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 Gewalt und Antisemitismus
Dutschke, SDS, RAF und Tupamaros 

 

Kaum haben wir geglaubt, niemand würde sich mehr für die Geschichte von 68 interessieren, erscheinen plötzlich diverse Bücher und das Thema wird erneut in den Medien präsentiert. Die stärkste Resonanz muss dabei Wolfgang Kraushaar zugebilligt werden.

Nachdem für Wolfgang Kraushaar die Beschäftigung mit Frankfurt/M erschöpft scheint, wendet er sich nun vermehrt den 68er Ereignissen in Berlin zu und er hat Erfolg. Die Medien greifen zu, denn er weiß, wie man Aufsehen erregen kann. Seit dem 11. September 2001 ist die Welt besonders sensibilisiert, wenn es um Terror und Antisemitismus geht. Um mit 68 weiter reüssieren zu können, benötigt der Historiker heute die prickelnde Beigabe der Gewalt und des Judenhasses.

Als es um die RAF-Ausstellung im Frühjahr 2005 in Berlin ging, meldet sich Kraushaar zu Wort, denn er hat erkannt, dass  "der Terrorismus seine wohl stärksten semantischen Aufladungen durch die Anschläge des 11. September 2001 und die von der US-Regierung als 'Krieg gegen den internationalen Terrorismus' angekündigten Reaktionen erhalten hat". Flugs verkündet er, es gäbe "weiße Flecken in der Geschichte des bundesdeutschen Terrorismus" und woher, so fragt er sich, "rührt eigentlich die posthume Popularität von Terroristen?" Er entdeckt "die schier unermüdliche Gier, auch noch die Embleme von Terror und Tod popkulturell zu adaptieren und auf exhibitionistische Weise zur Schau stellen zu wollen" und zitiert dazu den Kunsthistoriker Martin Warnke: "Wie kommt es, dass historische Episoden, die eine ganze Generation geschockt haben, für eine spätere Generation schon Spielmaterial werden können?“ Zwei Aspekte harren seiner Meinung nach der besonderen Aufmerksamkeit: Das subkulturelle Milieu und die Rolle der Palästinenser.

Folgerichtig verlangt er von der RAF-Ausstellung "das bislang Unsichtbare sichtbarer zu machen - wozu die gesamte Inkubationszeit der RAF mit ihren subkulturellen und teilweise selbst schon popkulturell vermittelten Verflechtungen gehören würde - und die massenmedial konditionierten Zeichen aus dem Vordergrund zu drängen". Ob er mit dem Ergebnis der Ausstellung in dieser Beziehung zufrieden war, bleibt offen, nicht zufrieden wird er sein im Hinblick auf sein zweites Anliegen: "Die Rolle der Palästinenser bei der Gründung der RAF" und bei der "starken Ausrichtung auf israelische bzw. jüdische Angriffsziele, die die ersten Jahre vom misslungenen Anschlag der Tupamaros West-Berlin auf die dortige Jüdische Gemeinde bis zur nachträglichen Billigung des Olympia-Massakers durch Ulrike Meinhof durchzieht". (Alle Zitate aus: Wolfgang Kraushaar, Zwischen Popkultur, Politik und Zeitgeschichte. Von der Schwierigkeit, die RAF zu historisieren..) 

Bevor sich Kraushaar jedoch intensiver mit diesen beiden Aspekten beschäftigt, verfolgt er eine für ihn noch grundlegendere Frage: Wie kam überhaupt die Gewalt in die linke Debatte? Seine Antwort: Rudi Dutschke war's ( In: Kraushaar, Reemtsma, Wieland, Rudi Dutschke, Andreas Baader und die RAF, Hamburger Edition, Hamburg 2005, 143 Seiten, 12 Euro). Dazu: THOMAS MEDICUS in der FR vom 28.1.05: Machterfahrung Gewalt.
Das gleiche behauptet auch Gerd Langguth: Rudi Dutschke stand für Gewalt   (tgsp.26.1.05).  Kritik an Langguth von Stefan Reinicke in der taz vom 24.12.04: Kein Dämon, kein Heiliger  : "Dutschke hatte, wie alle Zeitgenossen bestätigen, kein Talent zum Hassen. Schon das lässt ihn als geheimen Spiritus Rector der RAF untauglich erscheinen." Besprechungen zu Gerd Langguth: "Mythos `68
Die Gewaltphilosophie von
Rudi Dutschke - Ursachen und Folgen der Studentenbewegung" von Peter Mosler (2002) und von Bernd Rabehl:  Maskerade und WirklichkeitRabehls Kernsatz: "Langguth kann belegen, daß Dutschke die Gewalt als Gegengewalt zur staatlichen Ordnung ausdrücklich akzeptierte." Er wollte aber persönlich kein Commandante werden, wollte in die USA auswandern und empfahl als Strategie den "langen Marsch durch die Institutionen": "Die Studenten als Bürger sollten ihr Studium abschließen und ihren Beruf aufnehmen, dort jedoch im Sinne der demokratischen Umwälzung tätig werden und verbunden bleiben mit dem großen Werk der Demokratisierung Deutschlands. Das war der wirkliche Gehalt des "langen Marsches durch die Institutionen", ein Prozeß der Veränderung, der bewußt nicht mit "Bürgerkrieg" gleichgesetzt wurde." (Zu Aktivitäten Bernd Rabehls nach 2000 und seit 2003). Wichtig: Subjektiver Faktor - Zur Offensivtheorie von Rudi Dutschke, Vortrag von Bernd Rabehl in Bad Boll, 6. 2. 1998

Hier Texte zur neuesten Debatte:

1. Klaus Meschkat gibt auf Kraushaar eine passende Antwort: Rudi Dutschke und die Gewalt. (Hier ungekürzte Fassung vom 5.3.05).  Zum selben Thema in "Sozialismus" Nr. 4/05:  Zu einer weiteren Variante der Entsorgung von '68 Und in der taz vom 1.3.05: Fantasievolle Überraschungen, sowie im Deutschlandfunk vom 14.3.05: Rudi Dutschke als geistiger Brandstifter der RAF?

Weitere Autoren nehmen dazu in der taz Stellung:

2. Dirk Knipphals: Nach den Projektionen (23.2.05)
3. Wolfgang Kraushaar: Der Eskalationsstratege. Antwort auf Meschkat. (8.3.05)
4. Robert Misik: Lob der Guerilla-Mentalität (15.3.05)
5. Arno Widmann: Auf dem Trip namens Revolution (22.3.05)
6. Stephan Schlak: Der Nicht-Anschlussfähige (30.3.05)
7. Christoph Bautz: Überholter Zündstoff (5.4.05)
8. Isolde Charim: Kampf um Sehnsüchte (13.4.05)
9. Jürgen Busche: Der schwankende Hintergrund (26.4.05)
10. Claus Leggewie: Entmystifiziert euch! ((3.5.05)
11. Gretchen Dutschke: Überdachte Positionen.
Erkundungen für die Präzisierung der Gefühle rund um einen Aufstand (Nachtrag): Rudi Dutschke dachte kurz über illegale Gewalt nach. Das basierte, wie er aber selbst bald einsah, auf einem Irrtum. (8.8.05)

 

Unbeirrt von Kritik legt Kraushaar nach: In seinem im Sommer 2005 vorgelegten Band, "Die Bombe im Jüdischen Gemeindehaus", bringt er die seiner Meinung nach bislang zu wenig beachteten Aspekte zusammen. Eine subkulturell geprägte Gruppe fährt zu Arafats El Fatah, läßt sich ausbilden und legt hinterher im Berliner Jüdischen Gemeindehaus eine Bombe. Hauptakteur: Dieter Kunzelmann, ein alter Kumpel Rudi Dutschkes aus der, horribile dictu, situationistischen "Subversiven Aktion" und der "Anschlag-Gruppe". Der Kreis ist geschlossen. Dutschke macht die Gewalt und den Terrorismus in Deutschland hoffähig und Kunzelmann fügt das deutsche Erbe, den Antisemitismus hinzu. Letzteres fällt auf fruchtbaren Boden, da der SDS da schon gute Vorarbeit geleistet hat, indem er antizionistische Positionen vertrat. Durchsetzbar wäre das ganze natürlich nicht gewesen ohne den Sumpf der Subkultur, der Kommunen und Haschrebellen, mit der ihr immanenten Zersetzung der Familie und des Drogenkonsums. 

Eine Ahnung, dass seine Beschreibung eklektisch ist und das Ziel seiner Arbeit schon vorab feststand (Die Bombe sei "Produkt einer linksradikalen Subkultur", WK in faz) und die LeserInnen ihm deshalb nicht unbedingt folgen würden, beschlich ihn wohl selbst. Im Vorwort gibt er der Befürchtung Ausdruck, der "rote Faden" könnte den LeserInnen verloren gehen. Obwohl ihm das Verdienst nicht abzusprechen ist, viele bislang wenig beachtete oder gar neue Fakten präsentiert zu haben, bleibt der "rote Faden" künstlich. Die damalige Begeisterung in vielen linken Kreisen für El Fatah und ähnliche Gruppen, die falsche Interpretation des Zionismus als imperialistisches Subsystem statt als spezifische nationale Befreiungsbewegung, die zu schwache Kritik an antisemitischen Aktionen wie des Attentats auf das Jüdische Gemeindehaus oder später bei der Olympiade in München,  ist nicht abzuleugnen. Da Kraushaar zur Zeit der antizionistischen SDS-Verlautbarungen selbst Mitglied in diesem Verband war, wäre natürlich interessant zu erfahren, wie er sich damals zu diesen Problemen gestellt hatte. Haben wir es bei seinen jetzigen Äußerungen mit einer überzogenen und versteckten Selbstkritik zu tun?

Für den Herbst 2005 hat sich Kraushaar eine weitere Publikation vorgenommen, um diese Verschwörung noch tiefer auszuleuchten: Der Berliner Blues, die Haschrebellen und die Tupamaros Westberlin. Anschließend ist für 2006 eine mehrbändige Geschichte der RAF geplant. Wolfgang bleibt also am Ball.

Eine Kurzfassung seines Buches veröffentlichte er in der faz am 28.6.05:
Dies ist keine Bombe.

Eine weitere Version: Die ultimative Provokation
WOLFGANG KRAUSHAAR, taz 12.11.05

Dieser Artikel wurde dann in der Presse diskutiert:

Karin Beindorff: Kraushaars Methode ist primitiven Formen positivistischer Gesellschaftsforschung entlehnt. Er isoliert die verschiedenen, zeitlich, sachlich und logisch zusammengehörigen Faktoren des Ereignisses, um sie dann im Sinne seiner vorgefassten Interpretation neu zusammenzusetzen. Dabei entsteht eine Art Wolpertinger aus ein wenig Terror, ein wenig Antisemitismus, ein wenig totalitär links, ein wenig totalitär faschistisch. (DR, 29.8.05)

Bombe im Bewusstsein. Kraushaars neues Buch über linken Antisemitismus. VON HARRY NUTT. FR Erscheinungsdatum 30.06.2005. 

brennpunkt 2: "Es gab Antisemitismus bei militanten Linken". Der Politikwissenschaftler Wolfgang Kraushaar über Israel als Feind subkultureller Linksradikaler und judenfeindliche Züge in der RAF. Interview von Stefan Reinicke in taz vom 1.7.05. 

Das abgespaltene Attentat. 1969 wollten West-Berliner Linksradikale die "Reichskristallnacht" nachinszenieren. Bislang existierte für diese Tat kein Ort im Gedächtnis der Linken. VON STEFAN REINECKE.  (taz 1.7.05).

Der Attentäter Albert Fichter 2004. Er war auf dem ersten RAF-Fahndungsplakat abgebildet und floh 1969 ins Ausland. 1979 kehrte er nach Deutschland zurück. Heute lebt er in Schweden FOTO: HIS. taz Nr. 7704 vom 1.7.2005, Seite 4, 5 Zeilen (Portrait). WOLFGANG KRAUSHAAR arbeitet seit 1987 am Hamburger Institut für Sozialforschung und hat sich als Chronist und Historiker der bundesdeutschen Protestbewegungen einen Namen gemacht. Die Studie "Die Bombe im Jüdischen Gemeindehaus" hat 240 Seiten, kostet 20 Euro und erschien in diesen Tagen in der Hamburger Edition. taz Nr. 7704 vom 1.7.2005, Seite 4, 8 Zeilen (Portrait).

Theweleit-Interview  von Peter Unfried in taz vom 2.7.05: "Wir alle diskutierten die Stadtguerilla. Sogar jeder Schüler"

Gerd Koenen in Berliner Zeitung vom 6.7.05: Rainer, wenn du wüsstest! / Der Anschlag auf die Jüdische Gemeinde am 9.11.1969 ist nun aufgeklärt - fast. Was war die Rolle des Staates? "Kraushaar hält den Blick auf den Oberprovokateur und Gottseibeiuns Kunzelmann fixiert. Aus dessen umnebelten Tiraden und den Erklärungen der Gruppe auf einen "primären Judenhass" zu schließen, der "die ungebrochene Wirksamkeit eines antisemitischen Latenzzusammenhanges" bis tief in die Neue Linke demonstriere, erscheint mir fraglich, auch angesichts der Befunde des Buches... Man verfehlt aber den ganz eigenen, mörderischen Drive dieses linken Antizionismus, wenn man ihn in die altvertraute Figur eines reinen Judenhasses auflöst. Er war Teil eines latent totalitären Weltbildes, in dem es von "Schweinen" jeder Art - Kapitalistenschweinen, Nazischweinen, Amischweinen, Zionistenschweinen - wimmelte. Der Anschlag auf das Jüdische Gemeindehaus sollte als ultimative Provokation auch der eigenen Szene dienen, um deren angeblichen (philosemitischen) "Judenkomplex" und "hilflosen Antifaschismus" zu überwinden. So das erklärte Kalkül der Initiatoren des Anschlags."

Antisemitische Obsessionen. Wolfgang Kraushaars Buch "Die Bombe im Jüdischen Gemeindehaus": ein einziger Bösewicht und viele Verführte? Kritische Nachbemerkungen zu einem Buch, das eines der letzten Geheimnisse aus der Frühzeit des linksradikalen Terrrorismus enthüllt. 231 Zeilen, MARTIN KLOKE (TAZ-Bericht). 

KLOKE/KRAUSHAAR. Martin Kloke ist Autor des Buches "Israel und die deutsche Linke. Zur Geschichte eines schwierigen Verhältnisses" (1990), das 1994 erweitert und aktualisiert wurde. Kloke versucht in seinem nebenstehenden Text zu widerlegen, das der versuchte Anschlag auf das Jüdische Gemeindehaus vom 9. 11. 1969 nur von den Rändern der linken Bewegung seinen Ausgang nahm und es Antisemitismus allein bei militanten Linken gab - so wie es der Politologe Wolfgang Kraushaar in seinem vor kurzem veröffentlichten Buch über den Anschlag herausgearbeitet und auch in einem taz-Interview (siehe taz, 1. 7.) bekräftigt hat. Für Kloke war der Antizionismus "in Teilen der progressiven Linken eine hermetisch abgeriegelte Weltanschauung, weit über die von Kraushaar ins Visier genommenen gewaltbereiten Milieus hinaus". taz Nr. 7718 vom 18.7.2005, Seite 16, 28 Zeilen (TAZ-Bericht)

Spätes Geständnis eines Bombenlegers. Nach 35 Jahren geklärt: Ehemaliges Mitglied der Stadtguerilla bekennt sich zum gescheiterten Anschlag auf Jüdische Gemeinde 1969. Von Bernd Matthies, tagesspiegel vom 29.6.05

Am  30.06.05 gab es in der Süddt.Z eine Besprechung von Volker Breidecker  "Weckruf für die Achtundsechziger". Wichtig ist, dass er  Kraushaar  aufnimmt: nicht der Generationskonflikt, sondern die Übernahme  des  elterlichen Erbes habe für die 68er angestanden. "Fast alle namhaften  Faschismustheortiker der Neuen Linken (waren) bei Ernst Nolte in die Schule  gegangen. 

Dradio.de (KULTURPRESSESCHAU, 02.07.2005, Von Matthias Sträßner): Mit großem Interesse wurde auch die Vorstellung des neuen Buches von Wolfgang Kraushaar verfolgt.
Kraushaars Studie widmet sich einem Anschlag auf das Jüdische Gemeindehaus in der Berliner Fasanenstraße vom 9. November 1969. Am Jahrestag der Pogromnacht wurde damals eine Bombe deponiert, die jedoch nicht explodierte und entschärft werden konnte. Bei seiner Recherche über die terroristischen Aktionsgruppen, kommt Kraushaar zu Erkenntnissen über einen "linken Antisemitismus", den er auch schon in seinem Band "Rudi Dutschke, Andreas Baader und RAF" aufgewiesen hatte. Dieser linke Antisemitismus passt nicht so einfach in das Bild einer 68er Generation, die sich gegen die Elterngeneration auflehnt. Deswegen zeigt sich Volker Breidecker in der !!SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG! (30.6.) etwas verblüfft:

"Vielleicht muss die Kultur- und Mentalitätengeschichte der alten BRD nun ganz neu geschrieben werden: Von wegen Generationenkonflikt! Als Verdrängungspakt gegenüber den Besonderheiten des Nationalsozialismus und seiner Verbrechen hatte sich das Generationenbündnis als haltbarer und dauerhafter als jede Auflehnung erwiesen und überdauerte alle großen wie kleinen Rebellionen. Unter dem gemeinsamen Dach eines als Antizionismus und Antiamerikanismus camouflierten Antisemitismus war man sich weiterhin einig, wie noch die Solidaritätswelle der Eltern von RAF-Angehörigern gegenüber ihren Kindern zeigt. Und als Überbau reklamierte man einen Faschismusbegriff, der sich nach Gusto auf wechselnde Feindbilder übertragen ließ - also auch auf Israel und die Juden."

Intime Verklammerung.Wolfgang Kraushaars Buch über "Die Bombe im Jüdischen Gemeindehaus": Nachbetrachtungen zum dem Anschlag in Westberlin am 9. November 1969. VON GERD KOENEN, 

Die Ouvertüre. "Die Bombe im Jüdischen Gemeindehaus": Wolfgang Kraushaars Studie über den Anschlag in Westberlin am 9. 11. 1969 erhebt den Vorwurf des "linken Antisemitismus". VON MICHA BRUMLIK, FR 

Explodierender Haß. Die deutschen Achtundsechziger waren ihren Eltern schrecklich ähnlich - vor allem im Antisemitismus. Das zeigt Wolfgang Kraushaar in einer Aufsehen erregenden Studie. von Götz Aly.  Die Welt, 16.7.05

Eine Zusammenfassung des Buches bringt Ulrich Gutmair in der netzeitung "Die Bombe vom 9. November" (19.7.05)

Ebenso Rudolf Walter: Das Phantom von 1968. Die Debatte um das Kraushaar-Buch: Fahrlässige Vereinfachungen und ideologische Schwarzweißmalerei liefern noch lange keine ausreichende Hinweise für einen obsessiven Antisemitismus der Linken in den späten Sechzigerjahren.  Von RUDOLF WALTHER. taz Nr. 7724 vom 25.7.2005, Seite 17. 

Avantgardistisches Cross-Over. Der Politologe Wolfgang Kraushaar hält mit seinem Buch über die "Bombe im Jüdischen Gemeindehaus" viele Fäden in der Hand. Jetzt muss man sie entwirren. VON ARIBERT REIMANN, FR Erscheinungsdatum 28.07.2005. 

Der PDS-nahe Freitag kommentiert mit Joachim Feldmann am 22.7.05:
Die Steigerung der Gewalt

Js kommentiert in ak Nr. 497 / 19.8.2005: Die Stadtguerilla und der Antisemitismus

Tjark Kunstreich in der August-konkret sieht in der "Befreiung vom Judenknax" einen "Beleg für die antisemitische Tradition des Antiimperialismus"

Hier eine Quelle, die identisch bei Kraushaar auch auftaucht. Wer hat hier bei wem abgeschrieben, ohne den wahren Autor zu nennen? Werner Olles in Die junge Freiheit vom 19.4.2002,  Fasziniert von Banden und Sekten. Nahost-Konflikt: Israel und die deutsche Linke - ein bis heute ungeklärtes Verhältnis. Es geht um die Kampagne gegen den israelischen Botschafter Asher Ben-Nathan

Werner Olles, ehemaliger 883-Schreiber, reflektiert in der jf vom 15.7.05: Von der Enttäuschung zum Haß. Die Linke und der Antisemitismus: Wolfgang Kraushaar lüftet das Geheimnis um einen Attentäter

Bernd Rabehl meint in einem Leserbrief an die FAZ am 27.7.05: "Die Begründer des "linken Terrorismus" waren in erster Linie nicht die "Haschrebellen" oder die Tupamaros von West-Berlin", sondern sie hatten ihre Ideengeber und Provokateure im Verfassungsschutz und den westlichen und östlichen Geheimdiensten."

Die von Kraushaar kritisierte Begeisterung für El Fatah war offenbar weit verbreitet: Selbst der heutige  Kommentarchef der Welt am Sonntag Alan Posener rannte als Student mit der PLO-Fahne durch die Gegend. (WamS, 14.11.04)

Klaus Bittermann machte schon in seinem Buch "Geisterfahrer der Einheit" 1996 auf folgende Episode aufmerksam: "Jürgen Reents von den Grünen brachte das raunende Vorurteil schließlich auf die griffige Formel von den »Opfern der Opfer« (also die Palästinenser als Opfer der Juden), die dann zum Gegenstand einer ergreifenden Rede Dieter Kunzelmanns im Berliner Abgeordnetenhaus wurden, zu der ihm parteiübergreifend Landowski von der CDU gratulierte."

Schon im letzten Jahr (2004) gab's den Auftakt zur jetzigen Debatte:

Der Kulturkampf um "die 68er" ist auch ein Streit um das emotionale Erbe des Nationalsozialismus
Ute Scheub (taz 13.12.04)  zu Rüdiger Stuckart und anderen
HORST-EBERHARD RICHTER (taz 27.10.04): Die RAF war Teil eines deutschen Familienromans, in dem die Kinder unbewusst Aufträge der Eltern ausführten.
Jan Philipp Reemtsma (taz 16.10.04): "Selbst zum Projektil werden". Diese RAF-Formulierung wäre auch in der Gruppe um den 11.-9.-Attentäter Mohammed Atta möglich gewesen.
Literatur zum Komplex (taz 16.10.04), z.B. Wolfgang Kraushaar: : "Die RAF und die Herausforderung der Demokratie (1970-1998)".

Neue Forschung - alte Vorwürfe? (2005)
"Nieder mit dem chauvinistischen und rassistischen Staatsgebilde Israel."
(Erklärung des SDS-Frankfurt 1970 anlässlich des Besuchs von Abba Eban, israelische Außenminister. Zitiert nach Martin Kloke, "Zwischen Ressentiment und Heldenmythos. Das Bild der Palästinenser in der deutschen Linkspresse". Welche Rolle spielte dabei Wolfgang Kraushaar, der zwanzig- bis zweiundzwanzigjährig von 1968 bis zur Auflösung 1970 SDS-Mitglied war? Von 1972 bis 1976 war er Mitglied in der Sozialistischen Hochschulinitiative -SHI- und 1974/75 war er AStA-Vorsitzender in der Frankfurter Uni. Wo hat er damals seinen flammenden Protest gegen die seinerzeit in der Linken vertretende antiisraelische Politik zur Geltung gebracht oder hat er etwa doch mit- und sich des Antisemitismus schuldig gemacht?)
Werner Olles berichtet (Junge Freiheit, 19.4.2002) unter dem Titel "Fasziniert von Banden und Sekten" vom Auftritt des israelischen Botschafter Asher Ben-Nathan am 9. JUni 1969 in der Uni in Frankfurt/M und den Störmanövern der Antizionisten: "Als in dieser aufgeheizten Atmosphäre SDS-Mitglieder, die Frankfurter Fatah-Gruppe und Angehörige des Nationaldemokratischen Hochschulbundes (NHB) das Podium zu stürmen versuchten, verließ der Botschafter den Hörsaal." SDS, Fatah und NPD Hand in Hand.... (War Kraushaar dabei?)

Taz-Gespräch am 25.10.05 mit Tilman Fichter, SDS-Kader und 
 Bruder des Abi Fichter, Attentäter gegen das Jüdische Gemeindehaus in Berlin 1969:
"Wir haben das nicht ernst genommen"

Tilman Fichter: WAS IST ANTISEMITISMUS?
AGIT 883, Nr. 37, 23. Oktober 1969 S. 4

»Der Feind ist deutlich« (payview)
Wie Dr. Wolfgang Kraushaar lernte, die Bombe zu lieben (free link)
von Markus Mohr / Hartmut Rübner

 Im Text von Mohr/Rübner wird auf die Aussage Bodo Saggels hingewiesen, der nach der Bombenlegung im Jüdischen Gemeindehaus freiwillig zur Polizei ging und zur Aufklärung beitragen wollte. Er hatte einen begründeten Verdacht. Siehe dazu: Post scriptum zum Nachruf auf Bodo Saggel - Haschrebell gegen Antisemitismus

Mohr und Rübner haben sich auch die Rezensionen zum Kraushaarbuch angeschaut:
Baron von Kraushaars willige Helfer
Wie die Skandalwissenschaft den Medienbetrieb auf Touren bringt. 

Kurioses aus dem Hause Reemtsma: Archivnutzungs- und Hausverbot gegen Markus Mohr im Reemtsma- Institut. (Inzwischen, Sommer 2006, wieder aufgehoben.)

Wiglaf Droste bezeichnet Dieter Kunzelmann als längst erledigten Fall, dessen Geschwätz vom "Judenknax der Linken" hinlänglich in die Irrenecke wegsortiert sei. taz, 28.10.05

Walter Kuhl im Radio Darmstadt: Rezension zu Kraushaar - "Antisemitische Bomben". Kuhl beschäftigt sich hauptsächlich mit Quellenkritik, die aber nicht dazu führt, die Täter zu entlasten. Unabhängig davon kommt er zusammenfassend zu folgendem Ergebnis:
Der Geschichtsschreibung über das Ende der Studentenbewegung und den Beginn der deutschen Stadtguerilla ist jedenfalls nichts substanziell Neues hinzugefügt worden. Wir wissen jetzt, wer diese Bombe gelegt hat, wir wissen auch, daß die Bombe für das Jüdische Gemeindehaus vom Berliner Verfassungsschutz stammte. Warum ist dieser Skandal, der ein womöglich gar antisemitisches Licht auf diese Hüter der Verfassung werfen könnte, Kraushaar gerade einmal einige Seiten wert? Erinnert sei hier an die fast schon unglaublichen Verbindungslinien zwischen Verfassungsschützern und NPD–Funktionären, die zum Scheitern des Verbotsantrages gegen die NPD geführt haben. Das sind Kontinuitäten! Die wirklich spannenden Fragen bleiben somit ungeklärt.

Rezeption bei Indymedia und in der Jungen Freiheit,