckungsgleich zu sein). Es
sollten also beide Profile des Januskopfes vergleichend gedeutet werden.
Rein
rechnerisch (mithin nur statistisch, nicht komplex untersucht), würde
sich dabei unter anderem ergeben, daß Stalin mehr Kommunisten, mehr
Sowjetbürger insgesamt umgebracht hat als Hitler, dieser dagegen mehr
Juden als jener. Ich stütze mich hierbei auf Adam Riese und nicht auf
Golo Mann (wie "konkret"-Publizist Gremliza mir unterstellen zu müssen
meinte).
Ein anderer (sekundärer) Unterschied zwischen Nationalsozialismus und
Stalinismus zeigt sich in der entgegengesetzten Aufgabenstellung für den
gigantischen Folter-Apparat: Während die Unzahl Stalinscher
Folterknechte aus Millionen von VOLKSFEINDEN falsche Geständnisse,
absurde Selbst-&Freund&Fremd-Bezichtigungen
herausmarterten, hatte Hitlers GESTAPO echte Geständnisse zu erfoltern;
dagegen mag die gewöhnliche, alltägliche, terroristisch-sadistische
Häftlingsmißhandlung
- sei es im GULAG, sei es im KZ - in etwa gleicher
Zielsetzung und in ähnlichem Ausmaß erfolgt sein; letzteres gilt wohl
auch für den direkten Eliminierungs-Mord, ob an VOLKSFEINDEN oder JUDEN,
UNTERMENSCHEN (allerdings war der Mord im GULAG noch nicht perfekt
industrialisiert).
Wir müssen bei dieser Synopse auch berücksichtigen, daß Hitler (trotz
Attentat) sein ENDLÖSUNGSVERBRECHEN (wie unzählige andere) grade noch (weitgehend)
ausführen konnte, während Stalin über seinem allergrößten Mordplan (darunter
auch die Juden-Evakuierung nach Birobidjan) hinwegstarb (aber
wahrscheinlich nicht ermordet wurde, jedenfalls wurde kein Widerstand
sichtbar).
Was nun die SKLAVENARBEIT (GULAG, beziehungsweise KZ) anlangt, so
bedeutet sie - schon rein zahlenmäßig - eher für das Stalin- denn für
das Hitler-Reich eine ausschlaggebende ökonomisch-politische Potenz; das
betrifft sowohl die Höhe des Arbeitsprodukts als auch das enorme
terroristische Potential (als SCHWARZE INDUSTRIELLE RESERVEARMEE) zur
Disziplinierung der Lohnsklaven. Das Schicksal von
Kriegsgefangenen&Verschleppten ("Fremdarbeitern"), beziehungsweise deren
Zwangsarbeit wären gesondert zu untersuchen.
Am
Schluß jeden Vergleiches aber muß die ABRECHNUNG mit der VERGANGENHEIT
stehen - und ihr Einfluß auf die Gegenwart: Hier erscheint mir besonders
schwerwiegend, daß Chruschtschows zaghafter "ENTSTALINISIERUNGS"-Versuch
bereits im Ansatz stecken blieb, durch seinen Sturz erstickt wurde,
während bei uns, trotz aller Mängel, eine - immer noch anhaltende -
öffentliche Auseinandersetzung (siehe auch diese Tagung) mit dem
Verbrechens-Regime des Nationalsozialismus und dessen krimineller
Ideologie erfolgte.
Von sehr vielen Linken - seinerzeit auch von mir - ist der
großartige Sieg der "Stalin-Armee" (im Bündnis mit den West-Alliierten)
über die "Hitler-Armee" - nach all den unsäglichen, durch den
Nationalsozialismus verschuldeten, Leiden der Sowjetbevölkerung - als
WELTGERICHT mißverstanden worden: ein Geschichtsurteil, daß den
Stalinismus zwar nicht rehabilitiere,
so doch amnestiere, entschuldige.
Selbstverständlich hat sich durch die Existenz des jüdischen Staates das
Antisemitismus-Problem erheblich modifiziert, weiter kompliziert.
Während zionistische Falken jedwede - noch so berechtigte - Kritik an
ihrer selbstmörderischen, reaktionären Handlungsweise als (linken)
Antisemitismus verteufeln, ist der ANTIZIONISMUS des Kreml-Regimes
tatsächlich zum Tarnwort für seine de-facto- antisemitische Innen-&Außenpolitik
geworden. Das Sowjetimperium trifft per anti-israelische Ideologie zwei
Fliegen mit einem Schlag: den (notwendigerweise USA-orientierten)
jüdischen Staat und zugleich seine (ebenso notwendigerweise
demokratisch-westlich-orientierten) eigenen, im unheimlichen
Sowjetbereich lebenden, doch nicht heimischen Juden. Sie werden
zunehmend aus allen "sensiblen" Bereichen (und welche sind es nicht?)
des Sowjetimperiums ausgeschaltet - eine Art von lautlosem "Arisierungs"-Prozeß,
der dem Russifizierungsprozeß im Baltikum ähnelt.
Wieder einmal werden die Juden in einem historischen Moment (und in
einem Lande, wo sie zahlreich städtisch versammelt sind) zur KRITISCHEN
MASSE: innerhalb des steril erstarrenden POSTSTALINISMUS-SENILISMUS
bilden sie jenen gefährlichen Hefeteig, der dem krisengeschüttelten
Koloß abenteuerliche Auswege, blutige Konfliktlösungen erschwert.
Wie
sehr jeder Ansatz zum Frieden in Nahost den Spannungskurs des Kreml
irritiert, bewiesen dessen infame Propaganda & Aktions-Störmanöver gegen
das beispielhafte (Carter zu dankende) Camp-David-Abkommen. Unsere Linke
gab vielfach diesem antisemitisch-antiamerikanischen Kreml-Kriegs-Kurs
im Nahen Osten lauthals Schützenhilfe.
Am Rande noch, aber immerhin, basteln bereits - vom Kreml
(zumindest einer Falkengruppe im Führungskern) ermunterte -
großrussisch-chauvinistische Autoren munter an einer (geschlossen)
antisemitischen Ideologie vom bösen KAPITALISTISCHEN WELTJUDENTUM,
sozusagen einer poststalinistischen Aktualisierung der WEISEN VON ZION
unseligen Angedenkens, die sich erstaunlich lebensfähig zeigen. Für mich
bleibt es offen, ob der antisemnitisch-antizionische Kurs des Kreml
primär außenpolitisch oder vorwiegend innenpolitisch bestimmt ist; auch
bleibt es dem Laien - selbst den Kremlnologen - verborgen, welche
aktuellen Positionskämpfe unter den Kreml-Patriarchen auch in puncto
Israel(ihr Judenproblem insgesamt) toben mögen. Wer schaut schon durch
die Risse einer total-totalitär abgeschotteten, hierarchisch-schmalen
Pyramidenspitze? Deutlich ist nur, daß aus der russischen
Requisitenkiste neue Masken hervorgeholt werden: Hatte Väterchen Stalin
einst als Atheist die Juden aus GOTTESMÖRDERN in GOTTKAISERMÖRDER
umgepoolt (im weißen Kittel und mit Chirurgen-Maske), so werden sie
jetzt als SOZIALISMUS-Verräter, Dissidenten dargestellt in
russifizierter, säkularisierter Oberammergauer Maske): das Volk soll in
ihnen den potentiellen JUDAS erblicken.
Die jüdisch-deutsche Symbiose als spirituelle
Ich sehe mich, schreibe hier als Deutscher jüdischer Abstammung. Zwar ist
die jüdisch-deutsche Symbiose durch den Nazi-Holocaust physisch
ausgelöscht, die kreative Kraft, die ihr entsprang, für Generationen
amputiert (der Mord an den Juden bedeutet für mich auch einen Akt
deutscher Selbstverstümmelung), doch lebt diese Symbiose spirituell
weiter, ward zudem längst Element abendländischer Kultur. Anhand ihrer
Lebensgeschichte verstehe ich jene jüdischen Referenten, die hier in der
Muttersprache, in Deutsch, begründeten, daß sie sich nicht als Deutsche
fühlen, ja die "Geschäftsgrundlage" mit der deutschen Linken zerrissen
sehen, sofern diese nach einer (positiven) deutschen Identität Ausschau
hält.
Leider haben sie nicht an der Morgenandacht (hier in der Evangelischen
Akademie Arnoldshain) teilgenommen. Die Wiederbegegnung mit dem
deutschen Kirchenlied, dem deutschen Gesangbuch (ob evangelisch oder
katholisch) hätte sie vielleicht daran erinnert, wie unauflöslich
deutsche und jüdische Kultur miteinander verbunden, ineinander
verflochten sind.
Aus
meiner eigenwilligen abendländischen Sicht - Betrachtungsweise einer
neuartigen Gesellschaft, in der das INDIVIDUUM die NABELSCHNUR zur
urwüchsigen GEMEINSCHAFT bereits GELÖST hat (Marx), während es in der
Kreml-Despotie (einer Kümmerform der asiatischen Despotie) ins
Zwangskollektiv zurückgesperrt wird - erklärt sich auch mein Verständnis
der Israel-Frage.
Vor allen schier unlösbar erscheinenden Weltkonflikten dünkt mir der
israelisch-palästinensische am kompliziertesten. Die doppelt
irreale zionistische (Herzl-)Losung:
DAS VOLK OHNE LAND IN DAS LAND OHNE VOLK ist per
irrationalem Geschichtsverlauf
realisiert worden (sozusagen
ad absurdum verwirklicht, nicht ad absurdum geführt): Das geschah
zunächst durch die zaristischen russischen Pogrome, sodann - und das gab
den Ausschlag - durch den Hitler-deutschen Holocaust, endlich durch die
nachzaristische (stalinistische/poststalinistische) Judenverfolgung.
Die Existenz des Staates Israel wurde allein durch die
dorthin getriebenen
Juden unumstößliche Realität. Ebenso
Realität wurde indes die Vertreibung der Palästinenser aus ihrer Heimat,
bzw. ihre Degradierung zu Bürgern zweiter Klasse im eigenen Land. Wie
soll das gut gehen?
Wer mit gutem Recht die Anerkennung der Existenz des Staates Israel
fordert, muß auch anerkennen, daß dadurch die Existenz eines
palästinensischen Staates zwingend wird, in dem die vertriebenen,
beziehungsweise benachteiligten Palästinenser die nämlichen Rechte
besitzen wie die Juden in Israel. Die Araber, Palästinenser, die einst
im (englischen) Kolonialstatus lebten, haben zum Teil (aus
dieser Situation heraus und zu ihrem Schaden) mit,
der seinerzeit bösartigsten - und verlierenden – Weltmacht
kollaboriert (wie etwa der Mufti von Jerusalem). Nun werden viele von
ihnen durch die zionistischen Falken (von Rabbi Kahane zu schweigen) in
die offen ausgebreiteten Arme des Sowjetimperiums getrieben, das heißt
Israel zusätzlich gefährdet, und die Position der demokratischen
Westmächte im Nahen&Mittleren Osten mutwillig geschwächt.
Im übrigen zeigt sich seit Camp David immer deutlicher: VERHANDELN ist
besser als SCHIEßEN; Kundige erkennen auch ein neuartiges Menetekel an
der Felswand: Wer russisch schießt, verliert - steht zudem auch
moralisch auf der falschen Seite.
Die Kreml Ideologie ist eine THEOLOGIE DER KNECHTUNG, keine Theorie der
BEFREIUNG; das Sowjetimperium wurde längst zum Hort der Weltreaktion (in
der Maske der Weltrevolution) - und damit auch Kernland des heutigen
Antisemitismus.
Der zionistisch-palästinensische Konflikt darf nicht weiter zum
archaisch-orientalischen
Urkrieg entarten, bei dem zuletzt die Ausrottung des Gegners als einzige
überlebenschance erscheint. Noch fahren beide Konfliktparteien fort,
sich gegenseitig zu traumatisieren.
Die Juden, die sich nach Israel retteten und nun unter ein neues
Trauma geraten, hatten
bereits drei seelisch-existentielle Katastrophen hinter sich:
-
Trauma eins:
-
Trauma
zwei:
-
Trauma drei:
Es ist die Vorgeschichte, die den zionistisch-palästinensischen Konflikt
- und das Verhalten von Juden in aller Welt mitbestimmt. Niemand sollte
das außer acht lassen ...
[1] Aus meinem Vorwort zum Spira-Buch
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