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Gewalt
und Antisemitismus
Kaum haben wir geglaubt, niemand würde sich mehr für die Geschichte von 68 interessieren, erscheinen plötzlich diverse Bücher und das Thema wird erneut in den Medien präsentiert. Die stärkste Resonanz muss dabei Wolfgang Kraushaar zugebilligt werden. Nachdem für Wolfgang Kraushaar die Beschäftigung mit Frankfurt/M erschöpft scheint, wendet er sich nun vermehrt den 68er Ereignissen in Berlin zu und er hat Erfolg. Die Medien greifen zu, denn er weiß, wie man Aufsehen erregen kann. Seit dem 11. September 2001 ist die Welt besonders sensibilisiert, wenn es um Terror und Antisemitismus geht. Um mit 68 weiter reüssieren zu können, benötigt der Historiker heute die prickelnde Beigabe der Gewalt und des Judenhasses. Als es um die RAF-Ausstellung im Frühjahr 2005 in Berlin ging, meldet sich Kraushaar zu Wort, denn er hat erkannt, dass "der Terrorismus seine wohl stärksten semantischen Aufladungen durch die Anschläge des 11. September 2001 und die von der US-Regierung als 'Krieg gegen den internationalen Terrorismus' angekündigten Reaktionen erhalten hat". Flugs verkündet er, es gäbe "weiße Flecken in der Geschichte des bundesdeutschen Terrorismus" und woher, so fragt er sich, "rührt eigentlich die posthume Popularität von Terroristen?" Er entdeckt "die schier unermüdliche Gier, auch noch die Embleme von Terror und Tod popkulturell zu adaptieren und auf exhibitionistische Weise zur Schau stellen zu wollen" und zitiert dazu den Kunsthistoriker Martin Warnke: "Wie kommt es, dass historische Episoden, die eine ganze Generation geschockt haben, für eine spätere Generation schon Spielmaterial werden können?“ Zwei Aspekte harren seiner Meinung nach der besonderen Aufmerksamkeit: Das subkulturelle Milieu und die Rolle der Palästinenser. Folgerichtig verlangt er von der RAF-Ausstellung "das bislang Unsichtbare sichtbarer zu machen - wozu die gesamte Inkubationszeit der RAF mit ihren subkulturellen und teilweise selbst schon popkulturell vermittelten Verflechtungen gehören würde - und die massenmedial konditionierten Zeichen aus dem Vordergrund zu drängen". Ob er mit dem Ergebnis der Ausstellung in dieser Beziehung zufrieden war, bleibt offen, nicht zufrieden wird er sein im Hinblick auf sein zweites Anliegen: "Die Rolle der Palästinenser bei der Gründung der RAF" und bei der "starken Ausrichtung auf israelische bzw. jüdische Angriffsziele, die die ersten Jahre vom misslungenen Anschlag der Tupamaros West-Berlin auf die dortige Jüdische Gemeinde bis zur nachträglichen Billigung des Olympia-Massakers durch Ulrike Meinhof durchzieht". (Alle Zitate aus: Wolfgang Kraushaar, Zwischen Popkultur, Politik und Zeitgeschichte. Von der Schwierigkeit, die RAF zu historisieren..) Bevor sich Kraushaar
jedoch intensiver mit diesen beiden Aspekten beschäftigt, verfolgt er
eine für ihn noch grundlegendere Frage: Wie kam überhaupt die Gewalt
in die linke Debatte? Seine Antwort: Rudi Dutschke war's ( In:
Kraushaar, Reemtsma, Wieland, Rudi Dutschke, Andreas Baader und die RAF,
Hamburger Edition, Hamburg 2005,
143 Seiten, 12 Euro). Dazu: THOMAS MEDICUS in der FR vom
28.1.05: Machterfahrung
Gewalt. Hier Texte zur neuesten Debatte: 1. Klaus Meschkat gibt auf Kraushaar eine passende Antwort: Rudi Dutschke und die Gewalt. (Hier ungekürzte Fassung vom 5.3.05). Zum selben Thema in "Sozialismus" Nr. 4/05: Zu einer weiteren Variante der Entsorgung von '68 Und in der taz vom 1.3.05: Fantasievolle Überraschungen, sowie im Deutschlandfunk vom 14.3.05: Rudi Dutschke als geistiger Brandstifter der RAF? Weitere Autoren nehmen dazu in der taz Stellung:
2. Dirk Knipphals: Nach
den Projektionen (23.2.05)
Unbeirrt von Kritik legt Kraushaar nach: In seinem im Sommer 2005 vorgelegten Band, "Die Bombe im Jüdischen Gemeindehaus", bringt er die seiner Meinung nach bislang zu wenig beachteten Aspekte zusammen. Eine subkulturell geprägte Gruppe fährt zu Arafats El Fatah, läßt sich ausbilden und legt hinterher im Berliner Jüdischen Gemeindehaus eine Bombe. Hauptakteur: Dieter Kunzelmann, ein alter Kumpel Rudi Dutschkes aus der, horribile dictu, situationistischen "Subversiven Aktion" und der "Anschlag-Gruppe". Der Kreis ist geschlossen. Dutschke macht die Gewalt und den Terrorismus in Deutschland hoffähig und Kunzelmann fügt das deutsche Erbe, den Antisemitismus hinzu. Letzteres fällt auf fruchtbaren Boden, da der SDS da schon gute Vorarbeit geleistet hat, indem er antizionistische Positionen vertrat. Durchsetzbar wäre das ganze natürlich nicht gewesen ohne den Sumpf der Subkultur, der Kommunen und Haschrebellen, mit der ihr immanenten Zersetzung der Familie und des Drogenkonsums. Eine Ahnung, dass seine Beschreibung eklektisch ist und das Ziel seiner Arbeit schon vorab feststand (Die Bombe sei "Produkt einer linksradikalen Subkultur", WK in faz) und die LeserInnen ihm deshalb nicht unbedingt folgen würden, beschlich ihn wohl selbst. Im Vorwort gibt er der Befürchtung Ausdruck, der "rote Faden" könnte den LeserInnen verloren gehen. Obwohl ihm das Verdienst nicht abzusprechen ist, viele bislang wenig beachtete oder gar neue Fakten präsentiert zu haben, bleibt der "rote Faden" künstlich. Die damalige Begeisterung in vielen linken Kreisen für El Fatah und ähnliche Gruppen, die falsche Interpretation des Zionismus als imperialistisches Subsystem statt als spezifische nationale Befreiungsbewegung, die zu schwache Kritik an antisemitischen Aktionen wie des Attentats auf das Jüdische Gemeindehaus oder später bei der Olympiade in München, ist nicht abzuleugnen. Da Kraushaar zur Zeit der antizionistischen SDS-Verlautbarungen selbst Mitglied in diesem Verband war, wäre natürlich interessant zu erfahren, wie er sich damals zu diesen Problemen gestellt hatte. Haben wir es bei seinen jetzigen Äußerungen mit einer überzogenen und versteckten Selbstkritik zu tun? Für den Herbst 2005 hat sich Kraushaar eine weitere Publikation vorgenommen, um diese Verschwörung noch tiefer auszuleuchten: Der Berliner Blues, die Haschrebellen und die Tupamaros Westberlin. Anschließend ist für 2006 eine mehrbändige Geschichte der RAF geplant. Wolfgang bleibt also am Ball. Eine Kurzfassung
seines Buches veröffentlichte er in der faz am 28.6.05: Eine
weitere Version: Die
ultimative Provokation Dieser Artikel wurde dann in der Presse diskutiert: Karin Beindorff: Kraushaars Methode ist primitiven Formen positivistischer Gesellschaftsforschung entlehnt. Er isoliert die verschiedenen, zeitlich, sachlich und logisch zusammengehörigen Faktoren des Ereignisses, um sie dann im Sinne seiner vorgefassten Interpretation neu zusammenzusetzen. Dabei entsteht eine Art Wolpertinger aus ein wenig Terror, ein wenig Antisemitismus, ein wenig totalitär links, ein wenig totalitär faschistisch. (DR, 29.8.05)Bombe im Bewusstsein. Kraushaars neues Buch über linken Antisemitismus. VON HARRY NUTT. FR Erscheinungsdatum 30.06.2005. brennpunkt 2: "Es gab Antisemitismus bei militanten Linken". Der Politikwissenschaftler Wolfgang Kraushaar über Israel als Feind subkultureller Linksradikaler und judenfeindliche Züge in der RAF. Interview von Stefan Reinicke in taz vom 1.7.05. Das abgespaltene Attentat. 1969 wollten West-Berliner Linksradikale die "Reichskristallnacht" nachinszenieren. Bislang existierte für diese Tat kein Ort im Gedächtnis der Linken. VON STEFAN REINECKE. (taz 1.7.05).Der
Attentäter Albert Fichter 2004. Er war auf dem ersten RAF-Fahndungsplakat
abgebildet und floh 1969 ins Ausland. 1979 kehrte er nach Deutschland
zurück. Heute lebt er in Schweden FOTO: HIS. taz Nr. 7704 vom
1.7.2005, Seite 4, 5 Zeilen (Portrait). WOLFGANG
KRAUSHAAR arbeitet seit 1987 am Hamburger Institut für
Sozialforschung und hat sich als Chronist und Historiker der
bundesdeutschen Protestbewegungen einen Namen gemacht. Die Studie
"Die Bombe im Jüdischen Gemeindehaus" hat 240 Seiten,
kostet 20 Euro und erschien in diesen Tagen in der Hamburger Edition.
taz Nr. 7704 vom 1.7.2005, Seite 4, 8 Zeilen (Portrait). Theweleit-Interview von Peter Unfried in taz vom 2.7.05: "Wir alle diskutierten die Stadtguerilla. Sogar jeder Schüler" Gerd Koenen in Berliner Zeitung vom 6.7.05: Rainer, wenn du wüsstest! / Der Anschlag auf die Jüdische Gemeinde am 9.11.1969 ist nun aufgeklärt - fast. Was war die Rolle des Staates? "Kraushaar hält den Blick auf den Oberprovokateur und Gottseibeiuns Kunzelmann fixiert. Aus dessen umnebelten Tiraden und den Erklärungen der Gruppe auf einen "primären Judenhass" zu schließen, der "die ungebrochene Wirksamkeit eines antisemitischen Latenzzusammenhanges" bis tief in die Neue Linke demonstriere, erscheint mir fraglich, auch angesichts der Befunde des Buches... Man verfehlt aber den ganz eigenen, mörderischen Drive dieses linken Antizionismus, wenn man ihn in die altvertraute Figur eines reinen Judenhasses auflöst. Er war Teil eines latent totalitären Weltbildes, in dem es von "Schweinen" jeder Art - Kapitalistenschweinen, Nazischweinen, Amischweinen, Zionistenschweinen - wimmelte. Der Anschlag auf das Jüdische Gemeindehaus sollte als ultimative Provokation auch der eigenen Szene dienen, um deren angeblichen (philosemitischen) "Judenkomplex" und "hilflosen Antifaschismus" zu überwinden. So das erklärte Kalkül der Initiatoren des Anschlags." Antisemitische Obsessionen. Wolfgang Kraushaars Buch "Die Bombe im Jüdischen Gemeindehaus": ein einziger Bösewicht und viele Verführte? Kritische Nachbemerkungen zu einem Buch, das eines der letzten Geheimnisse aus der Frühzeit des linksradikalen Terrrorismus enthüllt. 231 Zeilen, MARTIN KLOKE (TAZ-Bericht). KLOKE/KRAUSHAAR. Martin Kloke ist Autor des Buches "Israel und die deutsche Linke. Zur Geschichte eines schwierigen Verhältnisses" (1990), das 1994 erweitert und aktualisiert wurde. Kloke versucht in seinem nebenstehenden Text zu widerlegen, das der versuchte Anschlag auf das Jüdische Gemeindehaus vom 9. 11. 1969 nur von den Rändern der linken Bewegung seinen Ausgang nahm und es Antisemitismus allein bei militanten Linken gab - so wie es der Politologe Wolfgang Kraushaar in seinem vor kurzem veröffentlichten Buch über den Anschlag herausgearbeitet und auch in einem taz-Interview (siehe taz, 1. 7.) bekräftigt hat. Für Kloke war der Antizionismus "in Teilen der progressiven Linken eine hermetisch abgeriegelte Weltanschauung, weit über die von Kraushaar ins Visier genommenen gewaltbereiten Milieus hinaus". taz Nr. 7718 vom 18.7.2005, Seite 16, 28 Zeilen (TAZ-Bericht) Spätes Geständnis eines Bombenlegers. Nach 35 Jahren geklärt: Ehemaliges Mitglied der Stadtguerilla bekennt sich zum gescheiterten Anschlag auf Jüdische Gemeinde 1969. Von Bernd Matthies, tagesspiegel vom 29.6.05 Am 30.06.05 gab es in der Süddt.Z eine Besprechung von Volker Breidecker "Weckruf für die Achtundsechziger". Wichtig ist, dass er Kraushaar aufnimmt: nicht der Generationskonflikt, sondern die Übernahme des elterlichen Erbes habe für die 68er angestanden. "Fast alle namhaften Faschismustheortiker der Neuen Linken (waren) bei Ernst Nolte in die Schule gegangen. Dradio.de (KULTURPRESSESCHAU, 02.07.2005,
Von Matthias Sträßner): Mit großem Interesse wurde auch
die Vorstellung des neuen Buches von Wolfgang Kraushaar verfolgt.
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