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Dan DINER
Antisemitismus in der Linken und das Problem der Normalität
Ich will über zwei Aspekte sprechen, die vom Problem her miteinander
verbunden sind. Das Problem: Ein neues antisemitisches Phänomen in
seiner Verbindung zum klassischen, zum historischen Antisemitismus. Die
beiden Aspekte:
Das Verhältnis zu Israel, zum Zionismus einerseits und das
Selbstverständnis der Neuen Linken als Problem neuer nationaler
Identität andererseits.
Im wesentlichen war gestern die Rede von einem linken Antisemitismus.
Das ist natürlich Unsinn. Es gibt keinen linken Antisemitismus. Es gibt
einen Antisemitismus sui generis. Und es gibt Antisemitismus in der
Linken, wie es natürlich Antisemitismus in der Rechten gibt.
Verwunderlich ist dabei, daß das Problem des Antisemitismus in der
Rechten für alle abgehakt ist, das Problem des Antisemitismus in der
Linken vom Selbstverständnis der Linken her aber als eine Unmöglichkeit
gilt. Das hängt wiederum damit zusammen, daß die Identifikation der
Linken, vor allem der Neuen Linken der 68er Generation, mit Elementen
linken Selbstverständnisses aus den 20er und 30er Jahren in Verbindung
steht. Damit aber hängt unmittelbar das Problem der Normalität zusammen,
worüber ich am Schluß sprechen werde. Der Wunsch der deutschen Linken,
normal zu sein, nicht belastet zu sein mit dem, was hier geschehen ist.
Und diese Normalität verweist auf eine Geschichtskonstruktion, die
ihrerseits auf eine Vergangenheit zielt, in der Linke Zuhause waren oder
zumindest sein wollten.
Normalität hat auch für Juden, für linke Juden oder für Juden in
Deutschland nach 1945, eine Bedeutung. Auch diese Normalität ist sehr problematisch.
Das Problem hängt mit einer einfachen Tatsache zusammen, die sehr
schwierig zu verkraften ist. Nämlich mit der Tatsache, daß es eigentlich
eine Blasphemie ist, nach 1945 als Jude in Deutschland zu leben. Das sie
es dennoch tun, ist gleichzeitig auch eine Selbstverständlichkeit. Aber
diese Selbstverständlichkeit ist Gegenstand ständiger Verarbeitung in
einer Art und Weise, die dem Holocaust in seiner Besonderheit gerecht
wird.
Antisemitismus als ökonomische Metapher und als Kulturphänomen
Es wäre ungerecht, die Diskussion über den Antisemitismus in der Linken
vor 1933 aus der Perspektive der Nach-Holocaust-Zeit zu bemessen. All
unsere Wahrnehmung von Geschichte, auch die Zitate von Voltaire und
Kant, erhalten ihre Bedeutung erst auf dem Hintergrund der Geschehnisse
von 1939, beziehungsweise von 1941 bis 1945. Es ist also wichtig, die
aufgetriebenen Zitate in ihren geschichtlichen Zusammenhang zu stellen,
um sich selbst und der Geschichte Gerechtigkeit angedeihen zu lassen.
Wir werden dann entdecken, daß der Antisemitismus oder das, was wir
dafür halten oder heute als solchen bezeichnen, ein Phänomen gewesen ist,
das nicht nur bei Nichtjuden verbreitet war.
Der
erste bedeutende Linke und Jude, bei dem Elemente von Antisemitismus
aufzuzeigen sind, und den man geradezu in polemischer Weise zum Vorvater
eines Antisemitismus in der Linken gemacht hat, war kein geringerer als
Karl Marx. In "Zur Judenfrage", einem bedeutenden Werk aus dem Jahre
1844, sind folgende Sätze nachzulesen: "Welches ist der weltliche Grund
des Judentums? Das praktische Bedürfnis, der Eigennutz. Welches ist der
weltliche Kultus der Juden? Der Schacher. Welches ist sein weltlicher
Gott? Das Geld." Religiöses Judentum wird bei Marx in einer ähnlichen
Weise abgetan wie das Säkulare, wozu diese Zitate dienten. "Welches war
an und für sich die Grundlage der jüdischen Religion? Das praktische
Bedürfnis, der Egoismus. Der, Gott des praktischen Bedürfnisses und
Eigennutzes ist das
Geld. Das Geld ist der eifrige Gott Israels, vor welchem kein anderer
Gott bestehen darf. Der Gott der Juden hat sich verweltlicht, er ist zum
Weltgott geworden. Der Wechsel ist der wirkliche Gott des Juden, sein
Gott ist nur der illusiorische Wechsel." Zum Schluß seiner Ausführungen
heißt es: "Sobald es der Gesellschaft gelingt, das empirische Wesen des
Judentums, den Schacher und seine Voraussetzungen aufzuheben, ist der
Jude unmöglich geworden, weil sein Bewußtsein keinen Gegenstand mehr
hat, weil die subjektive Basis des Judentums das praktische Bedürfnis
vermenschlicht, weil der Konflikt der individuell sinnlichen Existenz
mit der Gattungsexistenz des Menschen aufgehoben ist." Und apodiktisch
endet Marx: "Die gesellschaftliche Emanzipation des Juden ist die
Emanzipation der Gesellschaft vom Judentum."
Würden solche Sätze heute gesagt oder geschrieben werden, so würde dies
zweifellos als Antisemitismus bezeichnet; was sollte es anderes sein?
Aber es wird schwierig im Jahre 1844 das Etikett des Antisemitismus
heranzuziehen. Denn was Marx hier unter Juden oder unter dem Judentum
auch versteht, ist eine Metapher im Sinne einer gesellschaftlichen
Kategorie. Marx identifiziert das Judentum mit dem Handel, mit dem Geld.
Also mit Kategorien, die wir heute gut marxistisch als Phänomen der
Zirkulation kennzeichnen würden.
Die
Juden galten als Metapher der Zirkulation und des Handels. Das sind
Elemente, die für die Frühsozialisten von großer Bedeutung waren.
Insofern gehen Proudhon und Fourier von einer Gleichsetzung aus: Geld,
Handel, Bank, Finanzwesen - all dies ist identisch mit dem Judentum.
Es hieße aber Probleme zu umgehen, diese
Begrifflichkeit Marxens als nur gesellschaftliche Kategorie zu
qualifizieren. Marx hat sich auch als Privatmensch zu Äußerungen
hinreißen lassen, die wir zweifellos als antisemitisch bezeichnen würden.
Ich möchte einen kurzen Absatz aus dem Buch von Edmund Silberner
zitieren. Dort sind eine Unzahl von Bemerkungen Marxens über seine
Gegner und seine Widersacher aufgeführt, die in ihrer überwiegenden
Mehrheit Juden waren. Vor allem über Lassalle, einem Gegner Marx, sind
Aufführungen aufzufinden, die einem die Haare zu Berge stehen lassen. So
spricht er von Lassalle als 'der Hund' und 'das Vieh', nennt ihn 'Jüdchen',
redet vom 'Jüdeln, Jüdel-Braun', 'Ephraim-Gescheit', 'Itzig', 'Jitzig',
'Baron Itzig', 'jüdischer Baron' oder 'baronisierter Jude' etc. Auch
spricht Marx davon, daß er sich wundert, daß die Werke Lassalles nicht
nach Knoblauch duften. Lassalle habe talmudische Weisheit und sei ein
jüdischer Neger.
Wer glaubt, daß solche Äußerungen nur auf Marx beschränkt bleiben, und
diese dem Marxismus als solchem unterlegen will, der sei auf einige
Zitate, sehr private Lassalles, hingewiesen. Lassalle, Rivale Marxens
und nicht-marxistischer Sozialist, verliebte sich in eine Christin und
schrieb ihr einen Brief, der später auch in der sozialistischen Bewegung
großes Aufsehen erregte. Viele, vor allem Wilhelm Liebknecht, meinte,
daß es sich um eine Fälschung handele. Inzwischen steht fest, daß dieser
Brief tatsächlich von Lassalle verfaßt wurde. Lassalle bietet in diesem
Brief der Christin eine Ehe an, nicht aber einen Übertritt, den er aus
politischen Gründen für nicht opportun hält. In diesem Zusammenhang
schreibt er: "Ich könnte Ihnen zwar das Opfer bringen und Christ werden,
obgleich dies nach unserem Gesetz nicht nötig ist und es Christen und
Juden freisteht, einander zu ehelichen. Wenn dies eine unerläßliche
Bedingung wäre, ich täte es vielleicht. Aber es würde mir schwerfallen,
Sophie, ich will Ihnen sagen, warum. Ich liebe die Juden gar nicht, ich
hasse sie sogar ganz allgemein. Ich sehe in ihnen nichts anderes als die
äußerst entarteten Söhne einer großen längst vergangenen Zeit. Diese
Menschen haben in den Jahrhunderten ihrer Versklavung die Eigenschaften
von Sklaven angenommen und deshalb bin ich mit ihnen so unfreundlich
gesinnt. Ich habe auch keinerlei Berührung mit ihnen und unter meinen
Freunden und in der Gesellschaft, die mich umringt, gibt es faßt gar
keine Juden. Es sind also keine persönlichen Rücksichten, die mir diesen
Wechsel peinlich machen würden."
Ähnlich auch der Ausruf Lassalles über einen seiner Gegner "Oh...
Sie Jude, Jude! Sollten Sie vielleicht von Bankiers bestochen sein, um
durch den weitgreifenden Einfluß Ihrer Literaturgeschichte unser
Publikum unmerklich zu judaisieren?" Kein Zweifel, das ist
Antisemitismus - heute. Ob es damals Antisemitismus gewesen ist, steht
dahin. Wir sollten jedenfalls als Nachgeborene mit einem Urteil nicht
voreilig sein. Denn in welcher gesellschaftlichen Situation standen
Marx, Lassalle und andere Juden ihrer Zeit? Marx beziehungsweise sein
Vater verließ die jüdische Gesellschaft, um sich an die deutsche zu
assimilieren. Aber was war die deutsche Gesellschaft? Die deutsche
Gesellschaft beanspruchte zu dieser Zeit eine nationale zu sein. Die
Frage ist allerdings, ob diese Gesellschaft tatsächlich eine nationale
gewesen ist, die allen Menschen, von ihrer Religion absehend,
Integration, Assimilation und Emanzipation ermöglicht. Wir dürfen jedoch
nicht vergessen, daß diese Gesellschaft im wesentlichen eine christliche
Gesellschaft geblieben war.
Die Juden, die das Judentum damals verließen, assimilierten sich demnach
an eine christliche Gesellschaft, die nur dem Anspruch nach eine
säkulare war. Sie erhob zwar den Anspruch, säkular zu sein, aber ihre
Inhalte waren von oberflächlich säkularisierter christlicher Substanz.
Das heißt, daß die Juden, die damals das Judentum in die verschiedensten
Richtungen verließen, sich an eine von ihrer Grundhaltung her antijudaistische
Gesellschaft assimilierten.
Die Inhalte dieses Antijudaismus gingen als Folge der Assimilation auf
die Juden über. Würde man - neben Marx und Lassalle weiter in der
Ahnenreihe der Sozialisten voranschreiten, könnte man feststellen, daß
sich kaum ein Sozialist jüdischer Herkunft finden läßt, der sich nicht
in dieser Art und Weise den Juden oder dem Judentum gegenüber verhielt.
Auch Moses Hess, der später den Weg in den Zionismus gefunden hat, war
in der Phase zuvor, als er sich der bürgerlichen Gesellschaft
assimilierte, nicht weniger antijudaistisch gestimmt. Wenn man
feststellt, mit welchen gesellschaftlichen Phänomenen sich Moses Hess
befaßte, nämlich mit dem Geld, wird man verstehen, daß die Identifikation der Juden mit diesen Zikulatiomsinha1ten, von denen das Geld
wohl die wichtigste aller darauf bezogenen Metapher ist, ein zutiefst
antisemitisches Element in sich birgt.
Ich
wage deshalb in diesem Zusammenhang die noch unbelegte These, daß die
Ablehnung des Handels, ja geradezu das Ressentiments gegen den Handel,
das in der europäischen Zivilisation so tief verwurzelt ist, eine
säkularisierte Form des Judenhasses ist. Dieses Phänomen findet sich zum
Beispiel in einer Zivilisation wie der des Islam nicht. Dort stehen
Handel und Händler in der Hierarchie der Wertvorstellungen an
bedeutender Stelle. Im Koran ist sogar davon die Rede, daß die Händler
im Paradies an der Seite des Propheten sitzen werden.
Die Ablehnung des Handels, der Versuch etwa August Bebels, den
Antisemitismus als eine kausale Reaktion auf den Handel zu bestimmen,
ist eine Rationalisierung. Sie kann den Antisemitismus als
Kulturphänomen, von links und rechts unabhängig, nicht erfassen. Damit
spreche ich auf keinen Fall einer Ewigkeit des Antisemitismusses das
Wort. Wohl spreche ich aber von einer Zivilisation, deren Teil wir immer
noch sind. Die Ableitung des Antisemitismus aus dem Handel und die
Bestimmung des Antisemitismusses als Moment des Klassenkampfes, als
Interesse, ist eine Rationalisierung, die mit Marxismus nichts zu tun
hat, obwohl Marxisten sich ständig dieses Erklärungszusammenhanges
bedient haben - bis in die Gegenwart hinein.
Assimilation und antijudaistisches Kulturerbe
Die Einstellung, mit der im 19. Jahrhundert von assimilierten Juden in
christlicher Tradition und säkular übersetzt das Judentum verworfen
wurde, war allen politischen und weltanschaulichen Gruppen eigen.
Insofern handelt es sich selbstredend nicht nur um ein Merkmal von
Sozialisten. Auch und gerade im Zionismus sind judenfeindliche Attribute
anzutreffen. Ein Zitat,aus den. Schriften Herzls mag dies belegen -
entnommen einem Vortrag, den Herzl mit "Mauschel" überschrieb. Dort
wendet sich
Herzl gegen antizionistische Juden. Damit sind jüdische Rabbiner gemeint,
die ihm den ersten zionistischen Kongreß in München verweigerten,
weshalb Herzl nach Basel ausweichen mußte. In seiner Polemik entgleitet
Herzl die ursprünglich politische Absicht und er nimmt genau jenen
klassischen Aspekt des Antisemitismus positiv auf, der zum Kulturgut der
Assimilation gehört. In Unterscheidung zwischen den wirklichen Juden,
die er noch schaffen möchte, und zwischen dem anderen, dem verwerflichen
Juden, benennt Herzl die abwertenden Züge des letzteren in Gestalt des
Juden "Mauschel": "Der Jude ist fähig, der Regierung seines Landes aus
Überzeugung starr und ehrlich Widerstand zu leisten oder sich offen als
Anhänger zu bekennen. Mauschel verkriecht sich hinter den
staatsfeindlichen Oppositionen und hetzt diese heimlich, wenn ihm die
herrschende Autorität nicht behagt, oder er flüchtet sich unter
Polizeischutz und tut Angeberdienste, wenn ihm vor dem Umsturz Bange
wird. Darum hat der Jude den Mauschel immer verachtet und dieser schilt
ihn wieder einen Narren. Und diese beiden, die durch eine tiefste
Feindschaft ihres Wesens allerzeit geschieden waren, wurden miteinander
verwechselt. Ist das nicht ein schauerliches Mißverständnis?
Als
wäre in irgendeinem dunkleren Augenblick unserer Geschichte eine
niedrigere Volksmasse in unsere unglückliche Nation hineingeraten und
wäre mit ihr vermischt worden. So nehmen sich diese unvereinbaren,
unerklärlichen Gegensätze aus. Da wir nun, seit die Völker sich besinnen,
immer die Schwächsten der Schwachen waren, hat man als den Vertreter
unseres Volkscharakters nicht den Juden sondern Mauschel genannt.
Mauschel hat immer die Vorwände geliefert, unter denen man uns anfiel.
Mauschel ist der Fluch der Juden. Instinktiv hat das der Jude immer
gefühlt und es mag oft vorgekommen sein, daß gute Juden vom Volke und
vom Glauben der Väter sich entfernten, weil sie diese Gemeinschaft nicht
länger zu ertragen vermochten. So hat Mauschel das Judentum nach innen
und außen geschwächt." Und zum Schluß heißt es dann: "Wenn wir alle die
förmlich von uns absondern, die sich gegen unsere Volksgenossenschaft
verwahren, wird man in diesen Geschiedenen eine seltsam gemischte
Gesellschaft zu
sehen bekommen. Da ist der
Finanzier, der soviel Butter auf dem Kopf hat, daß er sich vor einem
ebenso verdächtigen Mauschel, dem journalistischen Erpresser, fürchtet
und diesen füttert. Da ist der Advokat mit einer Kundschaft, die sich an
den Grenzen der Paragraphen aufhält. Da ist der rotgeschminkte Politiker,
der jetzt den Sozialismus betreibt, ausnutzt und entwertet. Da sind die
zweifelhaften Geschäftsleute, die falschen Ehrbaren, die heuchlerischen
Frommen, die verlogenen Biedermänner, die findigen Ausbeuter."
Herzl schließt: "Wenn sich Tell anschickt, den Apfel vom Haupte seines
Sohnes zu schießen, hat er noch einen zweiten Pfeil in Bereitschaft.
Mißlänge der erste Schuß, dann soll der andere der Rache dienen. Freunde,
der zweite Pfeil des Zionismus ist für Mauschels Brust bestimmt." Diese
antisemitischen Aussagen Herzls sind nicht außergewöhnlich; sie sind
durchaus gängig gewesen. Sie erscheinen uns heute unwahrscheinlich und
unannehmbar, weil nach dem Holocaust all das, was vorher gewesen und
geschehen ist, in einer Logik als Bestandteil dessen angesehen wird, was
zum Holocaust geführt hat. Können wir eine Unterscheidung treffen
zwischen Antisemitismus und jenem, was ihm auf den ersten Blick ähnelt,
ohne mit ihm identisch zu sein? Ich würde diese Frage bejahen.
Antisemitismus und
Antisemitismen
Der sozialistische Kampf gegen den Antisemitismus
Sozialisten lehnten und lehnen den Antisemitismus ab. Es stellt sich die
Frage, warum und wann Sozialisten den Antisemitismus ablehnten.
In
der frühen Phase, in den 60er, 70er und 80er Jahren des 19. Jahrhunderts,
wurde der Antisemitismus mit einem sehr funktionalen Argument abgelehnt.
Er hielte die Arbeiter vom richtigen, vom wirklichen Klassenbewußtsein
ab; er lenke den Klassenkampf in eine falsche Richtung. Das sind
Argumente, die sich nicht um den Antisemitismus als solchen und um seine
möglichen Opfer bemühen, sondern es sind funktionale, politische
Argumente der tagtäglichen Auseinandersetzung. August Bebel wurde
fälschlicherweise der Ausspruch in den Mund gelegt, daß der "Antisemitismus
der Sozialismus der dummen Kerls" sei. Gleichzeitig wurde dieser Ausspruch so verstanden, als enthielte er eine
Ablehnung des Antisemitismus. Eine solche Interpretation geht fehl.
Als dieser Ausspruch, vermutlich in Österreich, aufkam, ging man bei den
Theoretikern und Strategen der Arbeiterbewegung davon aus, daß der
Antisemitismus eine wirkliche, eine gute, vielleicht sogar eine
notwendige Durchgangsphase für das richtige Bewußtsein der Arbeiter ist.
Wer sich gegen die Juden als Ausdruck des Geldes, des Handels, der
Banken und der Finanzen auflehnt, muß auf kurz oder lang seinen Haß und
sein Ressentiment übersetzen in das, was die Arbeiterbewegung, was
Sozialisten und Marxisten in der Arbeiterbewegung, als das richtige
ansahen, nämlich in ein Klassenbewußtsein. Durch den Antisemitismus
hindurch zum richtigen Klassenbewußtsein - das war ein wichtiges Element
im Selbstverständnis der Arbeiterbewegung. Dieses Selbstverständnis
löste sich erst dann auf, als der Antisemitismus als Mittel im Kampf
gegen die Arbeiterbewegung selbst benutzt wurde. Es war dies zu der Zeit,
als die Konservativen und die Antisemiten ein Bündnis eingingen, sich
amalgierten und der Antisemitismus zu dem wurde, als was wir ihn heute
sehen: Integraler Bestandteil der Rechten. Das fand aber erst Ende der
70er, Anfang der 80er Jahre des 19. Jahrhunderts statt. Deutlich,
programmatisch tritt die Sozialdemokratie gegen den Antisemitismus erst
1898 auf; dann aber auch prinzipiell und grundsätzlich. Von unserer
heutigen Warte her bemessen, sehr spät. Das heißt aber, daß unsere
Vorstellung, Sozialismus und Antisemitismus stellten eine Einheit dar,
seien eine Selbstverständlichkeit, mehr mit unserer Vorstellung nach
1945 zu tun hat, nämlich daß Antifaschismus unbedingt auch anti-Antisemitismus
bedeuten muß. Für die Identitätsbildung einer ganzen Generation nach
1945 waren solche Vorstellungen geradezu notwendig geworden.
Die KPD in der Weimarer Republik
Aber lassen Sie mich noch einmal zurückgehen und die Geschichte
sozusagen gegen den Bewußtseinsstrich bürsten. In der Weimarer
Republik war das Verhalten der linken Parteien, der Kommunisten wie der
Sozialdemokraten, zum Problem des Antisemitismus (oder wie man das
früher euphemistisch nannte: zur Judenfrage) von der frühen
sozialdemokratischen Hoffnung nicht sehr verschieden. Die KPD ging
damals davon aus, daß der Antisemitismus als inhärenter Bestandteil der
kapitalistischen Gesellschaft mit dem Sturz des Kapitalismus
selbstverständlich beseitigt sein wird. Diese These hat theoretisch sehr
viel für sich. Ich würde auch heute noch sagen, daß ich ihr im Prinzip
anhänge. Dennoch kommt es darauf an, jene Elemente herauszutreiben, die
dieser These widersprechen.
In der Weimarer Republik ging die KPD davon aus, daß der Antisemitismus
der Nazis ein taktisches Moment und deshalb nicht ernstzunehmen ist.
Denn die Nazis seien nichts anderes als die Vertreter, die Peitsche, der
Kettenhund der Kapitalistenklasse. Insofern meinten sie es mit der
Gleichsetzung aller Juden - der reichen wie der armen - nicht ernst. Die
KPD verfolgte selbst eine Politik, die zwischen reichen und armen Juden
zu unterscheiden bemüht war. So war es auch für die KPD eine
ausgemachte Sache, daß die reichen Juden die Nazis ebenso finanzieren,
wie es auch andere Kapitalisten taten. Als Beleg diente der Fall des
Bankiers Jacob Goldschmidt von der DonathBank. In einer Kampagne
versuchten die Organe der KPD nachzuweisen, daß der Bankier Jacob
Goldschmidt die Nazis finanzierte. Der Bankier Jacob Goldschmidt hat
sich sarkastisch dazu geäußert, indem er danach fragte, wer die Nazis
denn sonst finanzieren solle? Die Redakteure der KPD nahmen das für bare
Münze, weil es der klaren Linie der Weltanschauung diente.
Bis
1938, bis zur Pogrom-Nacht des 9. Novembers, hat auch die Arbeit der
Untergrund-KPD keine Unterscheidung zwischen der Knebelung und der
Unterdrückung der Arbeiterklasse und den Maßnahmen gegen die Juden
getroffen. Erst 1938 trat tatsächlich eine Wende ein. Die Wandlung, die
Besonderheit des Antisemitismus und erst recht der Judenvernichtung
anzuerkennen, geht jedoch immer wieder verloren und wird
tagespolitischer Opportunität geopfert. So werden noch heute die
jüdischen Opfer der Nazis
in der Sowjetunion als Opfer des Faschismus bezeichnet. Die Besonderheit
der jüdischen Opfer darf es offensichtlich nicht geben, weil diese
Besonderheit eine Geschichtslogik brechen würde; eine Geschichtslogik,
die besagt, daß Antisemitismus Bestandteil des Kapitalismus ist und daß
jeder sich als antikapitalistisch ausgebende Kampf per se nicht
antisemitisch sein kann. Auch in ihren verschiedenen Wendungen der KPD
in der Weimarer Republik - außer während des nationalbolschewistischen
Kurses im Jahre 1919 - hat sich die KPD nicht gescheut, antisemitische
Elemente in ihre Propaganda aufzunehmen, um - wie es damals hieß - die
kleinbürgerlichen Massen, die zwischen Faschismus und Kommunismus
schwankten, zur KPD herüberzuziehen. Das möge ein Zitat von Ruth Fischer
belegen, die auf Einladung des Kommunistischen Studentenverbandes am
25.7.1932 einen Vortrag hielt, in dem sie vor allem die Völkischen, die
damals im Saal zugegen waren, ansprach: "Sie rufen auf gegen das
Judenkapital, meine Herren! Wer gegen das Judenkapital aufruft, meine
Herren, ist schon Klassenkämpfer, auch wenn er es noch nicht weiß. Sie
sind gegen das Judenkapital und wollen die Börsenjobber niederkämpfen.
Recht so, tretet die Judenkapitalisten nieder, hängt sie an die Laterne,
zertrampelt sie. Aber meine Herren, wie stehen Sie zu den
Großkapitalisten, den Stinnes, Klöckner?"
Die SPD in der Weimarer Republik
Bei der SPD, könnte man meinen, sei alles ganz anders gewesen. Ihre
jüdische Mitgliederzahl war beträchtlich. Die SPD wurde weit mehr noch
als die KPD als Judenschutztruppe angesehen und als solche denunziert.
In den 20er Jahren bis Anfang der 30er Jahre hatte dies in der SPD keine
Folgen. Nach dem ersten Weltkrieg wandelte sich auch ihre Haltung zum
Zionismus. Dies steht damit in Zusammenhang, daß der erste Weltkrieg ein
wichtiges Element, eine tragende Säule des Selbstverständnisses der
Arbeiterbewegung zerbrechen ließ, nämlich die Säule des
Internationalismus. Der erste Weltkrieg hat den Internationalismus
ausgerottet. Nicht ganz ohne Berechtigung haben die Völkischen der KPD
und der SPD vorgehalten, daß die französischen Sozialisten den
französischen Sieg und die Besetzung Deutschlands feierten, während die
deutschen Sozialdemokraten und später die Kommunisten die gesamte Last
des Versailler Vertrages mitzutragen hatten. In der Wende weg von einer
internationalistischen Haltung lag eben jene Wandlung der SPD
hinsichtlich des Zionismus begründet.
Früher war der Zionismus abgelehnt worden, weil die sozialistischen
Parteien als universalistische und internationalistischen Parteien eine
Lösung der Judenfrage auf kollektiv-nationaler Grundlage prinzipiell
ablehnten. Bemerkenswerterweise haben damals eher die bürgerlichen Juden
diese Ablehnung geteilt, weil der Zionismus die Integration der Juden
gefährde. Es handelte sich demnach um eine explizit westliche Haltung,
wie sie vor dem Holocaust bei aufgeklärten Menschen gang und gäbe war.
Die Assimilierung der Juden wurde als integraler, ja zentraler
Bestandteil eines universalistischen, internationalistischen
gesellschaftlichen Entwurfs angesehen. Das galt für Marx und Lassalle,
es galt auch für Eduard Bernstein, der beispielsweise den Zionismus aus
jüdischen wie aus universalistischen Gründen ablehnte. Das gilt auch für
Kautsky, der in "Rasse und Judentum" die Assimilation der Juden bereits
als vollzogen ansah; es galt für Otto Bauer, den jüdischen Austro-Marxisten,
der sich sehr intensiv mit dieser Frage befaßt hat. Die Juden Mittel-
und Westeuropas sah er bereits als assimiliert und sprach ihnen insofern
einen nationalen Charakter ab. Davon unterschied Bauer die Juden
Osteuropas und meinte, daß die historische Entwicklung auch diese Juden
bereits in den Sog der Assimililation und der Auflösung hineinzuziehen
beginne.
Für Rosa Luxemburg war der Internationalismus eine
Selbstverständlichkeit; sie kümmerte sich nicht um jüdische Probleme,
die sie nicht zu ihren Problemen machte. Auch Trotzki kannte keine
Probleme mit dem Judentum; er akzeptierte sogar territoriale Lösungen
der jüdischen Frage angesichts des Nationalsozialismus. Palästina hielt
er für eine Falle. Lenin, der in der Tradition Kautskys eine kollektive
Organisierung der Juden als Nation ablehnte, stand aber
selbstverständlich in der vordersten Reihe der Bekämpfung des
Antisemitismus.
Sozialisten, Neue Linke und die jüdische Kollektivität
Ich möchte auf das eigentliche Thema dieser Tagung zu sprechen kommen:
die Auseinandersetzung innerhalb der Neuen Linken über
das Problem der jüdischen Kollektivität. Erinnert sei daran, daß die
Antisemiten die Emanzipation und Gleichstellung der Juden wieder
rückgängig machen wollten. Der Jude als einzelner sollte ausgestoßen
werden. In der sozialistischen Debatte ist es natürlich unbefragt, daß
der einzelne Jude als Mensch akzeptiert ist. Mehr noch: es war der
Anspruch der Sozialisten als Vollzieher der bürgerlichen Emanzipation,
diese Gleichstellung zu verwirklichen. Die Diskussion um den Charakter
jüdischer Kollektivität wurde auch innerjüdisch geführt, so zum Beispiel
in der Auseinandersetzung zwischen dem Jüdischen Arbeiterbund und den
unterschiedlichen zionistischen Parteien. Nicht jede Ablehnung
jüdisch-nationaler Attribute weist in die Richtung von Antisemitismus,
obwohl dies heute leichtfertig gleichgesetzt wird. Die Unterdrückung der
hebräischen Sprache in der Sowjetunion zum Beispiel hing nicht damit
zusammen, daß die hebräische Sprache als eine Sprache von Juden
unterdrückt werden sollte. Daß dies geschah, hing damit zusammen, daß es
innerhalb der KPdSU eine Sektion gab, die sich mit jüdischen Fragen
befaßte. Und diese Sektion setzte sich im wesentlichen aus Bundisten
zusammen, so kam es, daß der Kampf um die jiddische Sprache gegen die
Zionisten und der Kampf der Zionisten gegen die jiddische Sprache in der
Unterdrückung des Hebräischen in der Sowjetunion mittels Staatsgewalt
fortgesetzt wurde. In der Sowjetunion gelang es auch bis Ende der 40er
Jahre, die Unterscheidung zwischen Zionisten und Juden
aufrechtzuerhalten. Vor allem seit dem Ende der 40er Jahre sind in der
Sowjetunion die Begriffe Jude und Zionist in einer antisemitischen Weise
amalgamiert worden.
Dennoch, jenseits solcher historischer Rückblicke, lautet für uns,
lautet für diese Tagung die aktuelle Frage: Kann man heute
antizionistisch sein - als Linker, als Jude? Und was ist heute unter
antizionistisch zu verstehen?
Fast jeder Begriff wandelt sich im Verlauf von Geschichte. Er wandelt
seine Konnotate, er erhält eine neue Bestimmung, neue Inhalte. Der
Zionismus wurde in der traditionellen Arbeiterpartei weitgehend deshalb
abgelehnt, weil den Juden der Charakter einer Nation abgesprochen
wurde. Die Diskussion darüber, ob die Juden eine Nation seien oder nicht,
ist meines Erachtens inzwischen völlig unerheblich geworden. Ja, nach
1945 ist diese Diskussion gar nicht mehr denkbar. Nicht allein aufgrund
dessen, was geschehen ist - selbstverständlich ist das der Hindergrund
-, sondern aufgrund der Folgen, die daraus gezogen wurden. Die besondere
Verfolgung der Juden durch die Nazis aufgrund ihrer Vernichtung haben
den Juden eine Besonderheit zugesprochen, die alle Definitionen
übersteigt.
Insofern ist seit 1945 das Bewußtsein der Juden protozionistisch. Mehrheitlich sind die Juden sicherlich keine Zionisten im
Sinne des klassischen Zionismus. Der Zionismus geht ja davon aus, daß
die Juden der Welt ein Volk sind, das zu einer Nation werden soll. Dazu
gehört vor allem die Verschiebung des Wohnsitzes nach Palästina/Israel.
In ihrer Mehrheit haben die Juden ihren Wohnort aber nicht verschoben;
und dennoch sind alle anderen Alternativen jüdisch-kollektiver
Selbstdefinition verschwunden. Es gibt sie nicht mehr. Was übrig blieb,
ist der Zionismus oder das, was Juden darunter verstehen: eine
Identifikation mit Israel, nämlich Israel als Reaktion und Antwort auf
das, was geschehen war. Dies bedeutet, daß dem Begriff des Zionismus
neue, aktuellere Inhalte beigegeben werden müssen - Inhalte, die einen
Unterschied zwischen Zionismus als Identitätsentwurf und Zionismus als
Struktur des israelischen Staates zu machen vermögen. Anders gesprochen:
über Zionismus kann nicht mehr historisch sondern nur noch politisch
diskutiert werden.
Das Dilemma der Linken in der Bundesrepublik Deutschland beginnt bereits
dort, wo sie die Tradition des klassischen Antifaschismus blindlings
übernahmen. Denn das hieß, sich mit den Parteien der Weimarer Republik
zu identifizieren, ihre Analyse und ihre Begrifflichkeit zu übernehmen.
Das sollte sich aber als Falle herausstellen, denn diese Begrifflichkeit
begann sich, was die Juden angeht, in das Gegenteil dessen zu verkehren,
womit man sich zu identifizieren beabsichtigte. Die Diskussion innerhalb
der deutschen Linken (früher hätte ich gesagt der Linken in der
Bundesrepublik), ob die Juden eine Nation sind und ob sie ein Recht auf
Selbstbestimmung haben, erhält - ob man es will oder nicht - einen
antisemitischen Inhalt. Wenn wir das akzeptieren würden, was Broder
vorgeschlagen hat, nämlich den Begriff des Zionismus überhaupt nicht
mehr zu verwenden, weil er sich leicht antisemitisch benutzen lassen
kann, dann geraten wir, was Israel und Israel-Kritik angeht, in ein
äußerst schwieriges Dilemma. Es beginnt schon damit, daß Israel kein
israelischer Staat ist. Wenn dem so wäre, bedürften wir dieser Tagung
kaum. Israel ist ein zionistischer Staat. Man kann von einer
zionistischen Verfassung, von einer zionistischen Struktur, von einem
zionistischen Staatscharakter Israels sprechen. Und dieser und nur
dieser kann gemeint sein, wenn heute der Begriff Zionismus Verwendung
findet. Alle anderen Bestimmungen gravitieren dem Antisemitismus zu. So
wird in Osteuropa der Begriff Zionismus in klarer antisemitischer
Absicht verwandt. Die kommunistischen Parteien Osteuropas haben die
antisemitische Tradition ihrer Kulturen voll in sich aufgenommen. Es
gibt dort keine Differenz zwischen Antizionismus und Antisemitismus.
Zur nationalen Identität der deutschen Linken
In der Bundesrepublik spiegelt sich diese antisemitische Tradition der
Israel-Kritik und des Antisemitismus in all den Zitaten wider, die
Broder aus der inzwischen versunkenen ML-Presse zusammengeklaubt hat.
Insofern ist ein weiteres Eingehen darauf wenig interessant - außer aus
Lust an Polemik. Spannender ist ein anderes Moment der ML-Tradition, das
in andere Bereiche hineinreicht und doch wieder hierher, nach
Deutschland hinführt. Das Reden von nationaler Souveränität etwa und vom
Imperialismus in bestimmter Konnotation, das von diesen Parteien oder
Scheinparteien ausgegangen war, ist freilich auch eine Verlängerung der
Dritten Welt in der Metropole. Aber diese Begriffe stellten nicht nur
Membrane der Dritten Welt in der Metropole dar. Gleichzeitig ist darüber
etwas eingeflossen, was wir heute in einer ganz anderen Weise wahrnehmen
können. Über den Umweg der Dritten Welt hat sich ein positiver Bezug zur
nationalen Identität, zu Deutschland hergestellt.
Bevor ich fortfahre auf nationale Identität in Deutschland und die Linke
einzugehen, möchte ich noch einen Moment in der Dritten Welt verweilen.
In der Dritten Welt ist ein Phänomen wahrzunehmen, das ich immer mehr
mit klassischen Elementen des historischen Antisemitismus in Verbindung
zu bringen mich gezwungen fühle. Man darf nicht vergessen, daß auch in
Deutschland der Antisemitismus im 19. Jahrhundert als Produkt der
Modernität zu betrachten ist. Antisemitismus als eine Reaktion des
Unverständnisses demgegenüber, was kapitalistische Gesellschaft bedeutet,
was konkrete persönliche Bezüge zerriß und sie stattdessen unpersönlich
versachlichte. Auch die Dritte Welt ist, wenn auch in einer anderen
Form, der Kapitalisierung durch den Weltmarkt ausgesetzt. Dadurch treten
in der Dritten Welt Phänomene auf, für die ich unmittelbar keine
Erklärung habe, sie ihrer Form halber doch mit der deutschen
Geschichtsentwicklung in Verbindung bringe.
Im andauernden Golfkrieg etwa benutzt die iranische Propaganda den
Begriff des Zionismus für das irakische Regime. Das ist interessant und
gerade wegen des offensichtlichen Paradoxons sollte man sich dazu
Gedanken machen. So unterstützt Israel gerade den Iran, und dennoch
bezeichnet Khomeini das Regime Sadam Hussein als zionistisch. Was meint
der damit, was könnte er damit meinen? Ich neige dazu anzunehmen, daß
dieses Attribut das Regime Sadam Hussein deshalb trifft, weil es im
Unterschied zum iranisch-islamischen Selbstverständnis gottlos und
säkular ist. Hier wird Säkularisierung als westliche Lebensform mit
Zionismus in Verbindung gebracht. Sicher genügt dazu ein einziger
empirischer Beleg nicht. Dennoch scheint hier ein Phänomen mondialisiert
zu werden, von dem ich meine, daß es an solche anklingt, die im 19.
Jahrhundert für den Antisemitismus typisch gewesen waren.
Dennoch zurück zur Frage der neuen nationalen Identität in der deutschen
Linken und ihr Verhältnis zu den Juden. Für letztere wird es in der
Linken in Deutschland schwieriger. Es hat sich etwas verändert. Einmal
stelle ich mir die Frage, ob die Solidarität von Juden mit den Linken in
Deutschland vielleicht aufgrund eines
Mißverständnisses beruht oder beruhte. Die
deutsche Linke in der '68er
Generation war internationalistisch angetreten. Internationalistisch
allerdings im anderen Zusammenhang als die ML-Presse diesen Begriff
benutzt; eher war sie internationalistisch in einem sehr jüdischen,
nämlich kosmopolitischen Sinn. Die Ablehnung der Vergangenheit der
Eltern und die Haltung zur Geschichte stellten eine Geschäftsgrundslage
dar, auf der man sich treffen konnte - vielleicht eine falsche. Viele
Juden in Deutschland suchten eine Normalität, die den Holocaust nicht in
der Weise in Erscheinung treten läßt, wie es diesem Geschehen gebührt.
Die deutschen Linken demonstrierten Unangepaßtheit, Dissidenz - die
Juden in der Linken Normalität. Man traf sich, weil die Scham der Opfer
nicht von geringerer Intensität gewesen sein mochte als die Scham der
Täter; auch wenn sie von anderer Qualität war. Das Mißverständnis mag
vielleicht auch darin bestanden haben, daß man sich als identisch ansah.
Die Wende davon weg trat ein mit der Sehnsucht der deutschen Linken,
normal zu sein. Sicher, jeder möchte Normalität leben. Dennoch, im
Deutschland nach 1945, kann es keine Normalität geben. Denn der Anspruch,
sich gleichzusetzen, der Anspruch auf eine deutsche Identität, die
positiv besetzt ist, ist aufgrund dessen, was geschehen ist, Blasphemie.
Und ich werde sagen, warum: Die
jüdische Existenz wurde ausgerottet. Alles, was existierte, ist
unwiederbringlich verloren. Für Deutschland und die Deutschen bedeutete
der Zweite Weltkrieg, der nicht einmal mit den Juden geführt wurde, nur
eine Niederlage, einen quantitativen Verlust. Der Anspruch, wieder
normal zu sein, sich mit nationalen Inhalten zu identifizieren, und
werden sie noch so selektiv aus der Geschichte positiv herausgesucht,
bedeutet eine nationale Identität anzustreben, die für die Opfer des
Nationalsozialismus hier nicht existieren kann. Ihre Zugehörigkeit wird
ausgeschlossen. Deshalb bedeutet der Anspruch auf eine positiv besetzte
deutsche Identität die Aufgabe der Geschäftsgrundlage, die in der
Gleichheit der Verluste beziehungsweise Aufgabe nationaler Identität
beruht.
Angesichts dieser Entwicklung verändert sich auch die Berechtigung zur
Kritik an Israel und am Zionismus. Der Anspruch deutscher Linker auf
nationale Existenz, Identität etc. ist angesichts des Konflikts in
Palästina, der faktisch aussichtslos ist und den Juden keine nationale
Existenz längerfristig verheißt, ein geradezu unanständiges Ansinnen.
Die Kritik am Zionismus verliert ihre internationalistische Legitimation.
Sie wird nicht nur unglaubwürdig, sondern wird geradezu infam.
Und
weiter: ein positiver Bezug deutscher Linker auf deutsche Identität
kündigt außerdem den Juden in der Linken die Geschäftsgrundlage auf,
eine Geschäftsgrundlage ehemals Gleicher.
Dan Diner (Politikwissenschaftler
und freier Publizist, z.Z. Universität Odense, Dänemark)
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