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Brief an einen jungen Trotzkisten, der ein strategisches Bündnis mit Moslems und Islamisten gegen den Imperialismus plant

Lieber Genosse S.,

als Abonnent des Muslim-Marktes wird Dir sicher nicht folgender Artikel entgangen sein:

http://www.muslim-markt.de/Service/zeitungsartikel/emma.htm

Dort findest Du wichtige Namen für Dein Bündnisprojekt. Ich selbst könnte auch noch ehemalige Haschrebellen benennen, die konvertiert sind, weil sie es ohne festen Halt nicht mehr geschafft haben, ihr Leben selbständig zu organisieren. Einer von ihnen, ehemals Happy D., lebt sogar in Berlin. Ein netter Mann, für den Djihad gegen den Imperialismus aber vielleicht doch schon zu alt...

Nein, im Ernst, wir sollten uns mal intensiver unterhalten. Nicht weil ich denke, Marx hatte immer Recht, aber in diesem Zusammenhang bin ich der Meinung, er hat das Richtige geschrieben in seiner Einleitung zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie: Kritik fängt immer an mit der Kritik der Religion, verballhornt von Lenin: Religion ist Opium fürs Volk. Bakunin stand dabei nicht abseits und mit ihm alle anderen Anarchisten: Kein Gott, kein Kaiser noch Tribun. Ich meine, das sind Essentials für emanzipative Politik.

Die Antiimpstrategie führt in die Mystik und induziert einen Backlash. Wichtige Bereiche werden dem Kampf gegen den Hauptfeind untergeordnet, insbesondere eben die Emanzipation vom religiösen Aberglauben und vor allem die Emanzipation der Frauen, letztendlich aber auch die Emanzipation aller (inklusive männlichen) Individuen von Herrschaft, sei sie nun politisch oder religiös bestimmt. Ähnliches gab's schon mal Ende der 60er. Die MLer haben damit die antiautoritäre Revolte zerschlagen und sind in den Stalinismus abgedriftet. Dein Projekt scheint mir eine Neuauflage davon zu sein. Lass Dich warnen: Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste!

In einem Bericht der  US News & World Report vom 15. Dezember 2003 habe ich gestern gelesen, dass Saudi-Arabien seit dem ersten Golfkrieg 70 Milliarden Dollar für Propagandazwecke ausgegeben hat. Damit sind weltweit Moscheen gebaut und viele Gruppen und Propagandisten finanziert worden. Das sind die Leute, mit denen Du unweigerlich zu tun bekommst, wie z.B. die Brüder Ramadam und Co. Letztes Jahr war ich in Gibraltar. Die Bevölkerung ist dort hauptsächlich britisch und spanisch. An der Südspitze dieser Halbinsel wohnt niemand. Dort gibt es nur den bekannten Leuchtturm und, ja, Du hast es erraten, eine Moschee, gebaut mit saudischem Geld. Es wäre mal interessant nachzurechnen, wieviel sie bereits in Berlin investiert haben.  Nur mal so. Damit wir wissen, mit wem wir es zu tun haben. Wenn der CIA, der Mossad oder andere Mächte was finanzieren, wollen wir das ja auch wissen. Warum hier also zurückhaltend sein? Der bekennende Moslem-Bruder, der aus Ägypten stammende Volkswirt Ibrahim El Zayat, Vorsitzender der GMSG (GESELLSCHAFT MUSLIMISCHER SOZIAL- UND GEISTESWISSENSCHAFTLER e.V.), hat offenbar schon Kapital für die geplante Moschee in der Neuköllner Pflügerstraße dem organisierenden Verein, Inssan (Initiator der Initiative Berliner Muslime gegen das Kopftuchverbot für Lehrerinnen in staatlichen Schulen), zur Verfügung gestellt.

Die Scharia scheint zum Essential des Islam zu gehören, schließlich ist sie ja gottgewollt. Solange sich ein bekennender Muslim nicht von der Scharia distanziert, kann es meiner Meinung nach kein Bündnis geben, denn in letzter Konsequenz bedeutet die Scharia nicht nur Deine und meine Unterdrückung, sondern insbesondere auch die Unterdrückung der Frauen. Von mir aus kann jeder Mensch glauben was er will (meinetwegen auch Burqa tragen), solange er davon keine Taten ableitet, die mir schaden könnten. Die Akzeptanz der Scharia tut dies aber im Zweifelsfall, wenn diese Gläubigen die Macht erringen könnten. Schon jetzt versuchen muslimische Gruppen Kritik an ihrer Religion zu verhindern. Dies hat Eberhard Seidel eindrucksvoll in einem Artikel in den "Blättern" (Novemberausgabe) beschrieben. In Frankreich wird Journalisten, die sich als "ein bisschen islamfeindlich" bezeichnen, Rassismus vorgeworfen, um ihre Kritik am Islam mundtot zu machen. In einer deutsch-islamistischen Website namens amana wird ein Text aus Silsila - Zeitschrift gegen Rassismus und Imperialismus (Heft 3 /1994, Postadresse: der autonome Buchladen "Schwarze Risse" im Berlin-Kreuzberger Mehringhof, Herausgeber: Ahmad von Denffer in Garching) publiziert, in dem Salman Rushdie Verrat am Islam vorgeworfen und Khomeinis Todesfatwa gegen ihn wenn nicht gebilligt, so doch extrem verharmlost wird. Die Gewalt, die sich gegen die Veröffentlichung der "Satanischen Verse" richtete und mehreren Menschen das Leben kostete, wird dort nicht etwa den religiösen Fanatikern angelastet, sondern dem Schriftsteller, ganz so wie in Nigeria Isioma Daniel eine Todesfatwa einfing, weil sie in einem Zeitungsartikel zur Miss World Wahl dem Propheten Mohammed guten Geschmack mit Frauen unterstellte.

Die Bekämpfung der Islam(o)phobie, soweit sie überhaupt in der von Dir behaupteten Weise existiert, auf der Basis eines Bündnisses mit Islamisten, ist brandgefährlich. Bassam Tibi, übrigens auch ein 68er, hat im letzten "tachles" eindringlich davor gewarnt: "Die Islamisten kommen nach Europa, weil sie hier abgesichert sind. Noch mehr Absicherung könnten sie erreichen, wenn Antisemitismus und Antiislamismus gleichgesetzt würden, denn Antisemitismus wird geächtet, und wenn diese Parallele durchgesetzt würde, wären die Islamisten nicht mehr angreifbar". Einige Geisteswissenschaftler, wie Professor Werner Schiffauer (Frankfurt/O), und einige Linke haben sich inzwischen leider auf diese Ebene begeben. Werner Schiffauer: "Ich habe den Eindruck, dass es in dieser Gesellschaft einen ganz massiven Antiislamismus gibt, der den Antisemitismus abgelöst hat." Entweder weiß Schiffauer nicht, wovon er spricht, oder er versucht auf diesem Wege den deutschen (eliminatorischen) Antisemitismus zu verharmlosen. Jedenfalls spielt er den Islamisten bewusst in die Hände. Ein Arbeitskreis für Heiden in Deutschland formuliert knapp: "Die Position "Jude" in einem historischen Zustand des Systems ist nahezu deckungsgleich mit der Position "Moslem" im aktuellen Zustand." 

Ähnlich tönt es in dem Online-Magazin "trend", wo der Autor (eine Person, die sich "Karl Müller" nennt) vom "Anti-Islamismus als einer neuen kapitalistischen Krisenideologie" faselt und dabei womöglich an Huntington denkt: "Inwieweit diese Krisenideologie als rassistisches Konstrukt dem Antisemitismus strukturell den Rang abläuft oder ob im Alltagsdenken - speziell bei der deutschsprachigen Bevölkerung -  nur ein vorübergehender Platzwechsel zwischen beiden stattfindet, wird zu untersuchen sein." "Müller" knüpft damit an die unrühmliche Tradition einiger antisemitischer 68er an, bei denen ab ca. 1969 die Palästinenser in Form der El Fatah etc. die Rolle der Vietcong im Bewusstsein der deutschen Linken übernehmen sollten. Statt der vietnamesischen Volksbefreiungsfront weiterhin Hilfe im Abwehrkampf gegen den Vernichtungskrieg der USA zu gewähren, sollten alle linken Ressourcen umgelenkt werden in den Kampf gegen Israel. Dieter Kunzelmann, Mitbegründer der legendären "Kommune 1" und späterer Abgeordneter der AL im Berliner Abgeordnetenhaus,  sprach damals offen vom "deutschen Judenknacks", den es zu durchbrechen gelte. In diesem Klima erfolgte dann ein Anschlag auf das Jüdische Gemeindehaus, unzweifelhaft der  Höhepunkt des Antisemitismus dieser "linken" Strömung jener Zeit. Während Kunzelmann in seiner Autobiographie von seiner Vergangenheit abrückt und diesen Irrsinn zu relativieren sucht, indem er den Anschlag auf das Jüdische Gemeindehaus dem CIA in die Schuhe schiebt, bastelt "Müller" munter weiter an der Querfront mit dem Islamismus. Wiederholt publiziert er Texte von bekennenden Islamistinnen wie Irmgard Pinn und Marlies Wehner, beide im Vorstand von Moslem-Bruder El Zayats GSMG, sowie Fereshta Ludin, angestellt von einer Schule der fundamentalistischen Milli Görüs, ohne auf diesen Zusammenhang hinzuweisen. Dass er damit die Charta des Partisan.net, wo der "trend" gehostet wird, verletzt, nimmt er bewusst in Kauf. 

Der französische Philosoph Alain Finkielkraut führt in einem Gespräch mit der FAZ vom 18.11.03 aus, dass die "Globalisierungsgegner den Judenstern durch das Gleichheitszeichen zwischen Hakenkreuz und Davidsstern ersetzt" haben und er konstatiert "mehr Antisemitismus" als je auf der Welt:  "Natürlich glaube ich nicht, daß wir auf eine Katastrophe zugehen, wie wir sie in Europa erlebt haben. Aber früher war der Antisemitismus eine rein europäische Erscheinung. Heute gibt es den Antisemitismus in Teilen der Welt, die bislang von ihm frei waren. Das hat wiederum Rückwirkungen auf Europa. Die Linksradikalen bekämpfen ihn nicht, sie finden Argumente zu seiner Entschuldigung. Um ihn zu entschuldigen, ja zu rechtfertigen, wurde das unglaubliche Konzept der 'Islamophobie' geschaffen. Antiarabischen Rassismus muß man bekämpfen. Aber die 'Islamophobie' ist etwas völlig anderes. Das Ziel der Begriffsprägung ist, jede Kritik am Islam als rassistisch erscheinen zu lassen." Hoffentlich ist dieses Urteil zu pauschal, aber es ist leider auch nicht als falsch zurückzuweisen. Es sollte uns als Alarmzeichen dienen.

Francois Perrot, Ermont, Mitbegründer des Kollektivs "touscontrelevoile", beschreibt, was mit der Invention der Islam(o)phobie beabsichtigt ist folgendermaßen: "Es ist evident, dass der Gebrauch des Begriffs 'Islamophobie' nicht zufällig ausgewählt wurde. Die falsche Symmetrie mit der Judenphobie dient denen, die unterstellen, dass Moslems heute darunter zu leiden haben, was die Juden schon immer erfahren mussten". Es ist einfach nicht wahr, dass Moslems jemals die Rolle des Sündenbocks im Kapitalismus spielen mussten wie die Juden. Es ist ja nicht von ungefähr, dass Juden in die Vernichtungscamps eingeliefert wurden als zur gleichen Zeit der Mufti von Jerusalem, Haj Amin al Husseini, Hitler dabei half, SS-Kompanien aufzustellen, die aus der muslimischen Bevölkerung des Balkans rekrutiert wurden. Perrot fährt fort: "Die Islamophobie ist keinesweg ein Rassismus, denn der Islam wird weltumspannend praktiziert inklusive im Okzident von Personen verschiedener Nationen".  Perrot erklärt dann, warum gerade Linke dieser infamen Gleichsetzung aufsitzen: "Es handelt sich um einen veritablen Krieg der Worte, der an stalinistische Propaganda erinnert, die jeden als Faschisten brandmarkte, der das sowjetische System als totalitär kritisierte. Solche Propaganda wird jetzt von der islamistischen Internationale vorgetragen." Und: "Wenn sich die extreme Linke dort einklinkt, dann deswegen, weil sie nie ihr binäres, also totalitäres Weltbild aufgegeben hat. Außerdem wird sie durch den islamistischen Internationalismus verführt, denn das Ideal der internationalen Revolution hat sie ja auch".  Auffällig in deutschen Landen ist dabei, dass neben identitären Multikulturalisten ehemalige und aktuelle Marxisten-Leninisten diese Art der Propaganda übernehmen. Für erstere steht der o.g. Schiffauer, für letztere mögen MLer wie der o.g. Karl Müller und die Linksruck-Trotzkisten stehen.  Perrot schlussfolgert ähnlich wie Finkielkraut: "Über diese Erklärungen hinaus dürfen wir nicht vergessen, was das gemeinsame Substrat dieser Allianz ist: Der Antisemitismus.

Die Verharmlosung des Antisemitismus und die Umdeutung des Anti-Islamismus zur Islamophobie, zu einer Art von Rassismus, führt bereits zu Warnungen auch von offizieller Seite: Die Migrationsbeauftragte der Bundesregierung und Opponentin des Kopftuchverbots, Marieluise Beck (Grüne), wird in der taz vom 30.1.04 zitiert: "Innerhalb der Linken gibt es oft eine befremdlich stärkere Empathie mit den Leiden des palästinensichen Volkes als mit den Leiden des israelischen Volkes.“ Außerdem wird dort ihre Kritik an dem wachsenden Antisemitismus unter der muslimischen Bevölkerung in Deutschland wiedergegeben, die sie auf einer Tagung der heinrich-Böll-Stiftung geäußert hatte: "Es gibt einen neuen Antisemitismus in unserem Land – bei Palästinensern, Türken und Arabern“. Und Außenminister Fischer sieht sich in derselben Veranstaltung genötigt, Solidarität mit Israel anzumahnen. Die Frage des Existenzrechts Israels sei in weiten Kreisen keineswegs akzeptiert. Antisemitismus trete oft auch in Gestalt von Kritik an Israel auf. Leider hat er Recht, was nicht heißen soll, dass man Sharon oder sonstwen in Israel nicht kritisieren dürfe. 

Dein Hinweis auf Versuche einiger trotzkistischer Gruppen mit Islamisten zusammen gegen den Imperialismus zu kämpfen wie die LCR in Frankreich oder George Galloways Gruppierung in Großbritannien, bzw. dem deutschen Linksruck, sticht m.E. auch nicht. Die LCR hat sich mehrheitlich nicht für eine solche Strategie ausgesprochen, nur bei attac gibt es nennenswerte Einflüsse. In Großbritannien hat diese Zusammenarbeit mit der Muslim Association of Britain (MAB), eine von der Moslembruderschaft inspirierte Gruppierung, in der Anti-Irakkriegs-Kampagne zu größeren Demos geführt, die aber vermutlich gerade deshalb von antisemitischen Ausfällen nicht verschont blieben. Ruby Hasan von der Birmingham Socialist Alliance hat die Gefahren bereits im letzten Sommer gut zusammengefasst: "It appears that those who have decried against ‘Islamophobia’ have gone further and are now engaging in a kind of ‘Islamophilia’". Insbesondere geben die Linken ihre Positionen auf bezüglich der Frauen und der Rechte für Homosexuelle. Wie Linke mit Moslems arbeiten sollten, hat er beschrieben in: How the Left should work with Muslims.

Historisch gesehen sind Bündnisversuche zwischen Linken und Moslems (!), also nicht nur mit Islamisten, generell gescheitert. Weder konnte die junge Sowjetunion diesen Kurs durchhalten, noch taten dies die Moslems, wenn sie an die Macht kamen. Kaum war Khomeini im Iran etabliert, ließ er alle Linken einsperren oder abschlachten. Die afghanischen Mudjahedin und Taliban schlachteten erst die Linken ab und produzierten erst danach einige antiimperialistische Phrasen. Das Gleiche geschah im Sudan. In Palästina gibt's keine Linken mit Einfluss mehr. Vor der islamistischen Regierung in der Türkei warnt der gemäßigte Bassam Tibi ausdrücklich. Woher nimmst Du die Gewissheit, dass Du die historischen Erfahrungen mit Deinen geringen Kräften dieses mal überwinden kannst, dass Du kein "nützlicher Idiot" bist oder wie die unrühmlichen Mitglieder der Antiimperialistischen Zellen (AIZ) ein Jünger Allahs wirst? 

Kritik ja - Bündnis, nein danke!

Es grüßt solidarisch

Günter (Berlin im Januar 2004)