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Brief von Eike Hemmer an Bernd Rabehl Lieber Bernd, Bremen, 11.2.1999 durch eine Krankheit behindert, komme ich erst
jetzt dazu, Dir zu schreiben. Vor vier Wochen erreichte mich in einem Paket
von Veröffentlichungen Horst Mahlers auch ein Aufsatz von Dir
:"Nationalrevolutionäres Denken im antiautoritären Lager", dessen
Tendenz mich entsetzt hat. Dieser Versuch, unsere antiautoritäre Rebellion
mit dem nationalen Lager zu versöhnen, bedarf der Klarstellung. Ein wesentlicher Antrieb für die Rebellion
vieler Genossinnen und Genossen in den 60er Jahren war die moralische
Empörung über die Geschichtslosigkeit der Adenauer-Generation. Vermittelt
durch vielfach auch persönliche Biographien wollten wir uns nicht damit
abfinden, daß die ungeheuerlichen Verbrechen im Namen Deutschlands als
Betriebsunfall der Geschichte abgetan wurden. Schuldig sein sollte nur eine
kleine Clique von Naziverbrechern, während das deutsche Volk, seine Richter,
Beamten, Militärs im wesentlichen sauber geblieben seien. Bei dieser
Reinwaschung gab es sowohl die BRD, wie die DDR-Variante, denen beiden
gemeinsam war, daß das "Volk" im wesentlichen sauber gewesen sei.
Als wir uns daran machten, ein Stück Geschichte unseres Landes zu
rekonstruieren, die terra incognita der 1 2 Jahre zu entdecken, sahen wir ein
bluttriefendes Stück Vorhölle. Nicht wenige hunderttausende entmenschter
Verbrecher, sondern Millionen "kultivierter" Deutscher hatten die
Mordmaschine bedient. Die Auseinandersetzung mit dem Entsetzlichen und der
daraus unauslöschlich erwachsene Vorwurf gegen die Elterngeneration hat viele
der 68er umgetrieben. Psychisch haben viele auch ganz persönlich
daran gelitten, daß diese Eltern versuchten, ihre autoritären
Erziehungsvorstellungen nach 1945 ungebrochen gegenüber ihren Kindern, eben
uns, durchzuexerzieren. Ich erinnere mich zum Beispiel gut an die ganz
unbefangen geäußerten Vorstellungen in unseren Verwandtenkreisen, daß es vor
allem darauf ankomme, "den Willen der Kinder zu brechen". Für viele aus meiner Generation begann
ihre Politisierung mit der Suche nach der verlorenen Geschichte. Im Kreis um Harry Ristock, den Du und Rudi
ja gut kannten, haben wir uns mit Fritz Fischers "Griff nach der
Weltmacht" beschäftigt. Uns wurde dabei klar, daß der 1. Weltkrieg von
seiten des deutschen Reiches eben kein Verteidigungskrieg war, sondern eine
bewußt geplante imperialistische Aggression. Aber der Mythos, daß der biedere
deutsche Michel von perfiden Feinden angegriffen, sich für Volk und Vaterland
geschlagen habe, wurde geschichtsmächtig, ebenso wie der Mythos, im Felde
unbesiegt gewesen zu sein und nur durch den Dolchstoß in den Rücken der
Übermacht erlegen zu sein. Das Schlimme war, daß über die
Burgfriedenspolitik der SPD- und Gewerkschaftsführer auch die
Arbeiterbewegung mit diesen Lebenslügen infiziert werden konnte. Wie haben
wir Rosa Luxemburg bewundert, die als eine der wenigen der völkisch-nationalen
Propaganda standhielt und den imperialistischen Krieg entlarvte. Nach 1945 das Fortspinnen der
geschichtlichen Lebenslügen: das deutsche Volk sei im wesentlichen Opfer,
nicht Täter gewesen. Bis heute halten sich diese Mythen mit großer
Hartnäckigkeit, wie man leicht in Diskussionen mit älteren Besuchern der
Ausstellung "Verbrechen der Wehrmacht" feststellen konnte. In unserem kleinen Bremen gab es während
der Nazizeit 137 Zwangsarbeiter- und Gefangenenlager. Jeden Tag wurden die
ausgemergelten Gestalten durch die Wohnviertel zur Arbeit geführt, zum
Trümmerräumen nach Bombenangriffen, zum Bau von Bunkern, zum Einsatz in
Industriebetrieben. Aber niemand wollte nach 1945 etwa gesehen oder gewusst
haben. Stattdessen wurden die Autobahnen und die Sicherheit der abendlichen
Straßen gepriesen. Dieser Verdrängung liegt ein tiefverwurzelter Rassismus
zugrunde, ein völkisch motiviertes Herrenmenschentum, das Angehörige anderer
Völker nicht als Menschen wahrnehmen will. Bis heute ist dieses
Herrenmenschentum demagogisch ausbeutbar, wie die erfolgreiche
Unterschriftenkampagne der CDU/CSU gegen die Doppelstaatlichkeit gerade
wieder bewiesen hat. Mit diesem völkischen Nationalismus ist kein Pakt zu
schließen. Und da kommst Du, als ein führender Kopf der antiautoritären
Bewegung daher, und bedienst die finstersten Vorurteile der Stammtische.
Ich lebe in einem Stadtviertel mit einem
großen Anteil an Bevölkerung aus der Immigration. Ich arbeite in einem
Betrieb mit 20 Prozent Immigranten-Anteil unter den Arbeitern. Nirgendwo kann
ich feststellen, daß die ablehnenden Reaktionen der Mehrheitsbevölkerung etwa
aus Furcht vor den von Dir phantasierten ausländischen Partisanenabteilungen
beruht. Das sind weitgehend Wahngebilde. Stattdessen sind spontane Äußerungen
des Rassismus, des Überheblichkeitswahns, der Furcht vor dem Fremden und die
Weigerung, sich damit produktiv auseinanderzusetzen, weit verbreitet. Der
Nationalismus, der sich an diese Verhaltensweisen kettet, ist zersetzend,
Gift für jede Solidarität. Wir haben damals für eine umfassende
Demokratisierung der Gesellschaft gekämpft. Dazu gehörte die Überwindung
völkisch-nationaler Ressentiments. Wie illusionär die Ideen, die nach 1966
diskutiert wurden - Einordnung Deutschlands in die weltweiten nationalen
Befreiungsbewegungen - auch gewesen sein mögen, sie waren niemals völkisch
definiert, sondern gingen von einer internationalen Solidarität im Kampf
gegen imperialistischen Krieg und Sklaverei aus. Im Gesicht der
vietnamesischen und lateinamerikanischen Kämpferinnen und Kämpfer entdeckten
wir das Gesicht unserer Brüder und Schwestern, nicht in den Fratzen der
Adenauer-Bürokraten, Politiker und Militärs. Ich möchte an Deine
Verantwortung gegenüber unserer gemeinsamen Geschichte appellieren, die es
nicht zuläßt, daß im nachhinein unser Kampf - all seinen Irrungen und
Wirrungen zum Trotz - instrumentalisiert wird für völkisch-nationale Mythen. Es grüßt Dich trotz allem Eike |
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