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von Wolfgang Kraushaar Nur einmal hat der Name
Dutschke in der Öffentlichkeit Kritik, Protest und hier und da sogar Empörung
ausgelöst. Das war am Ende der siebziger Jahre, als der ehemalige Wortführer
der Studentenbewegung mit einer Reihe von Artikeln einen Vorstoß unternahm,
um die Linke auf "die nationale Frage" aufmerksam zu machen. Mit
Titeln wie "Die Deutschen und der Sozialismus" und "Wer hat
Angst vor der Wiedervereinigung?" stieß er jedoch fast überall auf
Ablehnung, bestenfalls Verwunderung und Kopfschütteln. Rudi Dutschke ein
Apologet der Wiedervereinigung, ein Vertreter des oft beschworenen, jedoch
ebenfalls in Mißkredit geratenen "anderen Deutschland", etwa ein
linker Nationalist? Unmöglich. Das schien nicht zu einem Mann zu passen, der
als Sozialist, als Kulturrevolutionär, als entschiedener Internationalist
bekannt geworden war; einem Mann, der ein glühender Verfechter der Revolution
in Lateinamerika war und der hierzulande der Solidarität mit den
Befreiungsbewegungen der Dritten Welt überhaupt erst zum Durchbruch verholfen
hatte. Wiedervereinigung -
dieses Dauerthema der antikommunistisch geprägten Restauration, das durch die
Ostpolitik der SPD/FDP-Regierung viel von seiner Schärfe und Dramatik
verloren zu haben schien, war immer noch eindeutig rechts besetzt. Und wenn
es doch einige Stimmen gab, wie die der KPD/AO oder der KPD/ML etwa, die seit
Mitte der siebziger Jahre für die deutsche Einheit eintraten, dann wurden sie
nur als skurriles Zeichen einer sektiererischen Splittergruppe aufgefaßt. Und
für Rudi Dutschke mußte zumeist die Information, daß er in der DDR
aufgewachsen war, dazu herhalten, eine Erklärung für eine solche Initiative
geben zu können. Es waren also eher persönliche Gründe, die dafür
entschuldigend ins Spiel gebracht wurden. Politisch hielt man die Forderung
nach einer Wiedervereinigung unter linken Vorzeichen nicht nur für
undurchsetzbar, sondern auch für nicht wünschenswert. Die deutsche Frage galt
- wie es die SPD jedem Neugierigen in den achtziger Jahren beinahe
widerwillig erklärte - als geschlossen. Ein unmittelbar
biographisches Schlüsselereignis hat sich für Dutschke im November 1957
abgespielt. In der Aula der Luckenwalder Lenin-Oberschule versammeln sich die
Klassen der Oberstufe, rund 150 Schüler, und das gesamte Lehrerkollegium. In
einer Ansprache ermahnt der Schulleiter die künftigen Abiturienten, sich
freiwillig für einen Dienst in der Nationalen Volksarmee (NVA) zu melden. Der
einzige, der sich von seinem Jahrgang weigert, einen solchen
paramilitärischen Dienst zu absolvieren, ist Rudolf Dutschke. Von dem
Schulleiter zu einer Stellungnahme gedrängt, hält der knapp Achtzehnjährige
in besonnenem Tonfall und ohne jegliche Polemik eine viertelstündige Rede
gegen Militarismus und Wiederbewaffnung. Dem Aufsässigen wird über ein nach
unten korrigiertes Abiturszeugnis der Weg zum Sportstudium in Leipzig
blockiert; er muß sich stattdessen in einer Textilfabrik als
Industriekaufmann ausbilden lassen. Aufschlußreich ist, wie
er seinen ersten politischen Auftritt in der Öffentlichkeit zehn Jahre später
beschreibt. In einem im April 1968 nur wenige Tage vor dem Attentat für
"STERN TV" angefertigten Porträt erklärt er: "Ich bekannte
mich zur Wiedervereinigung, bekannte mich zum Sozialismus, aber nicht zu dem
Sozialismus, wie er betrieben wurde, und sprach mich gegen den Eintritt in
die Nationale Volksarmee aus. Ich war nicht bereit, in einer Armee zu dienen,
die die Pflicht haben könnte, auf eine andere deutsche Armee zu schießen, in
einer Bürgerkriegsarmee, und zwar in zwei deutschen Staaten, ohne wirkliche
Selbständigkeit auf beiden Seiten, das lehnte ich ab." Die Begründung
für seine Wehrdienstverweigerung ist bemerkenswert: Nicht etwa weil Dutschke
sich grundsätzlich gegen einen Militärdienst ausspricht, weigert er sich in
die NVA zu gehen, sondern weil diese als Bürgerkriegsarmee mißbraucht werden
könnte, in der Deutsche auf Deutsche schießen müßten. 1958 hat sich kein
Pazifist gegen das Militär aufgelehnt, sondern ein Patriot. Als dann am frühen Morgen
des 13. August 1961 mit dem Bau der Mauer begonnen wird, ist Dutschke über
diesen von vielen für unmöglich gehaltenen Akt ebenso empört wie seine
Mitschüler an der Askanischen Schule in West-Berlin. Sie ziehen gemeinsam an
die Sektorengrenze, um ihrer ohnmächtigen Wut Ausdruck zu verleihen.
Angesichts des im demonstrativen Schutz der Volkspolizei hochgezogenen
"antifaschistischen Schutzwalls" - so die offizielle Termonologie -
kommt ihnen die Idee, eine Aktion gegen die Mauer durchzuführen. Was dann einen Tag später
geschieht, das beschreibt der Dutschke-Biograph Ulrich Chaussy so: "Am
14. August abends ist es soweit. Im Schutz der hereinbrechenden Dunkelheit
schleichen sie sich an einen Abschnitt der frisch errichteten Grenzmauer im
Süden der Stadt heran. Unter dem Arm hat einer einen Stapel Flugblätter. Ein
anderer hat ein Seil über der Schulter. Am Ende des Seils ist ein
ankerförmiger Haken befestigt. Dann geht alles sehr schnell. Einer wirft das
Seil über die Mauer, ein anderer die Flugblätter. Als der Anker sich nach ein
paar bangen Momenten irgendwo an der Mauerkrone verhakt, packen sie das Seil
und zerren aus Leibeskräften daran. Die Mauer soll einreißen, wenigstens an
dieser einen Stelle, wenn sonst schon niemand etwas unternimmt. Die Mauer
aber steht fest, wankt nicht, reißt nicht ein. Am Ende reißt das Seil, sie
fallen auf den Hintern. Enttäuscht ziehen sie ab. Ihre Flugblätter drüben, jenseits
der Mauer, werden die Volkspolizisten beim nächsten Kontrollgang
einsammeln." Diese Protestaktion ist
im doppelten Sinne symbolisch: Zum einen zeigt sie die Entschlossenheit, mit
der Dutschke einzugreifen bereit ist, wenn er einen politischen Willkürakt -
den der Mauerbau als die größte organisierte Geiselnahme nach 1945
zweifelsohne darstellt - erlebt und sich keine Instanz finden will, die
bereit ist, mehr als nur verbale Protestnoten auf den Weg zu geben, und zum
anderen zeigt sie auch die Harmlosigkeit, ja Lächerlichkeit, mit der solche
Aktivitäten zum Scheitern verurteilt sind. An den beiden
biographischen Einschnitten der Jahre 1958 und 1961 ist erkennbar, mit welch
existentieller Schärfe die Überzeugung bei Dutschke ausgeprägt ist, daß es
sich bei BRD und DDR um zwei Staaten eines Landes handelt und daß alle
politischen und militärischen Schritte, bei denen dies nicht respektiert
wird, zurückgewiesen werden müssen. Dutschkes politische
Biographie als dem charismatischen Sprecher von Studentenbewegung und APO -
die hier nicht weiter ausgeführt werden soll - bricht am Gründonnerstag 1968
abrupt ab. Schwerverletzt überlebt er ein Attentat, das ihn für mehrere Jahre
aus dem politischen Geschehen herauskatapultiert und an dessen Spätfolgen er
auch noch sterben soll. Danach scheitert die Bewegung gegen die Einführung
der Notstandsgesetzgebung. Die antiautoritäre Bewegung zerfällt. Im September
1969 beginnt die sozialliberale Koalition. Vom Potential der
außerparlamentarischen Opposition integriert die SPD, durch eine Amnestie für
Demonstrationsstraftäter erleichtert, nicht wenig. In der Folge löst sich der
SDS auf. Seine Kader, sofern sie nicht der neugegründeten DKP beigetreten
sind, zerfasern sich im Gründungsboom verschiedener ML-Sekten. In seiner fragmentarischen
Autobiographie "Aufrecht gehen" aus dem Jahre 1978 kritisiert Rudi
Dutschke die Beschränktheit der verschiedenen SDS-Generationen in ihrer
Kritik an der DDR und der Sowjetunion. Zur Generation seiner Vorgänger im
oder im Umfeld des SDS, er nennt namentlich Jürgen Habermas, Oskar Negt,
Jürgen Seifert und Klaus Meschkat, schreibt er: "Dem Separatisten
Adenauer und der erneuten Rekapitalisierung und Restaurierung des
Kapitalismus konnte und mußte diese Generation des SDS auf der Grundlage
ihrer und keiner anderen Lebens-und Geschichtserfahrung nur antworten mit den
historisch so wichtigen Forderungen nach Demokratisierung in der BRD und
Anerkennung der DDR, um den Frieden in Mitteleuropa zu sichern. Sich dabei in
einem Dilemma zu befinden, die Kritik der Verhältnisse in der DDR und der
Sowjetunion beschränkt durchführen zu müssen..., war unvermeidlich. Dieses
Dilemma reproduzierte sich im SDS von Generation zu Generation, allerdings
Wendungen und Verschiebungen in sich tragend." Und seine eigenen Überlegungen
hintanstellend schreibt er, die durchaus sichtbaren Differenzen zwischen
einigen DDR-Abhauern und den westlich geprägten SDS-Mitgliedern verwischend,
im Sinne eines Resümees: "Zu der fundamentalen Frage der nationalen
Geschichte und Identität, zur Rekonstruktion deutscher Klassenkampfgeschichte
stießen wir noch nicht vor: der abstrakte und dennoch historisch noch
unvermeidliche, tief moralisierende Internationalismus hatte zweifellos
Elemente der Fremdbestimmung und der Sehnsucht nach einer echten Identität in
sich." Trotz seiner enormen
Schwierigkeiten, das durch die Schußverletzung stark beeinträchtigte
Sprachvermögen wieder auszubilden, hält Dutschke auch in der Zeit seiner
Rekonvaleszenz an den für ihn maßgeblichen politischen Überzeugungen fest.
Dazu gehört auch die Vorstellung einer Dialektik von Internationalismus und
Nationalismus. Dies bezeugt eine Tagebuch-Notiz vom 10. Mai 1969. "Die
`Nationale Frage'", heißt es darin, "das Problem der deutschen
Wiedervereinigung als revolutionäres Kettenglied des Angriffs gegen
Spätkapitalismus und Revisionismus muß endlich reflektiert werden, der
Konterrevolution darf nicht der revolutionierende Boden der `nationalen
Befreiung' innerhalb eines globalen Sozialismus-Kontextes überlassen
bleiben." Nach einer Odyssee über
die Schweiz, Italien, England, Irland, wiederum England und Dänemark kommt
Rudi Dutschke im Mai 1972 erstmals wieder nach West-Berlin. Zusammen mit
einigen Freunden unternimmt er Rundreisen durch die Bundesrepublik, um wieder
Kontakte zu Gruppen der unabhängigen Linken anzuknüpfen. Im Juli trifft er
mit Bundespräsident Gustav Heinemann und dessen Frau zu einem sechsstündigen
Gespräch zusammen. Dutschke ist vor allem an Fragen interessiert, die so
klingen, als wolle er an den seit der Anti-NATO-Kampagne abgerissenen Faden
wieder anknüpfen. Von dem ehemaligen Bundesinnenminister der CDU (1949/50)
und Bundesjustizminister der SPD (1966-69) will er Details über dessen
Erfahrungen mit dem Neutralitätskurs in der Deutschlandpolitik der fünfziger
Jahre wissen. Heinemann hatte aus Protest gegen Adenauers Remilitarisierung
dessen Kabinett verlassen, unter der doppelten Frontstellung - gegen
Wiederbewaffnung und für Wiedervereinigung - zusammen mit Helene Wessel die
"Gesamtdeutsche Volkspartei" (GVP) gegründet, diese nach einem
Mißerfolg bei den Bundestagswahlen 1957 aufgelöst und war dann mit vielen
seiner ehemaligen Parteifreunde zus SPD übergewechselt. Während sich
Heinemann nach Perspektiven einer neuen APO erkundigt, versucht Dutschke mehr
über dessen Erfahrungen mit der außerparlamentarischen Bewegung in der Mitte
der fünfziger Jahre herauszubekommen. Das Zusammentreffen ist von einer
wechselseitigen Sympathie, die die beiden verhinderten Deutschlandpolitiker
füreinander empfinden, geprägt. Zum 20. Jahrestag des
Volksaufstands vom 17. Juni 1953 publiziert er in der von früheren
SDS-Freunden gegründeten Zeitschrift "Der Lange Marsch", deren Name
bewußt auf Dutschkes wohl bekannteste Formulierung, seine Forderung, einen
"Langen Marsch durch die Institutionen" zu führen, anknüpft, seinen
ersten Aufsatz nach Jahren. Der mit dem Pseudonym "R. Bald"
unterzeichnete Text trägt den für ihn bezeichnenden Titel "Denk ich an
den deutschen Sozialismus und Kommunismus in der Nacht, so werd ich um den
Schlaf gebracht - Hat das noch Sinn?". Nach einer ausführlichen
Schilderung seiner Erlebnisse am Tag des Volksaufstandes und einer scharfen
Kritik an den rechten und linken Mythenbildungen, die sich um den 17. Juni
ranken, greift er den zwischen BRD und DDR ausgehandelten und im Dezember
1972 ratifizierten Grundlagenvertrag an. Indem sich beide Staaten als
souveräne Subjekte im Sinne des Völkerrechts gegenüberstünden, gäben sie
"die geschichtliche Klassengemeinsamkeit der Kämpfe und Ziele der
deutschen Arbeiter-Klasse" auf. Der DDR-Regierung macht er zum Vorwurf,
mit der Unterzeichnung dieses Vertragswerks "die sozialistische
Wiedervereinigung" zugunsten einer völkerrechtlichen Anerkennung durch
die BRD preisgegeben zu haben. Dagegen reklamiert Dutschke in einer, gegenüber
den sechziger Jahren schonungslos offenen und auch Mißverständnisse von
rechts durchaus in Kauf nehmenden Sprache: "Uns Sozialisten und
Kommunisten, die aufrecht und nicht ökonomisch-ideologisch gekrümmt an die
sozialistische Wiedervereinigung Deutschlands herangehen, muß klar werden,
daß der 'europäische` Sozialismus/Kommunismus eine Abstraktion ist, die die
konkrete nationale Besonderheit nicht berücksichtigt. Die Verquickung der
Nationen im internationalen kapitalistischen Produktionsprozeß, oder in den
strukturell verschiedenen 'Systemen` hat nicht die geschichtliche nationale
Substanz aufgehoben. Das gilt besonders für unser Land, für die
sozialistische Wiedervereinigung zwischen Rhein und Oder-Neiße. Diese Aufgabe
wird immer mehr eine der Arbeiterklasse in der DDR und der BRD." Die
nationale Aufgabe, die hier an die Arbeiterklasse - als hätte die nicht an
Klassenkampf- und Revolutionserwartungen schon genug auf dem Buckel -
delegiert wird, ist, zumindest in der hier gewählten Formulierung, nicht ungefährlich.
Indem Dutschke sich - vielleicht als Trotzreaktion auf die von SPD und SED
propagierte und von ihm als Verrat empfundene Anerkennungspolitik - dazu
hinreißen läßt, von einer "geschichtlichen nationalen Substanz" zu
fabulieren, gibt er die von ihm ansonsten bemühte Denkfigur einer Dialektik
zwischen Nationalismus und Internationalismus auf und macht sich selber zum
Ideologen des Nationalen. Das organologische Substanzdenken ist immer ein
unverwechselbares Kennzeichen der Rechten gewesen, die stets mit allen
Mitteln versuchte, das gesellschaftlich Produzierte und insofern auch weiter
Veränderbare auf einen wesenhaften Kern einer vermeintlich ersten Natur
zurückzuführen. Einen Schritt weiter geht
Dutschke, indem er auf ein Pseudonym verzichtet und im November 1974 die
Linke in der Zeitschrift "Konkret" mit der provokativen Frage
"Pro Patria Sozi?" konfrontiert. Er kritisiert darin die kurz zuvor
in Kraft getretene Neufassung der DDR-Verfassung wegen der Eliminierung der
Bezeichnung "deutsche Nation". Aus dem "Sozialistischen Staat
deutscher Nation" sei ein nahezu geschichtsblinder "sozialistischer
Staat" geworden. Während die SED in den sechziger Jahren noch
unzweideutig an der Wiederherstellung der nationalen Einheit Deutschlands
festhielt, habe sie "diese echte Erbschaft der deutschen
Arbeiterklasse" nun liquidiert. Gegen diesen Schritt
führt Dutschke als Autoritäten Marx und Engels ins Feld, die den
dialektischen Zusammenhang von national und international nie aus den Augen
verloren hätten. Aus dem Kommunistischen Manifest zitiert er das Diktum:
"Obgleich nicht dem Inhalt, ist der Form nach der Kampf des Proletariats
gegen die Bourgeoisie zunächst ein nationaler." Gerade weil die
nationalen Bourgeoisien in vielen Ländern unfähig gewesen seien, die nationale
Frage zu lösen, hätten Marx und Engels erkannt, daß die Frage der
Selbstbestimmung für die Fortentwicklung der Klassenkämpfe elementar sei.
"Der Kampf um die nationale Unabhängigkeit", so konstatiert
Dutschke, "wird...zu einem elementaren Punkt des sozialistischen
Kampfes. (...) Im Prozeß des Erlernens des aufrechten Ganges in Richtung
Freiheit mit Hilfe des politischen Klassenkampfes werden wir Sozialisten und
Kommunisten es unvermeidlich lernen müssen, das Selbstbestimmungsrecht der
'deutschen Nation` sozialistisch zu konkretisieren." Obwohl es dieser
Text nicht an Deutlichkeit missen läßt, so hat er dennoch keine Resonanz. Der
Grund dafür dürfte freilich weniger darin zu suchen sein, daß die linke
Leserschaft nicht zu irritieren wäre, sondern daß die Verbreitung des
gesamten Heftes zu gering war. "Konkret" konnte nach dem Ende der
Herausgebertätigkeit von Klaus Rainer Röhl mehrere Monate nicht erscheinen
und begann unter der neuen Leitung von Hermann L. Gremliza gerade erst wieder
wahrgenommen zu werden. Sehr viel vorsichtiger
geht Dutschke ein Jahr später vor. Als er im November 1975 in West-Berlin in
einem engen Kreis, zumeist ehemalige SDS-Mitglieder, einen Versuch startet,
die unabhängige und zersplitterte Linke in einer neuen Organisation zu sammeln,
bringt er auch seine Überzeugung von der Notwendigkeit einer sozialistischen
Wiedervereinigung ein. In einem vorbereitenden Thesenpapier für ein zweites
Treffen in Hannover läßt er ein paar Hinweise auf die Bedeutung fallen, die
"die nationale Frage" auch und gerade für "eine sozialistische
Partei neuen Typs" gewinnen solle. "Im Rahmen eines
deutschen sozialistischen Übergangsprogramms", heißt es in der achten
These, "ist die soziale Frage nicht von der nationalen Frage zu
separieren - und diese Dialektik hat an der Elbe nicht aufgehört." Und
in These neun: "Die 'Großmächte` haben Deutschland gespalten und
glaubten damit, in Mitteleuropa die 'Ruhe` herzustellen. Inzwischen beginnt
mehr denn je die politisch-militärische Unruhe in der BRD und in der DDR
zuzunehmen. Die 'Entspannung` wird mehr denn je mit zunehmender
Militarisierung verquickt." Weiter vertritt er die Ansicht, daß durch
einen Sieg der CDU/CSU bei den im Herbst bevorstehenden Bundestagswahlen
"die Gefahr politisch-militärischer Konflikte in Mitteleuropa"
zunehmen werde. Das Unternehmen erweist
sich jedoch schon bald als Fehlschlag. Das zweite Treffen im Februar 1976 in
Hannover findet mit hundertfünfzig Teilnehmern zwar statt, Dutschke nimmt an
ihm jedoch gar nicht teil und Peter Brückner gibt in seinem insgeheimen
Grundsatzreferat allen Hoffnungen auf eine traditionelle Organisationsform
eine radikale Absage. Von einer Bezugnahme auf die Opposition in der DDR und
das Problem der Teilung Deutschlands ist in den Diskussionen ohnehin nicht die
Rede. Doch von Mißerfolgen
dieser Art läßt sich Dutschke keineswegs abschrecken. In einem undatierten
Manuskript versucht er die von ihm unterstellte Dialektik von Nationalismus
und Internationalismus bis in den Vormärz des 19. Jahrhunderts hinein zurückzuverfolgen.
Seine These lautet, "...daß der Kampf um die nationale Selbständigkeit
immer verbunden ist auch mit einem internationalen Kampf, mit dem
Klassenkampf." Der Sozialdemokratie macht er zum Vorwurf, daß sie den
Sieg des Chauvinismus 1914 dadurch mitverschuldet habe, daß sie in der
Arbeiterklasse keinen Begriff von der Nation und ihrer internationalen
Dimension entwickelt habe: "Keine Klarheit der Arbeiterklasse in der
nationalen Frage - und die Arbeiterklasse geht in den angeblich 'nationalen`
Krieg, ohne sich der ungeheuren Konsequenzen bewußt zu sein, die sich durch
diesen Krieg ergeben mußten. Die Sozialdemokratie erwies sich als unfähig,
das Problem als solches zu erkennen." Nach 1945 müsse man wegen der
mangelnden sozioökonomischen Macht von einer "Zerschlagung der
Nation" sprechen. Obwohl die deutsche Arbeiterklasse durch den
Faschismus und die Spaltung des Landes gelitten habe, sei es ihre Aufgabe,
ein nationales Klassenbewußtsein zu entwickeln und die Wiedervereinigung zu
ermöglichen. In ganz ähnlicher Weise
äußert er sich im Herbst 1976 in einem Interview der Stuttgarter
Schülerzeitung "das gesicht". Gleich zu Beginn auf den möglichen
Widerspruch aufmerksam gemacht, daß er, der sich als "deutscher
Sozialist" bezeichne, immer noch im Ausland lebe, klärt er, worum es ihm
geht: "... es geht um die deutsche Sozialismussache." Diese sei in
ihrer Perspektive auch eine Frage der Identifikationsmöglichkeit. In Italien
oder Frankreich z.B. hätten Sozialisten und Kommunisten einen großen Vorteil,
weil sie sich auf "eine nationale Identität" zurückbeziehen
könnten, eine Identität nicht der Bourgeoisie, "... sondern eine
nationale Identität des Volkes und der Klasse in Relation zur sozialen
Bewegung." Genau daran mangele es der deutschen Arbeiterklasse und aller
anderen sich sozialistisch begreifender Fraktionen. Diesen "besonderen
Identitätsverlust" gelte es zu überwinden. Geschehen könne das nur, wie
er am Ende des Interviews meint, indem "der national beschränkte Blick
beendet" werde. Dabei dürfe man sich auch von Kritik aus dem Ausland
nicht irritieren lassen: "Daß von außen, von den anderen Ländern, uns so
oft gesagt wird `die schlimmen Deutschen' oder `die bösen Deutschen' ist
Unsinn ... Wenn die vom bösen Deutschen oder so etwas reden, und wir das noch
mitspielen, dann sind wir natürlich erst recht in der Niederlage drin und
werden nicht in der Lage sein, deutsche Verhältnisse und deutschen
Sozialismus im Rahmen des internationalen Zusammenhanges zu reflektieren.
Also, auf der einen Seite gilt es, die nationale Besonderheit als solche zu
reflektieren und auch damit wieder Identität zu gewinnen. Schwer genug, in
der Tat - ein gebrochenes Land - damit Identität zu gewinnen, national und
sozial, extrem schwierige Angelegenheit. Aber auf der anderen Seite unerläßlich,
um die Sozialismusfrage hier stellen zu können. Auf der anderen Seite muß
natürlich auch nach außen geblickt werden. Aber von innen aus und nicht von
außen nach innen. Und wenn wir nach außen blicken, (dann) aber mit beiden
Beinen auf unserem Boden." Diesen letzten Gesichtspunkt, die Frage nach
der Optik und insbesondere nach dem geopolitischen Standpunkt, hebt er
mehrmals hervor, ganz so, als wolle er sich nicht zum Vorwurf machen lassen,
die deutschen Verhältnisse von Dänemark aus zu kritisieren. Wirkliches Aufsehen
erregt dagegen eine Folge von Artikeln, die in der von Röhl mittlerweile
herausgegebenen Zeitschrift "das da", später "das da /
avanti", erscheint. Den Auftakt macht ein im Juli 1977 unter dem Titel
"Die Deutschen und der Sozialismus" publizierter Text, der
weitgehend mit dem zuletzt genannten Kapitel aus seiner Autobiographie
identisch ist. Daß Portugal mit der
Bundesrepublik mehr zu tun haben könne als mit der DDR, diese für einen
Nachkriegs-Geborenen aus der Neuen Linken sicher nicht untypische Meinung,
bildet den Einstieg für seine Philippika. "Die deutsche Misere ist bei
einer solchen Denk- und Daseinsweise", weist er mit sichtlicher Empörung
diese Ansicht zurück, "in eine linke Misere umgeschlagen." Gegen das
nahezu umfassende Desinteresse an den Verhältnissen in der DDR auf der einen
und die zynisch-reaktionären Rechtfertigungen politischer Verfolgung durch
die DKP auf der anderen Seite reklamiert er eine Haltung, seine eigene:
"Als ich wenige Tage vor dem Bau der Mauer die DDR verließ, war mir eins
schon klar: Du gehst nicht ins 'Exil`. Du gehst in einen anderen Staat, nicht
aber in ein anderes Land." Mit dieser Einstellung kritisiert er den
Mangel an historischer Kontinuität seitens der Linken. "Amerikanisierung"
und "Russifizierung", wie er es nennt, seien stets
vorangeschritten, nicht aber die "Wiedergewinnung eines realen
Geschichtsbewußtseins der Deutschen". Das führe zwangsläufig zur
Zerstörung der Dialektik von sozialer und nationaler Frage. "Die deutsche
Misere ist eine linke Misere", wiederholt er schon fast resignativ.
"Es ist für mich ohne Zweifel: in der DDR ist alles real, bloß nicht der
Sozialismus; in der BRD ist alles real, bloß nicht 'Freiheit, Gleichheit,
Brüderlichkeit`, bloß keine reale Demokratie." Beide Systeme steckten in
einer Krise. Die Entspannungspolitik sei ambivalent. Sowohl im Osten als auch
im Westen werde weiter aufgerüstet. Ob die Linke daraus einen Ausweg weisen
könne, müsse eher fraglich bleiben. Im April 1978 startet
Dutschke mit dem Beginn einer dreiteiligen Artikelfolge eine neue Offensive.
"Wer hat Angst vor der Wiedervereinigung?" fragt er, sich präventiv
an seine Kritiker wendend, in provokativer Weise. Und nach einigen
Zwischenkommentaren nimmt er im letzten Teil grundlegend "Zur nationalen
Frage" Stellung. Seine Argumentation baut sich, das jedenfalls läßt sich
in dieser Logik herausarbeiten, aus drei Thesen auf: 1. "Die beiden
deutschen Fragmente...sind die Grundlage der Festigung des Status Quo der
politisch-ökonomischen Machtzonen des kapitalistischen Imperialismus made in
USA und des Imperialismus der allgemeinen Staatssklaverei Rußland." 2.
"Die Systeme in der BRD und in der DDR stecken beide in einer schweren
Legitimations- und sozialökonomischen Krise. In beiden Staaten bricht der
innere ideologische Halt allmählich zusammen. Das gemeinsame Ziel beider
Seiten läuft darauf hinaus, die innere Opposition mit den verschiedensten
Mitteln zu brechen." 3. "Die große Schwäche der radikalen
Opposition in der Mitte Europas scheint mir darin zu liegen, daß es weder
theoretisch noch politisch-organisatorisch gelungen ist (teilweise nicht
einmal versucht wurde), eine neue Kooperation und Kommunikation zwischen
West- und Osteuropa herzustellen. Daß es nicht gelang, zwischen den beiden
deutschen Fragment-Staaten ein oppositionelles Netz aufzubauen." Kurzum:
Die Situation ist da, niemand aber nutzt sie. Nach Dutschkes Einschätzung ist
die Krise in beiden deutschen Staaten, die wiederum die Grundpfeiler der
beiden imperialistischen Machtblöcke USA und UdSSR abgeben, so weit
fortgeschritten, daß die Notwendigkeit oppositionellen Handelns gegeben ist.
Doch ein politisches Subjekt, das eine Brücke zwischen Ost und West hätte
bilden können, existiert nicht. Es mangelt an einer theoretischen Konzeption,
an einer politischen Organisation, ja an einer Infrastruktur, die dafür erst
eine Voraussetzung bieten müßte. Der letzte Satz des Textes, ein Aufruf, die
Umwandlung der Krise der Herrschenden in eine totale Krise der radikalen
Opposition zu verhindern, zeigt, wie tief in dieser Frage die Resignation in
Dutschkes Einstellung hineinragt. Die Reaktion auf die
Artikelfolge ist extrem unterschiedlich. Bereits an den Überschriften von
zwei Stellungnahmen ist zu erkennen, wie weit sie auseinandergeht:
"National ist revolutionär!" und "Vorsicht, nationale
Sozialisten!". Der Euphemismus stammt von einem der einflußreichsten
Theoretiker der Neuen Rechten, von Henning Eichberg; der Warnruf von Arno
Klönne, einem Mitbegründer des Sozialistischen Büros und Spezialisten für
Fragen des Nationalismus und Rechtsradikalismus. Eichberg versucht die
Studentenbewegung, der er unterstellt, sie habe auf neuartige Weise
politische Probleme als Identitätsfragen angegangen, als Vorläuferin der
nationalrevolutionären Bewegung in die radikale Rechte zu vereinnahmen.
Anstatt eine "Ersatzidentität" in der Dritten Welt zu suchen, käme
es nur darauf an, zu erkennen, daß die Identitätsfrage notwendig auf die
nationale Frage hinauslaufe. Ebenso wie es revolutionär sei, wenn die Iren,
Basken, Indianer und andere ethnische Minderheiten für ihre jeweilige
Identität einträten, sei es revolutionär, wenn es die Deutschen, in West wie
in Ost, für die ihrige täten. Dutschke habe dafür, für eine revolutionäre
Lösung der nationalen Frage, so jedenfalls muß man den Beitrag verstehen, den
Weg gewiesen. Klönne, der die letzten
hundert Jahre deutscher Einheitsbemühungen Revue passieren läßt, warnt
dagegen nachdrücklich vor einer Politisierung der nationalen Frage. Der
Begriff des Nationalen sei "von rechts her besetzt". Eine auf diese
Fährte gelockte Linke könne nur zu einem Klima beitragen, von dem die Rechte
profitiere. Eine Vereinigung von BRD und DDR unter nationalen Vorzeichen
würde überdies zu einer Potenzierung der jeweils vorhandenen Nachteile
führen. Es ist nicht bekannt, wie
Dutschke auf den rechten Vereinnahmungsversuch und die linke Zurückweisung
reagiert hat. Bekannt ist aber, mit welchen Argumenten er ein Jahr später auf
den von sozialdemokratischer Seite erhobenen Vorwurf des
"Linksnationalismus" reagiert, der die Versöhnung mit den Ländern
des Ostens aufs Spiel setzen würde. Er weist ihn mit Empörung als eine
Variante des einst von Habermas gegen ihn erhobenen
"Linksfaschismus"-Vorwurfs zurück. Und auf den Einwand, er gefährde
die Entspannungspolitik, repliziert er, daß Verträge und Regierungen nicht
unbedingt auch die Völker repräsentierten. Gerade weil er für die Entspannung
eintrete, müsse er die "Klassenkampfspannung" in beiden Systemen
sehr ernst nehmen. Es könne nicht angehen, daß die Sozialdemokratie, bloß um
eine außerparlamentarische Kritik von links an ihrer Außenpolitik
fernzuhalten, sich diffamatorischer Vorhaltungen bediene. Es gibt allerdings auch
eine Stimme der Linken, die Dutschkes Vorstoß, mit geringen Abstrichen als
kongenial begrüßt und wichtige Teilelemente seiner Argumentation unmittelbar
übernommen hat. Sie stammt von dem ursprünglich trotzkistisch orientierten
Historiker Peter Brandt und dessen Kollegen Herbert Ammon, die in der 1981
erscheinenden Anthologie "Die Linke und die nationale Frage" nicht
nur Auszüge von Dutschkes Texten aufnehmen. Am Ende der umfänglichen
Einleitung machen sie sich den zentralen Gedanken zu eigen, daß die deutsche
Teilung gleichsam "als Dachträger des west-östlichen
Gleichgewichts" fungiere. In Anknüpfung an die Konföderationspläne der
fünfziger Jahre schlagen sie einen Staatenbund vor, der die Kooperation in
den wichtigsten Sektoren institutionalisieren solle. Die Linke beider
deutscher Staaten fordern sie auf, ihre Angelegenheiten selbst in die Hände zu
nehmen und für einen Rückzug aller ausländischen Truppen, ein Ausscheiden aus
beiden Paktsystemen und die Umwandlung beider Armeen in rein defensive
Territorialstreitkräfte einzutreten. Im Gegensatz zu Dutschkes Initiative
klingen ihre Vorschläge, die ohne einen emotionalen Appell an die
Arbeiterklasse auskommen, sehr viel pragmatischer und konkreter. An den Einzelstationen
seiner politischen Biographie läßt sich unzweideutig nachweisen, daß die
Forderung nach Wiederherstellung der nationalen Einheit Deutschlands eine
durchgängige Grundposition Rudi Dutschkes war. Allein seine vermutlich aus
taktischen Gründen erfolgende Rücksichtnahme, für Texte zur nationalen Frage
bis Mitte der siebziger Jahre ausschließlich Pseudonyme zu verwenden, hat den
Blick darauf versperrt. Der Eindruck, der sich
erst in seinen letzten Lebensjahren abzuzeichnen begann, daß der Wortführer
der bundesdeutschen Studentenrebellion zugleich ein Verfechter der
Wiedervereinigung von links sein könnte, ist also keineswegs irreführend oder
falsch. Vielmehr ist das Bild, das Dutschke als einen puren
Internationalisten zeigt, der sich neben der Opposition in seinem eigenen
Land nur für den Vietcong, lateinamerikanische und andere Befreiungsbewegungen
der Dritten Welt begeistern kann, stark korrekturbedürftig. Der Sachverhalt
ist, auch wenn die von ihm verfochtenen Positionen zum Teil ziemlich
schablonenhaft sind, doch sehr viel komplizierter. Um Dutschkes Entwicklung
und das sich in ihr durchhaltende nationale Grundmotiv zu verstehen, muß man
sich die Ausgangslage zu Beginn der sechziger Jahre nach dem Mauerbau
vergegenwärtigen. Wer zu dieser Zeit nicht nur abstrakt an der Notwendigkeit,
sondern zugleich auch an der Aktualität der Revolution festhalten wollte, der
mußte, wenn er nicht Gefahr laufen wollte, als sektiererischer Spinner zu
erscheinen, eine kühne gedankliche Konstruktion entwerfen, um seine Position
noch in Einklang mit dem in der Gegenwart aufscheinenden Potential an Gesellschaftsveränderung
bringen zu können. Gegenüber standen sich zwei scheinbar völlig
widersprechende Gegenwartserfahrungen: Zum einen der fast vollständige
Verlust an oppositionellen Kräften in beiden deutschen Staaten - in dem
westlichen durch mehr Integration und in dem östlichen durch mehr Repression
erzielt -und zum anderen die seit Jahren anhaltende, zum Teil durchaus
erfolgreiche Offensive nationaler Befreiungsbewegungen in der Dritten Welt.
Niemals zuvor und niemals danach haben soviele Kolonialländer ihre nationale
Unabhängigkeit errungen wie zu Beginn der sechziger Jahre; Algerien und der
Kongo sind nur die herausragendsten Beispiele dafür. Der sich offenbar
beschleunigende Prozeß der Dekolonialisierung wurde, was durchaus zweifelhaft
hätte sein müssen, wenn man ihn als Transformation der internationalen
Ökonomie verstanden hätte, als fortschreitende Destabilisierung des
Imperialismus wahrgenommen. Um die revolutionäre Dynamik in den Ländern der
Peripherie aufgreifen und damit die Stagnation in den Metropolen erschüttern
zu können, bedurfte es einer globalen Theorie der politischen Ökonomie. Eine
solche lag zwar in der Form der klassischen, an Rosa Luxemburg und Lenin
orientierten Imperialismustheorie vor, diese war jedoch nach der Liquidation
der wichtigsten bolschewistischen Theoretiker, wie Bucharin z.B., nicht mehr,
von Einzelstudien einmal abgesehen, auf einem der Gegenwart angemessenen
Entwicklungsstand. Um diese Defizite, an denen ja marxistische Ökonomen wie
Baran, Sweezy und Sternberg bereits arbeiteten, auszugleichen, hätten Jahre
für intensive Studien und Analysen veranschlagt werden müssen. Einfacher war es, die
empfindlich spürbaren analytischen Lücken mit einer generalisierenden
Kapitalismustheorie zu überspringen. Dies konnte am besten mit dem
linkshegelianisch prononcierten Marxismus vom Beginn der zwanziger Jahre
gelingen, dem vermeintlich materialistisch gewendeten Totalitätsanspruch des
deutschen Idealismus in der Philosophie von Ernst Bloch und Georg Lukacs, die
sich vor allem gegen das sozialdemokratisch erstarrte Denken aus der Zeit der
II. Internationale wandten. Und mit Versatzstücken
der beiden genannten theoretischen Strömungen arbeitete Dutschke zusammen mit
Bernd Rabehl zur Zeit der Subversiven Aktion: Mit Elementen der Imperialismustheorien
von Luxemburg, Lenin und Bucharin versuchten sie den Nachweis zu erbringen,
daß die Kapitalakkumulation auch in den Entwicklungsländern zur
Proletarisierung führen müsse, und mit Lukacs und Bloch, kurze Zeit später
kamen auch noch verschiedene Autoren der Kritischen Theorie hinzu, daß die
Stabilität der "Wohlstandsgesellschaft" ideologischer Schein und
eine Verschärfung der sozioökonomischen Widersprüche in the long run auch
hier unvermeidlich sei. Da die Sowjetunion mit
ihrer Propagierung einer Politik der friedlichen Koexistenz nur noch als
Bremser dieses ineinandergreifenden Prozesses erschien, mußten sich die
Hoffnungen auf andere Kräfte konzentrieren, in denen der antiimperialistische
Kampf nicht durch die Erfordernisse eines immer wieder aufs neue
auszubalancierenden Gleichgewichts im Ost-West-Verhältnis verstellt war - auf
Lateinamerika. Hier gab es mit Kuba das Beispiel einer erfolgreichen
Revolution und mit den Operationen der Guerilla in Bolivien und Venezuela die
Hoffnung auf ein Übergreifen auf den südamerikanischen Kontinent. Im Zuge der
Eskalation des Vietnamkrieges hat dann der Vietcong die lateinamerikanischen
Befreiungsbewegungen in ihrer Vorbildfunktion mehr und mehr ersetzt. Dies ist
durch den Tod Ché Guevaras im Oktober 1967 und den nachfolgenden
Zusammenbruch der Guerilla in Bolivien noch erleichtert worden. Mit der Spaltung Vietnams
in einen nördlichen und einen südlichen Teil, die bekanntlich den jeweiligen
Machtblöcken im Ost-West-Konflikt zuzurechnen waren, gab es überdies noch
eine Parallele zur deutschen Situation. Wichtiger aber noch dürfte die
Tatsache gewesen sein, daß die FNL, worin sie sich von den anderen nationalen
Befreiungsbewegungen unterschied, für die Wiedervereinigung Vietnams kämpfte. Der Internationalismus
der Studentenbewegung bestand im übrigen in aller Regel, was zumeist
übersehen wird, darin, den nationalen Kampf eines Landes, das gleichzeitige
Ringen um soziale Befreiung und nationale Unabhängigkeit, zu unterstützen.
Die fast paradoxe Aufgabe internationaler Solidarität war es also, vor allem
nationale Kämpfe zu stärken. Erreicht werden sollte die Beendigung von
Fremdherrschaft. Diese Zielsetzungen
ließen sich natürlich allesamt auch auf die Situation im geteilten
Deutschland übersetzen. Die oft beschworene internationale Solidarität wies
insofern ein hohes Maß an nationaler Suggestivität auf. Und wenn Rudi
Dutschke - wie in seinem Aufsatz "Proletarischer Internationalismus und
Imperialismus" etwa - mit Lenin- und Trotzki-Zitaten eine explizite
Dialektik von Internationalismus und Nationalismus beschwor, dann war
keineswegs klar, was dies politisch bedeuten sollte, wie das Übergreifen der
an der Peripherie offen zutagetretenden revolutionären Prozesse auf die
Metropolen konkret aussehen sollte. Klar war nur, daß sich damit auch eine
politische Offensive zur Herauslösung der beiden deutschen Staaten aus ihren
jeweiligen Militärblöcken und zur Überwindung der Teilung Deutschlands
legitimieren ließ. Doch was hätte klar sein müssen, das wurde längst noch nicht
gesehen. Am spektakulärsten war
vielleicht Dutschkes, seinerzeit freilich unbekannt gebliebene Idee,
West-Berlin aus dem kapitalistischen System herauszubrechen, es unter
internationaler Garantie in einen antiautoritären Freistaat umzuwandeln und
damit "einen strategischen Transmissionsriemen für eine zukünftige
Wiedervereinigung Deutschlands" zu gewinnen. Alles weist darauf hin, daß
der Internationalismus für einige führende Köpfe im West-Berliner SDS ein
zeitweiliger Ausweg war, um eine doppelt blockierte Politik zur
Wiederherstellung der nationalen Einheit Deutschlands wieder in Gang bringen
zu können. Wenn von Dutschke
marxistische Klassiker mit der von ihm propagierten Dialektik von Sozialem
und Nationalem, von Nationalem und Internationalem zitiert werden, dann wird
deren Bedeutung nirgends inhaltlich ausgeführt. Die Zitate wirken, jedenfalls
kann man sich dieses Eindrucks nicht erwehren, wie Legitimationsformeln für
ein Vorhaben, von dem der Zitierende vielleicht nur zu genau weiß, daß er es
aus eigener Kraft kaum begründen könnte, ohne damit den Unwillen seiner Leser
hervorzurufen. Im Gegensatz zu seiner
völlig verdeckten, von Legitimationsproblemen überlagerten und konzeptionell
zudem sehr verschachtelten Position der sechziger Jahre drückte Dutschke im
darauffolgenden Jahrzehnt, wie durch seine entsprechenden
Zeitschriften-Artikel wohl hinreichend deutlich geworden ist, seine Ansichten
nicht nur offener, sondern auch in ihrer Argumentationsstruktur klarer aus.
Die Option, um die es ihm vor allem ging, eine Wiedervereinigung Deutschlands
unter sozialistischen Vorzeichen, wurde unverblümt ausgesprochen und auch in
ihren bündnispolitischen Implikationen transparent gemacht. Interessant war
hierbei insbesondere, wie sich seine eigene Position in der Auseinandersetzung
mit den Ostverträgen zugleich aktualisierte und profilierte. Die von ihm ja bereits
frühzeitig geübte Kritik an der von der Sowjetunion verfolgten Politik der
friedlichen Koexistenz wurde fortgeführt durch eine weitreichende Ablehnung
der Entspannungspolitik. Dutschke, der natürlich nicht grundsätzlich gegen
Entspannung war, griff vor allem die Prämissen an, die der neuen Ostpolitik
zugrundelagen. Seiner Ansicht nach konnte eine Entspannungspolitik nur dann
erfolgreich sein, wenn sie die grundlegenden Wurzeln für den Spannungszustand
beseitigte, anstatt ein die wirklichen Konfliktpotentiale bloß
konservierendes Arrangement zu treffen. Weil er die Spaltung Deutschlands,
die als Ergebnis von NS-Herrschaft und Zweitem Weltkrieg entscheidend für die
Blockkonfrontation zwischen West und Ost war, völlig unangetastet sah, griff
er die Verfechter einer für ihn nur vordergründigen Entspannungspolitik
kompromißlos an. Er kritisierte die neue Ostpolitik der SPD/FDP-Regierung
ebenso wie die DDR-Anerkennungspolitik der SED wegen der von beiden Seiten
für höchst unterschiedliche Ziele preisgegebenen Wiedervereinigung. Der
Kompromiß zwischen den sich im Kalten Krieg scheinbar unversöhnlich
gegenüberstehenden Lagern war in seinen Augen ein fauler. Denn durch den
Abschluß des Grundlagenvertrages und die auf der Basis des Status Quo
erfolgenden Neuorganisierung würden die Spannungsherde keineswegs beseitigt.
Es entfiele lediglich der zu Adenauers und Ulbrichts Zeiten geführte
Nervenkrieg und es würden einige Erleichterungen im Besuchs- und
Transit-Reiseverkehr sowie in begrenzten humanitären Fällen erzielt.
Währenddessen ginge die beiderseitige Aufrüstung nicht nur weiter, sondern
verschärfte sich. Was den Anhängern des Bahrschen Konzepts "Wandel durch
Annäherung" paradox erscheinen mußte, daß die Fortschritte in der
Entspannungspolitik mit einer schwindelerregenden Steigerung der
Rüstungsspirale Hand in Hand gingen, das war für Dutschke nur zu konsequent.
Solange die Spaltung Deutschlands nicht aufgehoben war, solange konnte es
auch keine Entspannungspolitik geben, die ihren Namen wirklich verdiente. Doch Dutschke war nicht
in der Lage, seine Einsichten auch in zweckinstrumentelles politisches
Handeln umzusetzen. Er war zwar immer noch Gallionsfigur einer in viele Winkel
versprengten Neuen Linken, in praktischer Hinsicht war er, was er sicherlich
nicht gesehen hat, viel zu isoliert, als daß er einen nachhaltig spürbaren
Einfluß auf die sich unablässig wandelnde Szene links von der SPD hätte
nehmen können. Sein Versuch, eine sozialistische Organisation aufzubauen, die
weder sektiererisch noch opportunistisch war, scheiterte dementsprechend
kläglich. Er versteckte sich jedoch nicht hinter dem Versagen und zog sich
etwa zurück, sondern strich den so gut wie vollständigen Mangel an einer
radikalen Opposition, die einen Zusammenhang zwischen den linken Kräften in
beiden deutschen Staaten stiften könnte, ungeschminkt heraus. Für ihn war
"die deutsche Misere", er formulierte das fast wie die Einsicht in
ein unvermeidliches Scheitern, eine "linke Misere". Dutschkes Vision hat sich
nicht erfüllt. Weder haben sich zwei deutsche Staaten, auch wenn nichts
unversucht gelassen wurde, um diesen Eindruck zu erwecken, vereinigt, noch
können die Voraussetzungen, unter denen dies geschehen ist, als sozial
geschweige denn sozialistisch bezeichnet werden. Dutschke war ein zu
entschiedener Antikapitalist, als daß er das Ergebnis eines solchen
Prozesses, der nicht ohne hoffnungsvolle Momente begonnen hatte, hätte
gutheißen können. Dutschke war aber auch aus einem solchen Holz, daß er jetzt
nicht aufgegeben, sondern - vermutlich mit einer Trotzreaktion - die
Umwälzung der Gesellschaftsverhältnisse in einem Land gefordert hätte.
Das Negativresultat wäre von ihm, eine uneingeschränkte Kommunikation und
Kooperation gleichzeitig aber auch erst ermöglichend, wohl als Anstachelung
aufgenommen worden. An Schlußfolgerungen aus
seinen lange Zeit übersehenen nationalen Vorstößen ist festzuhalten: 1. Dutschkes unablässiges
Insistieren auf der deutschlandpolitischen Dimension jeglicher linker Politik
war zunächst einmal richtig. Es hat in der Tat eine lang anhaltende
Verdrängung all jener Fragen und Probleme gegeben, die mit der Spaltung
Deutschlands und der Existenz zweier deutscher Staaten zusammenhingen. Die
falsche Unmittelbarkeit des Internationalismus ist in der Neuen Linken die
Kehrseite dieser Ausblendung gewesen. Die internationale Solidaritätsarbeit
war ein Substitut für eine Auseinandersetzung mit den Verhältnissen des
eigenen Landes, an die man sich wegen der offenliegenden Zusammenhänge mit
der jüngsten deutschen Geschichte nicht zu rühren traute. Diese Reaktion, die
Integrität ihrer Motive einmal außer Frage gestellt, ist zwar verständlich,
dennoch aber bloß reflexhaft. Sie geht einer gesellschaftlichen
Auseinandersetzung mit den Folgen deutscher Geschichte, ganz entgegengesetzt,
aus dem Wege und verlagert ihre Anstrengungen auf eine Ebene, die weitgehend
folgenlos bleiben mußte. Es gehört zur Tragik von Dutschkes politischem
Wirken, daß er diesen Substitutionalismus, der ja ursprünglich nur ein Umweg
in der Auseinandersetzung mit dem eigenen Land hätte sein sollen,
mitermöglicht hat. Eine Dialektik, für die das dem 19. Jahrhundert entlehnte
Kategorienpaar Nationalismus - Internationalismus ohnehin unbrauchbar gewesen
wäre, fand nur im Kopf statt. 2. Dutschkes
unnachgiebige Kritik an der zu kurz greifenden und letztlich, aufgrund ihrer
und in dieser Form nicht zu stoppenden Negativdynamik, in ihr Gegenteil
umzuschlagen drohenden Entspannungspolitik war richtig. Der
Nachrüstungsbeschluß war, was lange Zeit niemand sehen wollte, das Dementi
der neuen Ostpolitik. Der Preis des Pragmatismus in den zwischenstaatlichen
Beziehungen lag jedoch nicht nur in einer immer unkontrollierbarer werdenden
Rüstungsspirale, sondern auch im weitgehenden Verzicht auf eine
Gesellschaftskritik in den staatssozialistischen Ländern. Während die
radikale Linke, von ein paar trotzkistischen Grüppchen einmal abgesehen,
einfach die Augen verschloß gegenüber der repressiven Verfestigung der
Verhältnisse in Polen, der CSSR und der DDR etwa, versteifte sich die
Sozialdemokratie in dem Glauben, die Früchte ihrer Entspannungspolitik nicht
zu gefährden, darauf, keine anderen Beziehungen als zu den allein staatlich
legitimierten Organisationen zu pflegen. So wie sie sich weigerte,
Repräsentanten von Solidarnosc etwa, als bloße Gesprächspartner zu
akzeptieren, so schuf sie mit der Verabschiedung eines gemeinsamen Papieres
mit der SED ein seltenes Dokument politischer Desorientierung. Durch Berührungsangst
und Staatsfixierung ist keine Auseinandersetzung mit der sozialen,
ökonomischen und ökologischen Realität in der DDR zustandegekommen. So ist
bereits im Vorfeld jenes Prozesses, der mit der Fluchtwelle des Sommers 1989
einsetzte, das Terrain preisgegeben worden, dessen Verlust man nun, mit den
Resultaten konfrontiert, so einmütig bejammert. 3. Dutschkes Versuch
einer Reaktualisierung der nationalen Frage jedoch war gefährlich. Er hat
sich nicht nur ohnehin nicht gescheut, die schier bodenlosen Probleme der
Deutschen mit dem Terminus Nation fassen zu wollen, sondern er hat diese
zudem auch noch als ein Ursprüngliches, als etwas Substantielles gedacht.
Beides jedoch hätte er sich verbieten sollen. Die Semantik eines solchen
Begriffs ist nicht von seiner Geschichte unabhängig. Dutschke hat sich im
Zusammenhang seiner Initiativen nicht mit Problemen belastet, deren
ungebrochene Aktualität wir nun schon seit Jahren mit der Affinität des
Nationalen mit Antisemitismus, Ausländerfeindlichkeit, Fremdenhaß und
dergleichen mehr erleben. Im Kontext seiner Artikel hat er sich mit keinem
Wort zu diesen naheliegenden Implikationen und unabschätzbaren Gefahren
geäußert. Diese Blindheit ist umso erstaunlicher als sich ja durchaus
prominente Beispiele einer Dutschke-Rezeption von rechts, unter
nationalrevolutionären Vorzeichen, anführen lassen. 4. Dutschkes Versuch
einer Reaktualisierung von Traditionen, die er einer deutschen Arbeiterklasse
zurechnete, war illusionär. Sein Unvermögen, die veränderte gesellschaftliche
Situation in BRD wie in DDR wahrzunehmen, zeigt sich in keinem Punkt
durchschlagender. Die Wiederbelebung des proletarischen Kampfes in Ost wie in
West war wohl der Fluchtpunkt all seiner Anstrengungen und - zugleich das
unbeabsichtigte Eingeständnis seines zentralen politischen Scheiterns. Mit
den klappernden Kategorienschemata des orthodoxen Marxismus - so wie ihn der
junge Lukacs noch zu Beginn der zwanziger Jahre verstanden hatte - ließ sich
die gesellschaftliche Wirklichkeit nicht mehr zukunftweisend politisch
begreifen. Seine Mythologisierung der Arbeiterklasse als dem einzig möglichen
historischen Subjekt, ein Irrglaube, der pseudowissenschaftlich kaschiert nur
zu oft in politische Sackgassen geführt hat, schreckte nicht einmal davor
zurück, durch den angeblich historischen Nachweis, daß die nationalen Kämpfe
der Arbeiterklasse immer auch internationale Kämpfe gewesen seien, eine
Geschichtsklitterung vorzunehmen. Dieses idealisierende Bild, das die
Arbeiterklasse als den historischen Garanten der Revolution zeigt und ihren
Anteil am Zustandekommen des NS-Regimes verharmlost oder unterschlägt, ist
ebenfalls nicht ungefährlich. Kurzum, so wichtig es
auch wäre, in der Auseinandersetzung mit Rudi Dutschkes politischer
Biographie eine Klärung des überaus defizitären Fragekomplexes - die Linke im
eigenen Land - voranzutreiben, so irreführend wäre die Hoffnung, sich
unmittelbar auf die von dem Wortführer der Studentenrebellion ausgeteilten
Denkzettel berufen zu können. (leicht gekürzte Version des gleichnamigen Artikels in der Zeitschrift "Mittelweg" Nr. 36 -2/92) |
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