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THESEN ZUR ANARCHISMUSFRAGE

Legitimation anarchistischer Praxis heute:
"Anarchistische Praxis ist die Zerstörung von Theorie.
Wir haben uns vorgenommen, keine Tendenzanalyse mehr zu machen.
Das bedeutet, daß Praxis augenblicklich möglich ist.
Die vergangenen anarchistischen Bewegungen sind daran gescheitert,
daß die Zeit noch nicht erfüllt war. Historisch gibt es jetzt
erstmals eine Möglichkeit für uns."

-- Bernd Rabehl auf einer Diskussion im Nov. 66
   anläßlich der Colloquien zur K I - Bildung,
   in "Kommune 2 - Versuch der ...", S.I9

Wird die Tendenzanalyse (wie bei Rabehl) abgelehnt, was wiederum auf einer Tendenzanalyse beruht, hat jeder theoretisierende, abstrakte Anarchismus seine Existenzberechtigung verloren, er muß konkret, d.h. praktisch werden. Jeglicher Voluntarismus scheint damit gerechtfertigt, der historisch aus 0pposition zu sozialdemokratischen Strategien entstanden ist, die die Revolutionschancen starr an die objektiven Bewegungen des Kapitals ketten und die zentrale Bedeutung des Kampfs für die Revolution mißachten. (Beispiele in der deutschen Arbeiterbewegung: "Die Jungen" der SPD in der 80er Jahren des I9. Jahrhdts., die "Linksradikalen" der SPD und des Spartakus in den ersten 20 Jahren des 2o. Jahrhdts.).
Gefahren der Verabsolutierung des Voluntarismus: Theorie- und strategielose Praxis und Handwerkelei. ("Mal was machen und sehen, was dabei herauskommt.")

Die "Zerstörung von Theorie" hat nicht nur Strategielosigkeit, sondern auch Organisationsfeindlichkeit zur Folge.

Historische anarchistische Organisationsversuche:
- Proudhons Tauschbank
- Bakunins internationale Brüderschaft
- Malatestas Guerilla-Gruppen in Italien
- Lateinischer Syndikalismus (in Deutschland: Unionismus)
- Spanisches Modell: FAI (Iberische Anarchistische Föderation) als Parteiersatz plus CNT (Gewerkschaft)
- Foci (Kommunen, Stadtguerilla)
Das "antiautoritäre" Organisationsmuster der "Räte" realisierte sich im Unionismus.

Es gibt nicht  d a s  Organisationsmuster für jede historische Situation. Verabsolutierte Formen, Mittel garantieren keineswegs revolutionären Inhalt. Wird der Inhalt vernachlässigt, verkommt beispielsweise der Antiautoritarismus zum Demokratismus, der mit Gewalt gepaarte Syndikalismus (Sorel) zum Faschismus.

Anarchistischer Individualismus ist heute als Emanzipationsmöglichkeit einzelner Genossen bzw. Gruppen zu interpretieren.
Historisch: Stirnerscher Egoismus - Brüderschaftliche Führerschaft im bakunistischen Kollektivismus - Antiautoritarismus im kommunistischen Anarchismus.

Endgültige Emanzipation ist nur im revolutionären Kampf realisierbar. Nur im Kampf ist reale Organisationsmöglichkeit vorhanden, sonst verkommt der Anarchismus ebenso wie alle unkämpferischen Gruppen (z.B. ML) im Revisionismus!

Wenn "bloßer Kampf" nicht zur Legitimation werden soll, müssen theoretisch Reflexionen in folgende Richtung laufen: der Monopolkapitalismus hat tendenziell eine neue Klasse entstehen lassen, der alle Mitglieder der Gesellschaft umfasst - der Begriff Proletariat ist durch den Begriff des "proletarischen Lagers" zu ersetzen, der nicht mit den "Arbeitern" gleichzusetzen ist. Wird der Begriff der "revolutionären Klasse" in diesem "neuen" Sinn gefasst, ist die traditionelle ideologische Trennung des "Proletariats" überwindbar. Die Möglichkeit der Durchbrechung der resignativen Lethargie liegt im:
- Angriff auf die bestehende Machtlegitimation (direkte Aktionen, tw)
- revolutionäre Agitation und Propaganda in den Massen.

                                                                                      Haschrebellen

Diskussionsvorlage für ein Treffen anarchistischer Gruppen im Republikanischen Club, Winter 1969/70