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Madame Arvaud, Leiterin des Collège Beaumarchais, Paris (11. Arrondissement), gibt vor der Kommission Stasi zu Protokoll:

Das skandalöse Leiden der jüdischen Schüler

Madame Arvaud, 58 Jahre alt, 25 Jahre Schulleiterin,  davon 11 Jahre in Paris, wurde Anfang September 2003 von der Kommission Stasi befragt. Als Peiniger ("bourreaux") bezeichnet sie die antisemitischen Schüler, die jüdische Schulkinder in ihrer Schule quälen. Es seien immer arabischstämmige Kinder. Dies ereignet sich mitten in Paris.

Proche-Orient.info dokumentiert einen Mitschnitt der Befragung. Wir berichten Auszüge daraus.

In der Schule werden 400 Schüler unterrichtet, davon sind 40 Prozent ausländischen Ursprungs, die meisten von ihnen aus dem Maghreb und aus Schwarzafrika. Es gibt auch einige Südostasiaten und Chinesen.

Die schlimmsten Vorkommnisse sind antisemitischer Art. "Dreckiger Jude!" ist dabei gängig. "Es lebe bin Laden!" wird dann hinterhergeschickt. Die Aggressoren "spielen" dann Kampf, sowohl in der Schule selbst als auch von der Schule bis zum Zuhause der jüdischen Kinder, anschließend werden diese noch telefonisch beleidigt.

Diese Handlungen geschehen, wenn die Aufsicht führenden Lehrer nicht zur Stelle sind, es also keine Zeugen gibt. Sind aber Zeugen anwesend, andere Schulkinder beispielsweise, dann herrscht das Gesetz des Schweigens, das knallhart befolgt wird.

Die angegriffenen Kinder vertrauen sich nach geraumer Zeit ihren Eltern an oder einem Lehrer, wenn sie das aber endlich tun, sind sie meistens völlig fertig, und ihr psychisches Leid ist riesig. Manchmal ist das so unglaublich, daß man zweifelt, ob solches möglich ist. Kinder, die immer gute Schüler waren, arbeiten plötzlich nicht mehr mit, sie sind destabilisiert, verängstigt, antworten nicht mehr, wenn der Lehrer etwas fragt. Wenn es solche Anzeichen gibt, kann das verschiedene Ursachen haben, also nicht unbedingt antisemitische Aggression. Wenn man dann aber Zeuge eines antisemitischen Angriffs wird, waren immer die genannten Anzeichen vorher da.

Man fragt sich, was der Schuldirektor in solchen Fällen tut.

Die Opfer solcher Angriffe sagen nach einer Weile immer die Namen der Peiniger, die sie angegriffen haben. Diese gestehen in der Regel nicht. Wenn man sie also damit konfrontiert, was sie getan haben, behaupten sie, daß es nicht wahr sei: "C'est pas vrai! C'est pas vrai!" Nichts ist angeblich davon wahr.

Wie soll ein Lehrer ein solches Kind bestrafen, noch dazu, da es keinen Zeugen gibt? Das ist bei 99 Prozent der Taten der Fall. Es ist unmöglich, ein Kind zu bestrafen, daß sein Vergehen nicht einsieht, wenn ich das tue, habe ich dessen Eltern am Hals, die schreien, das sei ungerecht, sie schreiben an meine Vorgesetzten, daß es sich bei mir um eine rassistische Schulleiterin handle, und daß sie Opfer dieser rassistischen Schulleiterin seien. Leider ist das die Wirklichkeit.

Hin und wieder gesteht ein Angreifer vielleicht. Mir ist das ein einziges Mal passiert: "Ja, ich habe 'dreckiger Jude!' gesagt." Ich bestrafe also dieses Kind und belehre es, gegenüber allen respektvoll zu sein, jenseits jeder religiösen Idee. Das Kind geht dann nach Hause, erzählt alles, und anstatt daß die Eltern zum Sohn (es sind meistens Jungen, die solches tun) sagen, es sei nicht gut, was er getan habe, hört der: "Du hast getan, was du tun mußtest. Es war sehr gut." So sieht's aus.

Die Eltern unterstützen das noch. Es klafft eine große Lücke zwischen dem, was die Eltern zu Hause sagen, und dem, was der Lehrer sagt. Die Strafe wird also nichts nützen. Auf einen, der einsieht, was er tat, habe ich zehn, an denen das vorüberrauscht.

Das angegriffene Kind kann ich so kaum schützen. Ich kann dieses Kind meist nur an eine andere Schule versetzen. Dann gehen Verhandlungen mit der neuen Schule und den Eltern des betroffenen Kindes los. Dieses Versetzen an eine andere Schule soll dem Schutz des Kindes dienen. Ich habe keine andere Möglichkeit, das Kind zu schützen. Das geht auf Grund der Solidarität, die unter den Schulleitern herrscht. Wir alle verstehen nämlich das Problem.

Ich bin nicht die einzige, die solches erlebt hat. Das, was ich Ihnen sage, erleben viele Schulleiter in Paris. Hier ist zum Beipiel ein Brief einer Mutter eines Kindes von einer anderen Schule. Sie hat den Brief an die Schulaufsicht von Paris geschrieben, weil sie die Versetzung ihres Kindes an eine andere Schule beantragte. Sie wollte ihr Kind in meiner Schule einschreiben. Dazu habe ich sie nicht ermutigt. Hier ist der Brief vom Ende August 2003 (die Anhörung durch die Kommission Stasi war im September 2003):

Auszug:

"Als mein Sohn schon in den ersten Tagen die massive Feindschaft gegen Juden spürt, hütet er sich, auf die Provokationen zu antworten, und verschweigt, daß er Jude ist. Er zeigt auch kein Abzeichen, kein Medaille o.ä. in der Hinsicht.

Durch ein Versehen überraschte ein Mitschüler meinen Sohn im Umkleideraum, nach dem Sportunterricht, und beeilte sich, vor der ganzen Klasse die Beschneidung meines Sohnes mitzuteilen. Von dem Augenblick an begann der Leidensweg meines Sohnes. Er wurde belästigt, beleidigt und als 'dreckiger Jud' bezeichnet, und das während des ganzen Schuljahres. Er wurde sogar Opfer von Gaunereien (racketté). Ich bin zur Erziehungsberaterin gegangen, was aber den Gauner nicht gehindert hat, meinen Sohn weiterhin zu nötigen, er wurde noch zusätzlich Opfer der großen Brüder dieses Angreifers.

Ich habe mich mehrfach gegenüber seinen Lehrern beschwert, um zu erfahren, daß sie ohnmächtig seien solchen Problemen gegenüber, und daß man daran denken sollte, die Schule zu wechseln, da, brutal gesprochen, die paar noch in der Schule befindlichen Juden zu wenige seien, und es deshalb unmöglich sei, sie zu verteidigen. Als alleinerziehende Mutter, gegenwärtig ohne Arbeit, wie könnte ich mein Kind gegen die täglichen Belästigungen schützen, die ausarten könnten?

Mein Sohn hatte sehr mittelmäßige Ergebnisse in der Schule. Aber mit der ständigen Angst im Bauch, wie kann er sich auf die Schule konzentrieren?

Die öffentliche Schule (l'école de la Republique) stirbt vor sich hin, ich kann da nichts machen. Ich habe auch nicht die Mittel, mein Kind auf eine Privatschule zu schicken, damit seine physische und geistige Integrität erhalten bleiben mögen. Diese Belästigungen haben mich ein Vermögen gekostet an Schulmitteln und an Kleidung (anspielend auf die Gaunereien), und immer gab es noch keine Sanktionen.

Die Intifada im Nahen Osten darf kein Vorwand sein, jüdische Kinder zu lynchen. Wir haben schon gegeben. Die Großeltern mütterlicherseits meines Sohnes wurden zusammengetrieben und abtransportiert, und der gelbe Stern der Familie ist angepaßt an den heutigen Geschmack!

Ich will mein Kind nicht mehr leiden sehen, und auf den Verdacht hin, Sie zu missionieren, zitiere ich dennoch den Talmud: "Die Welt wird erhalten durch Kinder, die lernen (die Torah).

Mein Sohn hat ein Recht auf Bildung wie jeder andere französische Bürger auch. Ich selbst war Schülerin einer öffentlichen Schule. Ich bin in Tunesien geboren: das ist für mich Programm.

Ich danke Ihnen im voraus für Ihre Unterstützung ... (Höflichkeitsfloskeln)"

Das ist eine Zeugenaussage. Solches erlebe ich in den letzten Jahren zwei bis dreimal pro Jahr. Es handelt sich hier immerhin um ein neueres Phänomen.

Madame Arvaud kommt dann auf andere Phänomene zu sprechen, auf Schüler, es sind nämlich meistens Jungen, die in die Schule als Terroristen verkleidet kommen, mit schwarzen Kapuzen, die nur die Augen sehen lassen, und mit Palästinensertüchern um die Schultern. Um den Hals tragen sie Revolvermunition usw. So wollen sie die Schule betreten. Auch das passiert nicht nur mir. Jeden Morgen sind wir also am Schultor, um zu verhindern, daß die Schüler in solcher Aufmachung in die Schule kommen. Einige Lehrer meiner Schule interessiert das gar nicht. Manche trauen sich auch nicht, etwas dagegen zu sagen. Dann muß ich überall sein.

Was die Eltern der moslemischen Schüler angeht, also, ich will hier nicht als islamfeindlich erscheinen, aber ich habe eben solche Erfahrungen immer nur mit moslemischen Schülern und Eltern. Wenn ich ein Kind für was auch immer bestrafe, ob leicht oder schwer, dann erscheinen der Vater mit den Onkeln und den großen Brüdern, mit dem kleinen Bruder, mit der ganzen männlichen Familie. Sie postieren sich in meinem Büro und erklären, es käme gar nicht in Frage, daß der Sohn bestraft werde, erst recht, da es eine Frau sei, die solches ausspräche.

Ich erhalte auch eine Anzahl von bestellten ärztlichen Attesten, die bescheinigen, daß die Schülerinnen nicht am Schwimmunterricht teilnehmen können, körperliche Ertüchtigung schade ihnen.

Es gibt auch seitens der Lehrer Probleme. So behandelt einer meiner Geschichtslehrer in der sechsten Klasse, wo die drei Religionen des Nahen Ostens behandelt werden, nur den Islam. Der Lehrer nimmt seine Schüler mit in die Pariser Moschee, in Notre-Dame oder in eine Synagoge nimmt er sie nicht mit, diese Religionen behandelt er nicht.

In der Befragung hinterher sagt Madame Arnaud, gegen den Lehrer hätte man gar nichts unternehmen können. In allen Fächern gebe es ein enormes Pensum, das oftmals nicht abgearbeitet werden könne. Der Lehrer könnte sich jederzeit darauf herausreden.

Ich hatte auch einige Probleme mit dem Kopftuch, fährt Madame Arnaud fort. Ich habe das immer freundschaftlich behandelt, habe mit den Schülerinnen und ihren Eltern gesprochen. Bislang habe ich es immer geschafft, daß die Schülerinnen ihr Kopftuch in der Schule abnahmen und es draußen wieder umbanden. Ich habe die Entwicklung der Mädchen verfolgt. In der Stufe, da man auf die höhere Schule orientiert oder auch auf eine Spezialberufsausbildung, was inzwischen 99,9 Prozent aller Schüler in Ansspruch nehmen, hat kein einziges Mädchen, mit dem ich Kopftuchprobleme hatte, diese Chance genutzt, selbst wenn die Lehrer sie darauf orientiert hatten. Sie bilden sich nicht weiter. Es ist so.

Und noch etwas. Inzwischen habe ich den Eindruck, daß die Schule nicht mehr das ist, was die Republik vorsieht, sondern das, was die jeweilige Familie meint und sich für ihr Kind vorstellt. So wird jede Chancengleichheit verwirkt.

Madame Arnaud macht nun noch einige Vorschläge zur Abhilfe, und sie wird anschließend von der Stasi-Kommission befragt.

LE TÉMOIGNAGE DE LA PRINCIPALE DU COLLÈGE BEAUMARCHAIS
(PARIS XIème) DEVANT LA COMMISSION STASI.
La souffrance scandaleuse d'élèves juifs à l'école.
Par Madame Arvaud, principale du collège Beaumarchais

Zusammenfassung: Gudrun Eussner, 13.2.2004