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Fußball-WM:
Die Klinsmann-Revolution, Rassismus,
Visa-Skandal, Frauen
Die Klinsmann-Revolution:
Spiegel-Autor
Claus
Christian Malzahn freut sich über Deutschlands Bronzemedaille.
Für ihn ist Jürgen
Klinsmann der erste wirkungsmächtige deutsche Anarchist seit Erich
Mühsam. Auch Christian
Gödecke vom gleichen Magazin meint: Klinsi habe "eine
Menge verändert, so viel, dass man ihn nicht mal mehr einen Reformer
nennen dürfte, sondern einen Revolutionär", der Angst um
sein Werk hatte. Im Falle einer Niederlage gegen Argentinien würden "reaktionäre
Kräfte" (O-Ton Klinsi) auf den Plan treten. Der dritte
Spiegelmann, Reinhard
Mohr, sieht einen "Klinsimeter", mit dem
nachgewiesen werden könne, daß Deutschlands Politik im Vergleich mit
der WM-Truppe völlig "ohne Ballgefühl" da stünde.
Der argentinische Fußball-Philosoph César Luis Menotti (noch
vor dem Argentinienspiel): "Eine Gesellschaft,
die Marx hervorbringt, Beethoven, kann nicht unkreativ
sein. Deutschland ist immer eine sehr revolutionäre und kreative
Gesellschaft gewesen, die stetig gewachsen ist, das Denken
revolutioniert hat und die Musik, immer bessere Autos gebaut hat.
Deutschland hat eine Revolution vollführt, wie ich sie im Fußball
seit der Mannschaft der Niederlande von 1974 nicht mehr erlebt habe.
Seit dem Clockwork Orange. Deutschland ist immer großzügig
und sehr wettbewerbsfähig gewesen. Nun modifiziert es diesen
vertikalen, sehr tiefgehenden Fußball und erweitert ihn um ein
Element der Erarbeitung des Spiels. Geht in Richtung Fußball total.
Umfassenden Fußball. Mit einem Mal ist Deutschland eine Mannschaft,
die Spielzüge erarbeitet. Hat Außenverteidiger, die offensiv sind,
Innenverteidiger, die das Spiel eröffnen, defensive Mittelfeldspieler,
die torgefährlich sind. Was ich sage, ist, dass Klinsmann
einen neuen Weg markiert. Und dass das eine Revolution ist"
(SZ,
30.6.06)
Fußball-WM
und rassistische Gewalt:
Uwe-Karsten
Heye legt nach: "Es gibt Orte in Ostdeutschland, wo es
keinen wirklichen Widerstand gegen die Rechtsradikalen gibt. Selbst
die Polizei hat ja mancherorts schon aufgegeben."
(Spiegel,
24.5.06).
Soziologe Andreas Klärner: "Man muss feststellen,
dass im bundesdeutschen Vergleich im Osten weniger Ausländer wohnen,
es aber überproportional viele fremdenfeindliche Gewalttaten gibt."
(tagesschau,
19.6.06).
Daniel Cohn-Bendit: "Bei
rassistischen, antisemitischen und schwulenfeindlichen Vergehen den
Tätern für eine Zeitlang die bürgerlichen Rechte
abzusprechen. Ein Beispiel: Ein Gewalttäter wird wegen eines
fremdenfeindlichen Überfalls zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt.
Warum sprechen wir dem Täter nicht für vier Jahre das aktive und
passive Wahlrecht ab?" ( SPIEGEL,
22.5.06).
Vorbereitung zur WM: "Es gibt
kleine und mittlere Städte in Brandenburg und anderswo, wo ich keinem,
der eine andere Hautfarbe hat, raten würde, hinzugehen. Er würde sie
möglicherweise lebend nicht mehr verlassen", sagte Uwe-Karsten
Heye, der im Kabinett von Bundeskanzler Gerhard Schröder
Staatssekretär war und nun dem antirassistischen Verein "Gesicht
zeigen" vorsteht. "Das ist eine Verunglimpfung ganzer
Regionen in Brandenburg, die durch nichts zu rechtfertigen ist",
sagte dagegen Mathias Platzeck am Mittwoch (FR,
17.05.06), so als ob es keinen Fall Ermyas und viele andere
gegeben hätte.
Auch außerhalb Brandenburgs gebe es «No-Go-Areas», sagte Heye.
«Wenn man sich mal in Sachsen umschaut, in der Sächsischen Schweiz,
in Teilen Dresdens oder Leipzigs, oder in einigen Bereichen Thüringens,
wenn man sich ansieht, was in einigen Stadien Deutschlands los ist mit
den antisemitischen und rassistischen Äußerungen von Hooligans, dann
gibt es ein weites Feld, wo man hin schauen muss.» (Tagesspiegel,
17.5.06).
Der brandenburgische CDU-Generalsekretär Sven Petke nannte die
Äußerungen skandalös. Unterstützung bekam Heye dagegen vom
Vorsitzenden des Bundestagsinnenausschusses, Sebastian Edathy (SPD):
„Ich kann die Warnung durchaus nachvollziehen“, sagte Edathy dem
„Kölner Stadt-Anzeiger“ (Donnerstagsausgabe). „Hier ist nicht
der Bote schuld an der Botschaft.“ Er selbst habe eine etwas
dunklere Hautfarbe und würde sich nachts nicht in die S-Bahn nach
Berlin-Treptow setzen. In Brandenburg kämen vier rechtsextreme
Gewaltdelikte auf 100.000 Einwohner, in Rheinland-Pfalz seien es bloß
0,5.(Tagesspiegel,
17.05.06). Der Grünen-Fraktionsvorsitzende im Europaparlament, Daniel
Cohn-Bendit, und der innenpolitische Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion,
Wolfgang Wieland, stellten sich hinter Heye. Cohn-Bendit
sagte: „Die Realität ist, daß sich Schulklassen mit vielen
Migranten-Kindern fragen, ob es sicher ist, nach Brandenburg oder
Mecklenburg-Vorpommern zum Zelten zu fahren“. Es sei ein Fehler
gewesen, so genannte national-befreite Zonen nicht energisch zu bekämpfen.
(
FAZ, 18.5.06). Der ehemalige Fußballprofi
Anthony Baffoe unterstützt die Warnung vor rassistischen Übergriffen
in den neuen Ländern (Fremdenfeindlichkeit „Man muß endlich aufhören, alles schönzureden“ -
FAZ, 18.5.06). Seit der deutschen Vereinigung sind einer Statistik
der Amadeu-Antonio-Stiftung zufolge 133 Menschen durch
rechtsextremistische oder rassistische Gewalt ums Leben gekommen.
Dabei ereigneten sich 71 Todesfälle in den alten Ländern und 60 im
weitaus dünner besiedelten Ostdeutschland, teilte die Stiftung mit,
26 allein in Brandenburg, 11 in Berlin (Welt,
20.5.06).
Brandenburg: Übergriffe auf Ausländer als „schrecklicher Alltag“ -
(FAZ, 18.4.06). Statistik
gibt Heye recht ( SPIEGEL,
18.5.06). Selbst Schönbohm räumte inzwischen
ein, er könne nicht garantieren, dass sich
jeder Farbige an jedem Ort und zu jeder Zeit ebenso sicher fühlen könne
wie ein Weißer. Es gebe die Gefahr, dass Menschen wegen ihrer
Hautfarbe Angst haben müssten. (SPIEGEL,
18.5.06). Bernd Wagner (Exit): Vor
allem in Brandenburg komme es "permanent zu gewalttätigen
Angriffen gegen Ausländer und Andersfarbige"
(Bundeskriminalamt: Zahl rechtsextremer Gewalttaten steigt drastisch an.
SPIEGEL, 18.5.06).
Kommentar von Claus Christian
Maltzahn: "Der braune Mist stinkt im Osten oft in der
gesellschaftlichen Mitte. Das Ergebnis: In manchen Gegenden
Ostdeutschlands verfügen Nazis über das, was der marxistische
Philosoph Antonio Gramsci einmal kulturelle Hegemonie genannt
hat. Das ist ein permanenter Skandal, und er hat mehr mit der
politisch-korrekten Feigheit und der Blindheit der Bundesrepublik als
mit der DDR zu tun " (Wo Heye recht hat, hat er recht,
SPIEGEL, 17.5.06). Dem haben wir nichts
hinzuzufügen. Inzwischen lenkt auch Platzeck ein: Uwe-Karsten
Heye habe Recht mit seiner Feststellung, daß es in Deutschland
und besonders im Osten ein Problem mit Rechtsextremismus,
rechtsradikaler Gewalt und Rassismus gebe (FAZ,
19.5.06). Betroffenenberichte: Potsdam war die Hölle -
(SPIEGEL, 19.5.06). Giyasettin Sayan,
der in der Türkei geborene Politiker, MdA Berlin, wurde nach
Polizeiangaben gegen 22.30 Uhr in Berlin-Lichtenberg von zwei
Unbekannten niedergeschlagen („Gefahren nicht unter den Teppich kehren“ -
FAZ, 20.5.06).
Daniel Cohn-Bendit: "Bei
rassistischen, antisemitischen und schwulenfeindlichen Vergehen den
Tätern für eine Zeitlang die bürgerlichen Rechte
abzusprechen. Ein Beispiel: Ein Gewalttäter wird wegen eines
fremdenfeindlichen Überfalls zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt.
Warum sprechen wir dem Täter nicht für vier Jahre das aktive und
passive Wahlrecht ab?" (SPIEGEL,
22.5.06).
Uwe-Karsten Heye legt nach: "Es gibt Orte in
Ostdeutschland, wo es keinen wirklichen Widerstand gegen die
Rechtsradikalen gibt. Selbst die Polizei hat ja mancherorts schon
aufgegeben." (Spiegel,
24.5.06).
Während sich David Beckham und Thierry
Henry
gegen Rassismus in den Stadien und anderswo ins Zeug legen, während
das offizielle Veranstalter-Motto "Kampf dem Rassismus"
lautet, konterkarieren einige Italiener diese Bemühungen:
Der WM-Sieg der Italiener ist Roberto Calderoli wohl zu Kopf
gestiegen. Der Spitzenpolitiker der rechtspopulistischen Lega Nord
fabulierte nach dem Finale: Frankreich habe im WM-Endspiel ohne eigene
Identität gespielt: mit "Negern, Muslimen und Kommunisten"
(Spiegel,
11.7.06). "Zizou" (Zinedine
Zidane) sieht sich genötigt, der rassistischen
Beleidigung des Nochweltmeisters Marco Materazzi (Inter
Mailand) einen Kopfkick
folgen zu lassen. Er kann gut italienisch, da er von 1996 bis 2001 bei
Juventus Turin gespielt hatte (danach Real Madrid). Lippenleser
wollen nach Ansicht der TV-Bilder von dem Kopfstoß herausgefunden
haben, dass Materazzi zu Zidane sagte: "Sohn einer
Terroristen-Hure". Der "Daily Mirror" zitiert Zidanes
Mutter Malika daraufhin mit den Worten: "Wenn er das wirklich
gesagt hat, möchte ich seine Eier auf dem Tablett serviert haben."
Sie sei stolz darauf, "dass er die Familienehre verteidigt
hat". Fifa eröffnet Verfahren gegen Materazzi
(SPIEGEL, 13.7.06). Im September erklärt sich Materazzi
endlich: "Ich habe an seinem Trikot
gezogen. Da hat er gesagt, wenn ich sein Trikot unbedingt haben wolle,
könne ich es ja nach dem Abpfiff haben. Ich habe darauf geantwortet,
dass mir seine Schwester lieber wäre", sagte er der Sport-Tageszeitung
Gazzetta dello Sport. (sport.ARD.de,
5.9.06).
Wieso muss der Spielführer des Lazio Rom,
Paolo Di Canio, für seinen Hitlergruß im Stadion keine Geldbuße
zahlen? Der Fußballklub Lazio Rom hat sich zu einer Hochburg
der Rechtsextremen entwickelt: Fans, Spieler und Vereinsführung
peitschen sich gegenseitig auf (Die Zeit,
17.2.2005). KP-Mitglied
Enzo Foschi
erstattete Anzeige gegen Canio. Lazio-Kapitän Paolo Di Canio
von der Disziplinarkommission des italienischen Fußballverbands zur
Zahlung einer Geldstrafe von 10.000 Euro verurteilt ( SPIEGEL,
11.4.05). Wie die Faschisten in den zwanziger und
dreissiger Jahren den italienischen Fussball organisierten und
instrumentalisierten (WOZ,
15.6.06 - Fussball und Faschismus).
Was tun?
Verschiedene
Flüchtlings- und Antirassismus-Organisationen planen zur WM eine Hotline,
bei der Opfer rassistischer Gewalt sich in ihrer Muttersprache
melden und Unterstützung bekommen können. Es werden noch MitstreiterInnen
gesucht, die
- englisch, französisch, spanisch, portugesisch, russisch, arabisch
oder türkisch sprechen,
- an einer kleinen Schulung teilzunehmen
- zeitweise eingehende Hotline-Anrufe entgegennehmen
Vorbereitung
für den Telefondienst (Schulungen): Montag, 29.05.06, Dienstag,
30.05.2006, Donnerstag 01.06.2006 immer 19.00 Uhr, immer bei ReachOut,
Oranienstr 159, im 5.OG, U-Bahn Moritzplatz. Meldet Euch unter folgender E-Mail an: racism.help.line@gmx.net
Autonome
des Veranstaltungszentrums Rote Flora, die autonome Militante
Gruppe in Berlin, die PDS-Politikerin Julia Bonk in Sachsen,
die Naturfreundejugend und andere Linke gegen die WM (Spiegel,
27.6.06): Bereits
lange
vor der WM wetterte die Naturfreundejugend Berlin gegen "Horden
wild gewordener Fußballfans" und rief zudem die
Internetinitiative "Vorrundenaus 2006" ins Leben.
Für
Bonk und ihre Mitstreiter der Jungen Linken ist die
Flagge ein sehr spezielles Symbol: "Deutschland hat eine
spezifische Vergangenheit, darum können wir mit unsere Fahne nicht so
selbstverständlich umgehen wie andere Länder". Die GEW-Hessen
wollte im Zusammenhang mit der WM die deutsche Nationalhymne neu
problematisieren: Der Verfasser des Deutschlandliedes, Hofmann
von Fallersleben, sei kein Demokrat, sondern Antisemit gewesen.
Eine entsprechende Broschüre
(6,5 MB) von Benjamin Ortmeyer wurde
jedoch von der GEW-Bund zurück
gezogen. Der Vorsitzende Ulrich Thöne hat sich
entschuldigt (Die GEW-Hymnendebatte,
in e&w Juli 2006).
Visa-Skandal:
Die Straßenfußball-WM sollte ein
rauschendes Fußballfest werden. Teams von Sozialprojekten aus aller
Welt sind deswegen in Berlin. Aber die Mannschaften aus Ghana und
Nigeria bekamen keine Visa. Das sind Kinder, die laufen nicht weg
(SPIEGEL , 27.6.06).
Kein Visum für Fans aus Ecuador: "Die
Anforderungen für ein Visum sind zu hoch. Viele konnten nicht fahren."
Die ecuadorianischen Visa-Antragsteller müssen mindestens 3.000
US-Dollar auf ihrem Konto haben, sie müssen Flug- und Hoteltickets
vorlegen, sie müssen bis zu 30.000 Euro krankenversichert sein. Aber
das größte Hindernis auf dem Weg von Ecuador nach Deutschland sind
die Tickets. Nur wer ein Ticket hat, kann als WM-Tourist nach
Deutschland. Im Beamtendeutsch des Auswärtigen Amts heißt das: Die
Tickets können "als ein Mittel zur Glaubhaftmachung des
Reisezwecks" berücksichtigt werden. Aber in Ecuador werden
WM-Tickets nur im Paket verkauft: Drei Tickets für die
Vorrundenspiele plus Deutschland-Tour. Kostenpunkt 7.500 Euro, ein
dreifaches ecuadorianisches Durchschnitts- Jahreseinkommen. Visa für WM-Fans
- Das verrammelte Tor zur Welt (SPIEGEL, 9.6.06).
"In dubio pro libertate" (Im Zweifel für die
Freiheit) im Visaverfahren abgeschafft:
Seitdem
werden immer weniger Visa vergeben. Hatten die deutschen
Auslandsvertretungen 2004 noch zwei Millionen Visa bewilligt, so fiel
die Zahl im vergangenen Jahr auf 1,6 Millionen - ein Rückgang um
satte 20 Prozent. Visa-Politik: Immer weniger Gäste bei Freunden
(SPIEGEL, 16.6.06).
Fußball und Frauen:
Weltmeister:
Deutschland
Iran: Frauen ausgeschlossen

Offside
Iran ist 2006 zum dritten Mal nach
1978 und 1998 bei einem WM-Turnier dabei.
Der Iran ist ein fußballbegeistertes Land, aber Sport wird
von der Regierung nicht gefördert, im Gegenteil, die religiöse und
politische Führung verachtet ihn. Frauen dürfen nicht ins Stadion,
es sei denn, sie kommen zu einem Gastspiel in Begleitung ihrer
Mannschaften aus Japan, Bahrein oder aus dem sonstigen Ausland. Dann
werden sie in ein Extra-Abteil hinter Glas ins Stadion geführt.
Trotzdem gibt es im Iran jede Menge Sportzeitungen mit
Riesenauflagen. Präsident Ahmadinedschad entschied im April,
dass Frauen der Besuch im Stadion erlaubt sei. Dagegen legten die
Kleriker Widerspruch ein, so dass die iranischen Frauen jetzt erneut
im
Abseits stehen.
"Hätte Iran das WM-Qualifikationsspiel gegen Bahrain
verloren, hätte ich Offside nicht zu Ende drehen können." Das
hat der 45jährige Regisseur Jafar
Panahi
auf der letzten Berlinale (2006) bei der Weltpremiere seines
neuen Films gesagt. Sein Film erhielt den Großen Preis der Jury und
den Silbernernen Bären.
Last update: 27.7.06
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