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 Revolutionary Association of the Women of Afghanistan (RAWA)
 
Die Situation unter Karzai ist für Frauen kaum besser als unter den Taliban

RAWA-Mitglied
Sa'a berichtet

Sa'a ist eine 29-jährige Frau afghanischer Herkunft. Sie lebt seit einigen Jahren in Pakistan. Mit 16 Jahren begann sie gewissermaßen geheim, aktiv in der Organisation Rawa zu arbeiten. Sie reist viel umher, um das Schicksal der afghanischen Frauen bekanntzumachen. Dieses Schicksal habe sich nach dem Sturz des Talibanregimes kaum geändert.

Sa'a war kürzlich in Frankreich, um den Frauen unterschiedlicher Herkunft die Organisation vorzustellen. Baß erstaunt war sie zu vernehmen, daß es auch in Frankreich vorkommt, daß Frauen rückständigen Regeln unterworfen werden.

In Afghanistan habe sich nach Abzug der Taliban und mit der neuen Politik für die Frauen nichts geändert. Die einen Fundamentalisten seien von den nächsten abgelöst worden. Unsicherheit, Entführungen, Vergewaltigungen gingen weiter. Der Kampf der Frauen sei nicht beendet, er beginne gerade erst.

Zwar sei das Burka-Gebot aufgehoben, aber die Frauen müßten sich weiterhin verschleiern. Das Gesetz der Schari'a herrsche weiter und terrorisiere alle, Frauen wie Männer. In Kandahar seien Frauen, die sich der Burka entledigt hätten, angegriffen worden. Solange Fundamentalisten herrschten, würde sich nichts ändern.

Die kleinen Veränderungen kämen nicht von der neuen afghanischen Regierung, sondern vom Druck der internationalen Öffentlichkeit. Zwar sei die Frage, ob Burka oder nicht, wichtig, aber das sei es nicht allein: Sicherheit, Beseitigung des Elends, Erziehung der Kinder, der Alltag der Frauen, da seien ihnen die Hände gebunden ("elles sont pieds et poings liés"). Es bestünde permanent Gefahr für Leib und Leben, und nicht nur für sie, sondern auch für ihre Familien. Paradoxerweise sei die Burka das Kleidungsstück, das ihre Identität schützen könne.

Für die Mitarbeiterinnen von Rawa habe sich nichts geändert. Man möge sich vorstellen, was es heiße, in einer solchen Gesellschaft zu wirken. Rawa sei die einzige Institution, die Kritik an den Fundamentalisten übe.

(Anmerkung: wir erinnern uns gut, daß die deutsche Bundesregierung nichts dagegen unternommen hat, daß sich im Juni 2002 die konservativen Kräfte in der Großen Stammesversammlung Loya Jirga durchsetzen konnten. Scharia solle "nur" im Familien- und Erbrecht gelten, meint die Tagesschau am 4. November 2003 dazu, und man hoffe, daß ihre Gesetze nicht angewendet werden müssen. Kein Gesetz dürfe allerdings dem Islam widersprechen. G.E.)

Die Frauen müssen also gemeinsam mit Rawa die Demokratie und ihre Rechte selbst durchsetzen. Das sei für alle genauso gefährlich wie zu Zeiten der Taliban. Als Mitglied der Rawa laufe frau Gefahr, verhaftet, gefoltert und umgebracht zu werden. Darum könne Rawa auch nicht groß an die Öffentlichkeit treten. In Pakisten sei das etwas besser möglich, wenngleich auch dort hohe Risiken für die Frauen der Rawa bestünden. Immerhin könnten sie ihre Publikationen verteilen, demonstrieren, und es gebe dort Schulen und Krankenhäuser der Rawa, ohne daß es am Eingang dranstünde. Die Menschen wüßten, wo sie zu finden seien.

Rawa setze sich auch für die Prostituierten ein, was rasch zur Folge haben könne, daß sie selbst von der Regierung als solche eingestuft würden. Mitglied der Rawa in Afghanistan oder in Paktistan zu sein, heiße, Opfer zu bringen, kein Privatleben mehr zu haben, sondern rund um die Uhr aktiv zu sein. Es sei eine persönliche Wahl, niemand werde dazu gezwungen.

"Ich will, daß die ganze Welt weiß, daß für uns nichts erfüllt ist, daß wir nicht gegen den Fundamentalismus gesiegt haben, und daß wir dennoch arbeiten können. Wir sagen den Organisationen und vor allem den Frauenorganisationen: Vergeßt nicht Eure afghanischen Schwestern! Und glaubt vor allem nicht, der Kampf sei beendet, er hat gerade erst begonnen. Wir haben einen langen schwierigen Weg zu gehen, aber an seinem Ende ist die Hoffnung auf ein anderes Afghanistan."

(Anmerkung: In Europa tobt derweil gerade der Kampf von angeblich freien Mädchen und Frauen um das Recht, ganz im Sinne der fundamentalistischen Islamisten Kopftuch und Schleier zu tragen. Es ist zu hoffen, daß wir europäischen Frauen, die wir gleichberechtigt leben wollen, nicht eines Tages unter einem Regime aufwachen, das die Frauen der Rawa gerade unter großen Opfern hinter sich zu bringen versuchen. G.E.)

Témoignage d'une jeune femme d'origine afghane
Propos recueillis par Nadjet

Zusammenfassung und Übersetzung: Gudrun Eussner

12.2.2004