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Interview mit Günter Langer zum Wirken des INFI im Jahre 1968.

 

Eric: Das INFI, also das Internationale Nachrichten- und Forschungsinstitut, ist in letzter Zeit ins Gerede gekommen. Die Forschung beklagt hier eine Wissenslücke. Du warst offenbar am INFI beteiligt. Wie kam es dazu?

Günter: Im Februar 1968 fand in Westberlin ein internationaler Kongress zum Krieg der USA in Vietnam statt. Vorbereitet wurde diese als Vietnam-Kongress in die Geschichte eingegangene Veranstaltung von einer Gruppe des SDS. Rudi Dutschke, der führend daran beteiligt war, bat mich die Kasse zu führen. Er meinte, ich als einer der wenigen linken Volkswirtschafts-Studenten müsste am besten mit Geld umgehen können. Am Ende des Kongresses hatten wir noch einen guten Batzen Geld übrig, ca. 10.000,-- DM, das wir für ein neu zu gründendes antiimperialistisches Institut nutzen könnten, eben für das INFI. Als Räumlichkeiten konnten wir die von meinem Vater nicht mehr genutzten Räume seines Büros am Ku-Damm 52 übernehmen. Das relativ große Büro kostete damals 800,-- DM. Ich hatte also (fast) genug Geld, um die Miete für ein Jahr begleichen zu können. Danach müssten wir entweder umziehen oder neue Geldquellen erschließen, so jedenfalls der Plan.

Eric: Worüber hat das INFI gearbeitet?

Günter: Wir waren noch mit dem Einrichten beschäftigt als unser wichtigster Genosse, Rudi Dutschke, von Josef Bachmann, einem Neonazi aus dem westdeutschen Peine, mit drei Schüssen niedergestreckt wurde. Rudi war zusammen mit seinem besonderen Freund, Gaston Salvatore, die vorwärtstreibende Kraft des Instituts. Er fiel dann also aus. Gaston fühlte sich ohne Rudi offenbar fehl am Platz und schied ebenfalls aus. Das war ein ziemliches Desaster für das Wirken des INFI. Dennoch etablierten sich verschiedene Arbeitskreise, so zB zu den portugiesischen Kolonien in Afrika: Guinea-Bissao, Kapverdische Inseln, Angola und Mosambik. Wolfgang Schwiedrzik übernahm die Leitung dieses Arbeitskreises. Ein anderer AK bildete sich zur Unterstützung des antifaschistischen griechischen Widerstandes. Dort wirkten insbesondere griechische Genossen mit. In Südostasien wirkten zu jener Zeit revolutionäre Bewegungen in mehreren Ländern, so in Indonesien, Malaya, Burma, Philippinen usw.  Also bildete sich dazu ebenfalls eine Gruppe, deren Leitung Jürgen Horlemann übernahm, der bereits vorher zwei Bücher zu dem Thema veröffentlicht hatte. Andere Gruppen beschäftigten sich mit faschistischen Gefahren in Italien usw.

Eric: Gab es eine organisatorische Struktur, Vorsitzende, Sekretäre usw.?

Günter: Nein, das gab es nicht. Einzig ich als Kassenwart und faktischer Inhaber des Büros war eine feste Größe.

Eric: In welchen AKs hast du mitgearbeitet?

Günter: Ich habe an der Materialsammlung für die portugiesischen Kolonien und an der Arbeit zu Südostasien teilgenommen. Allerdings haben sich meine Interessen nach außen hin verlagert und ich nahm nur noch sporadisch an AKs teil.

Eric: Wohin gingen denn deine neuen Interessen?

Günter: Ich zog in eine Kommune ein. Dort gab’s zu viel zu tun. Da blieb leider keine Zeit mehr für theoretische Arbeit.

Eric: Das INFI wird von einigen Leuten in Verbindung gebracht mit dem Attentat auf den US-Präsidenten Nixon. Wie steht’s damit?

Günter: Das ist völliger Blödsinn. Wie gesagt, das INFI war ein theoretisch arbeitendes Institut, keine Aktionszentrale. Als das Nixon-Attentat stattgefunden haben soll, existierte das INFI kaum noch. Es war inzwischen in die Räume der Roten-Presse-Korrespondenz, also der von den angehenden, streng maoistisch orientierten Parteigründern dominierten Postille, umgezogen. Das hat, soweit ich weiß, Jürgen Horlemann organisiert. Der hat auch die einzigartige Feltrinelli-Bibliothek mitgenommen. Die Parteigründer hatten andere Sorgen als Attentate zu planen oder gar durchzuführen.

Eric: Wie lange hat das INFI existiert?

Günter: Es befand sich ein Jahr lang am Ku-Damm. Dann ging mir das Geld aus. Der SDS hat die letzte Monatsmiete übernommen. Neues Geld kam nicht rein. Also war der Umzug absolut notwendig. Aber, wie gesagt, ich war daran praktisch nicht mehr beteiligt. Im Impressum der RPK war das INFI noch eine Weile als Mitherausgeber aufgeführt. Da müsste ich jetzt mal recherchieren, wie lange das noch der Fall war. Das kann ich aus dem Hut nicht sagen.

Eric: Haben irgendwelche späteren Stadtguerilleros im INFI mitgearbeitet?

Günter: Nicht dass ich wüsste. Georg von Rauch hat, glaube ich, zeitweilig im Italien AK mitgewirkt. Georg war ein eifriger Leser marxistischer Literatur, so zB einem damals viel gelesenen, zweibändigen Kommentar von Roman Rosdolski zu Marxens Grundrissen. Dass der im INFI war, ist von daher gesehen gut möglich. Beschwören kann ich das allerdings nicht. Müsste man mal seine Witwe befragen. Ob Bommi Baumann das INFI jemals von innen gesehen hat, wage ich zu bezweifeln. Er war ja kein theoretischer Typ. Wer sonst könnte das gewesen sein? Mir fällt dazu im Moment niemand ein. Selbst der VS-Agent Urbach war vermutlich nie dort. Was sollte der als angeblicher Arbeiter dort auch machen? Die Räume waren von Rudi Dutschke, Gaston Salvatore, mir und anderen bereits frisch gestrichen worden, und zu reparieren gab’s da nichts.

Eric: Wie ging’s bei dir dann weiter?

Günter: Nach meinem relativ kurzen Engagement in der besagten Kommune streifte ich umher und wurde Redakteur bei der Wochenpostille 883. Als dann sogenannte „kommunistische Rebellen“,  das waren frühe RAF-Sympathisanten, im Frühsommer 1970 begannen, die Redaktionsarbeit zu dominieren und meine Beiträge verschwinden ließen, war für mich erst mal Schluss. Ich schloss mich wieder einem antiimperialistischen Zirkel an, dem Süd-Ost-Komitee (SOAK), das von einem Koreaner geleitet wurde. Das SOAK gab ein Periodikum heraus. Schließlich fand ich zurück in die Uni und beendete mein unterbrochenes Studium.


Gespräch geführt am 2. Juni 2010 in Berlin.