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FREIHEIT, VIELFALT UND
RELIGION
Anfang 2009 war Berlin
zugekleistert mit zwei Plakaten. Einem mit einer enthusiastisch
aufzeigenden Schülerin und den Ausrufen: „Es geht um die Freiheit“,
„Keine Bevormundung durch den Staat“ und „Freie Wahl“. Das andere zeigte
mahnend einen langweiligen Tuschkasten mit nur rot. Freiheit und
Vielfalt also. Was eine verfrühte Kampagne für den CSD hätte sein
können, war Werbung der Initiative PRO RELI. Die jedoch
setzt sich nicht etwa für die Freiheit der hoffnungsfrohen Jungbürgerin
ein, ihre beste Freundin heiraten zu können. Oder von zwei Frauen
adoptiert zu werden.
Nicht einmal für die Freiheit, Religionsunterricht besuchen zu können.
Letztere jedenfalls gibt es nämlich. Sogar in Berlin. Neben dem für
Schülerinnen und Schüler der 7. –10. Klasse verbindlichen Fach Ethik
gibt es das Fach Religion, das freiwillig belegt werden kann. Von der 1.
Klasse an. Das Land hat 2007
den Religions- und Weltanschauungsunterricht mit 47.255.414,00 €
bezuschusst, wovon 27.309.122,00 € die Evangelische und 7.569.900,00 €
die Katholische Kirche erhalten haben. Angestellt sind die
Religionslehrer bei ihrer jeweiligen Religionsgemeinschaft und
unterliegen auch deren Dienstaufsicht, also nicht der des Landes.
PRO RELI will „Freie Wahl zwischen Ethik und Religion“, dass also auf
Ethik verzichten kann, wer Religion belegt. Und hat immerhin erreicht,
dass darüber am 26. April 2009 ein Volksentscheid stattfindet. Warum
fordert PRO RELI keine freie Wahl zwischen Mathematik und Religion? Weil
Mathematik wichtig ist und Religion Mathematik weder beinhaltet noch
ersetzt. Wenn PRO RELI unterstellt, dass Schülerinnen und Schüler, die
Religion belegen, keine Ethik mehr brauchen, geht es also nicht um
Freiheit, sondern darum, Religion als per se ethisch zu propagieren.
Religion ist aber nicht zwangsläufig ethisch. Wir wissen z.B. von
Asylverfahren, dass Verfolgung von Lesben und Schwulen fast immer
religiös begründet ist. Zahlreiche Studien belegen einen Zusammenhang
zwischen Religiosität und homosexuellenfeindlicher Einstellung.
Was hat das mit Berlin zu tun? Nach der Verfassung von Berlin darf
niemand wegen seiner sexuellen Identität benachteiligt werden. Auf Dauer
angelegte Lebensgemeinschaften haben Anspruch auf Schutz vor
Diskriminierung. Wir erwarten von dem Fach Ethik, dass die Werte dieser
Verfassung vermittelt werden. Leider können wir nicht darauf vertrauen,
dass auch Religionsgemeinschaften diese Werte vermitteln, auch nicht in
Berlin:
Der Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg, Huber, hat
massiv gegen das Lebenspartnerschaftsgesetz geworben und behauptet, die
standesamtliche Eintragung sei nicht mit der Verfassung zu vereinbaren.
Der Berliner Kardinal Sterzinsky rief im November 2004 in Polen bei
einem Gottesdienst zum Gedenken an die Hinrichtung von elf Kritikern der
Nationalsozialisten zum Widerstand gegen die „Aufwertung“
gleichgeschlechtlicher Lebensgemeinschaften auf. Unter Bezugnahme auf
den Widerstand gegen den Nationalsozialismus sagte er, auch heute könne
Protest gegen staatliche Gesetze nötig sein, die „dem Gesetz Gottes
widersprechen“. Dies sei der Fall, „wenn homosexuelle
Lebensgemeinschaften der Ehe gleichgestellt werden“.
Die massive Förderung seiner Kirche durch diesen Staat und eben
auch das Land Berlin hält ihn also nicht davon ab, diesen Staat in die
Nähe des nationalsozialistischen Staates und die Gleichberechtigung
Homosexueller in die Nähe der nationalsozialistischen Verbrechen zu
stellen.
Die deutsche Bischofskonferenz bewertet das Eingehen einer
Lebenspartnerschaft als „schwerwiegenden Loyalitätsverstoß“. Kirchlich
Beschäftigten, z.B. Krankenpflegern, Erzieherinnen
,Verwaltungsangestellten und eben auch ReligionslehrerInnen, wird mit
dienstrechtlichen Konsequenzen bis hin zur Kündigung gedroht.
Der Kölner Kardinal Meisner hat im Oktober 2007 im Wallfahrtsort
Einsiedeln – dem wohl geeignetsten Ort für Äußerungen zu den Themen
Sexualität und Zusammenleben – erklärt: „Die so genannten alternativen
Modelle menschlichen sexuellen Zusammenlebens sind aber unwahr und darum
für die Menschen im Kern verderblich. Die Menschheit richtet sich hier
selbst zugrunde.“ Der Fuldaer Bischof Algermissen hat kürzlich in einem
Gespräch mit Jugendlichen die Hochzeiten von Lesben und Schwulen als
„abartig“ bezeichnet. Sein Pressesprecher erläuterte dies so:
„Homosexuelle Beziehungen lehnt die Kirche ab, da die Geschlechtlichkeit
nach der Schöpfungsordnung auf die eheliche Liebe zwischen Mann und Frau
hingeordnet ist.“ Freiheit und Vielfalt sehen anders aus.
Es ist so lächerlich einfach, derartige Zitate zu finden, dass man sich
dafür fast schämt. Es geht aber nicht nur um die Kardinäle. Bedrohlich
ist, wenn der Einfluss derer, die unsere Freiheit und unsere Vielfalt
offen ablehnen und beschränken, ausgerechnet im Namen der Freiheit und
der Vielfalt gestärkt werden soll. Bedrohlich ist, wenn Homophobie und
homophobe Gewalt ritualisiert beklagt werden ohne Befassung damit, in
welchem Umfeld sie entstehen und was dagegen getan werden kann. Das
mindeste ist, bei PRO RELI mit NEIN zu stimmen.
Dirk Siegfried, Rechtsanwalt und Notar, Berlin
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