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1968
im Westen - was ging uns die DDR an? Für die Geburtsjahrgänge 1938 bis
1948 linksorientierter westdeutscher Studentinnen und Studenten, die
heute gemeinhin als "68er" oder als "Neue Linke"
gelten und deren Kern der Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS)
ausmachte, hatte das Land zwischen Elbe und Oder nur verschwommene
Konturen. Die DDR
war "Terra incognita", ein Terrain, um das man, wenn nicht
unvermeidliche Verwandtenbesuche anstanden, einen möglichst großen
Bogen machte. Das galt insbesondere für das Gros der Studenten, die
nach dem Bau der Mauer 1961 ihr Studium in Berlin
aufgenommen hatten. Sie waren Inhaber bundesrepublikanischer Pässe,
es wäre ihnen also im Gegensatz zu den West-Berlinern jederzeit möglich
gewesen, ohne Formalitäten den Ostteil der Stadt
zu besuchen. Aber diese Chance wurde kaum ergriffen. Die sechziger Jahre,
besonders deren zweite Hälfte, bezeichnen den Beginn einer
spezifischen neulinken Subkultur
in West-Berlin, die sich von den Verhältnissen in Westdeutschland
ebenso abnabelte, wie sie ignorierte, was sich auf der anderen Seite
der Mauer abspielte. Es gibt Beispiele von linken Intellektuellen, die
ein Menschenalter in West-Berlin verbrachten, ohne jemals einen Fuß
in den Osten gesetzt zu haben. Obwohl diese Haltung in schroffem
Gegensatz zur veröffentlichten Mehrheitsmeinung stand, war es mit den
tatsächlichen Kenntnissen und dem Interesse der Bevölkerungsmehrheit
am Schicksal der Ost-Berliner bzw. der Ostdeutschen ebenfalls nicht
weit her. Vor dem Mauerbau hatte es enge familiäre wie berufliche
Kontakte in den Ostteil hinein gegeben. Aber schon damals galt es für
einen West-Berliner als anstößig, am kulturellen und sozialen Leben
Ost-Berlins teilzunehmen. Wer sich allzu oft dort aufhielt, geriet
leicht in Verdacht, zum Familienumkreis von "Herrn Schimpf und
Frau Schande" zu gehören, mithin jener Gewissenlosen, die sich
unter Ausnutzung des Währungsgefälles billig mit Ostwaren versorgten. Nach dem Mauerbau und der vorübergehenden völligen Abschottung
wurde die Passierscheinregelung für die West-Berliner zwar zu einem
vollen Erfolg, aber die Besuche führten nur selten dazu, dass sich über
private Kontakte hinaus ein dauerhaftes Interesse am Schicksal der
"Brüder und Schwestern" artikulierte, geschweige denn, dass
sich informelle Gruppen oder Initiativen aus beiden Teilen der Stadt
gebildet hätten. Der in West-Berlin während der APO-Zeit
massenhaft den Linken erteilte Ratschlag "Geh doch nach drüben"
erwies sich als doppelsinnig: Auch nur besuchsweise nach "drüben"
gehen wollte kaum jemand, weder die Linken noch ihre Widersacher. In West-Berlin dominierte eine Gefühlsmelange aus Stolz, der
kommunistischen Blockade 1948 widerstanden zu haben, und nagender
Unzufriedenheit, dass dieser Helden- und Opferstatus, der nach dem
Mauerbau reaktiviert wurde, von "den Westdeutschen" nicht
die gebührende Anerkennung
erfuhr. Die West-Berliner waren auf ihren Leidensstatus geradezu
fixiert. Diese Fixierung wurde in dem Maße unlösbar, wie West-Berlin
nach dem auf die Einmauerung folgenden Aderlass zum Kostgänger der
Westdeutschen herabsank. Umso zäher klammerte man sich an den Helden-
und Opfermythos, und umso aggressiver verfuhr man mit denen, die den
Teufelsanbetern gleich dem Sozialismus
huldigten. Woher aber rührte das Desinteresse gerade der Neuen Linken in
West-Berlin an einem Land, dessen führende Partei sich nicht nur
sozialistisch nannte, sondern auch beanspruchte, die Emanzipation
aller auf ihre Fahne geschrieben zu haben? Zu nennen wäre hier an
erster Stelle die absolute kulturelle Fremdheit gegenüber der
Lebenspraxis im später so genannten Realsozialismus. Man halte sich
vor Augen, dass die Rebellion der Neuen Linken ihre Schubkraft aus
Erfahrungen mit dem Paternalismus und den autoritären
Erziehungsidealen der Nachkriegszeit bezog. Was aber den westlichen
Linken bei Kontakten mit den Einheitssozialisten gegenübertrat, war
nichts als rot gewandete, traditionelle deutsche Kleinbürgerlichkeit.
Neben dem autoritären Politikstil
im Namen des "demokratischen Zentralismus"
sprang den Besucher in Kleidung, Mobiliar, Umgangsformen und
Freizeitbeschäftigungen der allzu vertraute Spießer an. Im Milieu
der westlichen Linken, später der ganzen 68er-Generation, war
beispielsweise das "Du" zur allein gebräuchlichen
Anredeform geworden. Im Osten siezten sich die Genossen. Entgegen der Doktrin
der "sozialistischen Lebensführung" und den von Walter
Ulbricht proklamierten "Geboten der sozialistischen Moral"
trennten die östlichen Genossen (die Bevölkerung
sowieso) säuberlich zwischen der politischen und der privaten Sphäre.
War aber nicht gerade die Politisierung ehelicher bzw. elterlicher
Unterdrückungsverhältnisse die Schlussfolgerung, welche die
Westlinken aus einschlägigen Erfahrungen in Schule und Familie
gezogen hatten? Gerade wegen der offiziellen Wiedervereinigungsrhetorik neigten
viele der Neuen Linken der Zwei-Staaten-These zu. Trotz einer
antikapitalistischen Grundhaltung und der Befürchtung, die
Bundesrepublik werde in ein autoritäres Notstandsregime abgleiten,
waren sie Fleisch vom Fleisch dieser Republik,
fühlten sich als Motor im Prozess der gesellschaftlichen
Zivilisierung. Ihrer Wertorientierung wie ihren Lebensgewohnheiten
nach wurzelten sie fest im Westen. Man täusche sich nicht: Die
schroffen Angriffe auf den "US-Imperialismus"
vor allem im Gefolge des Vietnamkrieges bis hin zur Parole "USA-SA-SS"
waren nicht etwa das Produkt einer antiamerikanischen Grundhaltung.
Die Linken fühlten sich vielmehr im Einklang mit der kulturellen
Avantgarde in den USA. Aber das sah die Bevölkerung West-Berlins natürlich
ganz anders. Im Gegensatz hierzu war die Haltung der ostdeutschen linken Milieus
einschließlich der Einheitspartei
von einem Antiamerikanismus geprägt, der seine Herkunft aus dem
deutschen Konservatismus,
aus der Abwertung amerikanischer "Zivilisation" gegenüber
europäischer "Kultur" nicht verleugnen konnte.
Avantgardistische gesellschaftliche Strömungen und Szenen in den USA
waren der SED
nur Ausdruck eines geistigen Zersetzungsprozesses. Die Westlinken
hielten es mit Woodstock, die SED, beileibe nicht nur die Führung,
hielt sich an die Barden des "anderen", des besseren Amerika,
die ihre Zugehörigkeit zu diesem Kreis
der Auserwählten mit bedingungsloser Loyalität
zum "sozialistischen Lager" entgelten mussten. Es war gerade
diese westliche Orientierung, welche die Neuen Linken so leicht
Abschied nehmen ließ nicht nur von jedem Gedanken an eine Wiedervereinigung,
sondern auch von jedem Interesse am Wohl und Wehe der Menschen im
sowjetischen Hegemonialbereich. Hier handelt es sich nicht nur um ein Phänomen kulturellen Wandels,
sondern auch um handfeste Interessen,
waren die Westler einschließlich der Neuen Linken doch eindeutig die
Profiteure der Nachkriegsentwicklung, ganz so, als ob allein die
Ostdeutschen die Folgen des NS-Regimes zu tragen hatten. Die Kritik
der West-Linken an der Konsumverfallenheit der Ostdeutschen, ihr Ekel
vor deren Anbetung jeglichen Westprodukts hatten deshalb etwas
Selbstgefälliges, ja Obszönes. Denn die Konsumkritik der Neuen
Linken, die selbstgewählte Ärmlichkeit im Erscheinungsbild brachte
Distinktions- und damit Lustgewinn. Sie operierte im Kontrast zur
jederzeit erreichbaren Warenvielfalt und setzte diese voraus. Es gab allerdings eine Bresche, welche die SED indie neulinke Mauer
der Ablehnung ihres Regimes schlagen konnte: der "Antifaschismus"
der DDR. War in der SBZ und in der frühen DDR nicht konsequent mit
der NS-Vergangenheit gebrochen, war - im Gegensatz zum Westen - der
Beamtenapparat nicht von Nazis "gesäubert" worden, wurde
nicht konsequent gegen Militarismus
und Rassismus
vorgegangen? Mochte die DDR auch potthässlich, obrigkeits- und
staatsfixiert, unterdrückerisch und noch dazu ökonomisch notorisch
uneffektiv sein - sie war wenigstens antifaschistisch. Deshalb galt
sie oft unterm Strich als "das bessere Deutschland"
- eine Qualifizierung, die kaum praktische Konsequenzen nach sich zog,
wenn man von der Bereitschaft linker Publizisten absieht, sich im
Kampf gegen alte und neue Nazis allzu bedenkenlos trüber Quellen
"von drüben" zu bedienen. Insbesondere Forderungen nach
Aufhebung des KPD-Verbots von 1956 sowie nach Anerkennung der DDR
waren nicht etwa Ausdruck von Sympathie mit dem östlichen
Herrschaftssystem, sondern Produkte eines demokratischen Kalküls, das
sich vom Abbau des Feindbildes "Kommunismus"
mehr linke Bewegungsfreiheit im Westen versprach. Die "sozialen Errungenschaften" der DDR, also das
Bildungs- und Gesundheitssystem, die Vollbeschäftigung, die
Mitwirkungs- und Schutzrechte der "Werktätigen" im Betrieb,
entfalteten dagegen nur im engen Umkreis junger, linker Gewerkschafter
eine gewisse Attraktivität. Das Gleiche traf auf die vor allem in München
und Köln beheimateten Gruppen linker Studenten zu, die nicht umsonst
beim SDS "Traditionalisten" hießen, weil sie programmatisch
und oft auch organisatorisch am Gängelband der illegalen KPD, das hieß
praktisch, der SED hingen. Sicher war die Herkunft der meisten Neulinken aus dem Bildungsbürgertum
und ihr Hang zum Grundsätzlichen eine Erklärung
dafür, dass es über Anspruch und Wirklichkeit des gesellschaftlichen
Systems in der DDR kaum eine ernsthafte Auseinandersetzung gab. Die
Kommandowirtschaft als Modell widersprach zu sehr den Grundlagen
neulinken Selbstverständnisses vom Sozialismus, das in erstaunlicher
Einheitlichkeit auf drei ehernen Grundpfeilern ruhte: direkte Demokratie,
Selbstverwaltung
in Betrieb und Gesellschaft,
unbedingte, praktische Solidarität
mit den gegen den Imperialismus kämpfenden Völkern und Staaten der
Dritten Welt. Aus diesen Voraussetzungen erklärt sich die ambivalente Haltung
vieler junger Linker zum Rechtsstaat,
zu Gewaltenteilung
und Parlamentarismus,
die häufig nur als Herrschaftsinstrumente der Bourgeoisie angesehen
wurden. Daher hatte die systematische Verletzung bzw. Perversion
dieser Prinzipien in der DDR bei der radikalen neuen Linken nicht den
Stellenwert, den sie in der bundesrepublikanischen Öffentlichkeit
einnahm. Auch die Auseinandersetzung mit der Totalitarismustheorie,
die berechtigte Kritik an der Formel Rot gleich Braun, trug in ihrer
Abstraktheit nicht dazu bei, sich Kenntnis über die realen Lebensumstände
der DDR-Bevölkerung zu beschaffen. Symptomatisch für diese
Selbstverortung vieler Neuer Linker war ihre Haltung zum 17. Juni
1953. Hervorgehoben wurden der Aspekt der Arbeiterrevolte, die
Tendenzen zur Selbstorganisation und Selbsttätigkeit, die in ihr
wirksam gewesen waren. Vernachlässigt wurden aber die Elemente, die
den Arbeiter- zum Volksaufstand weiteten. Wo auf politische
Forderungen eingegangen wurde, etwa der nach der deutschen Einheit,
galt die Aufmerksamkeit jenen Stimmen, die auch für Westdeutschland
eine Reform
an Haupt und Gliedern gefordert hatten. Diese linke Symptomatik wird nur verständlich, wenn man sich das
Verhältnis der zwei Millionen DDR-Flüchtlinge
bzw. Ausreiser zu den 16 Millionen Daheimgebliebenen vor Augen führt.
In jedem Land Ostmitteleuropas, das nach dem Krieg
unter sowjetische Hegemonie
geraten war, entwickelten sich in der Emigration politische und
kulturelle Kristallisationskerne, die in einer oft komplizierten, aber
stets fruchtbaren Beziehung zu den demokratischen Oppositionskräften
des Heimatlandes standen. Für eine solche Beziehung fehlte in der
Bundesrepublik die Grundlage. Obwohl die neuen Verhältnisse den Flüchtlingen
oft fremd waren, bewegten sie sich doch niemals in der Fremde.
Westdeutschland samt West-Berlin hatten einen großen Magen. Und selbst im Verhältnis zu zurückgebliebenen Familienangehörigen
trat oft genug pflichtgemäße Wohltätigkeit an die Stelle der
Anteilnahme. Das begann sich erst nach der Ausbürgerung Wolf
Biermanns zu ändern, als vor allem in West-Berlin Rudimente einer
exilierten linken DDR-Kultur entstanden. Aber noch in den achtziger
Jahren klagten die "Hiergebliebenen" darüber, dass nach der
Abschiebung
Rudolf Bahros die Beziehungen zu demokratischen Gruppen in der DDR
versandeten. Natürlich gab es Ausnahmen von diesem Prozess des
Verschluckt- und Verdautwerdens, wofür in erster Linie die
Evangelische Kirche in Deutschland steht. Speziell in den sechziger
Jahren funktionierte noch das gemeinsame Dach. Wichtiger als die
Institutionen wurden informelle Gruppen wie der "Unterwegs-Kreis"
in Berlin, wo neben der Bibelexegese über das Schicksal der beiden
deutschen Staaten debattiert wurde und wo gegenüber beiden
politischen Systemen eine heilsame Distanz herrschte. Zum Schluss sei eine Gruppe der Neuen Linken in West-Berlin erwähnt,
die dem linken Mainstream im Verhältnis zur DDR diametral
entgegenstand. Diese Gruppe, aus deren Reihen beispielhaft Rudi
Dutschke, Bernd Rabehl und Peter Rambausek zu nennen sind, war noch im
Schüleralter aus der DDR geflüchtet und hatte sich später dem
Berliner SDS angeschlossen. Ihre Erfahrungen mit dem Staatssozialismus
führten sie nicht zur Abwendung von jedwedem sozialistischen Projekt.
Vielmehr durchkämmten sie auf der Suche nach dem authentischen
Sozialismus die Werke der linken Verfemten wie die Geschichte der
fehlgeschlagenen Emanzipationsbewegungen, um schließlich bei einer
antiautoritären Version des Rätekommunismus zu landen. Charakteristisch für diese Strömung war, dass sie die Existenz
zweier deutscher Staaten nicht für den Endpunkt der Geschichte hielt,
vielmehr in der deutschen Spaltung einen wesentlichen Grund für den
Immobilismus der Arbeiterklasse sah, weshalb im Prozess der sozialen Revolution
die Einheit der Arbeiterklasse und, ihr folgend, die deutsche Einheit
wiederhergestellt werden müsse. Freilich konnte aus diesen Prämissen
keine kohärente Politik
folgen. Utopische Visionen über ein rotes Räte-West-Berlin überkreuzten
sich mit untauglichen Versuchen, die Einheitssozialisten von links
aufzurollen, womit es freilich nach der Besetzung der Tschechoslowakei
ein Ende hatte. Nach der Zersplitterung der Neuen Linken und der
Selbstauflösung des SDS 1970 können wir vor allem bei Rudi Dutschke
eine erstaunliche Kontinuität der Beschäftigung
mit der nationalen Frage in ihrer Verschränkung mit der sozialen
Emanzipation konstatieren. Ob die Ergebnisse der Realgeschichte seit
1990 allerdings seine Zustimmung gefunden hätten, steht auf einem
anderen Blatt. Geb. 1938; in der zweiten Hälfte der 60 Jahre Aktivist des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) in West-Berlin, danach Mitgründer der maoistischen Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD); seit 1989 Mitarbeiter der "tageszeitung" (taz), Berlin. Anschrift: die tageszeitung, Postfach 610229, 10923 Berlin. E-Mail: semler@taz.de Veröffentlichungen: zahlreiche Kommentare und Reportagen in Tageszeitungen und Zeitschriften Aus Politik und Zeitgeschichte (B 45/2003) |