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Nikolaus SIMON:
DIE WEST-BANK ZUHAUSE
Der Ausgangspunkt
Die Motive der Mitglieder eines Arbeitskreises, der sich mit der Lage im
Nahen Osten beschäftigt, lassen sich bestimmt nicht über einen Leisten
schlagen. Das Schicksal des jüdischen Volkes bringt in vielen westlichen
Ländern Menschen dazu, sich intensiv mit jüdischer und israelischer
Thematik zu befassen. Der Konflikt zwischen Israel und den
Palästinensern, zwischen Israel und den arabischen Nachbarstaaten, die
vergangenen Kriege und der Krieg im Libanon machen es zudem unerläßlich,
sich auch mit den Bedingungen für Krieg und Frieden in dieser Region
eingehend zu beschäftigen. Neben offiziösen nationalen
Freundschaftsgesellschaften treten Kreise, die es sich zur Aufgabe
gemacht haben, dezidiert für die Publizisten und Publikationen, die
Parteien und Organisationen, die Persönlichkeiten zu werben, die sich
für die Verständigung und die Entwicklung von friedlichen und
gemeinsamen Perspektiven für alle Beteiligten stark machen. Dabei ist es
von untergeordneter Bedeutung, ob sich nur Nichtjuden oder nur Juden
oder alle gemeinsam für Friedensinitiativen engagieren. In der
Hauptsache geht es um eine
Orientierung an universalen Ideen wie Völkerverständigung,
Verwirklichung des Gleichheitspostulats, Ausbau der Demokratie,
religiöse Toleranz, Freiheit und häufig auch um Sozialismus.
Da ist zuallererst die nicht "bewältigte" Vergangenheit der
Bundesrepublik. Nicht einmal eine ganz kleine Résistance, nicht die Idee
davon bietet den Nucleus für ein besseres Nationalgefühl angesichtes der
Niederwerfung des Nationalsozialismus von außen. Die Kontinuität in
Strukturen und Personen aus dem Dritten Reich hinein in die
Bundesrepublik ist notorisch. Statt von Entnazifizierung kann man
getrost von NS-Persistenz sprechen. Der gerade auch unter Linken
allerdings verbreiteten Naivität, dies den Allierten anlasten zu wollen,
ist Hagen Rudolph zurecht entgegengetreten mit dem Hinweis, "daß die
Deutschen in den drei Westzonen endlich die Chance (hatten), die
jahrelang so schiefgegangene Sache in die eigenen Hände zu nehmen (als
sie) jetzt ihren eigenen Staat, die am 23. Mai 1949 gegründete
Bundesrepublik (hatten)".[1] Ute Schmidt und Tilman Fichter
schrieben dazu: "Die 'Renazifizierung‘ der Beamtenschaft fand ihren
Abschluß mit dem Gesetz zur Wiederherstellung des Beamtentums: In dem
vom 1. Bundestag verabschiedeten 'Gesetz zur Regelung der
Rechtsverhältnisse der unter Art. 131 GG fallenden Personen' vom
11.5.1951 wurde die Wiedereinstellung aller nach 1945 im Zuge der
Entnazifizierung entlassenen Personen zur Pflicht gemacht."
Die Linke hat es von 1945 bis 1951 weder vermocht die Entnazifizierung
praktisch durchzukämpfen, noch im Ringen mit den Allierten praktisch die
Sozialisierung voranzutreiben. "Ein Entnazifizierungsprogramm, das auf
Sozialisierung hinauslief, verurteilte sie (die Führung der SPD, Nik.
S.) als 'kalte Sozialisierung "'.[2] Das schlechte Gewissen über das
Scheitern der Parteien und Organisationen der Arbeiterbewegung vor. 1933
und nach 1945 hat bei vielen Gewerkschaftern und Sozialdemokraten zu
einem emotionalisierten Verhalten gegenüber Judentum und Israel geführt.
Selbst nach der Invasion Israels in den Libanon dominiert eine milde und
nicht unsympathische Form von Philosemitismus und Freundschaft mit
Israel, die kritische Zweifel und Selbstzweifel bei einem großen Teil
dieser Linken überlagert.
über den schier unerträglichen sog. Philosemitismus von rechts, für den
Axel Cäsar Springer steht, muß leider auch knapp gesprochen werden, weil
er nicht ohne Wirkung auf die Beziehung der Linken zu Israel geblieben
ist. Die Begeisterung für ein wehrhaftes Israel sollte vielleicht besser
Philoisraelismus genannt werden. Das Engagement, das aus dieser Ecke für
die Sicherheit Israels zum Ausdruck kommt, kann sich zwar auf die
Massenstimmung Peres-Shamir'scher Prägung in Israel berufen, es hält
aber keiner friedenspolitischen Überlegung stand und ist außerdem auch
keineswegs so "philosemitisch", wie gemeinhin angenommen oder vom
Darsteller geheuchelt wird. Heinrich Böll hat das am Beispiel Boenisch
gerade eindrucksvoll demonstriert.[3] Von beidem - NS-Kontinuität in
Strukturen und Personen und rechtem Philosemitismus/-israelismus - haben
sich Linke stets abgegrenzt. Links meint hier das Selbstverständnis, das
sich aus Antifaschismus und Bekenntnis zu linken Ideen selbst als links
einstufen würde. Wie problematisch der Kunstgriff über die
Selbstdefinition auch sein mag, er grenzt zunächst mal niemand aus, der
sich durch die Beiträge in diesem Band getroffen fühlen mag. Zehn Jahre nach dem Krieg 1967,
bei dem viele Linke nicht mehr für Israel sein wollten, weil Springer
für Israel war, führt der Sieg der israelischen Rechten zur Gründung des
Deutsch-Israelischen Arbeitskreises für Frieden im Nahen Osten. Auch
heute bleiben noch viele Gewerkschafter und Sozialdemokraten mit "guten"
Gründen in der Deutsch-Israelischen Gesellschaft,
die weiter nach der Devise "Right or wrong - my country"
verfahren will, doch es sind mehrheitlich Linke, die damals
überwechselten und es sind Linke, die nun zum DIAK stoßen und die neben
vielen anderen Zielgruppen, auch in Konkurrenz zur DIG, beispielsweise
das typische evangelische Akademiepublikum, vorrangig angesprochen
werden sollen. Es gibt einen Bedarf an
Aufklärung über politische, demographische, soziologische,
sozialpsychologische und militärische Fakten in Israel. Die
Friedenskräfte in Israel und unter den Palästinensern brauchen ein
Sprachrohr in der Bundesrepublik. Aber der Boden, von dem aus diese
Arbeit verrichtet werden soll, ist nicht mehr so aufnahmebereit und
unbeackert, wie die hehren universalen Ideale der Linken glauben machen
wollen. Die seit '67 schleichende Entfremdung zwischen links und Israel
hat sich in weiten Teilen als Antisemitismus in der Linken entpuppt,
oder - horribile dictu - gar auch als linker Antisemitismus, schlecht
kaschiert im Pseudobegriff des Antizionismus. Das bedeutet, daß sich ein
DEUTSCH- Israelischer Arbeitskreis auch diesem Problem zu stellen hat. Wegen des Antisemitismus in der
gesamten Geschichte der Linken und wegen
des verqueren
Antizionismus seit 1967 wäre es fatal, den Blick immer nur auf die eine
West-Bank richten zu wollen. Es gibt nämlich auch die West-Bank des
linken Bewußtseins, in der ebenfalls Schrecklichem - wenn auch meist nur
in Gedanken - ein Ende bereitet werden muß.
Wohin Selbstgerechtigkeit führt, hat für einen Teil Israels im
israelisch-palästinensischen Konflikt Amos Oz in seinem Buch "Im Lande
Israel"[4]
beeindruckend herausgearbeitet. Die durch eigenes erfahrenes Schicksal
oder durch die Zugehörigkeit zum leidgeprüften Kollektiv gestützte
unerschütterliche Selbstversicherung vermeintlicher historischer
Vorrechte führt bei den Siedlern des Gush Emunim zu bizarren
Projektionen und Rechtfertigungen.
Die linke Selbstgerechtigkeit der allzu häufig anzutreffenden einäugigen
Kritik an Israel stützt sich - meist ohne am eigenen Leib erfahrene
Leiden - auf die angemaßte Zugehörigkeit zu den Opfern des Faschismus.
Das Pathos des doppelt reinen Gewissens, einmal als Linker und dann noch
als Nachgeborener, erhält durch die simple Selbstzurechnung zur
Arbeiterbewegung scheinbar die nötige Weihe, um unbekümmert und selbst
von Fakten unbeeindruckt, moralischem Rigorismus und marxologischer
Abstraktion wie Geschichtsmythologie zu frönen. Die Falle der
Identifikation, die sich dabei nach der einen wie der anderen Seite
auftut, hat von jüdischer Seite für die 68er Generation vornehmlich in
Frankreich Finkielkraut beschrieben.[5]
Für Deutschland sei nur auf zwei Publikationen in diesem Zusammenhang
hingewiesen, auf den Band "Die Verlängerung von Geschichte"[6]
und das Sonderheft der Zeitschrift Pflasterstrand "Palästina - Ein
Alptraum der deutschen Linken".[7] Nicht die Faktizität von
Israelkritik ist der Lakmustest auf antijüdisches Ressentiment, sondern
das Ziel, der Zweck, der Ton der Kritik. Die übermäßige Identifikation
mit der Politik der Opfer kann ja auch im Mantel des größten Mitleids
oder Mitgefühls unmenschliche Folgen gutheißen. Das gilt für israelische
Politik so gut wie für palästinensische; Ideale bloß anbeten, können
Linke auch.
Zu den Beiträgen der Referenten Henryk M. Broder hat das seit
1975 immer wieder vorgeführt. Er ist zum Chronisten linken Antijudaismus
avanciert und an seiner Arbeit kommt niemand vorbei. Nicht nur die
getroffene Linke hat entsprechend gebellt; die Linken, die von den
Aufsätzen und Artikeln nicht zu treffen waren und die an Broder dessen
vermeintliche Undifferenziertheit im Umgang mit der Schublade "links"
kritisierten, die ihn nicht länger als einen Linken akzeptieren wollten,
schossen mit ihren Repliken auch nur daneben. Selbst wenn Henryk Broder
sich selbst nicht mehr zur Linken rechnete, seine schlimmen Zitate
blieben doch alle bestehen. Wer wollte und sollte ihm vorwerfen, daß er
genau das mit Bravour leistet, was er sich zur Aufgabe gemacht hat?
In
seinem Beitrag zu diesem Band streicht er heraus, daß er nicht der erste
und nicht der einzige ist, der sich dem Pänomen des linken
Antisemitismus zugewandt hat. Er gehört allerdings zu denjenigen Autoren,
die mehr registrieren als analysieren. Bei der Erklärung des Phänomens
hält er es mit den Theoretikern, die Antisemitismus für eine
transhistorische Gegebenheit der conditio humana halten. Sein Hinweis
auf Leon Poliakovs achtbändige Geschichte des Antisemitismus (bisher
sind fünf Bände davon ins Deutsche übertragen[8])
kommt dieser Einschätzung sehr entgegen. Auch Paul Hilbergs "Die
Vernichtung der europäischen Juden" ist dem Erklärungsansatz
verpflichtet, wonach sich der Antisemitismus seit der heidnischen Antike
zwar in verschiedenen historischen Gewändern zeigt und in seiner
Brutalität durch die Zeiten sich verschärft und verallgemeinert, seinem
Wesen nach aber nicht in völlig unterschiedliche und scharf voneinander
zu trennende Arten der Judenfeindschaft aufgelöst werden kann. Hilberg
stellt daher konsequent in einer Tabelle kanonische und nazistische
antijüdische Maßnahmen synoptisch gegenüber.[9]
Von diesem Erklärungsmodell unterscheiden sich die Versuche, nach denen
die unterschiedlichen historischen Formen von Antijudaismus nicht aus
der Perspektive der Opfer gedeutet werden. Aus der Opferperspektive
ergibt sich nämlich wirklich eine kontinuierliche Leidensgeschichte,
deren Erklärung nicht primär im Verhalten der Opfer - konkret also nicht
bei den Juden und ihrer wie auch immer gearteten religiösen, sozialen,
ökonomischen oder politischen Lage in der Gesellschaft - gesucht werden
darf und kann. Wenn zum Zwecke der Analyse die historische Verwobenheit
der unterschiedlich motivierten und instrumentalisierten Formen von
Judenhaß in den Vordergrund geschoben wird, ergeben sich neue
Perspektiven des Verständnisses. Allgemein könnte man die etwas
abgegriffene Formulierung von der historisch-materialistischen
Geschichtsbetrachtung wählen. Konkret ließe sich z.B. zeigen, daß mit
der Diskussion der Stellung des einzelnen Juden und der Juden als
Kollektiv in der französischen Revolution ein Wandel im deutschen
Antijudaismus eingeläutet wird, der die Judenfrage nach 1815 zum
Paradigma für die Demokratiefrage werden läßt. Wie Deutschtümelei mit
dem Beginn rassistischen Antijudaismus in der von Saul Ascher[10]
kritisierten
Germanomanie zusammenfließt, ist gesondert von einer Kontinuität des
Antisemitismus von der Antike bis heute zu diskutieren. Eine detaillierte Erörterung des
Problems unterschiedlicher Forschungsansätze zum Antisemitismus sprengt
den Rahmen dieser Einleitung. Es sei dennoch als Anregung bemerkt, daß
der DIAK entsprechend seiner Aufgabenstellung ein Seminar durchführen
könnte, in dem als weitere Bemühung zur Klärung der Herkunft und
kulturellen Verwurzelung von Antisemitismus das Amalgam aus Anti-Demokratismus,
Antimodernismus und Anti-Semitismus im Kaiserreich untersucht wird. Dan Diner hat in seinem Beitrag
eine Reihe von Hinweisen dafür gegeben, daß der Antisemitismus in der
Linken viel mit der deutschen Kultur zu tun hat, aus der heraus die
Schriften von Marx und Lassalle zu verstehen sind. Zu dem hier dokumentierten
Seminar wurde er aber auch deshalb eingeladen, weil er - so wurde
vermutet - eine ganz andere Konsequenz aus dem Faktum linken
Antijudaismus gezogen hat als Henryk M. Broder. Broder hält den Kampf
gegen Antisemitismus, ob gegen den von rechts oder den von links, für
völlig vergeblich. Er rät allen Juden lieber nach Israel zu gehen und
mit den dortigen Problemen produktiv umzugehen, als hier Energie auf
eine Sache zu verschwenden, die aussichtslos ist. Selbstverständlich
gibt es für ihn in Deutschland nicht nur Antisemiten und nicht alle
Linken sind welche, aber was hat das noch für eine Bedeutung angesichts
der Tatsache, daß es viel zu viele Antisemiten auch gerade unter den
Linken gibt, um in Ruhe als Jude in Deutschland leben zu können ?
In
dem Buch "Keine Zukunft auf den Gräbern der Palästinenser" heißt es zu
Dan Diner: "Er ist Mitarbeiter des Sozialistischen Büros (SB) und
Redakteur der Monatszeitschrift links, außerdem engagiert in der
israelischen Oppositionsbewegung. Dan Diner schreibt über die
Palästinafrage 'aus einer jüdisch-israelischen Erfahrung auf deutschem
Vordergrund'"[11].
Diner wendet sich gegen die Ontologisierung von Antisemitismus, streitet
einen genuinen linken Antisemitismus ab und spricht stattdessen von
Antisemitismus in der Linken. Selbstverständlich muß dieser ebenso
bekämpft werden wie der rechte und wie jede Form antihumanistischer
Weltsicht und Politik. Diner nimmt linke Geschichte
und Theoriebildung auf, um mit Selbstkritik als Linker "Interventionen"
vorzunehmen. Im Gegensatz zu Broder würde er sich wohl zunächst als
Linker und dann erst als Jude verstehen - wobei diese grobe
Auseinanderreissung nur helfen soll zu beschreiben, daß Diner sowohl in
der Bundesrepublik als auch in Israel als Linker versuchen würde mit
seiner "universalistischen Moral" Politik zu betreiben. Tilman Fichter hatte
entscheidenden Anteil am Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS)
und ist als linker Publizist mit Dan Diner vergleichbar. Da er aber kein
Jude ist, leidet er an linkem Antisemitismus in anderer Weise. Er
leugnet ihn nicht, vielmehr belegt er ihn mit weiteren Beispielen. Bei
der Frage der Bekämpfung stellt sich für ihn nicht die Alternative: Ja
oder Nein. Ebenso wie bei der Betroffenheit über die Vernichtung des
deutschen Judentums ist er ganz auf deutsche Geschichte und deutsche
Gegenwart verwiesen. Er ist ein deutscher Linker, der gegen linken
Antisemitismus kämpft. Dan Diner ist ebenfalls ein deutscher Linker -
aber er ist eben auch noch mehr, nämlich deutscher Jude und Israeli. Er
ist auf deutsche und linke Geschichte nach dem Holocaust zudem noch
anders bezogen als beispielsweise Heinz Brandt. So wie dieser sich
selbst zunächst als Deutscher jüdischer Herkunft vorstellt, kann es Dan
Diner nicht mehr. Es kann vermutet werden, daß Tilman Fichter und Heinz
Brandt der engere Bezug zur deutschen Geschichte als linke deutsche
Geschichte eint, während Dan Diner und Heinz Brandt die engere Bindung
an deutsche Geschichte als jüdisch-deutsche Geschichte eint. Obwohl alle
drei grosso modo der gleichen linken Orientierung angehören, könnten
diese Nuancen den Konfliktbereich erhellen, der sich um das Verhältnis
zu deutschem Nationalgefühl im Seminar ergab.
Ein neues deutsches Nationalgefühl
Für kurze Momente in der Debatte um die Zulässigkeit von einem "neuen"
deutschen Nationalgefühl, auf das auch die Linke politisch einzugehen
hätte, ergab sich eine Überschneidung zwischen Tilman Fichter und Henryk
Broder. Broder gestand zur Rettung der Legitimität des israelischen
Nationalgefühls natürlich auch den Deutschen ein solches zu. Dann
dominierte aber die Gemeinsamkeit Broder - Diner in der Frage, daß ein
neues deutsches Nationalbewußtsein mit höchster Wahrscheinlichkeit auch
eine Renaissance von Antisemitismus beinhalte. Während allerdings für
Broder daraus keine neuen Konsequenzen abzuleiten wären, bedeutet diese
Gefahr für Diner den Verlust einer Geschäftsgrundlage von 1968, nach der
die Linke in Deutschland ihre Juden nach dem Holocaust nur dann
einzuschließen vermag wenn nie wieder die Idee der Nation die gemeinsame
Verpflichtung zur Erinnerung und damit zur kritischen Abkehr von
jeglichem Nationalismus bedroht. Heinz Brandt und Tilman Fichter eint in
dieser Debatte der Wille, nicht aus konkreten politischen Entwicklungen
ausgeschlossen zu sein. Diese Position verweist auf ein Geschichts- und
Theorieverständnis wie es Rudi Dutschke proklamierte, und wie es Bernd
Rabehl zu dessen Tod noch einmal zu umreissen versucht hat.[12]
Dabei wird der Gegensatz: revolutionärer Utopismus versus Skeptizismus
oder tätiges Eingreifen versus Räsonnement thematisiert. Linke Abstinenz
oder enttäuschter Rückzug bedeuten danach viel stärker die Preisgabe
einer linken Geschäftsgrundlage als das bewußte Eingreifen in
historische Prozesse, selbst dann, wenn der Ausgang noch ungewiß ist. Bewußtes Eingreifen soll
keinesfalls als Aktionismus mißverstanden werden - und Räsonnement soll
nicht einfach mit der Abwesenheit von Praxis gleichgesetzt werden. Es
geht hier nicht um kleinliches Kategorisieren oder gar oberlehrerhafte
Zurechtweisungsversuche. Es geht vielmehr um das
Verständnis der möglicherweise entscheidenden Differenz zwischen der
bloß kritisch-publizistischen Begleitung von und der tatsächlichen
Beteiligung an und Einmischung in die ablaufenden linken Prozesse.
... und die besondere deutsche Verantwortung Eine Frage, die bereits in der
Tagung eine Rolle gespielt hat, soll das Problem verdeutlichen helfen.
Karlheinz Schneider spricht das in seinem Beitrag zu diesem Band ebenso
an wie Micha Brumlink in der Ausgabe der Zeitschrift des DIAK "israel &
palästina" Nr. 5-84, die nach dem Seminar erschienen ist: "Gibt es eine
besondere deutsche Verantwortung im Nahostkonflikt ?" oder wie Henryk
Broder noch viel schärfer formuliert einen deutschen "Verantwortungsimperialismus"
?
Die Debatte erscheint mir sehr spitzfindig. Wenn von jüdischer Seite die
besondere Verantwortung zurückgewiesen wird, weil bei der Formulierung 'Ohne
Holocaust gäbe es nicht Israel in dieser Form und auch nicht den
Palästinakonflikt mit den entsetzlichen Folgen für die Palästinenser'
einige Aspekte sowohl der jüdischen Gemeinschaft in Palästina vor 1933
sowie des Konfliktes zwischen dieser und der arabisch-palästinensischen
Bevölkerung verloren gehen, dann wird umgekehrt die Chance vertan, der "Normalisierungsthese"
fundiert begegnen zu können. Letzteres erscheint aber ungleich wichtiger
zu sein, besagt die These doch, daß junge Deutsche, etwa der Jahrgänge
ab 1960, nichts anderem verpflichtet seien, als "ihrer selbstgewählten
Philosophie" (Brumlik). Mit genau diesem Selbstbetrug beginnt aber doch
das ganze falsche Denken, das einem entgegenschlägt, wenn man mit jungen
Linken dieser Jahrgänge über Deutschland, deutsche Juden und Israel
diskutiert, etwa bei der Vorbereitung einer Delegation auf ihre Reise
nach Israel. Da wird mit ökonomistischer Verengung die Schuld an
Pogromen in der ökonomischen Funktion der Juden gesucht; da wird die
derzeitige Behandlung von Asylsuchenden und Ausländern umstandslos mit
dem Antisemitismus der Nazis gleichgesetzt und da wird im Sinne der
selbstgewählten Philosophie behauptet, daß man die Taten der Israelis im
Libanon ja nur an den moralischen Maßstäben mißt, mit denen man eben als
junger Linker in Deutschland lebt und sich allen Erscheinungen auf dem
Globus nähert undsoweiter, undsofort.
Den "linken Antisemitismen", denen man dabei in Sprache wie
Anlage des gesamten Denkens begegnet, kann meines Erachtens nicht durch
akribisches Festhalten der verwerflichen Äußerungen oder durch
Kommentierung post festum (räsonnierend) begegnet werden, sondern nur,
indem man "dazwischen" ist, also ein Interesse daran hat, daß sich bei
den Beteiligten unmittelbar etwas zum Besseren hin verändert. Linke
deutsche Juden können hervorragend Anteil daran haben, daß junge
deutsche Linke die Befassung mit der Geschichte der Juden in Deutschland
als Chance begreifen, etwas über deutsche Geschichte, also die
eigene, zu lernen. Die Erkenntnis, daß die Geschichte des Antisemitismus
in Deutschland nicht der 'armen' Juden wegen relevant ist und die
Erkenntnis, daß ein Teil der Juden - vielleicht doch der entscheidende -
nach Palästina kam wegen der mörderischen Ausbreitung deutschen
nationalsozialistischen Wahn-und Tatsinns in Europa und nicht wegen
zionistischer Lust an Landnahme und Vertreibung von Palästinensern,
diese Erkenntnisse könnten ein Gefühl der besonderen Verantwortung in
Denken, Sprechen und Handeln befördern, wenn es um Israel und das
Schicksal des palästinensischen Volkes und damit um den Nahostkonflikt
geht-.
Die Furcht, daß mit dieser Hervorhebung der Besonderheit der Blick auf
die Verantwortung darüberhinaus - universal - verloren gehen könnte, ist
unbegründet. Dieses Phänomen gibt es zwar noch bei den eingangs
erwähnten Sozialdemokraten und Gewerkschafter mit ihrem schlechten
Gewissen. Bei den jüngeren jedoch bedeutet die Betonung der
Verantwortung aus der Geschichte, und damit die Bearbeitung der
Besonderheiten die Möglichkeit, die bisher angeeigneten linken Begriffe
zu historisieren und aus der Sphäre der unkritischen Aneignung in die
tätige Erprobung zu überführen. Die Rolle der Sowjetunion als
Waffenlieferant bei der Entstehung des Staates Israel und als Verfechter
des UN-Teilungsplanes, die Funktion von Antizionismus als Sonderform des
Antisemitismus in Stalins Politik, das Verhältnis der westdeutschen
Linken zu Israel - diese Fragen vor dem Hintergrund besonderer
Verantwortung thematisiert, könnten die Beteiligten voranbringen und die
Voraussetzungen dafür schaffen, daß Henryk Broder, Wolfgang Pohrt und
manch
anderem nicht ständig neues Material zugeführt wird. Die Gefahr einer Renaissance "linken
Denkens von rechts" darf überhaupt nicht heruntergespielt werden, die
Gefahr der weiteren Verbreitung von antijüdischem und antiisraelischem
Ressentiment ist ganz real - linke Juden in Deutschland dürfen sich aber
genauso wenig der Verantwortung und Einmischung entziehen, wie jeder
andere Linke oder alle Personen, die für Demokratie und Humanismus in
einem weiter gefaßten Sinn eintreten.
Wie aktuell ist es, sich einzumischen? Um falschem Pathos und
ungerechter Rollenzuweisung zu entgehen, soll zum Abschluß mit einigen
Beispielen noch einmal verdeutlicht werden, wie bitter nötig jede
denkbare Behandlung des Themas ist. Die ganz und gar zufällige aber
aufmerksame Lektüre zeigt, sozusagen täglich, wie brisant die
aufgegriffene Problematik ist.
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Heinz Brandt zitiert eine Entgleisung im Pflasterstrand Nr. 192, wo
plötzlich wieder der Rabbiner
das Wortverdrehen lehren soll.
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Im Kommunalwahlkampf in
Nordrhein-Westfalen wollte die DKP in die Rathäuser, um endlich den
Mauschlern das Handwerk zu legen.
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In
Wagenbachs Taschenbücher erscheint 1984 der sehr
schöne Band von Lothar Baier "Die große Ketzerei - Verfolgung und
Ausrottung der Katharer durch Kirche und Wissenschaft". Im letzten
Kapitel sucht der Autor nach Traditionen im Heute. "Im Rückblick
erscheint das Jahrhundert der Katharerausrottung wie ein Laboratorium,
in dem die heute noch gebräuchlichen Verfolgungs- und
Vernichtungsverfahren entwickelt worden sind.
Deshalb wirkt der Katharerfeldzug in vieler Hinsicht so modern, und
umgekehrt die moderne Repression so archaisch.
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Ließ die Inquisition die Häuser überführter Ketzer abreißen, so sprengen
heute die Israelis auf der
Westbank die Häuser als PLOMitglieder verdächtigter Palästinenser in die
Luft; ließ die Inquisition die Gebeine posthum als Ketzer Verurteilter
ausgraben und auf den Scheiterhaufen werfen, so ließ die
tschechoslowakische Justiz die Leichen der in den Slánsky-Prozessen
Verurteilten verbrennen und ihre Asche über böhmischen Feldern
verstreuen, damit nichts mehr an ihre Existenz erinnerte.[13]
-
Lothar Baier, der als kritischer Linker ausgewiesen ist, will aufrütteln
zur Selbstkritik, will "den Manichäismus der Freund-Feind-Logik
aufOsprengen", will also heraus aus eingeschliffenen Perspektiven.
Werden deshalb dabei und mit Notwendigkeit die Taten der Israelis mit
denen Stalins und Hitlers zu vergleichen sein ? Dieser Gestus paßt wohl
eher in den Zusammenhang, den Henryk Broder bei Genet und bei Dahl
aufgezeigt hat.
-
-
Ebenfalls bei Wagenbach erschien kurz zuvor die Neuauflage von Werner
Sombarts "Liebe, Luxus und Kapitalismus". Die Einleitung dazu stammt von
Silvia Bovenschen. Darin wird Sombart wohl zurecht gegen Kritiken an
seiner Forschungs- und Darstellungsmethode in Schutz genommen. Aber die
Autorin erliegt meiner Meinung nach mehr als erträglich der "thematischen
Kühnheit", der "Eleganz", dem "Stil" dem "esprit de finesse", wovon
ihrer Meinung nach bei der noch ausstehenden "umfassenden
wissenschaftlichen Würdigung Sombarts" unbedingt die Rede sein sollte.
Dabei sollten auch "die Widersprüche dieses Autors und seine politischen
Verfehlungen nicht apologetisch eingeebnet werden." Meiner Meinung nach
wird Silvia Bovenschen diesem Anspruch nicht gerecht. Zwar steht ihr
Vorwort nicht in der Neuauflage von Sombarts "Die Juden und das
Wirtschaftsleben" von 1911, in dem er nach Hannah Arendt "nur die
wissenschaftlich verkleidete Ausführung der Irrtümer des antiliberalen
Kleinbürgertums der achtziger Jahre"[14]
lieferte. Aber auch bei diesem weniger verfänglichen Werk "Liebe, Luxus
und Kapitalismus" kann sich Silvia Bovenschen nicht so "elegant" aus der
Affaire ziehen: "Ohne in den Chor derer, die Sombart in Kenntnis seines
in späteren Jahren zeitweise affinen Verhältnisses zur reaktionären,
ja faschistischen Politik generell unter Ideologieverdacht stellen,
einstimmen zu wollen, seien doch einige kritische Einwände zu seinen
Präsentationen des Geschlechtsverhältnisses erlaubt.[15]
Man stelle sich vor, diese Methode mache für andere Autoren Schule
!
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Und zu letzt: Was Micha Brumlik aus der Rede Antje Vollmers während der
Haushaltsdebatte im Bundestag herausgreift und beschreibt, lehrt einen
im Kontext der Diskussion von Arnoldshain wahrlich das Gruseln.[16]
In ihren deutschlandpolitischen "Grundsatzbemerkungen" erklärte Frau
Vollmer die Grünen-Bereitschaft, mit Wut und Trauer vierzigjährig
verfehlte Deutschlandpolitik zu tragen, wie "wir die Folgen jener zwölf
Jahre übernehmen werden". Diese - und andere - Deutschlandgeschichten
kritisiert Brumlik zurecht als "Betroffenheitsnationalismus".
Der Deutsch-Israelische Arbeitskreis für Frieden im Nahen Osten darf
auch zukünftig nicht versäumen, neben der Westbank am Ufer des Jordans
auch die Westbank zuhause zum Thema seiner Arbeit zu machen. Das Wort
Deutsch hat nun mal eine
besondere Bedeutung.
Nikolaus Simon
(Schulleiter
im Haus der Gewerkschaftsjugend des DGB, Oberursel
) [1] Hagen Rudolph, Die verpaßten Chancen, Goldmann/ Stern-Bücher 1982, S. 140 [2] Ute Schmidt/Tilman Fichter, Der erzwungene Kapitalismus, Wagenbach 1975, S. 132 und 130 [3] Heinrich Böll, Bild.Bonn.Boenisch., Lamuv 1984 [4] Amoz Oz, Im Lande Israel, suhrkamp 1984 [5] Alain Finkielkraut, Der eingebildete Jude, Hanser 1982 [6] Pflasterstrand Sondernummer September 1982 [7] Die Verlängerung von Geschichte, hrsg.von Dietrich Wetze? u.a., Verlag Neue Kritik, Frankfurt 1983 [8] Léon Poliakov, Geschichte des Antisemitismus, Bd. I - V, Verlag Georg Heintz, Worms 1977 - 1983 [9] Raul Hilberg, Die Vernichtung der europäischen Juden, Olle & Wolter Berlin 1982, S. 15 - 16 [10] Vgl. zu Saul Ascher, z.B. Juden in Preußen, Die bibliophilen Taschenbücher Nr. 259/260, Dortmund 1981, S. 27, 90, 186 f [11] Raul Hilberg, Die Vernichtung der europäischen Juden, Olle & Wolter Berlin 1982, S. 15 – 16 [12] Bernd Rabehl, Für Rudi, in: Kritik. Nr. 24, 8. Jg. 1980, Verlag- Olle & Wolter Berlin 5. 167 – 172 [13] Lothar Baier, Die große Ketzerei, Berlin 1984 S. 193 – 195 [14] Hannah Arendt, Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, Bd. I Antisemitismus, Ullsteil-Buch Nr. 3181 1975, S. 73 [15] Silvia Bovenschen, Einleitung in: Werner Sombart, Liebe, Luxus und Kapitalismus, Berlin' o.J., S. 7 – 14 [16] Micha Brumlik, Ach Antje ! in: Links Nr. 175 16. Jg. 1984, S. 31
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